Katastrophenbewältigung durch Privatunternehmen nach Hurricane Katrina


Seminararbeit, 2010
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Warum Wal-Mart so wichtig wurde – Das Versagen der Regierungen

3. Fallbeispiel Wal-Mart
3.1 Gründe für Wal-Marts Eingreifen
3.1.1 Erfahrungen und Voraussetzungen nutzen um Betroffenen zu
helfen
3.1.2 Verluste begrenzen und Profite sichern
3.1.3 Imagekrise bewältigen

4. Lehren für die Organisation zukünftiger Katastrophenbewältigung

5. Fazit

1 Einleitung

“If ‘the American government would have responded like Wal-Mart has responded, we wouldn't be in this crisis.’”[1] Ebenso wie Cliff Brumfield, Executive Vice President der Brookhaven-Lincoln County Chamber of Commerce[2], dessen Zitat der Titel der Hauarbeit ist, hat Aaron F. Broussard, Präsident von Jefferson Parish in New Orleans, im Interview bei Meet the Press auf dem U.S.-amerikanischen Fernsehsender NBC auf den Punkt gebracht, was viele dachten angesichts der katastrophalen Zustände, nachdem einer der schwersten Hurrikans der Geschichte der USA Ende August 2005 den Südosten der USA und vor allem New Orleans getroffen hatte[3]. Als unmittelbar nach Vorüberziehen es Hurrikans die Bilder von hunderttausenden Menschen, die in New Orleans ihr Zuhause verloren hatten und nun ohne Wasser, Nahrungsmittel oder Strom hilflos in der schwülen Hitze ausharren mussten, durch die Medien strömten, fragte man sich, wie solch ein Desaster in einem der fortschrittlichsten Länder der Welt passieren konnte. Offenbar waren die lokale, die Staats- sowie die Bundesregierung überfordert, sich auf einen Hurrikan in einem Gebiet vorzubereiten, in dem regelmäßig tropische Wirbelstürme auftauchen, von denen vereinzelte wie Hurrikan Camille (1969) bereits vorher verheerende Schäden angerichtet hatten.

Die Kritik an den Regierungen wurde sofort nach Katrina laut und zwang die Regierung schnell zu handeln um nicht völlig zu versagen. Als dann bekannt wurde, dass Wal-Mart Geld und Waren in Millionenhöhe gespendet und New Orleans versorgen konnte, so weit es die Ressourcen zuließen, kamen schnell Vergleiche zu den Hilfsleistungen vor allem der Bundesregierung und der Arbeit der Federal Emergency Management Agency (FEMA) auf. Die Tatsache, dass Handelskonzerne wie Wal-Mart, Home Depot oder Lowe’s fähig waren, Geld dort zu investieren und Güter dort bereitzustellen, wo es nötig war, beweist, dass die Regierung nicht vor einer unlösbaren Ausgabe stand, sondern diese nicht genügend ernst genommen hat und dadurch die Lage vor und nach Katrina falsch eingeschätzt hat. Wal-Mart dagegen konnte so exzellent reagieren, weil das Handeln vor und nach Katrina auf der täglichen Arbeit des Unternehmens beruht – der effizienten Koordination, Logistik und Distribution um schnell sichtbare Ergebnisse zu erreichen. Dabei Wal-Mart jedoch auch den Anreiz den Verlust des Marktes im Katrina-Gebiet so gering wie möglich zu halten und das eigene angeschlagene Unternehmensbild zu verbessern. Trotzdem kann man das vorbildliche Verhalten der Führungsschicht von Wal-Mart für die Zukunft nutzen um Verantwortung, die momentan bei den Regierungen liegt, an Institutionen abzugeben, die für solche Fälle bessere Ressourcen und ein besseres Management haben.

In den folgenden Abschnitten soll die Leistung von Großkonzernen am Beispiel von Wal-Mart bei der Reaktion auf Hurrikan Katrina erörtert werden. Es gab zwar auch andere Unternehmen, wie Target Corp., Home Depot oder Lowe’s, die vorbildliche Hilfe für die Opfer von Katrina leisteten[4], jedoch war Wal-Marts Einfluss dabei am größten und daher am ausführlichsten in den Medien diskutiert. Dabei sollen zunächst einige Fehlhandlungen der Regierungen aufgezeigt werden, die die Notwendigkeit der Hilfe von Wal-Mart noch essentieller gemacht haben. Natürlich sind die Gründe für die Ausmaße des Desasters nach Katrina viel komplexer als die ausgewählten Fehleinschätzungen der Regierungen und beziehen geografische und sozioökonomische Strukturen sowie kulturelle Eigenheiten mit ein. Vielmehr sollen hier nur einige Ursachen genannt werden, deren Vermeidung die Effektivität der Regierung bei der Bekämpfung der Nachwirkungen von Katrina gesteigert hätten. Außerdem dienen diese Beispiele als Vergleich mit Wal-Mart, dessen Führung solche Fehler nicht begangen hat und können als Basis für eine Neustrukturierung der Katastrophenvor- und nachsorge genutzt werden. Im Anschluss wird das Fallbeispiel von Wal-Mart genauer untersucht. Um einen Überblick zu bekommen, werden zunächst Zahlen und Fakten zu Wal-Marts Hilfsleistungen genannt. Darauf aufbauend werden die Gründe für die Hilfe ausgearbeitet. Dazu gehören die ausgezeichneten logistischen Voraussetzungen um humanitäre Hilfe zu leisten, aber auch Imageverbesserung und Sicherung der Marktanteile im Hurrikangebiet. Zum Abschluss werden dann einige Vorschläge erläutert, wie man die Geschehnisse rund um Katrina nutzen kann um Kompetenzen bei der Katastrophenhilfe umzuverteilen und so effektivere Unterstützung und Fürsorge für betroffene Gebiete leisten zu können.

2 Warum Wal-Mart so wichtig wurde – Das Versagen der Regierungen

In den USA sind die Aufgaben bei der Katastrophenbewältigung auf die verschiedenen Regierungsebenen aufgeteilt. Grundsätzlich sind die lokalen Regierungen wie Städte, Gemeinden oder Counties selbst verantwortlich, da Katastrophen sich auch lokal abspielen und die örtlichen Verantwortlichen am genausten wissen, wo Hilfsleistungen am dringendsten benötigt werden. Wenn die Ressourcen auf lokaler Ebene nicht ausreichen, können die Einzelstaaten herangezogen werden, dessen Gouverneure wiederum andere Staaten um Hilfe bitten können. Nur, wenn durch die Einzelstaaten Hilfe von der Bundesregierung angefordert wird, wird das Department of Homeland Security (DHS) eingeschaltet, dem die Behörde FEMA, die nationale Koordinationsstelle für Katastrophen, untersteht. Im National Response Plan des DHS ist festgelegt, welche Maßnahmen welche Ebene im Katastrophenfall übernimmt, jedoch wurde ein besonderer Abschnitt dieses Planes nicht in die Tat umgesetzt, obwohl es möglich gewesen wäre. Der Catastrophic Incident Annex erlaubt es der Bundesregierung nach Zustimmung des Secretary of Homeland Security[5] die lokale und Einzelstaatsregierung zu umgehen und sofort zu handeln. Im Falle Katrina wurde diese Möglichkeit aber nicht in Betracht gezogen und stattdessen langwierig darüber diskutiert, welche staatlichen Hilfen Louisiana beispielsweise annehmen würde. Bei einem Hurrikan, der sich in wenigen Tagen aufbaut, in der Stärke ändert und in kürzester Zeit ein großes Gebiet zerstört, können lange Absprachen und Machtspiele zwischen Bund und Einzelstaat über Entscheidungsgewalten aber Leben kosten und sind daher inakzeptabel. Aus diesem Grund hat es drei Tage gedauert bis die Hilfsleistungen und die Evakuierung durch die Regierung beginnen konnten. Wie später deutlich wird, waren zu diesem Zeitpunkt Güter, die von Wal-Mart bereit gestellt wurden schon erhältlich und konnten so die Fehlleistungen durch die Regierung etwas ausgleichen.[6]

Es ist offensichtlich, dass die bürokratischen Hürden, die die Regierungen nehmen müssen, die Katastrophenbewältigung stark beeinflussen und verlangsamen. Eigentlich sollten jedoch gerade in einem Fall wie dem eines Hurrikans, wenn jede Zeitverzögerung Menschenleben kosten kann, die Kompetenzen klar verteilt sein und die Kommunikation reibungslos Funktionieren. Besonders FEMA konnte nicht schnell und ohne Umwege reagieren, da von oberster Stelle, zu jenem Zeitpunkt von Direktor Michael D. Brown, angeordnet wurde, dass es keine Notfallversorgung im Hurrikan Katrina geben würde „without being requested and lawfully dispatched by state and local authorities under mutual aid agreements and the Emergency Management Assistance Compact“[7]. Brown bestand darauf, jede Versorgung so genau wie möglich zu koordinieren, weil er der Meinung war, dass dies in so einem komplexen Katastrophenfall notwendig sei und behinderte dadurch die Einsetzung von Hilfskräften aus dem gesamten Land. Hinzu kommt, dass der Konflikt zwischen der Regierung und dem privaten Sektor dazu geführt hat, dass Hilfsleistungen abgelehnt wurde. So gab es einen Zwischenfall bei dem FEMA drei LKW-Ladungen mit Gütern von Wal-Mart abgelehnt haben, weil FEMA behauptete diese nicht zu benötigen.[8] Stattdessen wollte FEMA tatsächlich auf seinen Kompetenzen beharren, für die Katastrophen-koordination verantwortlich zu sein und nichts anzunehmen, was nicht vorher angefordert wurde. Statt sich zuerst um die Katastrophenbewältigung zu sorgen und gesetzliche Unklarheiten im Nachhinein zu klären, wollte sich FEMA strikt an alle Vorschriften halten , bevor es zum Handeln kommt, und hat damit Menschenleben riskiert und gefordert.[9]

Neben den Schwierigkeiten der Bürokratie und Koordination, die offensichtlich auf den Ernstfall nicht eingestellt sind, hat vor allem die Bundesregierung unter Bush vorzugsweise Investitionen getätigt, die der Regierung nutzten, aber die Katastrophenhilfe nur in geringem Maße unterstützten. Zum einen beauftragte FEMA im Juni 2004 die private Beratungsfirma für Katastrophen- und Heimatschutz Innovative Emergency Management (IEM) für $500 000 einen Katastrophenplan für den Fall eines Hurrikans im Gebiet Louisiana und besonders New Orleans zu entwickeln. Da man so viele Experten wie möglich in den Plan involvieren wollte um für jeden Fall gewappnet zu sein, stiegen die Kosten für FEMA letztendlich auf $1 Millionen. Obwohl der Southeast Louisiana Catastrophic Hurricane Functional Plan der FEMA im September 2004 von IEM vorgelegt wurde[10], wurden Monate danach noch keine Maßnahmen getroffen, um dem Plan gerecht werden zu können. Der Grund dafür ist, dass nach den horrenden Kosten für die Fertigstellung des Plans kein Geld für die Umsetzung zur Verfügung stand. Unter Präsident Bush wurden Ausgaben für den öffentlichen Sektor stark gekürzt, während private Unternehmen mit Beziehungen zur Bush-Regierung überbezahlt wurden und so eine „richly funded corporate infrastructure“[11] entstand. Anstatt in die Vorsorge zu investieren, vergab Bush laut Naomi Klein für den Wiederaufbau wiederum Aufträge ohne öffentliche Ausschreibung an private Firmen, die schon am Wiederaufbau im Irak beteiligt waren. Diese Firmen wurden viel zu hoch bezahlt und haben ihre Arbeit meist sehr schlecht ausgeführt, nahmen aber Rückzahlungen in Form von Wahlkampfspenden vor und wurden deshalb in den Wiederaufbau einbezogen.[12] Offenbar hat die Bundesregierung die Lage vor und nach Eintreffen des Sturms falsch eingeschätzt, wollte aber im Nachhinein selbst noch Parteispenden einstreichen, während die Betroffenen unter der fehlender Bereitschaft zur Vorsorge durch die Regierung leiden musste. Ungerechtfertigte und verschwenderische Ausgaben, die so getätigt wurden, würde ein profit- und damit ergebnisorientiertes Unternehmen wie Wal-Mart nicht tätigen. Im Gegensatz zur Regierung verfolgen Unternehmen ihre Transaktionen genau und achten darauf, dass Geld dort investiert wird, wo es nötig ist und möglichst effektive Ergebnisse erzielt werden[13].

[...]


[1] Barbaro und Gillis, 6. September 2005

[2] Dies ist die Handelskammer des Brookhaven-Lincoln County im Südwesten des Staates Mississippi, welches auch von Hurrikan Katrina getroffen wurde; vgl. www.brookhavenchamber.com sowie Barbaro und Gillis, 6. September 2005.

[3] Barbaro und Gillis, 6. September 2005

[4] Bhatnagar 31. August 2005

[5] Zum Zeitpunkt von Hurrikan Katrina war der Republikaner Michael B. Chertoff in dieser Position.

[6] Für weitere Details vgl. Strohm, 18. Oktober 2005

[7] Federal Emergency Management Agency, 29. August 2005

[8] Murphy hat FEMAs Ablehnung von Hilfsleistungen aus privater und öffentlicher Hand folgendermaßen zusammengefasst: „FEMA officials rejected trucks of supplies from Wal-Mart, prevented the Red Cross from delivering food, turned back a 500-boat citizen flotilla that wished to help with evacuation, turned down offers of generators, refused the Coast Guard’s efforts to deliver diesel fuel, and, incredibly, actually sent out an alert to first responders nationwide telling them not to respond to the disaster (unfolding on TV) until specifically requested through the appropriate channels.“; siehe Murphy, Dezember 2005

[9] Für ausführliche Details zur Kritik an der Kommunikation zwischen den Regierungsebenen und an der verzögerten Arbeit von FEMA siehe: Shane, 5. September 2005

[10] Eine Zeitachse zu den Vorbereitungen auf Katrina mit Quellenangaben sind bei History Commons unter Hurricane Katrina: Emergency Preparedness/Response Plans zu finden.

[11] Klein 2007: S. 409

[12] Vgl. Klein 2007, S. 408-412 und Pitzke, 20.10.2005 für nähere Ausführungen zur oftmals kritisierten Vergabepraxis von Wiederaufbauaufträgen in den von Katrina betroffenen Gebieten.

[13] Vgl. Thierny, 20.September 2005

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Katastrophenbewältigung durch Privatunternehmen nach Hurricane Katrina
Hochschule
Freie Universität Berlin  (John-F.-Kennedy-Institut)
Veranstaltung
Lessons learned? Hurrikan Katrina als Beispiel für gescheitertes Katastrophenmanagement
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V275480
ISBN (eBook)
9783656681946
ISBN (Buch)
9783656682097
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
katastrophenbewältigung, privatunternehmen, hurricane, katrina
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Sophia Schulze (Autor), 2010, Katastrophenbewältigung durch Privatunternehmen nach Hurricane Katrina, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275480

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