Zu: Xaviere Gauthier "Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit"


Rezension / Literaturbericht, 2003

9 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zu Hintergrund und Gliederung des Buches

2.1 Sexualität als Mittel zur Provokation der bürgerlichen Weltsicht
2.2 Die Perversion und ihr destruktives Verhältnis zur Gesellschaft

3.1 Frauentypen des Surrealismus
3.2 „Die Frau: Gut und geliebt in der surrealistischen Dichtung, böse und gehasst in der surrealistischen Malerei“

4.1 Die surrealistische Frau, eine Wunschvorstellung des Mannes?
4.2 Diskussion zu Gefahr und Potential der Utopie

„Die surrealistische Frau“

1.Zu Hintergrund und Gliederung des Buches

Xavière Gauthiers „Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit ist 1980 erschienen und wird derzeit nicht mehr verlegt. Die Gliederung des Buches besteht aus einem Vorwort von J.-B. Pontalis mit dem Titel „Die surrealistische Hoffnung“ und den Hauptkapiteln „Das Surrealistische Kunstwerk. Der Frau entgegen“, „Die verallgemeinerte Libido“ und „Die surrealistische Tat“. Ohne Details herausgreifen zu wollen sein erwähnt, dass Xavière Gauthier im zweiten Hauptkapitel mit dem Titel „Die verallegemeinerte Libido“ auf die verschiedenen Perversionen, auf Homosexualität und Sado-Masochismus im Surrealismus eingeht. Die Autorin bedient sich programmatischer und theoretischer Texte, sie versucht vorwiegend die surrealistische Malerei und stellenweise auch die Dichtung als Quelle und Beleg ihrer Thesen zu nutzen. Die nach Pontis „schwankende“ Position der Autorin zum Frauenbild des Surrealismus resultiere aus der Ambivalenz des Materials: Einerseits nennt Gauthier die surrealistischen Werke, in der die Frau glorifiziert wird, andererseits stellt sie dem kommentarlos die Negativbilder des Weiblichen entgegen.

Xavière Gauthier vertritt einen analytischen Standpunkt, der weitgehend von subjektiven Eindrücken befreit sein will, sie kann sich jedoch an vielen Stellen nur auf ihr psychologisches Gespür oder diverse Freudpassagen (häufig aus „Totem und Tabu“) berufen. An solchen Stellen wirkt die Autorin teilweise eher unterhaltend statt stichhaltig. Aufschlussreich sind meiner Meinung nach die Unterscheidungen der einzelnen Frauentypen, die in der Kunst vielfach als Motive Verwendung finden und die Erläuterung von Sexualität und Weiblichkeit als Mittel der Subversion.

2.1 Sexualität als Mittel zur Provokation der bürgerlichen Weltsicht

Wie man den Manifesten der Surrealisten entnehmen kann, ist eines ihrer Hauptanliegen Verwirrung zu stiften und eine Revolution in gesellschaftlicher Hinsicht zu erreichen, die durch ästhetische Erneuerung geschehen soll. Hierzu entdeckten die Surrealisten das gesellschaftskritische, provozierende und revolutionäre Potential von Liebe und Sexualität.

Im Prolog des Buches auf Seite 17 wird der Surrealismus mit einem „Maschinengewehr“ gleichgesetzt, welches den männlichen Phallus symbolisiert, der das Begehren sich explosionsartig über die Welt auszubreiten und sie zu verändern versinnbildlicht. Hierin besteht die surrealistische Kampfansage des Eros, durch den eine neue Gesellschaft und Wahrnehmung hervorgebracht werden soll.

„Die Erotik ist zugleich ein kostitutives Element dieser Bewegung, eines ihrer Ziele und bevorzugte Waffe aus dem reichhaltigen Arsenal, das sie verwendet hat, um ihrer Revolte Ausdruck und Nachdruck zu verleihen.“[1]

Die internationale Surrealismusausstellung wählte 1959/60 die Erotik als Hauptthema.

André Breton sieht die Erotik als „einen privilegierten Ort, ein Theater der Verführung und Versagung, wo sich die tiefgründigsten Lebensvorgänge abspielen“. Der surrealistische Künstler will mit seinen erotisch bis pervers aufgeladenen Werken schockieren und die traditionellen Werte zerschlagen. Prüderie, Tabus, Scheinheiligkeit und Doppelmoral der Gesellschaft werden schonungslos aufgedeckt. Die Macht der Liebe und das Begehren werden proklamiert, um die gesellschaftlichen Zwänge zu überwinden, da im Reich des Begehrens keine moralischen Argumente mehr zählen.

2.2 Die Perversion und ihr destruktives Verhältnis zur Gesellschaft

Gauthier zitiert hierzu Herbert Marcuse, der einen umstrittenen Versuch der Verknüpfung von Freud und Marx unternommen hat. Marcuse schreibt in „Triebstruktur und Gesellschaft“ über Desexualisierung im Kapitalismus, dabei geht er von einer „vom Leistungsprinzip regierten Gesellschaft“ aus, über die er sagt:

„In Herausforderung einer Gesellschaftsordnung, der die Sexualität als Mittel zu einem nützlichen Zweck dient, verteidigen die Perversionen die Sexualität als Zweck an sich; sie stellen sich damit außerhalb des Herrschaftsgebiets des Leistungsprinzips und bedrohen es in seinen Grundfesten. Sie stiften libidinöse Beziehungen, die die

Gesellschaft verdammen muß, da sie eben den Zivilisationsprozeß bedrohen, der den Organismus zu einem Arbeitsinstrument umgebildet hat“[2]

„Die Surrealisten wollten diese Befreiung des Eros.“[3] Denn er wirke als subversive Kraft in einer entfremdeten Gesellschaft, die zerstört werden müsse, um neu zu erstehen.

„In der Diskussion über die Sexualität, die eine Gruppe der Surrealisten geführt hat, erklärt sich Prévert für die Provokation durch die Frau. Er bedauert, dass das zu selten vorkommt, dass >provokante<, aufreizende Frauen rar sind, und zwar, wie er sagt, durch den Fehler der Männer.“[4]

Anliegen der Surrealisten ist es, einer durch den Alltag und die Medien profanierten Sexualität wieder ein Geheimnis zurückzugeben und das Abgründige, Unheimliche des Begehrens zu betonen. Hierzu gilt beispielsweise das Verbotene als das Heilige, da es einen hohen Grad an schöpferischem und verwirrendem Potential enthält, was sich zur kreativen Umsetzung im surrealistischen Kunstwerk anbietet.

3.1 Frauentypen des Surrealismus

Im ersten Kapitel mit dem Titel „Das surrealistische Kunstwerk“ werden verschiedene Frauentypen des Surrealismus erläutert. Es wird klassifiziert zwischen dem positiven Frauenbild „Die Frau als Natur: Die Frau als Amme“ und der negativen Darstellung „Die Frau: Mulier instrumentum diaboli“. Die erste Gruppe besteht aus vom Mann kontrollierten, passiven Frauentypen, die darauf warten von ihrem Geliebten „entdeckt“ zu werden. Hierzu zählt „Die Frau als Natur, die Frau als Amme“, „Die Blumen-Frau: Jungfrau und Kind“, „Die Frucht-Frau“ als Konsumobjekt, „Die Erd-Frau: Mutter, Medium und Muse“, und „Die Sternenfrau: Himmlische und göttliche Schöpferin“. Die zweite Gruppe verfügt über aktives Potential, sie kann zur Obsession und Bedrohung des Mannes werden. Dazu gehört die Frau als „Mulier Instrumentum Diaboli“, „Die unfassbare Frau“, „Die Gottesanbeterin“ oder Bestie mit der „vagina dentata“, „Die Prostituierte“, „Die femme fatale“, „Die Seherin“ und „Die Hexe“. Auf zwei dieser Frauentypen möchte ich an dieser Stelle näher eingehen. Zunächst auf die Blumen-Frau, die Jungfrau und Kind verkörpern kann. Um diesen Frauentyp zu veranschaulichen zitiert Gauthier aus Bretons Gedicht „Union libre“, welches eine Beschreibung seiner Frau beinhaltet.[5] Die Autorin gelangt zu dem Schluss, dass Breton sich ganz in der Vorstellung verliert, dass seine Frau nicht nur mit einer Blume verglichen, sondern selbst zur Pflanze wird. Hierdurch verschmelzen realistische und phantastische Elemente. Es wird noch immer von der Frau gesprochen, auch wenn sich ihre Beschreibung in Metaphern aufzulösen scheint und der Autor so den Eindruck von Unmöglichkeit und Unsagbarkeit evoziert.

[...]


[1] Gauthier, Xavière: Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit. Berlin 1980, S.17.

[2] Ebd., S.35.

[3] Ebd., S.359.

[4] Ebd., S.116.

[5] Siehe Gauthier, S. 67.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Zu: Xaviere Gauthier "Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für deutsche Sprache und Literaturwissenschaft II)
Veranstaltung
Bilder des Weiblichen bei Claire Goll und im Surrealismus
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
9
Katalognummer
V27537
ISBN (eBook)
9783638295673
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Xaviere, Gauthier, Surrealismus, Sexualität, Inszenierung, Weiblichkeit, Bilder, Weiblichen, Claire, Goll, Surrealismus
Arbeit zitieren
Magistra artium Yvonne Rudolph (Autor), 2003, Zu: Xaviere Gauthier "Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27537

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