Der Schlieffenplan und sein Scheitern

Strategische, operative und taktische Gründe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Schlieffenplan (?) und seine Grundlagen

2 Gründe des Scheitern bzw. Fehler des Plans
2.1 Strategische Gründe/Fehler
2.2 Operative Gründe/Fehler
2.3 Taktische Gründe/Fehler

3 Zusammenfassung und Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis:

Vorwort

Am 1. August 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Mit dem Überschreiten der luxemburgischen und belgischen Grenzen wurde der angeblich seit 1905 vorhandene „Schlieffenplan" in die Tat umgesetzt. Mit fünf Armeen auf dem rechten Flügel sollte durch Belgien in Richtung Nordfrankreich durchgestoßen werden, um die stark befestigten Verteidigungsanlagen (Maginot- Linie) auf der französischen Seite des deutsch-französischen Grenzgebietes zu umgehen. Zwei weitere Armeen sollten dabei französische Kräfte in diesem Gebiet binden und, sollte sich die Chance ergeben, selbst offensiv tätig werden und einen Vorstoß wagen.

Genau so lange, wie es die Diskussion um die deutsche Schuld am Ausbruch des Krieges gibt1, wird diskutiert, warum der allgemein „Schlieffenplan" genannte Aufmarschplan des deutschen Heeres scheiterte. Gleichzeitig bestand bis vor ein paar Jahren Einigkeit darüber, diesen Aufmarschplan nach seinem Entwickler, Alfred Graf von Schlieffen (1833-1913), zu benennen. Erst Terence Zuber sorgte mit seinem Buch „The real german war plan 1904-1914" und der darin aufgestellten These: „there never was a single Schlieffen plan"2 für eine erneute Auseinandersetzung mit dieser Frage. Auch wenn seine These von Seiten anderer Historiker mit Verweis auf die bestehende Forschung eher wenig wahrgenommen wurde, bietet sie doch eine andere Sichtweise auf den deutschen Kriegsplan, auch dadurch, dass Zuber Zugang zu bis dato nicht bekannten Quellen hatte und diese in seine Arbeit mit einfließen ließ.

Aus diesem Grund wird sich der erste Teil dieser Arbeit mit der Frage beschäftigen, ob der deutsche Kriegsplan wirklich als „Schlieffenplan" angesehen werden kann oder ob es sich dabei eher um den Plan seines Nachfolgers Helmuth von Moltke der Jüngere (1848-1916) handelt. Dabei sollen die Überlegungen Schlieffens, welche seinem Plan zu Grunde lagen, ebenso eine Rolle spielen, wie die von der Geschichtswissenschaft vermutete Intention, die er mit seinen Ausführungen verfolgte. Gleichzeitig soll der These Zubers nachgegangen werden, um die Frage zu beantworten, ob der von Schlieffen ausgestellte Plan so überhaupt vorhanden war und ob er für die reale Kriegsplanung unter Moltke ab 1906, nach Schlieffens Ausscheiden aus dem deutschen Generalstab, überhaupt eine Rolle spielte, also ob Zuber mit seiner These richtig liegt.

Grundlage für diesen Teil der Arbeit stellt zum einen der Sammelband Hans Ehlert, Michael Epkenhans und Gerhard P. Groß dar, welcher eine Tagung zur Diskussion der von Zuber aufgestellten These im Jahre 2004 zu Grunde liegt. In dieser Bibliographie kommen u.a. Zuber selbst sowie die drei Herausgeber zu Wort, aber auch Robert T. Foley, Annika Mombauer und andere.3 Ziel dieses Bandes ist es, die in der Tagung geführten Diskussionen in schriftlicher Form zu bündeln und vor allem neue Erkenntnisse mit in die Texte einfließen zu lassen. Zum anderen seien hier noch die Bücher von Pierre-Yves Henin4 sowie Jehuda L. Wallach genannt, welche sich ebenfalls mit diesem Thema auseinandersetzen.

Im zweiten Teil dieser Arbeit soll dann der Frage nachgegangen werden, welche Gründe für das Scheitern des deutschen Aufmarschplanes angenommen werden können. Auf eine genaue Darstellung des Kampfgeschehens bzw. des Ablaufes des Plans soll hier mit Verweis auf die umfangreiche Literatur zu dem Thema und der Länge dieser Arbeit verzichtet werden, soweit sie nicht für einzelne Bereiche wichtig erscheint. Hauptsächlich wird der Vorstoß des deutschen Heeres im Westen gegen Frankreich berücksichtigt, da dies die Hauptstoßrichtung der Armee darstellte. Soweit wie das Kriegsgeschehen im Osten gegen das russische Zarenreich Auswirkungen auf die Kriegsführung im Westen hatte, wird auch dieser Schauplatz mit einbezogen werden. Die Westfront selbst, obwohl durch die deutsche Armeeführung in rechte und linke Flanke getrennt, soll dabei einheitlich betrachtet werden, da die aufzuzeigenden Probleme meist an beiden Flanken auftraten. Bei der Betrachtung der aufgetretenen Probleme bzw. der Gründe für das Scheitern des Planes werden zuerst solche genannt, welche die generelle Planung des Krieges betreffen (strategische Fehler), dann solche, die entweder einzelne Bereiche der Strategie bzw. einzelne Frontabschnitte (linke, rechte, Ostfront) betreffen (operative Fehler) und letztendlich Fehler, welche einzelne Personen und/oder Einheiten betreffen (taktische Fehler). Die genauen Probleme bzw. Gründe werden im betreffenden Abschnitt dieser Arbeit genannt. Dadurch soll die Frage beantwortet werden, welche der aufgezeigten Probleme und/oder Gründe ausschlaggebend für das Scheitern des Planes waren. Angenommen wird, dass bereits auf strategischer Ebene Fehler auftraten, welche sich auf den Plan und die anderen Ebenen auswirkten.

Die Literatur zu diesem Thema ist mehr als umfangreich, sodass hier nur auf die wichtigsten eingegangen werden soll. Da wären zum Einen die bereits erwähnten Pierre-Yves Henin und Jehuda L. Wallach, die sich in ihren umfangreichen Werken auch mit diesem Thema auseinander setzen. Zum anderen John Keegan und Dieter Storz5, welche in ihren Werken die deutsche Kriegsführung betrachten.

Aber auch Christian Milotat6 zeigt am Beispiel der 1. Marne-Schlacht, mit welchen Problemen das deutsche Heer konfrontiert war.

Am Ende dieser Arbeit wird dann ein Fazit gezogen, in welchem alle Ergebnisse zusammengefasst und die Fragen beantwortet werden sollen, ob es sich bei dem Kriegsplan im August 1914 um den „Schlieffenplan" gehandelt hat und welche Gründe für sein Scheitern genannt werden können.

1 Schlieffenplan (?) und seine Grundlagen

Als Schlieffen 1905 seine Überlegungen zu einem Krieg mit Frankreich in der Denkschrift „Krieg gegen Frankreich" niederschrieb, sah er sich völlig anderen Ausgangslagen als in den Einigungskriegen von 1870/71 gegenüber. Diplomatisch war das deutsche Kaiserreich im Gegensatz zum genannten Zeitraum fast völlig isoliert, lediglich mit demösterreich-ungarischen Kaiserreich sowie Italien bestanden engere Verbindungen auf vielen Ebenen.[7] Doch nicht nur diplomatisch, auch militärisch befand sich Deutschland in einer schwierigen Lage. Durch eine nicht konsequent durchgesetzte Wehrpflicht wurde nur ein Bruchteil der von jedem Jahrgang eigentlich einzuziehenden Männer auch wirklich eingezogen[8], sodass Schlieffen befürchtete, bei einem Krieg gegen gleichzeitig Frankreich und Russland in der Mannstärke mit 5:3 unterlegen zu sein.[9] Gleichzeitig führten neue technische Entwicklungen, wie das Maschinengewehr und die Artilleriekanone mit Rohrrücklauf und Wigelafette sowie die immer größer werdenden Armeen, zu einem Umdenken in der Kriegsführung, dem sich auch Schlieffen nicht entziehen konnte.[10] Diese neuen Entwicklungen führten dazu, dass die Defensive in einer Schlacht die Überlegenheit vor der Offensive einnahm.[11] Dieser Gefahr war sich auch schon Helmut Moltke der Ältere (1800­1891) bewusst, indem er vor dem Reichstag am 14. Mai 1890 davon spricht, dass neue Kriege nicht mit einzelnen Schlachten gewonnen werden könnten und dass sich ein Krieg zwischen den europäischen Großmächten in einem zeitlichen Rahmen, wie der siebenjährige oder der dreißigjährige Krieg, bewegen würde.[12] Auch Moltke d.J. als Nachfolger Schlieffens im Großen Generalstab sprach davon, dass es keine einzelnen Schlachten mehr geben würde, sondern nur noch Kriege Volk gegen Volk, in denen der Sieger erst feststünde, wenn eine der beiden Parteien komplett gebrochen wäre.[13] Aus diesem Grund war Schlieffen einer der Vertreter unter den Militärs, die die Auffassung eines kurzen, aber heftigen Krieges vertrat, auch und gerade unter der Berücksichtigung der Kosten eines solchen.[14]

Aus diesen Gründen waren sich alle militärischen Führer im Klaren darüber, dass für Deutschland nur ein Zweifrontenkrieg in Frage kam, bei dem zuerst Frankreich und dann Russland besiegt werden sollte.[15] Gleichzeitig war sich der Deutsche Generalstab bewusst, dass Deutschland einen solchen auch aus wirtschaftlicher Sicht nicht lange führen können würde, sodass die Entscheidung in einem Krieg schnell gefunden werden musste.[16] Für Schlieffen war es unmöglich, „eine Ermattungsstrategie zu treiben, wenn der Unterhalt von Millionen den Aufwand von Milliarden erfordert."[17] Die Lösung bestand für Schlieffen darin, in Schlachten und Kriegen der Vergangenheit nach Hinweisen zu suchen, wie ein solcher Krieg zu führen sei, um siegreich aus ihm hervorzugehen. Am Beispiel der Schlacht von Cannae, welche sein Vorgänger Moltke d.Ä. geschlagen hatte, leitete er den Grundgedanken der Einschließung und anschließenden Vernichtung feindlicher Kräfte ab, indem der Gegner an einer Stelle gebunden und dann flankiert wird.[18] Dadurch, dass der Gegner auf diese Weise vernichtend geschlagen werden sollte, musste wieder der Offensive die überlegene Rolle zukommen.[19] Auf Grund der benannten Faktoren wäre dies jedoch schwer umzusetzen, da vor allem die französischen Festungen nicht zu unterschätzende Hindernisse darstellten. Aus diesem Grund musste laut Schlieffen die Offensive durch weniger befestigtes Gebiet verlaufen, außerhalb der Reichweite der Festungen.[20] Letztendlich sollte in einer Cannae-ähnlichen Entscheidungsschlacht der Sieg über das französische Heer errungen werden.[21] Schlieffens Überlegungen lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen: allgemein ein erster Angriff im Westen, die Defensive im Osten und eine starke rechte Flanke für den Angriff[22] sowie der Wille zu einer großen, entscheidenden Vernichtungsschlacht und dem Wechsel der Front nach Osten nach dem Sieg über Frankreich.[23] Für den Krieg gegen Russland hätte jedoch ein Strategiewechsel stattfinden müssen, da eine Vernichtung der russischen Armee auf Grund der tiefe des russischen Raumes und den damit verbundenen Rückzugmöglichkeiten für die russischen Kräfte nicht möglich gewesen wäre.[24] Schlieffen machte jedoch über diesen Fall keine Aussagen in seiner Denkschrift.

Auf Grund dieser Überlegungen und unter der damals herrschenden Annahme, Frankreich würde sich in einem Krieg defensiv verhalten[25], entwickelte Schlieffen folgendes Konzept: 7/8 des deutschen Westheeres würde zwischen Metz und Aachen den Vorstoß nach Frankreich wagen, während das letzte Achtel gegen die französischen Truppen die linke Flanke im deutsch-französischen Grenzgebiet sichern würde. In Ostpreußen würden nur die bereits stationierten Truppen in der Defensive gegen die russische Armee stehen, bis der Sieg im Westen errungen worden wäre. Der rechte Flügel würde durch Belgien, Luxemburg und Holland unter Verletzung derer Neutralität marschieren und, wenn möglich, Paris westlich umgehen, um das französische Heer in Richtung Schweiz zu drängen und dort vernichtend zu schlagen.[26]

Schlieffen hatte bei seinen Überlegungen jedoch erkannt, dass das deutsche Heer zur Erfüllung dieses Plans nicht groß genug war.[27] So sind viele Historiker der Meinung, dass Schlieffen mit seiner Denkschrift die Intention verfolgte, von der deutschen Armeeführung und Politik mit seinem Plan die Zusage zu einer Vergrößerung der Armee zu erhalten.[28] Dies konnte er jedoch nicht mehr selbst verfolgen, da er bereits ein Jahr später in den Ruhestand versetzt wurde.

An diesem Punkt soll auf die Diskussion eingegangen werden, die Terence Zuber mit seinem Buch „The real german war plan 1904-1914" aufstellt. Zuber ist der Meinung, dass ein Schlieffenplan im Sinne eines Kriegsplanes nie existiert hätte und auch nicht als Grundlage für die realen operativen Überlegungen des deutschen Großen Generalstabes hergehalten hätte.[29] Zubers Ansicht nach würden sich der tatsächliche Plan und Schlieffens Überlegungen von 1905 in gravierenden Punkten unterscheiden und so beweisen, dass Schlieffen keinen Einfluss auf die Kriegsplanung gehabt hätte. Als Argument führt er an, dass Schlieffens gesamte Denkschrift eine defensive Ausrichtung der deutschen Armee gefordert hätte und Schlieffen selbst auch nie offensive Überlegungen angestellt hätte. Für ihn lägen dafür keine Beweise vor.[30] Auch sei es für Moltke unmöglich gewesen, Kenntnis vom Plan zu haben, da sich die Originalpläne im Besitz der Töchter Schlieffens befanden und erst nach dem Ersten Weltkrieg in das Heeresarchiv übergingen.[31] Als Belege für seine Argumente stützt sich Zuber zum großen Teil auf Schlieffens Generalstabsreisen, die er während seiner Tätigkeit als Chef des Großen Generalstabes unternahm. Dabei seien nie die im angeblichen Schlieffenplan genannten Fälle durchgeprobt worden. Gerade dieses Argument wird jedoch am häufigsten kritisiert, da nachweislich die Generalstabsreisen größtenteils für Aus- und Fortbildungszwecke genutzt wurden und keinen direkten Nutzen für strategische oder operative Überlegungen hatten.[32] Des Weiteren wird argumentiert, dass Schlieffen sehr wohl offensiven Taktiken gegenüber nicht abgeneigt war, was sich aus seiner Einstellung ergeben würde, dass sich deutsche Soldaten nicht vor französischen verstecken würden.[33] Insgesamt liefert Zuber eher gute Denkansätze als komplett neues, vor allem seine Ausrichtung primär auf die Generalstabsreisen muss hier kritisiert werden, da er Sinn und Zweck dieser im deutschen Heer falsch interpretiert. Vergleicht man das bis hier Gesagte und Zubers Kernpunkte der Kritik an einem vorhandenen Schlieffenplan, kann man Zuber nur noch die Belebung einer alten Diskussion zugutehalten, da seine These so nicht tragbar ist. Es gab einen Schlieffenplan.

Dieser Plan stellte für viele Generäle und höherrangige Soldaten nach dem Krieg das ultimative Siegesrezept dar, mit dessen genauester Befolgung Deutschland den Krieg gewonnen hätte. Gerade die sogenannte „Schlieffenschule", der unter anderem der Generäle Wilhelm Groener (1867-1939) und Hermann v. Kuhl (1856-1958) angehörten, kritisierten, dass Moltke d.J. als Nachfolger Schlieffens Chef des Großen Generalstabes, den von Schlieffen aufgestellten Plan nicht konsequent umgesetzt hat.[34] Auch der spätere Generalstabschef der Wehrmacht, Ludwig Beck (1880-1944), sagte: „Der Schlieffensche Plan ist im Sinne seines Urhebers nicht zur Ausführung gekommen."[35] Selbst der Historiker Hans Delbrück (1848-1929) war der Meinung, Moltke sei mit einem im Wesentlichen abweichenden Grundplan in den Krieg gezogen.[36] Alle Vertreter dieser These vergessen jedoch, die Ausgangsbedingungen zu überprüfen und beide Pläne generell miteinander zu vergleichen. Moltke hatte als Chef des Großen Generalstabes nicht nur jedes Recht dazu, den Plan zu ändern, es war in dieser Funktion sogar seine Aufgabe.[37] Des Weiteren ging Schlieffen davon aus, dass sich Frankreich im Falle eines Krieges defensiv verhalten würde, Moltke ging aber korrekterweise von einem Offensivstreben der Franzosen aus.[38] Trotz dieser Differenzen in beiden Planungen blieb der Grundgedanke einer nördlichen Umfassung der französischen Streitkräfte in allen von Moltke erarbeiteten Aufmarschplänen nach seinem Amtsantritt 1906 erhalten, nahm jedoch weniger dogmatische Züge an, da Moltke nicht starr an einem Einmarsch in Belgien als Teil der Umfassung festhielt.[39] Allgemein ist zur Planung selbst zu sagen, dass Moltke den Plan überarbeitet haben muss[40], allein schon auf Grund der neuen Gegebenheiten, in seiner Planung jedoch am strategischen Grundgerüst Schlieffens (Umfassungsgedanke) festhielt und an die neue Situation anpasste.[41] Ein weiteres Argument der Schlieffenschule ist, dass Moltke den linken Flügel im Grenzgebiet zu Frankreich zu Ungunsten des Rechten verstärkt hätte.[42] Die Kritiker werfen ihm vor, das Verhältnis von rechter zu linker Front verwässert zu haben, sodass nicht mehr eine Relation von 7:1, wie im Schlieffenplan vorgegeben, vorhanden war. Fragt man nur nach der Relation, mag dieses Argument zutreffen, da Moltke tatsächlich dem linken Flügel 16 anstatt der im Schlieffenplan vorgegebenen acht Divisionen zur Verfügung stellte. Jedoch wird dabei übersehen, dass Moltke mit generell mehr Truppen als Schlieffen planen konnte, da er es schaffte, weitere Verbände aufstellen zu lassen.[43] Insgesamt standen 131/2 weitere Divisionen zur Verfügung, von denen Moltke acht an die linke Front entsendete und keine weitere an die Rechte. Das Verhältnis beider Fronten zueinander lag nun bei 7:2.[44] In absoluten Zahlen hatte sich jedoch im rechten Flügel nichts verändert, sodass nicht von einer Schwächung des rechten Flügels gesprochen werden kann.

Auch Operativ gesehen hat sich Moltke am schlieff schen Grundgedanken orientiert. Die Ostumfassung von Paris Ende August 1914 wurde von Vertretern der Schlieffenschule als Fehler angesehen, da Schlieffen selbst eine Westumfassung vorsah. Doch selbst mit den nun neu vorhandenen Kräften hätte die Möglichkeit dazu nie bestanden. Auch Schlieffen schloss eine Ostumfassung der Stadt nie aus und ließ diese Option auch bei einer seiner letzten Generalstabsreise 1905 („Fall Freytag") durchdenken.[45]

Insgesamt lassen sich drei Unterschiede und drei Gemeinsamkeiten beider Pläne feststellen: Im Gegensatz zu Schlieffen verzichtete Moltke auf einen Einmarsch in Holland, da er die holländischen Häfen als wichtige Nachschubpunkte ansah und diese nicht aufs Spiel setzen wollte; er legte ein größeres operatives Gewicht auf Ostpreußen, um die deutsche Industrie in diesem Gebiet nicht zu verlieren und er stärkte die linke Flanke, da er korrekterweise von einem französischen Vorstoß in diesem Gebiet ausging.[46] Gemein mit Schlieffen war, dass auch Moltke von einem Zweifrontenkrieg ausging und den Schwerpunkt im Westen mit einer späteren Verlagerung in den Osten sah. Auch die Umgehung der französischen Festungen, indem die belgische Neutralität verletzt wird, war ganz im schlieff schen Sinne.[47]

Bliebe noch die Frage, wie der Aufmarschplan zu Kriegsausbruch zu beurteilen ist, als Moltke- oder als Schlieffenplan. In der Literatur gehen die Meinungen dazu auseinander. Terence Zuber geht davon aus, dass nie ein Schlieffenplan existiert habe, folglich wäre die Kriegsplanung allein Moltkes Aufgabe gewesen.[48] Dieser Meinung scheint sich auch Gerhard P. Groß anzuschließen, da auch er von einem Moltkeplan ausgeht, jedoch die Existenz eines schlieff schen Planes nicht negiert.[49] Den Mittelweg geht Pierre-Yves Henin, der von einem „Plan Schlieffen-Moltke"[50] spricht. Als dritte Meinung sei Jehuda L. Wallach genannt, der von einem klaren Schlieffenplan spricht.[51] Alle drei Meinungen sind nachvollziehbar und von ihren Vertretern gut begründet. Erschwert wird eine genaue Zuordnung dadurch, dass ein großer Teil der militärischen Unterlagen beide Pläne betreffend bei einem Bombenangriff auf das Reichsarchiv in Potsdam 1945 zerstört wurden.[52] Eine genaue Zuordnung erscheint daher nicht mehr möglich. Auf Grundlage der oben aufgeführten Argumente kann weder von einem Moltke-, noch von einem Schlieffenplan gesprochen werden. Auch wenn Moltke sich an den Grundüberlegungen seines Vorgängers orientierte, so zeigt der Plan genug Abweichungen von Schlieffens Denkschrift, sodass er als Moltkeplan gesehen werden kann. Andererseits scheint es, als hätte Moltke den Grundbau von Schlieffens Planung übernommen und einfach nur an die gegebene Zeit angepasst, ohne groß darüber nachzudenken, was eher für einen Schlieffenplan spräche. Auf Grund der fehlenden Quellen zu beiden Themen scheint die These von Pierre­Yves Henin am besten diese Problematik darzustellen. Von einem Moltkeplan zu reden, würde zu kurz greiffen, von einem Schlieffenplan zu reden, ginge zu weit, sodass ein „Plan Schlieffen-Moltke"[53] die treffendste Bezeichnung ist, auch weil dadurch die Problematik des Themas deutlich bleibt.

2 Gründe des Scheitern bzw. Fehler des Plans

2.1 Strategische Gründe/Fehler

Diplomatie Wie bereits im ersten Teil dieser Arbeit erwähnt, hatte sich Deutschland seit der Jahrhundertwende 1900 diplomatisch in Europa weitgehend isoliert und fand nur noch inösterreich-Ungarn einen verlässlichen politischen Partner. So war es für Schlieffen schwer, eine geeignete Lösung für das Problem der starken französischen Festungen zu finden. Als einzige Möglichkeit wurde eine Verletzung der Neutralität entweder der Schweiz oder Belgiens gesehen, um den Festungsgürtel zu umgehen. Mit der Entscheidung für Belgien wurde gleichzeitig eine mögliche britische Intervention akzeptiert, da die belgische Neutralität von Großbritannien garantiert wurde.[54] Jedoch sah selbst Moltke, auch wenn er nicht wie Schlieffen dogmatisch an diesem Plan festhielt, keine andere Möglichkeit, um einen schnellen und entscheidenden Vorstoß durchführen zu können.[55] Mit dem Verzicht auf den Einmarsch in Holland, um einen Versorgungskorridor für Deutschland offen zu halten, war Moltke gezwungen, Belgien möglichst schnell zu besiegen, um so den Vormarsch nach Westen gegen Frankreich nicht zu gefährden. Aus diesem Grund sollte bereits kurz nach der Kriegserklärung Deutschlands an Belgien die Festung Lüttich erobert werden, da dort mit dem vorhandenen Eisenbahnnetz ein schnellerer Vormarsch gegen Frankreich erwartet wurde.[56] Das Problem dieses operativen Gedankens war, dass sich Deutschland dadurch als potentieller Aggressor diplomatisch noch weiter von den anderen Nationen entfernte.

Truppenstärke Deutschland besaß, wie bereits erwähnt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts die niedrigste Rekrutierungsrate in ganz Europa. Dies führte dazu, dass die deutsche Armee denen der Entente zahlenmäßig weit unterlegen war. [57] Die von Schlieffen und auch Moltke geforderte Umschließung von Paris war mit den vorhandenen Truppen nie möglich gewesen, sodass lediglich eine Annäherung an die Stadt kurz vor der 1. Marne-Schlacht möglich war.[58] Bei dieser Schlacht selbst hatten die Deutschen mit fehlenden Truppen zu kämpfen, sodass eine Verteidigung der eigenen Stellungen nur schwer möglich war und verwundete/tote und erschöpfte Soldaten nicht ersetzt werden konnten.[59] Auch der kommandierende General der 3. Armee, Max von Hausen (1846-1922), ging davon aus, dass die 3. Armee bessere Erfolge hätte erzielen können, wenn ihr mehr Soldaten zur Verfügung gestanden hätten.[60] Auch an der linken Front, welche durch Moltke mit neuen Divisionen vor dem Krieg noch verstärkt worden war, machte sich der Personalmangel deutlich, vor allem nach einem französischen Angriff auf die deutschen Stellungen am 24. August, der den Deutschen starke Verluste zufügte, die sie nicht ausgleichen konnten.[61] Dem sich anschließend steht die fehlende Artillerie im deutschen Heer, nicht nur materiell, sondern auch personell gesehen, die eine effektive Unterstützung während des Vormarsches verhinderte.[62]

Ausrüstung Zu den Personalproblemen kamen auch Probleme in der Ausrüstung der Soldaten hinzu. Auch wenn das deutsche Heer dem der anderen Nationen technisch nur leicht unterlegen war, galt dies lediglich für die regulären Verbände.[63] Die Ersatz- und Reservedivisionen waren hingegen bei weitem nicht gleichermaßen ausgerüstet. Es fehlte ihnen an eigenen Artillerieregimentern und MG-Kompanien, sodass eine Nahbereichsunterstützung in den meisten Fällen lediglich von den regulären Truppen, wenn überhaupt, erfolgen konnte.[64] Des Weiteren fehlte ihnen die nach Ansicht der deutschen Armeeführung so wichtige innere Organisation, mit der man die numerische Unterlegenheit ausgleichen wollte.[65] Dadurch, dass Moltke die Ersatz- und Reservedivisionen nur als unterstützende Kräfte an sah, welche vorrangig zur Gebietssicherung und seltener für offensive Aufgaben herangezogen werden sollten[66], ist die mangelhafte Ausrüstung als strategisches Problem anzusehen, welches den Verlauf des Krieges beeinflusst haben könnte.

[...]


[1] Dabei besteht heute darin Konsens, lediglich die These, dass die deutsche Heeresleitung und Regierung diesen Krieg geplant hatte, wird abgelehnt. Vgl.: Neugebauer, Karl-Volker: Grundkurs deutsche Militärgeschichte, Bd. 2. München, 2007, S. 6.

[2] Zuber, Terence: The real german war plan 1904-1914. Brimscombe Port, 2011, S. 184.

[3] Ehlert, Hans; Epkenhans, Michael; Groß, Gerhard P. (Hrsg.): Der Schlieffenplan, Analysen und Dokumente. Paderborn, München, Wien, Zürich, 2006.

[4] Henin, Pierre-Yves: Le plan Schlieffen, Un mois de guerre - Deux siecles de controverse. Paris, 2012; Wallach, Jehuda L.: Das Dogma der Vernichtungsschlacht, die Lehren von Clausewitz und Schlieffen und ihre Wirkung in zwei Weltkriegen. Frankfurt a.M., 1967.

[5] Keegan, John: The first world war. London, 1998; Storz, Dieter: "Dieser Stellungs- und Festungskrieg ist scheußlich", Zu den Kämpfen in Lothringen und in den Vogesen im Sommer 1914; in: in: Ehlert, Hans; Epkenhans, Michael; Groß, Gerhard P. (Hrsg.): Der Schlieffenplan, Analysen und Dokumente. Paderborn, München, Wien, Zürich, 2006.

[6] Millotat, Christian: Zur 1. Marne-Schlacht 1914, Der Anteil des Oberbefehlshabers der 3. deutschen Armee, Generaloberst Max Freiherr von Hausen, sowie Lehren für die heutige Truppenführung. Hamburg, 2000.

[7] Vgl. Müller, Rolf-Dieter: Militärgeschichte. Köln, Weimar, Wien, 2009, S. 213.

[8] Müller, 2009, S. 221.

[9] Vgl. Hart, Peter: The great war. London, 2013, S. 13.

[10] Vgl. Müller, Rolf-Dieter: Militärgeschichte. Köln, Weimar, Wien, 2009, S. 225.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. ebd., S. 227.; Vgl. auch: Hart, 2013, S. 12.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. van Crefeld, Martin: Gesichter des Krieges, der Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute. München, 2009, S. 25.

[15] Vgl. Binder, Gerhart: Geschichte im Zeitalter der Weltkriege, Bd. 1. Stuttgart-Degerloch, 1977, S. 132.; Der Sieg über Frankreich als erstes Kriegsziel wurde dann von Moltke d.J. 1913 konkret festgelegt, da man von der französischen Verwaltungsorganisation, der französischen Eisenbahn und der generell kleineren Fläche Frankreichs mehr eine Gefahr sah als vor der Russischen. Vgl.: Crefeld, 2009, S. 48.

[16] Vgl. Müller, 2009, S. 205.; Vgl. auch: Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4. München, 2008, S. 8 f.

[17] Ehlert; Epkenhans; Groß, 2006. S. 9.

[18] Vgl. Wallach, Jehuda L.: Das Dogma der Vernichtungsschlacht, die Lehren von Clausewitz und Schlieffen und ihre Wirkung in zwei Weltkriegen. Frankfurt a.M., 1967, S. 88; Vgl. auch: Kutz, Martin: Realitätsflucht und Aggression im deutschen Militär. Baden-Baden, 1990, S. 32 und 59f.

[19] Vgl. Kutz, 1990, S. 40.

[20] Vgl. Groß, Gerhard P.: There was a Schlieffen Plan, neue Quellen; in: Ehlert, Hans; Epkenhans, Michael; Groß, Gerhard P. (Hrsg.): Der Schlieffenplan, Analysen und Dokumente. Paderborn, München, Wien, Zürich, 2006, S. 147.

[21] Vgl. Groß, 2006, S. 156.

[22] Vgl. Binder, 1977, S. 132.

[23] Vgl. Kutz, 1990, S. 36.

[24] Vgl. Zuber, 2002, S. 142.

[25] Vgl. Zuber, 2011, S. 177.

[26] Vgl. Zuber, Terence: Inventing the Schlieffen Plan, German war planning 1871-1914. New York, 2002, S. 1.

[27] Vgl. Zuber, Terence: Der Mythos vom Schlieffenplan; in: Ehlert, Hans; Epkenhans, Michael; Groß, Gerhard P. (Hrsg.): Der Schlieffenplan, Analysen und Dokumente. Paderborn, München, Wien, Zürich, 2006, S. 56 f.

[28] Vgl. Groß, 2006, S. 141; Foley, Robert T.: Der Schlieffenplan, ein Aufmarschplan für den Krieg; in: in: Ehlert, Hans; Epkenhans, Michael; Groß, Gerhard P. (Hrsg.): Der Schlieffenplan, Analysen und Dokumente. Paderborn, München, Wien, Zürich, 2006, S. 105; Jäschke, Gotthard: "Schlieffenplan" und "Marneschlacht". Münster, 1969, S. 5; Keegan, John: The first world war. London, 1998, S. 35 ff.; Wallach, 1967, S. 93; Zuber, 2002, S. 138.

[29] Vgl. Zuber, 2011, S. 184.

[30] Vgl. Zuber, 2011, S. 178 und Zuber, 2006, S. 48.

[31] Vgl. Zuber, 2006, S. 60.

[32] Vgl. Foley, 2006, S. 107.

[33] Vgl. Groß, 2006, S. 135.

[34] Vgl. Milotat, 2002, S. 6.; Vgl. auch: Zuber, 2006, S. 47.

[35] Zitiert nach: Jäschke, 1969, S. 6.

[36] Vgl. Jäschke, 1969, S. 11.

[37] Vgl. Wallach, 1967, S. 131.

[38] Vgl. ebd., S. 144

[39] Vgl. Groß, 2006, S. 131 ff.

[40] Vgl. Zuber, 2006, S.

[41] Vgl. Hart, Peter: The great war. London, 2013, S. 14; Vgl. auch: Henin, 2012, S. 371 und Mombauer, Annika: Der Moltkeplan, Modifikation des Schlieffenplans bei gleichen Zielen?; in: Ehlert, Hans; Epkenhans, Michael; Groß, Gerhard P. (Hrsg.): Der Schlieffenplan, Analysen und Dokumente. Paderborn, München, Wien, Zürich, 2006, S. 80.

[42] Vgl. Keegan, 1998, S. 40.

[43] Vgl. Wallach, 1967, S. 136.

[44] Vgl. ebd.

[45] Vgl. Henin, 2012, S. 375; Vgl. auch: Zuber, 2006, S. 67 und Groß, 2006, S. 140.

[46] Vgl. Mombauer, 2006, S. 89 ff.

[47] Vgl. ebd., S. 82 ff.

[48] Vgl. Zuber, 2011, S. 184.

[49] Vgl. Groß, 2006, S. 159.

[50] Henin, 2011, S. 343.

[51] Vgl. Wallach, 1969, S. 99.

[52] Vgl. Groß, 2006, S. 121.

[53] Vgl. Henin, 2012, S. 343.

[54] Vgl. Jäschke, 1969, S. 3.

[55] Vgl. ebd.

[56] Vgl. Zuber, 2006, S. 62 und Zuber, 2002, S. 265.

[57] Vgl. Müller, 2009, S. 221.

[58] Vgl. Keegan, 1998, S. 115.

[59] Vgl. Wallach, 1967, S. 167. und Henin, 2012, S. 362.

[60] Vgl. Milotat, 2000, S. 13

[61] Vgl. Storz, 2006, S. 186.

[62] Vgl. Milotat, 2000, S. 21 f.

[63] Vgl. Müller, 2009, S. 224.

[64] Vgl. Storz, 2006, S. 175.

[65] Vgl. Storz, 2006, S. 175.

[66] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Schlieffenplan und sein Scheitern
Untertitel
Strategische, operative und taktische Gründe
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar "Der 1. Weltkrieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V275382
ISBN (eBook)
9783656680659
ISBN (Buch)
9783656680635
Dateigröße
878 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schlieffenplan, scheitern, strategische, gründe
Arbeit zitieren
Matthias Gottschalk (Autor), 2014, Der Schlieffenplan und sein Scheitern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275382

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