Biopolitik. Wird der Körper zum politischen Schauplatz?


Hausarbeit, 2013

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Was ist Biopolitik?

3. Beispiele moderner Biopolitik
3.1. Schönheitschirurgie
3.2. Pränataldiagnostik
3.3. Sterbehilfe

4. Der Körper als politischer Schauplatz

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Flatrate- Schönheitsoperationen inklusive Urlaub in einer sehenswürdigen Stadt, Stammzellenforschung, Gesundheitspolitik, die Untersuchung von Föten auf Erberkrankungen, Schwangerschaftsabbrüche, Rauchverbot, Gentechnik, der Wunsch eines schwerkranken Patienten sterben zu dürfen, Diätpillen oder einfach nur die bewusst gesunde Ernährung von Menschen. – All das sind Phänomene, die etwas mit der sogenannten Biopolitik zu tun haben. In unserer heutigen, modernen und schnelllebigen Leistungsgesellschaft wird es immer wichtiger, noch schöner, gesünder oder perfekter zu sein. Für viele wird es deshalb zum Lebensmotto, alles zu tun, was den Körper noch besser und leistungsfähiger macht.

In traditionellen Gesellschaftsformen vor vielen Jahren oblag die Lebenshaltung und der Broterwerb der gemeinschaftlichen Familie, in besonderen Fällen bekam man auch Hilfe aus der Ortschaft oder von Verwandten. Heutzutage jedoch ist die Sicherung des Lebensunterhalts Angelegenheit des Individuums. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und muss sich in der Arbeitswelt durch Leistung behaupten. Es wird erwartet, sein Leben persönlich zu planen, zu organisieren und zukunftsorientiert zu handeln. Für den Erfolg ist es wichtig, gesund, fit und leistungsfähig zu sein. Jeder hat deshalb die Aufgabe, seinen Körper zu pflegen und auf ihn Acht zu geben. Ansonsten muss mit Konsequenzen zu rechnen sein, für die man selbst die Verantwortung trägt (Beck-Gernsheim 1994: 317f.).

Um die Hintergründe dieser modernen Lebensführung zu verstehen, widme ich die folgende Arbeit dem Gegenstand der Biopolitik und der Frage, ob der Körper zum politischen Schauplatz wird. Die Biopolitik umfasst mittlerweile unzählig viele Bereiche, die oft stark in den Medien diskutiert werden. Außerdem sind fast alle Menschen aktuell von Biopolitik betroffen, oder üben sie selbst aus. Dennoch weiß man meist nicht, was sich genau alles hinter dem Begriff der Biopolitik verbirgt. Der erste Gliederungspunkt wird sich deshalb mit dem Problem beschäftigen, was Biopolitik überhaupt ist. Danach werden einige moderne Beispiele der Biopolitik, wie Schönheitschirurgie, Pränatale Diagnostik und Sterbehilfe näher beleuchtet und diskutiert. Anschließend wird dargestellt, ob und warum der menschliche Körper ein Schauplatz der Politik ist. Zum Schluss werden abschließende Tendenzen und ein Fazit die Arbeit abrunden.

2. Was ist Biopolitik?

Der Begriff der Biopolitik wird aktuell mit sehr vielen Themen in Verbindung gebracht und beansprucht mehrere Bedeutungen für sich. Von Biopolitik wird gesprochen, wenn es beispielsweise um die Landwirtschaft, Bevölkerungsanstieg, Medizinische Studien, Gentechnik, Rassismus, Gesundheit oder Sterbehilfe geht. Was umfasst dieses Wort nun genau? – Übersetzt man ganz einfach Biopolitik, so ist die Rede von der Politik, die sich mit dem Leben auseinandersetzt (Lemke 2007: 9). Vor allem Michel Foucault prägt den Begriff der Biopolitik entscheidend. Er versteht darunter

„die Weise, in der man seit dem 18. Jahrhundert versuchte, die Probleme zu rationalisieren, die der Regierungspraxis durch die Phänomene gestellt wurden, die eine Gesamtheit von als Population konstituierten Lebewesen charakterisieren: Gesundheit, Hygiene, Geburtenziffer, Lebensdauer, Rassen... Man weiß, welch wachsenden Raum diese Probleme seit dem 19. Jahrhundert einnahmen und welchen politischen und ökonomischen Einsatz sie bis heute begründet haben“ (Foucault 2005: 180).

Mit diesem Zitat wird deutlich, dass Biopolitik eine Politik heißen soll, die bestimmte Naturerscheinungen des Menschen aufgreift und diese durch bestimmte Regeln oder Gesetze zu regulieren versucht.

Biopolitik meint aber nicht nur, dass sich Individuen bestimmten Gesetzen des Staates, die den Körper betreffen, unterwerfen müssen. Biopolitik heißt auch die Einflussnahme des Menschen auf sich selbst.:

„Biopolitik ist weniger Ausdruck des Willens eines Souveräns, sondern zielt auf die Verwaltung und Regulation von Lebensprozessen auf der Ebene der Bevölkerung. Sie hat es eher mit Lebewesen als mit Rechtssubjekten zu tun – oder genauer: mit Rechtssubjekten, die zugleich Lebewesen sind“ (Lemke 2007: 13).

Hier wird klar, dass Biopolitik auch bedeutet, dass Menschen ihre Lebensangelegenheiten selbst regulieren und verwalten sollen.

Der Begriff der Biopolitik drückt aber noch mehr aus. Für Michel Foucault ist Biopolitik auch ein bestimmtes Modell der Macht (Maasen 2008: 102).:

„Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben, was er für Aristoteles war: ein lebendiges Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht“ (Foucault 1977: 171 in: Maasen 2008: 102).

„In der weiten Bedeutung des Wortes ist Regierung nicht eine Weise, Menschen zu zwingen, das zu tun, was der Regierende will; vielmehr ist sie immer ein bewegliches Gleichgewicht mit Ergänzungen und Konflikten zwischen Techniken, die Zwang sicherstellen und Prozessen, durch die das Selbst durch sich selbst konstruiert oder modifiziert wird“ (Foucault 1993: 193f. in: Maasen 2008: 102).

Anhand dieser zwei Textstellen wird verständlich gemacht, dass die Menschen sich selbst unter Druck setzen, um ihr Leben zu planen, zu regulieren, zu verbessern und zu erhalten. Das wirkt sich dann wieder umgekehrt auf die Bevölkerung und Regierung aus (Gehring 2006: 10). Biopolitik kann also zum einen heißen, dass der Staat über bestimmte Lebensprozesse entscheidet. Zum anderen aber betreibt jedes Individuum Biopolitik, wenn es den Zwang empfindet, sich selbst zu regieren oder regulieren (Maasen 2008: 101).

„Biopolitik, als Regulierung der Gesellschaft durch das Leben seiner Mitglieder, ist dabei heute nicht nur Aufgabe staatlicher Rechtsetzung, sondern auch souveräner Subjekte, die als mündige Patienten, aktive Marktindividuen oder verantwortliche Eltern medizinische und biotechnologische Optionen nachfragen [ sollen ] “ (Lemke 2007: 102 in: Maasen 2008: 101).

Das, was Biopolitik heißt, wird in dieser Belegstellte nochmals hervorgehoben. Der Staat reguliert das Leben der Bürger mit der Wirkung, dass auch Individuen selbst auf ihren Körper Einfluss nehmen wollen. Menschen üben also zum Beispiel Biopolitik aus, wenn sie Nachfrager von Schönheitsoperationen, Pränataler Diagnostik oder Stammzellenforschung sind (Maasen 2008: 100).

Im nächsten Teil der Hausarbeit wird es nun um moderne Beispiele der Biopolitik gehen, welche aktuell immer wieder diskutiert werden. Hierbei wird zum einen auf die Motive eingegangen, warum Menschen sich für Schönheitschirurgie, Pränataldiagnostik oder Sterbehilfe entscheiden. Zum anderen wird es um moralische Debatten gehen und weshalb diese Themen als biopolitisch gelten können. Das erste aufgezeigte Beispiel von moderner Biopolitik soll die Schönheitschirurgie sein.

3. Beispiele moderner Biopolitik

3.1. Schönheitschirurgie

Die Schönheitschirurgie als Beispiel moderner Biopolitik thematisiert das oben beschriebene Phänomen, dass Menschen auf sich selbst Einfluss nehmen und sich regulieren wollen. Die Motive sich aufschneiden zu lassen sind verschieden, jedoch geht es oftmals den Klienten nicht nur darum, einfach schön zu sein. Viele leiden unter einem psychischen Druck, entstanden durch das Gefühl, wegen einem körperlichen Makel entstellt zu sein. Eine Schönheitsoperation könnte somit helfen, Selbstvertrauen und Lebensfreude zurückzugewinnen (Maasen 2008: 99). Die meisten Frauen wollen durch die kosmetischen Eingriffe nicht „die Schönste“, sondern wieder „normal“ sein, um nicht negativ in der Gesellschaft aufzufallen. Die moderne und aktuelle Denkweise in der Bevölkerung vermittelt dem Individuum das Gefühl, dass jeder Mensch das Beste aus sich herausholen und an seinem Körper und seinem Selbst ständig arbeiten muss, damit er sich und der Gesellschaft den optimalen Nutzen bringt und ihr nicht zur Last fällt (Villa 2008: 12). Gemäß einiger Autoren befinden wir uns aktuell in einem Zeitalter, dass durch einen übermäßigen und zweifelhaften Zwang zur Schönheit und Fitness geprägt ist (Maasen 2008: 100).

Der oft gehörte Ausspruch „Wer schön ist, ist ganz sie selbst, fühlt sich gut und hat Erfolg“ (ebd.: 104) gekoppelt mit Ratgebern, Zeitschriften und Fernsehsendungen über Schönheitsoperationen wollen mögliche Kunden von kosmetischen Eingriffen überzeugen. Entschließen sich Frauen schließlich zu einer Operation, steht wie oben angedeutet, das Motiv des „Normal Seins“ an oberster Stelle. Viele haben Angst, in der Gesellschaft abgehängt zu werden. Laut der Autorin Sabine Maasen kristallisieren sich in modernen Gesellschaften immer öfter „ Mechanismen der flexiblen Selbststabilisierung“ (ebd.: 105) heraus. Das bedeutet, dass sich neue Maßstäbe bilden, was „normal“ ist und sich zunehmend die Menschen daran orientieren. Es entstehen also immer wieder andere Einschätzungen in der Bevölkerung, was normal oder schön zu sein scheint (ebd.: 104f.).

Die hohe Zahl an Schönheitsoperationen, die steigende Akzeptanz und Bereitschaft in der Gesellschaft, sich Eingriffen zu unterziehen, führt dazu, dass sich viele Menschen fragen, ob sie überhaupt noch als normal gelten. Dadurch entsteht ein Druck, der Menschen veranlasst ihren Körper, zum Beispiel in den Nebengebieten der plastischen Chirurgie, mit Mode, Fitness oder Diäten zu optimieren (ebd.: 106).

Die Frauen, die sich Schönheitsoperationen unterziehen, wollen danach so normal und natürlich wie möglich aussehen. Genau denselben Grundsatz verfolgen auch die plastischen Chirurgen, die ihre Patienten keinesfalls als künstlich und auffällig sehen wollen. Daraus entsteht jedoch ein Widerspruch, da mit der Operation ja etwas Natürliches verändert oder verbessert wird. Außerdem werden mit Vorher-Nachher-Plakaten und dem deutlich sichtbaren Wandel der Frauen wieder neue Kunden gewonnen (Ach 2006: 193f.).

„It was not beauty, but about wanting to become ordinary, normal or just like everyone else“ (Davis 1995: 161 in: Ach 2006: 195).

Anhand dieser Textstelle wird nochmal das Ziel vieler Frauen, einfach normal zu sein, hervorgehoben. Vor allem feministische Autoren behaupten, dass Frauen ihr Verständnis der Normalität aus in der Gesellschaft auftretenden kulturellen Normen entwickeln. Durch bestimmte männliche Idealvorstellungen einer Frau, wie zum Beispiel ein großer Busen, passen manche Frauen ihr Empfinden von Normalität daran an. Das kann dazu führen, dass durch frauenfeindliche und sexistische Phrasen eine männerdominierte Welt gestärkt wirkt. Schönheitschirurgie kann demnach auch einen Teil zur Benachteiligung von Menschen beitragen, die nicht den gerade aktuellen Schönheitsvorstellungen entsprechen (Ach 2006: 197ff.).

Wieso kann also die Schönheitschirurgie als ein Beispiel von Biopolitik gelten?

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Biopolitik. Wird der Körper zum politischen Schauplatz?
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V275256
ISBN (eBook)
9783656680666
ISBN (Buch)
9783656680673
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
biopolitik, wird, körper, schauplatz
Arbeit zitieren
Verena Schindler (Autor), 2013, Biopolitik. Wird der Körper zum politischen Schauplatz?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275256

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