Die Figur der Klytaimnestra aus der "Orestie" des Aischylos als Mutter, Herrscherin und Liebende während des trojanischen Krieges und nach seiner Beendigung


Seminararbeit, 2000
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Teil 1: Werkimmanente Interpretation
1.1 Charakterisierung Klytaimestras als Herrscherin während des Krieges
1.2 Charakterisierung Klytaimestras als Herrscherin nach Ende des Krieges
1.3 Charakterisierung der Klytaimestra als Herrscherin nach Ankunft und Ermordung Agamemnons
2.1 Was erfährt man über Klytaimestras Mutterrolle während des Krieges?
3.1 Klytaimestras Darstellung als „Liebende“ während des trojanischen Kriege
3.2 Klytaimestras Verhältnis zu ihrem Liebhaber Aigisthos

Teil 2: 1.1 Literaturpsychologische Interpretation
1.2 Analyse der drei Rollen Klytaimestras
2.1 Schlussbetrachtung

Vorbemerkung

Es hat sich als fruchtbar erwiesen, bei der Analyse Klytaimestras chronologisch vorzugehen und die Ereignisse innerhalb der Trilogie zunächst einer werkimmanenten Interpretation zu unterziehen. Nach dieser Vorgehensweise beschäftigt sich der erste Teil der schriftlichen Arbeit mit einer textlichen Untersuchung, die ihre Konzentration auf Klytaimestras Erscheinen als Herrscherin, Mutter und Liebende richtet, wie sie uns Peter Stein in seiner Übersetzung des Aischylos vorlegt.

Der zweite Teil bietet eine literaturpsychologische Analyse, die es sich zur Aufgabe macht die extremen Verhaltensweisen Klytaimestras im Kontext ihres familiären Umfeldes zu erhellen und anhand der zuvor angeführten Textstellen zu belegen, sowie aus den bisherigen Vorfällen zu deuten. Allerdings muss eingeräumt werden, dass sich sämtliche Betrachtungen nur auf Information und Darstellung der mythologischen Charaktere der Orestie beziehen. Weitere Stücke, die sich mit der Sage um das Atridengeschlecht und konkret mit den Angehörigen der königlichen Familie um Agamemnon befassen, (wie beispielsweise „Iphigenie in Aulis“ „Elektra“ „Orestes“ ) und zur Erhärtung von Argumenten bei einer Analyse Klytaimestras hätten dienlich sein können, bleiben ausgeklammert, da an dieser Stelle das Augenmerk gänzlich auf Aischylos‘ Klytaimestra gelenkt werden soll.

Teil 1 Werkimmanente Interpretation

1.1 Charakterisierung Klytaimestras als Herrscherin während des Krieges

Bereits zu Beginn der Orestie liefert der Wächtermonolog ausreichend Informationen zu Klytaimestra als Herrscherin über das Volk der Argiver. Der Wächter macht Aussagen zur Situation des Landes und des Hauses der königlichen Herrscher während des trojanischen Krieges, die zunächst eine Akzeptanz der Königin als Stellvertreterin Agamemnons vermuten lassen:

„So hat es die Frau angeordnet, die mit männlicher Entschlusskraft und voll Zuversicht im Hause herrscht.“[1]

Diese oft zitierte Stelle, welche Klytaimestras männliches Wesen als dominierendes Charakterkennzeichen in den Vordergrund rückt, ist ein Hinweis auf ihre rationale Vorgehensweise als Herrscherin. Sie verhält sich „männlich“, indem sie vernunftgesteuert agiert, Entscheidungen trifft und sich mit dem Chor, den Repräsentanten der Polis gegenüber der Herrschaft, zu beraten hat. Klytaimestra trägt die Verantwortung für den Staat, sie verfügt über legislative, judikative und exekutive Gewalt und kommt dieser Rolle nach, indem sie sich am Vorbild des Männlichen orientiert.

An späterer Stelle bekennt der Wächter, dass das Haus seit Agamemnons Abwesenheit nicht mehr so gut verwaltet wird und er sich nach dessen Rückkehr sehnt:

„Könnte ich jetzt die liebe Hand des Hausherrn, bald mit dieser meiner Hand berührenIch verbrenn‘ mir nicht das Maul. Wenn dieses Haus selbst eine Stimme hätte, es würde nur zu deutlich sprechen.“[2]

Dies ist nichts anderes, als die Anspielung auf Klytaimestras Ehebruch, was durch ihre Position im Staate keine private Angelegenheit ist, sondern von Bedeutung für die gesamte Gesellschaft der Argiver. Die Kritik an ihrer verbotenen Liebschaft hat politische und gesellschaftliche Dimension, da mit ihr eine Kritik an der weiblichen Führung einhergeht, die durch den im Anschluss folgenden Auftritt des Chors bestätigt wird. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das Schweigen Klytaimestras über die Bedeutung ihrer Opfer. Sie bleibt dem Chor eine Antwort schuldig und man erkennt, dass hier kein Gegenseitiges Beraten und Achten vorliegt, wie es normalerweise zwischen Herrscher und Volk der Fall sein sollte. Siegfried Melchinger charakterisiert die Stimmung des Chores, der ständig neues Unheil wegen des Atridenfluchs zu befürchten hat folgendermassen:

„Herrscher und Volk waren tief entzweit; es regierte Tyrannei. Was war den Alten noch geblieben? Sorge und Hoffnung, Trauer und Angst...“[3]

Nach derartigen Erschütterungen, wie sie unter der Herrschaft Agamemnons und dem nicht enden wollenden Krieg um Troja sich zugetragen haben ist es nicht verwunderlich, dass der Chor, wie auch der Wächter ein gespaltenes Verhältnis zu Klytaimestra hegt. Auf der einen Seite legitimiert er ihre Macht und bestätigt ihre Kompetenz, um sie andernorts wieder in Frage zu stellen :

„...Klytaimestra, der einzige Schutz unseres Landes. Wir ehren und anerkennen deine Macht, Klytaimestra, weil es recht ist, den Herrscher in seiner Frau zu ehren, wenn der Thron des Mannes leersteht. Hast du geopfert, weil du gute Nachrichten empfingst oder weil du auf gute Nachrichten hoffst? Wir wüssten es gern, fänden uns aber auch mit deinem Schweigen ab.“[4]

Wenig später eröffnet Klytaimestra dem Chor, dass Troja gefallen ist. Die Reaktion des Chors ist verräterisch in Bezug auf seine Einschätzung der Herrscherin und gleicht einem Misstrauensvotum:

„Vielleicht hast du geträumt? Vielleicht vertraust du einem Traumgesicht?“

Klytaimestra versteht dies als Vorwurf, man zweifle an ihren Führungsqualitäten und dem Wahrheitsgehalt ihrer existentiellen Nachricht.

„Ich bilde mir meine Meinung nicht, wenn mein Denken schläft. Ich gebe nichts auf Traumgesichte.“

„Oder ein Gerücht? Hat ein Gerücht dich betört? Ein haltloses Gerücht.“

„Wie behandelst du mich? Ich bin doch kein kleines Kind!“[5]

Dieser Dialog zeigt, dass die gefühlsbetonte, irrationale und affektive Seite, die traditionell als das Weibliche definiert wird, in staatstragenden Positionen nicht geduldet wird, oder zumindest immer einen Zweifel an den Fähigkeiten der Person mit sich bringt. Der Chor will sich nicht auf die Aussagen einer Frau verlassen, was der historischen Ideologie entspricht, und fragt nach Beweisen, die den Sieg über Troja verifizieren. Dabei fällt er in einen als männlich-miltärisch charakterisierbaren Ton, und scheint eine Art strategisches Verhör mit Klytaimestra durchzuführen, dem sie rational argumentierend standhalten muss. Sie unterwirft sich dieser Forderung erfolgreich und schildert anschaulich die Ereignisse am Kriegsschauplatz. Selbstsicher behauptet sie die Verabredung des Fackelzeichens und die Richtigkeit ihrer Aussage Troja sei gefallen. Der Chor scheint nach ihrer Rede überzeugt:

„Frau, du sprichst wie ein Mann: verständig, weise und besonnen. Was du uns sagst, klingt glaubwürdig. Dein Beweis hat uns überzeugt. Wir machen uns bereit die Götter anzurufen...“[6]

Doch wenig später zweifelt er erneut an Klytaimestras Behauptung und liefert dabei eine generelle Beschreibung seines Frauenbildes, die wohl als repräsentativ für die zeitgenössische Herabwürdigung der Frau verstanden werden darf:

„...Die Kunde vom Feuerzeichen und von guter Nachricht verbreitet sich schnell in der Stadt, ob sie wahr ist, wer weiß?...Unter Frauenherrschaft wird das Gute gefeiert, bevor es eingetreten ist. Allzu leicht, allzu schnell läßt sich Weiberverstand überrennen. Allzu leicht, allzu schnell vergeht, was Frauen verkünden.“[7]

1.2 Charakterisierung Klytaimestras als Herrscherin nach Ende des trojanischen Krieges

Das Schicksal des Herrscherehepaares ist generell von öffentlichem Interesse, da das Schicksal des Volkes mit ihm verbunden ist. Privates und Öffentliches mischen sich, wie die Aussage des Chores zeigt, nachdem die Worte eines Boten ihn schliesslich von Trojas Untergang und dem Sieg der Archaier überzeugen konnten:

„Das Haus der Klytaimestra betrifft dies alles natürlich am meisten; doch es beglückt auch uns.“[8]

Mit Agamemnons Rückkehr verliert Klytaimestra ihren Status als alleinige Herrscherin und hat sich nun wieder unterzuordnen, da sie sich den gesellschaftlichen und rechtlichen Normen fügen muss. Ihre nur vorgetäuschten Gesten der Subalternation unterstreicht sie durch die plötzliche Betonung ihrer weiblichen Attribute, über welche sie trotz ihrer „männlichen Entschlusskraft“ noch verfügt. So beteuert sie öffentlich, ihre Herrschaft an ihren Mann abzugeben um von nun an die für eine Frau üblichen Aufgaben und Pflichten zu erfüllen:

„Ich werde mich bemühen, meinen hohen Herrn bei seiner Rückkehr so würdig zu empfangen, wie ich nur irgend kann. Was ist süsser für eine Frau, als den Tag zu erleben, an dem sie dem Mann das Tor öffnen darf...Im Haus wird er die Frau so wiederfinden, wie er sie einst verließ, den Hund des Hauses, ihm freund, den Bösgesinnten feind. In allem anderen verhält es sich ähnlich. Kein Siegel hat sie zerstört in der langen Zeit. Vergnügen und Männergeschichten sind mir so unbekannt wie das Schmieden von Stahl. Ich darf mich so laut rühmen, weil es die Wahrheit ist.“[9]

Entgegen ihrer bisherigen Bestrebungen zieht sich Klytaimestra nach diesen für den Chor äusserst rätselhaften und schwierig deutbaren Verlautbarungen zurück. Sie nutzt nun die Domäne des Weiblich-Seins und hat dadurch die Möglichkeit affektiv zu handeln, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

[...]


[1] Die Orestie des Aischylos/ übers. Von Peter Stein. Hrsg. von Bernd Seidensticker, München, 1997, S.13

[2] ebenda S. 14 u.16

[3] Melchinger, Siegfried: Die Welt der Tragödie, Bd. 1, München 1979, S.65

[4] Die Orestie des Aischylos/ übers. Von Peter Stein. Hrsg. von Bernd Seidensticker, München, 1997, S. 26

[5] ebenda S.27

[6] ebenda S.30-31

[7] ebenda S.36

[8] ebenda S.42

[9] ebenda S.42

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Figur der Klytaimnestra aus der "Orestie" des Aischylos als Mutter, Herrscherin und Liebende während des trojanischen Krieges und nach seiner Beendigung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Frauenfiguren in der griechischen Antike
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
24
Katalognummer
V27534
ISBN (eBook)
9783638295642
ISBN (Buch)
9783638723701
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde im Rahmen eines Proseminars verfasst und als Referat vorgetragen. Aufgrund besonderer Leistung wurde ein Hauptseminarschein dafür ausgestellt.
Schlagworte
Figur, Klytaimnestra, Orestie, Aischylos, Mutter, Herrscherin, Liebende, Krieges, Beendigung, Frauenfiguren, Antike
Arbeit zitieren
Magistra artium Yvonne Rudolph (Autor), 2000, Die Figur der Klytaimnestra aus der "Orestie" des Aischylos als Mutter, Herrscherin und Liebende während des trojanischen Krieges und nach seiner Beendigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27534

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