Musik und Schamanismus in Nordeurasien


Seminararbeit, 2007
27 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Schamanismus in Nordeurasie
2.1. Verschiedene Definitionen des Begriffes Schamanismus
2.2. Die Klassifizierung des Schamanismus in verschiedene Kategorien
2.3. Eine Welt voller Götter- und Geistmächte
2.3.1. Hilfsgeister
2.3.2. Herrengeister
2.3.3. Schutzgeister
2.4. Der Werdegang der Schamanen
2.4.1. Die Geburt des Schamanen
2.4.2. Berufung und Schamanenkrankheit
2.4.3. Die Initiation der Schamanen
2.4.4. Die Weihe der Schamanen

3. Die Musik der Schamanen in Nordeurasien
3.1. Die Schamanentrommel
3.1.1. Der Trommelschlegel
3.1.2. Funktion und Aufgabe der Schamanentrommel
3.1.3. Spielweise und Klangerzeugung auf der Schamanentrommel
3.1.4. Bildliche Darstellungen auf der Schamanentrommel
3.2. Veränderte Bewusstseinszustände innerhalb einer Séance
3.3. Der Gesang der Schamanen
3.4. Der Ablauf und die verschiedenen Stadien einer Séance

4. Die Verfolgung und Unterdrückung des Schamanismus in Sibirien

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Sibirien gilt bis heute als die originäre Region der Schamanen. Bereits die etymologische Einordnung des Begriffes Schamane weist auf den geographischen Raum Sibirien hin. Die Bezeichnung entstammt den tungusischen Sprachen. Hier bezeichnet šaman, oder auch saman männliche und weibliche Schamanen.[1]

In Sibirien standen und stehen die Menschen unter teilweise extremen Lebensbedingungen in engem Kontakt mit der Natur, wobei sie als Halbnomaden und Nomaden lebten. Noch heute existieren 70 bis 100 Völker und Sprachen in diesem Territorium, das bis zum Verfall der Sowjetunion vom Stalinismus beherrscht und kulturell verwüstet wurde. Die Schamanen stellen dabei das kulturelle Wissen der verschiedenen Ethnien in diesem großen Gebiet dar. In dieser Arbeit wird auf den Hintergrund des traditionellen, gegenwärtig schon historischen Schamanismus hingewiesen. Die Lebensumstände, die Funktion und das musikalische Wirken eines Schamanen seien ebenfalls näher erläutert. Besonders auf die Stellung des Gesangs und die Verwendung der Trommel in Nordeurasien soll dabei eingegangen werden. Welche Spielweise auf der Trommel wird dabei verwendet, wie verhält es sich mit der Klangerzeugung, ist diese gelenkt und hat sie eine besonders bedeutende akustische Funktion?

Ein Überblick über die Definitionen des Begriffes Schamanismus, so wie sie von verschiedenen Wissenschaftlern gegeben wurden, soll ebenfalls in dieser Arbeit dargestellt werden. Was heißt Schamanismus ? Was zeichnet einen Schamanen aus? Wie änderte sich die Definition des Begriffes im letzten Jahrhundert?

Diese und weitere Fragestellungen sollen in dieser Arbeit behandelt werden und es wird versucht eine mögliche Antwort darauf zu finden.

2. Der Schamanismus in Nordeurasien

2.1. Verschiedene Definitionen des Begriffes Schamanismus

Anna-Leena Siikala beschreibt den Schamanismus in ihrer Hypothese als Kommunikationsart: „Die Art der Kommunikation des Schamanen stellt sich grundsätzlich als Interaktion zwischen der jenseitigen und der hiesigen Welt dar und ist eine ekstatische Rollenübernahmetechnik“[2]. Dies sei besonders innerhalb der Seance zu bemerken. Schamanismus sieht sie innerhalb einer sozial-psychologischen Ausrichtung als Phänomen innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft, als institutionalisierte Verhaltensweise, als Glaubenstradition und als Ritualsystem bestimmter Handlungen.[3]

Mit dem Begriff der Ekstase ist hiermit die Verbindung zu Mircea Eliade gegeben, der Schamanismus mit der Technik der Ekstase gleichsetzt.[4] Jedoch lehnt Eliade ein Gleichsetzen von Religion und Schamanismus ab, da Schamanismus nicht das religiöse Erlebnis aller darstellt, sondern einer Elite, die gleichermaßen über die Technik der Ekstase verfügt. Schamanismus reiht Eliade eher unter den Mystiken ein.[5]

Die sibirischen Ethnien setzten sich in überwiegender Mehrheit aus Jägern und Fischern, sowie aus Hirten und Viehzüchtern zusammen.[6] So folgt die wissenschaftliche Orientierung bei Hans Findeisen, sowie Andreas Lommel ausschließlich an den „Jägerkulturen“.

Findeisen stellt eine Ähnlichkeit zu den Jagdkulturen des Jungpaläolithikums (40000-10000 v. Chr.) fest und verankert besonders die Kulturelemente der Tracht und der Magie in einem Zeitraum von vor 15000 Jahren und älter. Ebenso wie bei Andreas Lommel spiegelt sich für Findeisen, in der durch Schamanen ausgeübten jagdmagischen Praxis und in der schamanischen Tiertracht, über große Zeitspannen hinweg, tradiertes Wissen wider. Für Findeisen ist der Schamane ein „zum Besessenheitspriester gewordener jungpaläolithischer Magier“[7]. Findeisen sucht hierin wiederum eine Vergleichsbasis zur Religion, was Eliade jedoch ablehnt.

Für Lommel zeichnen sich Jägerkulturen, also auch der sibirische Schamanismus, durch eine besondere Verehrung der Natur aus. Dabei liegt das „Magische“ im „Unbekannten“, oder anders ausgedrückt, die Natur an sich wird zum Objekt der Magie, sowie der Verehrung und so auch zum „Animismus“ (gleichwohl der Schamanismus selbst nicht als Religion zu sehen ist[8] ). Es wird vor allen Dingen von einer allgemeinen Belebtheit der Natur ausgegangen, sowie von einer Vorstellung der Personifizierung und Beseelung aller Erscheinungen in der Natur.[9] Die Natur und die Umwelt werden durch Geister (Hilfs- und Schutzgeister) beeinflusst, wodurch auch „jedes Lebewesen in eine geistige und körperliche Wesenheit zerfällt“[10].

Für Lommel und Findeisen setzen sich die Traditionen der früheren Jägerkulturen in den noch im 20. Jahrhundert existierenden Nomadenvölkern fort.

Der Aufgabenbereich eines Schamanen passt sich dementsprechend den sozialen Bedingungen an und dieser soll besonders in Jagdkulturen den Jagdbestand und –erfolg, die Gesundheit des Einzelnen und der Gemeinschaft sichern, sowie Seelen Verstorbener ins Jenseits begleiten.[11] Mitunter war der Schamane außerdem befähigt, die Zukunft vorherzusagen und Hellzusehen. Er galt auch als Hüter der Tradition, das heißt Märchen, Mythen und Legenden wurden von ihm bewahrt und somit auch das Wissen einer Gemeinschaft.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die sozialen Rollen und Aufgaben eines Schamanen, sich laut Mihál Hoppál in sechs Hauptgruppen unterscheiden lassen:

„1. praktischer und geistiger Führer der Sippe (Hüter des ethnischen Bewusstseins), 2. „Opferpriester“, 3. „Seelenführer“, 4. Kenner der Weissagungen, 5. Heiler, 6. Dichter, Sänger, Hauptfigur im Drama des schamanischen Aktes.“[12]

Der Schamane war demnach ein wichtiges Mitglied des sozialen Gefüges, wobei er jedoch in der sozialen Hierarchie nicht unbedingt eine hohe Stelle einnahm.

Mitunter war der Schamane sogar einer der mittellosen und sehr armen Mitglieder der Gemeinschaft, da seine Aufgabe ihm kaum Zeit ließ einer geregelten Arbeit nachzugehen und die Bezahlung seiner Mühen als unfein galt.[13] Die Geister selbst überwachten dies, nur ein Betrüger ließ sich bezahlen, so hieß es.[14] Obwohl der Schamane durch seine aufopferungsvolle Tätigkeit die soziale Beziehung zwischen ihm und dem Volk pflegte, hielten die Mitglieder der Gemeinschaft aus Respekt vor seinen Fähigkeiten und Scheu dennoch Distanz zu ihm.[15] Das Leben des Schamanen war daher oft ein sehr Einsames.

Den Schamanen zeichneten besonders zwei Merkmale aus, die ihn als solchen charakterisierten. Zum Einen war dies der innere Zwang, der ihn schamanisieren ließ und zum Anderen die Befähigung sich selbst in Trancezustände versetzen zu können und sich so seiner Seele bewusst zu entäußern.[16]

Der Schamane laut Findeisen wirkte als: “priesterlich-väterlicher Seelenführer, Heiler und Künstler und all das auf Grund einer besonderen Veranlagung, die sie uns psychologisch als spiritistische Medien charakterisieren lässt“[17]. Lommel meint ebenfalls, dass der Schamane in künstlerischer (in dichterischer, musikalischer, rhythmischer) und schöpferischer Weise tätig ist.[18]

Diese Ansichten sind glücklicherweise weit entfernt von Definitionen, die den Schamanismus als „arktische Hysterie“ bezeichnen, wie sie noch bei Jochelson und Ohlmarks üblich waren, oder gar als Geisteskranke galten wie bei Czaplicka, Schternberg, und Borgoras.[19] Dabei sind diese Annahmen gänzlich falsch, da sich nur der Schamane in einer Geistsphäre bewegen und gleichzeitig einen normalen Alltag in der Gemeinschaft führen kann, ohne „verrückt“ zu werden.[20]

Der Schamanismus ist demnach ein komplexes System und nicht nur eine archaische Ekstasetechnik, eine frühe Entwicklungsstufe der Religion oder eine psychomentale Erscheinung.

2.2. Die Klassifizierung des Schamanismus in verschiedene Kategorien

Klaus E. Müller unterteilt den Schamanismus in drei Kategorien: Elementarschamanismus, Komplexschamanismus und Besessenheitsschamanismus.

Elementarschamanismus zeichnet sich für Müller durch eine abgeschiedene geographische Lage und durch nomadisches, bzw. seminomadisches Leben aus. Für ihn sind dies besonderes die Jägergesellschaften, Fischer und Sammler. Die entsprechende geographische Region ist hier für ihn Sibirien und besonders Nordsibirien. Die Aufgabe des Schamanen ist die Sicherung des Jagderfolges, sowie der Gesundheit der Sippe. Im Vordergrund steht also die „Kontrolle und fürsorgliche Pflege der Tier- und Menschenseelen“[21]. Die Schamanenanwärter werden durch Wildgeister dazu berufen und das Klientel stellt überwiegend Verwandtschaftsverbände und Lokalgemeinschaften.

Das Ritual des Schamanisierens ist dabei auf das Notwendigste beschränkt.

Die zweite Gruppe des Komplexschamanismus orientiert sich geographisch an den Hirtennomaden Nord- und Innerasiens, bzw. Südsibiriens. Die Schamanen werden durch Ahnengeister berufen (wie bei den Tungusen in den Altaivölkern), die auch als Schutzgeister dienen. Das Schamanenamt ist erblich und wird patrilinear und in seltenen Fällen matrilinear weitergereicht, da auch Frauen schamanisieren. Der Schamane hat eine priesterliche, kommunale und gleichsam häuslich-familiäre Funktion inne.

Es werden besondere Trachten und Accessoires getragen, die sich von denen des Elementarschamanismus unterscheiden. Die Trance erfordert die Kenntnis besonderer Techniken, wie spezifische Tänze und Gesänge.[22]

Den Besessenheitsschamanismus lokalisiert Müller in den bäuerlichen Dorfgesellschaften Südostasiens. Die Frauen schamanisieren hier öfter als Männer und verpflichten sich einer bestimmten Geistmacht auf Lebenszeit. Die Verehrung der Gottheit findet auch an für diese bestimmten Altären statt, Müller spricht hier von Tempelverehrung. Die Besonderheit der Kontaktaufnahme mit den Geistmächten erfolgt nicht mittels der Seelenreise des Schamanen, sondern durch eine Besessenheitsseance.[23]

Interessant ist, dass im Elementar- und Komplexschamanismus Männer im Regelfall schamanisierten. Die Ausnahme davon bildeten Frauen, die von ihren Geistmächten den Auftrag bekamen, wie ein Mann zu handeln und so tatsächlich ab diesem Zeitpunkt einen Geschlechtswandel vollzogen und so handelten wie Männer. Besonders in Nordostasien, bei den Tschuktschen, Korjaken und Itelmen wurde dies beobachtet.[24]

Frauen, die auch schamanisierten waren häufiger in Heilkenntnissen bewandert, wurden bei Geburten gerufen und waren dabei den Hebammen übergeordnet.[25]

Eine weitere Unterteilung in vier Kategorien findet man bei Siikala. Sie ordnet dabei in „ the Clan shaman, small group shaman, independent professional shaman, territorial professional shaman”.[26]

[...]


Eine Ausnahme von in den meisten Gebieten ähnlichen Termini bildet die Bezeichnung für den Schamanen bei den Jakuten. Der männliche Schamane wird hier ojun (bzw. oiun) und die weibliche Schamanin udoyan (bzw.

udagan) genannt. (Vgl. A. Lommel 1980, S. 52.)

[2] A.-L. Siikala 1978, S. 28/29.

[3] Vgl. ebd., S. 29/30.

[4] Vgl. M. Eliade 1974, S. 14.

[5] Vgl. ebd., S. 17.

[6] Vgl. ebd., S. 18.

[7] H. Findeisen, H. Gehrts 1989, S. 21.

[8] Zur genaueren Erläuterung siehe G. Nioradze 1925, S. 4.

[9] Vgl. A. Lommel 1980, S. 30.

[10] Ebd., S. 29.

[11] Vgl. ebd.

[12] M. Hoppál 1993, S. 16.

[13] So war es bei den Jakuten, Burjaten und Samojeden üblich einen Schwur zu leisten, der besagte, jedem Hilfe

zu leisten, der ihrer bedurfte. (Vgl. K. E. Müller 2001, S. 92/93.)

[14] Vgl. ebd.

[15] Dies mag auch daran gelegen haben, dass der Schamane als intelligenter wahrgenommen wurde und durchaus

auch einen größeren Wortschatz besaß. Bei einem Jakuten- Schamanen konnte dieser einen Umfang von

12000 Wörtern gegenüber den üblichen 4000 Wörtern umfassen. (Vgl. K. E. Müller 2001, S. 95ff.)

[16] Vgl. ebd., S. 19.

[17] H. Findeisen 1957, S. 22.

[18] Vgl. A. Lommel 1980, S. 16.

[19] Vgl. M. Eliade 1974, S. 33.

[20] Vgl. K. E. Müller 2001, S. 107/108.

[21] Ebd., S. 30.

[22] Vgl. ebd., S. 30/31.

[23] Vgl. ebd., S. 31/32.

[24] Vgl. ebd., S. 33/34.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. A.-L. Siikala 1978, S. 305ff.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Musik und Schamanismus in Nordeurasien
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Musik und Schamanismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V275370
ISBN (eBook)
9783656681236
ISBN (Buch)
9783656681229
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
musik, schamanismus, nordeurasien
Arbeit zitieren
Cornelia Friebe (Autor), 2007, Musik und Schamanismus in Nordeurasien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275370

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