Das "Ur-Ei der Dichtung". Gattungs- und Methodenpotenziale des Balladenvortrags im Deutschunterricht


Seminararbeit, 2012
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Vorbemerkungen

2. Die Ballade im Deutschunterricht
2.1. Gattungsanalytisches Potenzial
2.2. Kontextualisierung
2.3. Literarisches Verstehen

3. Der Balladenvortrag
3.1. Verstehen durch Vortragen
3.2. Fachübergreifende Relevanz von Lese- und Vortragsstrategien
3.3. Der Balladenvortrag als Gegenstand einer produktionsorientierten Literaturdidaktik

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

6. Digitale Ressourcen

7. Anhang

1. Vorbemerkungen

Im März 2012 absolvierte ich mein Unterrichtspraktikum Deutsch an einer Schule in Dresden. Die Unterrichtsstunde, die der Ausgangspunkt folgender Reflexionen sein soll, hielt ich in einer siebenten Klasse des Mittelschulzweigs der Schule. Thematisch war die Doppelstunde eingebettet in das Thema „Ballade“, wobei sie die Unterrichtsreihe einleiten sollte. Der Stunde vorausgegangen waren Deutschstunden, in denen die Schüler[1] Prosa- und Reimfabeln behandelt und einige Schüler die Texte ihrer Wahl in einem Stuhlkreis auswendig vorgetragen oder nacherzählt hatten. Ich erlebte viele Schüler, für die es ganz offensichtlich ein Grauen war, selbst in dieser entspannten Situation ihren Text vorzutragen. Für wenige schien es ein wirkliches Vergnügen zu sein, den Zuhörern ihren Text näherzubringen. Einige wenige Schüler hatten über die übliche Nervosität hinausgehende gravierende Schwierigkeiten, ihren Text zu behalten, mussten sich oft vorsagen lassen und machten wirklich den Eindruck, mit der Situation hilflos überfordert zu sein.

Der Druck, den Text fehlerlos auswendig vorzutragen, war in meinen Augen der wichtigste Grund, dass der Vortrag von den Kindern nicht als spielerische und experimentelle Ausdeutung des Textes empfunden wurde. An diese Beobachtung knüpfte ich meine Überlegungen zur Planung meiner Stunde zur Ballade an, die primär auf den methodischen Aspekt des Balladenvortrags abzielen sollte. Meine Intention war, den Schülern Möglichkeiten aufzuzeigen, die ihnen den Prozess des Textauswendiglernens erleichtern können. Dies entspricht m.E. auch den Anforderungen eines alltagsbezogenen Unterrichts, der auf die Pragmatik realistischer Zukunftssituationen Bezug nimmt. Und da man in praktischen Vortragssituationen kaum auf Hilfsmittel verzichten muss , schien mir meine Absicht nur folgerichtig[2] Die Idee war, kleine Skizzen anzufertigen, die Schlüsselmomente des Textgeschehens visualisieren und als Stütze für den mündlichen Vortrag dienen können. Dies führte ich im Selbstversuch aus und ging danach im Unterricht folgendermaßen vor:

Nachdem ich kurz einleitete, dass sie in den nächsten Stunden eine neue Textsorte, die Ballade, kennenlernen werden, forderte ich die Schüler dazu auf, aufmerksam zuzuhören und zuzuschauen. Ich rezitierte die ersten drei Strophen von Schillers Ballade Der Handschuh und heftete parallel dazu die Skizzen auf A4-Blättern, die ich mir zur Unterstützung für den Vortrag erstellt hatte, an die Tafel. Nachdem die Kinder mein Vorgehen erkannt hatten, lasen sich die Schüler den Text jeder für sich allein durch und stellten im Anschluss Fragen nach unbekannten Wörtern, die sie sich durch den Kontext und im Austausch mit dem Plenum erschlossen. Im Anschluss daran teilte ich die Klasse in Dreier-Gruppen ein, gab jeder Gruppe einen Textabschnitt, so dass der gesamte Balladentext auf die Klasse verteilt war und dazu folgenden Arbeitsauftrag:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Am Ende der Stunde trugen dann die Gruppen ihren jeweiligen Textabschnitt vor und eine erste Annäherung an die Ballade durch den Vortrag wurde als Klassenleistung erarbeitet. Zum Abschluss der Stunde befragte ich die Schüler zu ihrem Befinden nach der Anwendung der Methode. Interessanterweise empfanden nicht wenige Schüler ihre Bildchen während des Vortrags als störend, bezeugten aber, dass diese Art der dem Vortrag vorhergehenden Auseinandersetzung mit dem Text sich generell positiv auf die Behaltensleistung auswirkte. Es war erfüllend, zu sehen, dass es einem Schüler, der mir durch seine außerordentlichen Schwierigkeiten beim Vortrag seiner Fabel aufgefallen war, sichtlich geholfen hat, eine visuelle Unterstützung für den mündlichen Vortrag zu haben und dass er diese auch während des Vortrags tatsächlich in Anspruch nahm. Besonders mit Blick auf jenen Schüler konnte ich also für die von mir erdachte Memorierstrategie einen Erfolg verbuchen.

Allerdings deutete bereits das Schüler-Feedback an, dass dem Prozess, den Text in visuelle Reize zu übersetzen, viel mehr als das Potenzial einer reinen Memorier-Technik innewohnt. Die anschließende Reflexion erschloss noch weitere Dimensionen, die sich durch die Unterrichtsstunde mit Blick auf den Gegenstand Balladenvortrag eröffnen. So soll dieser im Folgenden aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, wobei auch Aussichten auf einen Balladenunterricht gestellt werden, der sich anschließen könnte.

2. Die Ballade im Deutschunterricht

Warum, so könnte man fragen, muss die Ballade im Deutschunterricht behandelt werden? Unter dem Zwang thematischer Kategorisierung wird sie oft der Lyrik subsumiert, obwohl sie doch so etwas wie eine eigene Gattung darstellt. Es gibt neben Goethes berühmter Sicht auf die Ballade als ein „Ur-Ei der Dichtung“ und der damit gemeinten, gattungsästhetisch spannenden Symbiose der drei Gattungen Drama, Lyrik und Epik weitere Dimensionen, welche die Thematisierung der Ballade im Deutschunterricht lohnenswert machen. Allein dass der zeitgenössische Rap-Song die Traditionslinie der Ballade fortschreibt, ist m.E. Anlass dafür, die Textsorte Ballade im Deutschunterricht einem genaueren Blick zu unterziehen und Schülern bewusst zu machen, dass von ihnen tagtäglich rezipierte Textformate literarische Formen sind, deren Wurzeln in vermeintlich „veralteten“ Formen wie der Ballade nachgespürt werden können.[3] Aber auch viele Aspekte literarischen Lernens lassen sich an Balladentexten schulen.

2.1. Gattungsanalytisches Potenzial

Die von Spinner angedachte Entwicklung prototypischer Vorstellungen von Gattungen und Genres als Teilaspekt literarischen Lernens wird an Balladentexten im Deutschunterricht meiner Erfahrung nach meistens dadurch eingeleitet, dass der Lehrer zur Einleitung in das Thema Goethes Definition von der Ballade als „Ur-Ei der Dichtung“ erwähnt und dann vorgibt, dass in der Ballade eben noch alle drei Gattungen vereint sind. Ich habe weder in meinem eigenen Schulunterricht noch in den Stunden, in denen ich hospitierte, erlebt, dass die Kinder eigenaktiv dieses von Spinner angelegte prototypische Gattungswissen entwickelten. Spinner nennt diese Vorstellungsentwicklung zwar ein gattungsdidaktisches Problem, „da die meisten der tatsächlichen Texte nicht mit dem rigidem Merkmalskatalog übereinstimmen“ und die Gefahr besteht, dass die Besonderheiten des jeweiligen Texts nicht mehr wahrgenommen werden.[4] Dennoch bietet sich gerade Schillers Handschuh dafür an, als typisches Balladenbeispiel einen Ankerpunkt zur Orientierung in der literarischen Vielfalt darzustellen.[5]

Wie ich bereits unter 1. ausführte, verfolgte meine Stunde eine Zielsetzung, die zunächst die intensive Textarbeit und die Thematisierung von Gattungsmerkmalen nicht berücksichtigte. Für eine gesamte Einheit zur Ballade, in der auch eine prototypische Vorstellung von der Textsorte entwickelt werden soll, hätte man meinen Einstieg in das Thema etwas anders nutzen können, denn die in meiner Stunde angerissene Vorbereitung auf den Balladenvortrag birgt das Potenzial, die Besonderheiten von Balladentexten aufzuspüren.

Die von den Schülern angefertigten Skizzen ergeben eine Bilderfolge, mithilfe derer man, indem man sie an die Tafel heftet, verdeutlichen kann, dass der Balladentext – nicht umsonst auch als Erzählgedicht bezeichnet – eine Geschichte in einem Grade der Linearität und Ausführlichkeit erzählt, wie es in einem Gedicht typischerweise nicht geschieht. Zum Vergleich kann man ein Gedicht heranziehen und zeigen, dass sich beide Textsorten darin unterscheiden, dass das Gedicht noch viel intensiver mit Aussparungen arbeitet und sich dahingehend von der Epik absetzt, während die in der Ballade ausgeprägte Ereignishaftigkeit das „epische Handlungssubstrat“ deutlich nachweist.[6]

Über die Bilder kann möglicherweise auch bereits ein Gespräch darüber angeregt werden, was denn die dramatischen Elemente des Textes sind.[7] Wenn es die Bilder nicht hergeben, dann kann dies über die Thematisierung der sprachlichen Gestaltung des Textes geleistet werden, die im Rahmen der Vortragsvorbereitung stattfindet.[8] Die sprachliche Gestaltung des Textes aufmerksam wahrzunehmen ist von großer Bedeutung, wenn es darum geht, den Text für den mündlichen Vortrag aufzubereiten.[9] Das Sprachbewusstsein der Schüler wird angeregt, indem sie erkennen müssen, welche Hinweise für das Sprechen im Text bereits angelegt sind. Eine gewisse Sensibilität dafür, welche Strophen man, je nach den in ihr vorgestellten Geschehnissen oder Figuren, vielleicht leiser, lauter, langsamer oder schneller spricht, mag bei manchen Schülern unterbewusst vorhanden sein. Aber erst indem dieses Wissen explizit zur Diskussion gestellt wird, kann sich ein ausgeprägtes Bewusstsein für die sprachliche Gestaltung des Textes entwickeln. Beispielhaft könnten hierfür aus dem Handschuh der zweite und dritte Abschnitt herangezogen werden, in dem zunächst der Löwe und dann der Tiger aus dem Figurenrepertoire des Textes eingeführt werden. Mit den beiden Tierfiguren verbinden sich auch je verschiedene Attribute, welche die im Text vermittelte Stimmung maßgeblich färben. Da steht der Löwe „mit bedächtigem Schritt“, „stumm“ und „mit langem Gähnen“ dem Tiger gegenüber, der aus dem „behend“ geöffneten Tor „mit wildem Sprunge“ in die Arena „rennt“, laut brüllt und „mit dem Schweif einen furchtbaren Reif“ schlägt.[10] An diesen Stellen gibt der Text auf inhaltlicher Ebene bereits Hinweise darauf, wie das Sprechen sinnvoll organisiert werden kann, um mit dem Inhalt zu korrespondieren. Im Gegensatz zu dem „Löwen-Part“ müsste der Abschnitt über den Tiger schneller und lauter gesprochen werden, um die veränderte Stimmung eindrucksvoll zum Ausdruck zu bringen.

Über eine so genaue Arbeit am Text können die Schüler auch formale Merkmale untersuchen. Neben der Analyse der Reimstruktur können auch andere lyrische Elemente aufgedeckt werden. Man könnte die Kinder nach Satzstellungen suchen lassen, die für sie ungewohnt klingen. Die Ballade Der Handschuh bietet zahlreiche Beispiele daran: „Und wie er winkt mit dem Finger,/ Auf tut sich der weite Zwinger“, „Und herum im Kreis/ Von Mordsucht heiß“ und „aus der Ungeheuer Mitte“ sind nur einige Beispiele, welche für die lyrische Form der Ballade sprechen.[11] Eine solch explizite Sprachbetrachtung am Text kann auch die Einsicht in die Abweichung der literarischen von der alltagssprachlichen Ausdrucksweise vermitteln.[12]

Man könnte also zu Beginn durchaus Goethes Balladen-Bestimmung vorstellen und dann die Schüler dazu auffordern, diese Behauptung zu prüfen und nach Spuren von Epik, Dramatik und Lyrik im Balladentext zu suchen. Mit entsprechenden, eben dargelegten Impulsen zur Stütze und Steuerung dieser Suche könnten die Schüler grundlegende gattungstypische Vorstellungen entwickeln, um sie dann an anderen Balladenbeispielen zu überprüfen.[13]

2.2. Kontextualisierung

Indem die gattungsanalytische Arbeit wie oben beschrieben über die Ebene der sprachlichen Gestaltung organisiert wird, kann auch vermittelt werden, dass die Balladentexte gerade für den Vortrag verfasst worden sind. Wie in Gedichten auch, entfaltet sich die sorgfältige Komposition von Reimstruktur und Metrik der Balladentexte erst durch die klangliche Erfahrung im lauten Sprechen.

In Anlehnung an diese Erkenntnis lassen sich Fragen zum Produktions- und Rezeptionskontext anknüpfen, welche die Schüler in kleinen Recherche-Projekten bearbeiten könnten: Für wen könnte Schiller die Ballade geschrieben haben? An wen sollte sie sich richten? In welchem Rahmen könnte sie vorgetragen worden sein?

[...]


[1] An dieser Stelle wie auch im Folgenden sei darauf hingewiesen, dass aus Gründen der Vereinfachung im Singular und Plural lediglich die maskuline Form verwendet wird. Selbstverständlich sind immer auch die Schülerinnen gemeint.

[2] Erstens versprach dieses Thema, den Schülern nützlich zu werden, die noch eine Ballade zur Bewertung vortragen mussten. Zweitens erachte ich die explizite Thematisierung von Vortragsstrategien auch über den Deutschunterricht hinausgehend für sehr wichtig. Siehe Kap. 3.2.

[3] Vgl. Menzel, Wolfgang: Balladen in Text, Musik und szenischem Spiel. In: Praxis Deutsch. H. 169 (2001). S. 6 – 13. S. 8.

[4] Spinner: Literarisches Lernen 2006, S. 13.

[5] Vgl. Spinner: Literarisches Lernen 2006, S. 13.

[6] Köhnen, Ralph: Einführung in die Deutschdidaktik. Stuttgart/ Weimar 2011. S. 191 f. Man könnte die gleiche Methode der Visualisierung auch mit einem Gedicht probieren und würde möglicherweise merken, dass es viel schwieriger ist, dieses in eine solch logisch verknüpfte Bilderfolge zu übersetzen.

[7] Gerade an dieser Stelle mag es auch spannend sein, die Kinder zu befragen, was sie denn unter „dramatisch“ verstehen und davon entsprechend im Text wiederfinden.

[8] Siehe auch 3.1.

[9] Vgl. Spinner: Literarisches Lernen 2006, S. 8.

[10] Vgl. 6. Anhang: Friedrich Schiller: Der Handschuh. Digitale Version des Projekts Gutenberg-DE: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3352/75 <10.10.2012; 16:07>

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Spinner: Literarisches Lernen 2006, S. 8.

[13] Allerdings sollte man als Lehrer nicht versäumen, die Schüler darauf hinzuweisen, dass Gattungs- und Epochengrenzen „künstlich“ gezogen worden sind und die „typischen“ Merkmale nie immer und ausschließlich in allen Texten zu finden sind, um einem formelhaften Interpretationsverhalten schon früh vorzubeugen und die Kinder für die Besonderheiten jedes Textes sensibel und offen zu halten.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das "Ur-Ei der Dichtung". Gattungs- und Methodenpotenziale des Balladenvortrags im Deutschunterricht
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur - Fachdidaktik Deutsch)
Veranstaltung
Seminar: Nachbereitung Praktikum Deutsch
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V275647
ISBN (eBook)
9783656684749
ISBN (Buch)
9783656684756
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ballade, Memorierstrategien, Auswendiglernen, Balladenvortrag, visuelle Technik, Textvortrag, angstfreies Lernen, spielerisches Lernen, kreativer Literaturunterricht, Methodenvielfalt, Rhetorik, literarisches Lernen, poetisches Lernen
Arbeit zitieren
Thérèse Remus (Autor), 2012, Das "Ur-Ei der Dichtung". Gattungs- und Methodenpotenziale des Balladenvortrags im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275647

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