Die im Seminar untersuchte musikalische Epoche ist mir – wahrscheinlich auch durch mein Blockflötenstudium bedingt – nicht ganz so vertraut wie die Barockzeit oder die Musik des 20.
Jahrhunderts. Innerhalb dieser Epoche schien mir bisher immer Schubert näher zu liegen als Beethoven, da ich noch lebhafte Erinnerungen an die Behandlung der Winterreise während meiner
Abiturzeit habe und mir damals die über Hans Zenders Interpretation vermittelte Idee der „historischen Ohren“ eine Art Offenbarung war. Von Beethoven als Liederkomponisten wusste ich nur, dass oft gesagt wird, er verstünde es weniger gut, gesanglich-sängerisch zu komponieren. Von diesem Beethovenlied wurde ich durch den Titel sofort angesprochen. Es ist auch der Titel eines Bildes von Francisco de Goya, das bei mir zu Hause hängt. Was mich an dem Motiv so
fasziniert, ist die Ambivalenz, die es ausstrahlt: Da ist zwar einerseits der unverkennbar niederzwingende Gestus der Resignation, andererseits verströmt es aber auch eine große innere Ruhe, die völlig frei von Schmerz zu sein scheint. Ich war neugierig, ob ich etwas davon auch in Beethovens Lied finden würde oder ob er „Resignation“ ganz anders interpretiert.
Bei der Analyse habe ich versucht, erst einmal meine eigenen Eindrücke zu Papier zu bringen, bevor ich mich mit der vorhandenen Literatur zu diesem Stück beschäftigt habe. Einige Dinge, die mir auffällig erschienen, müssen für Menschen, die sich schon länger mit Beethoven beschäftigen, nicht zwingend auffallend sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erste Annäherung
3. Das Gedicht von Paul Graf von Haugwitz
4. Musikalische Analyse – Die Vertonung Beethovens
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das Lied „Resignation“ (WoO 149) von Ludwig van Beethoven auf Basis einer musikalischen Analyse tiefergehend zu durchdringen. Dabei wird untersucht, wie Beethoven die poetische Vorlage von Paul Graf von Haugwitz durch spezifische kompositorische Mittel interpretiert und welchen Ausdruck er den im Text angelegten Themen von Verlust, Ohnmacht und psychologischer Ambivalenz verleiht.
- Analyse der Bedeutung des Begriffs „Resignation“ in historischem und lyrischem Kontext.
- Untersuchung des Gedichttextes von Paul Graf von Haugwitz hinsichtlich Metrik und Sprachakzent.
- Musikalische Analyse der Komposition, insbesondere in Bezug auf Takt, Dynamik und Tonartwahl.
- Untersuchung der strukturellen Gestaltung (z. B. Reprise, Metrik-Variationen) durch Beethoven.
- Vergleich der Beethovenschen Vertonung mit interpretatorischen Erwartungen an den Titel.
Auszug aus dem Buch
4. Musikalische Analyse – Die Vertonung Beethovens
Als Sing- bzw. Spielanweisung schreibt Beethoven: „In gehender Bewegung, ♪ = 76 M.M., Mit Empfindung, jedoch entschlossen, wohl akzentuiert und sprechend vorgetragen“. Ich vermute, dass diese für die Kürze des Liedes ausführliche Anweisung für Beethoven eher untypisch ist. Wie bei vielen seiner Werke hat er verschiedene Skizzen dazu angefertigt, bevor er es veröffentlichen ließ.
In Tempo und Tonart widerspricht Beethoven den Erwartungen, die man nach heutiger Lesart des Titels an das Lied haben könnte. Weder hat er ein langsames Tempo gewählt (Metronomzahl und Taktangabe 3/8 sprechen für ein eher rasches Tempo. Auch das Wort „entschlossen“ aus der Anweisung würde nicht gut zu einem „grabesschweren“ Tempo passen.), noch steht die Tonart für übergroße Trauer, es ist noch nicht einmal Moll! Beethoven wählt D-Dur, die Tonart, die für „Feierlichkeit“ steht, aber bei Beethoven oft auch „lieblich, ländlich, pastoral“ wirkt. Wie das? Wieso wird eine eher traurige lyrische Anlage in einen „ländlichen Tanz“ verwandelt? Beim Anhören des Liedes „stolperte“ ich oft in der Mitte der zweiten „Strophe“ (T 24), ich wurde regelrecht „aus dem Takt“ gebracht, und bemerkte, dass eigentlich das gesamte Lied bei mir kein wirkliches Dreier-Takt-Gefühl aufkommen ließ. Alles schien irgendwie „ver - rückt“, aus den Fugen geraten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Autorin legt ihre persönliche Motivation für die Analyse dar, die durch das Blockflötenstudium und eine Faszination für das Goya-Bild „La Resignacion“ sowie Beethovens Lieder geprägt ist.
2. Erste Annäherung: Hier wird der Begriff „Resignation“ begriffsgeschichtlich hergeleitet und als Haltung des Sichfügens in eine unausweichliche Situation definiert, wobei die aktive Komponente hervorgehoben wird.
3. Das Gedicht von Paul Graf von Haugwitz: Dieses Kapitel beleuchtet die Biografie des Dichters und analysiert die Struktur, Metrik und Sprachrhythmik des Gedichts „Resignation“.
4. Musikalische Analyse – Die Vertonung Beethovens: Dieser Hauptteil analysiert Beethovens Komposition, insbesondere die Diskrepanz zwischen der düsteren Thematik und der gewählten D-Dur-Tonart, sowie die rhythmisch-metrische Gestaltung.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die Gattungseinordnung als „Anti-Lied“ und diskutiert Beethovens Lebenssituation während der Komposition als Ausdruck eines „ausharrenden Widerstands“.
Schlüsselwörter
Ludwig van Beethoven, Resignation, Paul Graf von Haugwitz, WoO 149, Musikalische Analyse, Liederkomposition, D-Dur, Metrik, Sprachakzent, Interpretation, Interpretation von Liedern, Musikwissenschaft, 19. Jahrhundert, Lyrik, Kompositionsanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der musikalischen Analyse des Liedes „Resignation“ (WoO 149) von Ludwig van Beethoven und untersucht die künstlerische Auseinandersetzung mit dem gleichnamigen Gedicht von Paul Graf von Haugwitz.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die Wort-Ton-Beziehung, die metrische Struktur des Liedes, die spezifische Tonartwahl Beethovens sowie die kulturhistorische Einordnung des Begriffs „Resignation“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Beethoven die Kürze und das Drängende der lyrischen Vorlage musikalisch gestaltet und warum die Vertonung von traditionellen Erwartungen an den Titel „Resignation“ abweicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine musikwissenschaftliche Analyse angewandt, die sowohl textanalytische Methoden (Metrik, Sprachakzent) als auch formale und harmonische Analysen der Komposition umfasst.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die detaillierte musikalische Analyse: Tempo, Taktart, Tonart, harmonische Verläufe, die Gestaltung der Singstimme und die Interaktion mit der Klavierbegleitung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Beethovens Lieder, Resignation, musikalische Analyse, Wort-Ton-Verhältnis, D-Dur und interpretatorische Auseinandersetzung charakterisiert.
Warum wählte Beethoven laut der Analyse die Tonart D-Dur für dieses Stück?
Die Analyse legt nahe, dass Beethoven D-Dur bewusst entgegen der Erwartung einer traurigen Moll-Tonart wählte, um das Stück nicht als bloß „grabesschwer“ zu interpretieren, sondern eine Spannung zwischen der lyrischen Anlage und einem fast „tänzerischen“ oder „pastoralen“ Charakter zu erzeugen.
Wie deutet die Autorin Beethovens musikalische Umsetzung der „Stolperstellen“?
Die Autorin interpretiert die metrischen Unregelmäßigkeiten und das bewusste Aus-dem-Takt-Geraten als Ausdruck eines inneren Zustands, in dem die Erkenntnis des Unausweichlichen zwar unterbewusst vorhanden, aber im Bewusstsein noch nicht vollständig verarbeitet ist.
Welches Fazit zieht die Arbeit bezüglich des Begriffs „Resignation“ bei Beethoven?
Das Fazit schlägt vor, Beethovens Ansatz nicht als bloße Kapitulation, sondern als „ausharrenden Widerstand“ zu verstehen – ein Weiterleben und Kämpfen trotz der Widrigkeiten des Lebens.
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- Juliane Kühne (Autor), 2014, „Resignation“ (WoO 149) von Ludwig van Beethoven. Eine musikalische Analyse, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275640