Angestoßen durch den Artikel von Matthias Stolz mit dem Titel „Generation Praktikum“ wurde das Thema mehrfach diskutiert; wie schlecht und unbefriedigend die Situation der Praktikanten
sei. Zwar sorgte der Artikel in der Zeitung „Die Zeit“ für viel aufsehen, stützte sich allerdings nur auf Erfahrungen und des Autor und nicht auf repräsentative Empirie.
Erneut aufgegriffen wird das Thema Praktikum im Rahmen dieser Arbeit, da nunmehr valide empirische Studien zu diesem Thema durchgeführt werden und eine wissenschaftliche Betrachtung des Themas ermöglichen. Studien des Deutschen Gewerkschaftsbundes sowie der Hochschulinformationssysteme GmbH beschäftigen sich mit dem Thema Praktikum und einer
Messung der Entwicklung dieser Beschäftigungsform.
Fokus dieser Arbeit ist die Betrachtung von postgraduellen Praktika, welche in unmittelbarem Anschluss an einen berufsqualifizierenden Studienabschluss erfolgen. So zeigte die Studie der DGB Jugend, dass 38 % der Studienabsolventen vor dem richtigen Berufseinstieg ein oder mehrere Praktika absolvieren, welche zwar den Klebeeffekt herbeiführen sollen, aber oftmals von kurzfristigen Arbeitseinsätzen und sozialer sowie finanzieller Unsicherheit geprägt sind.
Bezugnehmend auf die im Artikel von Matthias Stolz aufgeführten Vorurteile soll eruiert werden, ob es sich bei dieser Form von Praktika um prekäre Beschäftigungsverhältnisse
handelt.
Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst der Begriff der prekären Beschäftigung anhand des Rückgriffs auf Fachliteratur definiert und erörtert werden. Die anschließende Definition der
Merkmale von postgraduellen Praktika spezifiziert genauer, welche Merkmale für den Betrachtungsbereich des postgraduellen Praktika wichtig sind und nimmt hierbei Bezug auf die aus den verschiedenen durch die Studien gewonnen Erkenntnisse. Basis für die Beantwortung der Forschungsfrage, ob postgraduelle Praktika zu prekären Beschäftigungsverhältnissen
gezählt werden können bietet der Abgleich der theoretischen Grundlage sowie der Studienergebnisse aus den voran gegangenen Teilen. Entsprechend der Ergebnisse soll erläutert
werden, welche Bedingungen zur Prekarität von postgraduellen Praktika führen und wie diese künftighin vermieden werden können.
Gliederung
1. Prekäre Beschäftigung
2. Postgraduelle Praktika
3. Postgraduelle Praktika als prekäre Beschäftigungsverhältnisse
4. Diskussion des Ergebnisses
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Basis vorhandener empirischer Studien, ob postgraduelle Praktika, die im unmittelbaren Anschluss an ein Studium absolviert werden, als prekäre Beschäftigungsverhältnisse eingestuft werden können, und identifiziert Bedingungen, die zu einer solchen Prekarität führen.
- Definition und Merkmale prekärer Beschäftigungsverhältnisse nach Gerry Rodgers
- Analyse des Phänomens "Generation Praktikum" und postgradueller Praktika
- Gegenüberstellung theoretischer Prekaritätsmerkmale mit aktuellen Studienergebnissen
- Untersuchung der Arbeitsbedingungen und der sozialen Unsicherheit von Praktikanten
- Diskussion politischer Forderungen und möglicher Lösungsansätze zur Vermeidung von Prekarität
Auszug aus dem Buch
1. Prekäre Beschäftigung
Prekär bedeutet „durch Bitten erlangt; widerruflich; unsicher, heikel“.3 Prekäre Beschäftigung ist durch diese Merkmale gekennzeichnet. Betrachtet man die einzelnen Merkmale und wendet diese auf Beschäftigungsverhältnisse an wird deutlich, dass es sich um Positionen handeln kann, welche erst aufgrund der Nachfrage entstanden sind, nicht auf Dauer angelegt und daher keine Sicherheit für den Arbeitnehmer bieten können. Auch die Internationale Arbeitsorganisation – International Labour Organisation greift die oben genannten Punkte in Ihrer Definition auf und ergänzt diese durch die mangelnde Möglichkeit die eigene Arbeitssituation zu gestalten.
Arbeitsverhältnisse dergestalt erschweren es zudem, eine dauerhafte Planung zu verfolgen, im Berufs- oder Privatleben. Gerry Rodgers bündelte diese Eigenschaften und definierte für prekäre Beschäftigungsverhältnisse folgende Merkmale:
- Mangelnde Arbeitsplatzsicherheit
- Geringe Möglichkeit der Einflussnahme auf die Arbeitssituation und die Integration im Betrieb
- Ungenügende rechtliche Vorschriften in Bezug auf das Arbeitsverhältnis
- Einkommenshöhen welche eine Existenz Sicherung nicht gewährleisten können.4
Diese Besonderheiten sind allerdings nicht ausschließlich auf prekäre Beschäftigungsverhältnisse anwendbar. Um die Beschäftigungsverhältnisse als prekär bezeichnen zu können, muss zudem der Lebensumstand betrachtet werden, in welcher sich die Erwerbstätigen befinden. Erst wenn die Maßgabe erfüllt ist, dass sie sich mangels Alternativen und aus einer Zwangssituation heraus in das Beschäftigungsverhältnis begeben haben, kann von prekärer Beschäftigung gesprochen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Prekäre Beschäftigung: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Prekarität anhand der Kriterien von Gerry Rodgers und stellt die Merkmale mangelnder Arbeitsplatzsicherheit und unzureichender Entlohnung dar.
2. Postgraduelle Praktika: Hier wird der Status quo postgradueller Praktika analysiert, insbesondere deren Bedeutung für den Übergang vom Studium in den Beruf sowie die damit verbundenen Erwartungen und Qualifizierungsaspekte.
3. Postgraduelle Praktika als prekäre Beschäftigungsverhältnisse: In diesem Kapitel werden theoretische Kriterien der Prekarität mit den vorliegenden Studienergebnissen zu postgraduellen Praktika abgeglichen, um den Grad der Prekarität zu bestimmen.
4. Diskussion des Ergebnisses: Das Kapitel reflektiert die Grenzen der Datenlage und erörtert, warum eine pauschale Zuordnung aller postgraduellen Praktika zu prekärer Beschäftigung schwierig ist.
5. Fazit und Ausblick: Abschließend werden politische Forderungen diskutiert, wie die Arbeitsbedingungen für Absolventen verbessert und ausbeuterische Praktika vermieden werden können.
Schlüsselwörter
Prekäre Beschäftigung, postgraduelle Praktika, Generation Praktikum, Arbeitsmarkt, Studienabsolventen, Prekarität, Arbeitsplatzsicherheit, Existenzminimum, DGB, Hochschulinformationssystem, Berufseinstieg, Arbeitsbedingungen, Mindestvergütung, Arbeitsrecht, Qualifizierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Arbeitsbedingungen von Absolventen, die nach ihrem Studium Praktika absolvieren, und prüft, ob diese als prekäre Beschäftigungsverhältnisse einzustufen sind.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind prekäre Beschäftigung nach internationalem Standard, die Situation der "Generation Praktikum" sowie die Qualität und rechtliche Einordnung von postgraduellen Praktika.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, auf Basis wissenschaftlicher Studien zu eruieren, ob postgraduelle Praktika die Kriterien der Prekarität erfüllen, und Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Einstiegssituation zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie einem Abgleich theoretischer Prekaritätsmerkmale mit vorliegenden empirischen Studienergebnissen von Institutionen wie dem DGB und der HIS.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Herleitung prekärer Beschäftigung, die empirische Analyse postgradueller Praktika und die kritische Diskussion der Ergebnisse hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Prekarität, postgraduelle Praktika, Arbeitsplatzsicherheit, Mindestvergütung und der Übergang vom Studium in ein reguläres Arbeitsverhältnis.
Warum sind postgraduelle Praktika oft mit Unsicherheit verbunden?
Laut der Studie sind diese Praktika häufig durch kurzfristige Arbeitsverträge, eine Vergütung unter dem Existenzminimum und fehlende Anschlussmöglichkeiten in ein festes Arbeitsverhältnis geprägt.
Welche Rolle spielt der DGB in der Diskussion um Praktika?
Der DGB fordert Gütekriterien für Praktika, um die Ausnutzung von Akademikern zu verhindern, und tritt für die Umwandlung von Praktika nach dem Studium in reguläre Einstiegsprogramme mit Mindestlohn ein.
- Quote paper
- Anne Scheid (Author), 2014, Postgraduelle Praktika als Form prekärer Beschäftigung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275485