Öffentlicher Schein und privates Sein im Märe bei Heinrich Kaufringer


Studienarbeit, 2012
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Analyse der Mären auf öffentlichen und privaten Raum
2.1. Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar
2.1.1. Der Prolog
2.1.2. Die Rahmenhandlung
2.1.3. Die erste Binnenhandlung
2.1.4. Die zweite Binnenhandlung
2.1.5. Abschluss der Rahmenhandlung und Epilog
2.2. Bürgermeister und Königssohn

3. Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Öffentlichkeit“ und „privater Raum“ sind Begriffe, die in unserem Leben allgegenwärtig sind und unzählige Lebensbereiche deutlich beeinflussen. Unser ganzes Verhalten wird heutzutage von unserem Bewusstsein gesteuert, einer gewissen Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein und tritt man aus selbiger heraus, zieht man sich zumeist in den privaten Raum zurück, um dort unbeobachtet sein Verhalten ungefiltert auszuleben. So haben sich zwei verschiedene Verhaltensweisen nebeneinader entwickelt, die in den jeweiligen sozialen Räumen ihre Anwendung finden. Einmal in der „Öffentlichkeit“ und einmal im „privaten Raum“, in dem auch der Platz für „heimliche“ Handlungen ist, die vorsätzlich möglichst vor der Öffentlichkeit verborgen werden sollen. Dieser resultierende Widerspruch zwischen öffentlichem Schein und privatem Sein ist somit in nahezu allen Lebensbereichen zu finden.

Bei diesem Phänomen handelt es sich allerdings keineswegs nur um ein gegenwärtiges. Tatsächlich spielte dieses unterschiedliche Verhalten wohl schon seit Menschengedenken eine Rolle für die verschiedensten Gesellschaften. Doch nähert man sich allein schon der Begriffsgeschichte der beiden Wörter ‚öffentlich‘ und ‚privat‘, so stellt man fest, dass es für diese beiden Begriffe zu Zeiten des Mittelalters noch keine Wörter mit identischer Bedeutung gab.[1] Ein Zeugnis dafür liefern einige Mären eines gewissen Märendichters Heinrich Kaufringer, der sich unter anderem auch mit dem Verhalten seiner Protagonisten in öffentlichen Situationen gegenüber dem Verhalten im privaten Raum beschäftigt. Am deutlichsten setzt er sich damit im Märe „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“ auseinander, in dem er anhand von Ehepaaren und deren ehelichen Konflikten aufzeigt, wie es zu dem Widerspruch zwischen der Darstellung dieser Probleme für ihr Umfeld und dem Konfliktbewältigungsprozess innerhalb ihres privaten Raums kommt. Im Folgenden soll nun zuerst dieses Märe textnah genau auf die Darstellung dieses Problems untersucht werden und anhand von Textbelegen veranschaulicht werden. An diesem Arbeitsschritt soll dann anschließend der Konflikt von Öffentlichkeit und Privatheit im Verhalten Kaufringers Protagonisten noch in einem weiteren Märe, „Bürgermeister und Königssohn“, untersucht werden um schließlich zu einem Fazit in der Zusammenfassung der Ergebnisse aus der Analyse der Widersprüche zwischen öffentlichem Schein und privatem Sein zu kommen.

2. Analyse der Mären auf öffentlichen und privaten Raum

2.1. Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar

Das Märe Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar steht, wie die anderen Mären Kaufringers, in der einzigen überlieferten Handschrift von 1464, und seine Entstehungszeit wird Ende des 14. Jahrhunderts vermutet.[2]

Das Märe besteht aus einer Rahmenhandlung und zwei Binnengeschichten[3], die von einem Prolog und einem Epilog umfasst werden.

2.1.1. Der Prolog

Die Einführung besteht aus einem Sprichwort:

ain man und auch sein eweib

zwuo sel und ainen leib

süllen mit ainander haun.

was ir ainem wirt getaun,

es seie guot oder pein,

das sol in baiden gschehen sein.

si süllen also sein veraint,

was ir ains mit willen maint

und im ein wolgefallen ist,

so sol das ander ze der frist

auch sein gunst darzuo geben.

das haist wol ain raines leben

und ist ain rechte ee zwar (V. 3-15).[4]

In diesem wird der Idealzustand einer Ehe beschrieben, bei der Mann und Frau eine Vereinigung zu einem Leib eingehen. In diesem Ehebund soll absolute Einigkeit erreicht werden und mögliche Differenzen zwischen den Partnern soll dieser untergeordnet und toleriert werden[5]. Siobhán Groitl und Michaela Willers messen diesem Sprichwort gleich noch eine größere Bedeutung zu, indem sie seinen Ursprung aus Genesis 2,24 ableiten[6], womit dieser Einstieg in das Märe noch imposanter wirkt. Schon in diesen ersten Versen wird deutlich, welches Bild die Ehe abgeben muss und in welchem Einklang die Partner miteinander leben müssen um dieser Herausforderung gewachsen sein zu können. Da dies aber kaum der Fall sein kann, wirft dieser Prolog somit schon beinahe offensichtlich vorraus, was in der folgenden Handlung dann auch bestätigt wird. So ist dieses Sprichwort vielleicht als Beschreibung für den Idealzustand der Ehe zu sehen und nur dieser wird von der Öffentlichkeit als rechte ee (V. 15) angesehen, was die Ehepartner womöglich dazu treibt, aufkommende Konflikte in den privaten, von der Öffentlichkeit abgeschotteten Bereich, zu verlagern.

2.1.2. Die Rahmenhandlung

Zu Beginn der Rahmenhandlung wird nun der Protagonist des Märes vorgestellt. Es handelt sich um

[...] ain reicher burger;

der hett gros wird und er.

er was milt und hochgemuot

und was von geslächt gar guot.

er was frumm und tugentlich

und darzuo gar erentrich.

Er besitzt also alle Attribute, die einen wohlhabenen Stadtbürger auszeichnen, ja ihm kann durch die Auswahl von Begriffen aus der höfischen Literatur gar eine adelige Abstammung unterstellt werden[7]. Diesen Verdacht auf einen hohen Stand rechtfertigt er auch in seiner Außendarstellung, indem er kostlich lebt (V. 23) und sich einen Lebensstil der „ milte“ (vgl. V. 19 und 45) angeeignet hat. Diese Eigenschaft kann als ‚Freigibigkeit‘ oder ‚Verschwendung‘ übersetzt werden[8] und wird im Text zusätzlich hervorgehoben, da beschrieben wird, wie der Bürger die guoten gesellen (V. 25) zu sich einlädt und dies scheinbar des öfteren geschieht, da die gesellschaft mocht er nit enbern (V. 28). Seine Ehefrau wird eingeführt als

[...] gar ein säligs weib;

Die was im lieb sam sein leib.

Er und frumkeit hett sie vil

Und tugent oun endes zil (V. 29-32).

Zusätzlich zu der Liebe, die er ihr entgegen bringt, besitzt seine Frau auch noch einen außerordentlich guten Ruf in der ganzen Stadt (vgl. V. 52-56). Also entspricht die Ehe dieser beiden auf den ersten Blick dem im Prolog vorgestellten Eheideal.[9] Doch ein Konflikt besteht auch in dieser Ehe, denn die Frau besitzt noch eine weitere Eigenschaft, die Kaufringer als karkhait (V. 39) bezeichnet, die dem Mann vil pein (V. 34) bereitet. So betrachtet sie seine geselligen und freigebigen Feiern mit viel Missmut, da sie eine ‚sparsame‘ oder sogar ‚geizige‘[10] Ehegattin ist und bestraft ihren Mann anschließend für sein verschwenderisches Verhalten. In welcher Art und Weise dies geschieht verrät der Text nicht. Es wird nur beschrieben, dass dieser Umstand den man vil ser betruobt (vgl. V. 43). Hier taucht also zum ersten Mal ein Konflikt auf, der die Vorbildlichkeit der Ehe auf die Probe stellt. Der Erzähler räumt zwar gleich ein, dass diese Eigenschaft der Frau nicht wirklich einen Grund zum Tadeln liefert: das weib ich darumb nit schilt, / wann in andern sachen zwar / was si im gefölgig gar (V. 46-48) und er gibt auch gleich an, dass ja beide Partner ein Laster besitzen, welche sich gegenseitig aufheben könnten. Denn da wo sie ze karg ist, da ist er ze milt (vgl. V. 45). Kaufringer führt hier also einen neuen Charaktertyp einer Frau ein. Er verbindet in seinem Märe den Typus der ‚tugendhaften Frau‘ mit dem schwankhaften Charakter des ‚übelen wîp‘, die hier miteinander korrelieren. Den Charakterzug der ‚karkheit‘ schreibt man nicht unbedingt dem ‚übelen wîp‘ zu, was ein Indiz dafür ist, dass Kaufringer sich hier von den stereotypen Charakteren entfernt und dem Leser einen neuen Typus präsentiert.[11] Den Bürger quält jedoch diese Eigenschaft so sehr, dass er keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich auf die Suche nach dem perfekten Ehepaar zu machen und somit seine Ehebeziehung auf unbestimmte Zeit aufkündigt, da er keinen wandel bei seiner Frau sieht (vgl. V. 57 ff).

Ich will suochen und auch vinden

In aller der welt gemain

zwai wirtlüt frumm und auch rain,

die also seien veraint,

was ir ains will und maint,

das es sei des andern will

oun krieg und oun widerpill (V. 72-78).

Mit diesen Worten begründet der Bürger seine Entscheidung sich auf aubentür (V. 307) zu begeben. Hierbei finden wir wieder einen Hinweis auf die adelige Abstammung des Bürgers, der einem höfischen Vorbild folgt, da die sogenannte ‚ aventuire‘ von Adeligen im Artusroman ausgeübt wird.[12] Der Ritter, in diesem Fall der Bürger, achtet dabei streng auf sein Bild in der Öffentlichkeit, um seinen Ruf zu wahren und seine Familie standesgemäß zu repräsentieren. Der ganze eheliche Konflikt des Bürgers bleibt aber ausschließlich im privaten Raum der Ehe und von der Öffentlichkeit unbeobachtet. Um die vorbildliche Außendarstellung seiner Ehe zu wahren, gibt er auch nicht den wahren Grund an, sondern gibt vor auf koufmanschaft (V. 85) zu gehen, was durchaus ein plausibler Grund für einen Bürger seines Standes darstellte, die Ehegattin zu verlassen.[13] Im Verhältnis von Öffentlichem und Privatem treten nun beim Ehemann zwei Fakten hervor: So wird er zum einen durch das Leiden, das ihm in der Ehe widerfährt, dazu getrieben, nicht mehr nur den Schein der glücklichen Ehe im Privaten zu wahren, sondern kündigt sogar das Eheverhältnis auf unbestimmte Zeit auf. Doch lässt er das alles unter dem vorgeschobenen Vorwand der Kaufmannschaft laufen, um seine Ehre in der Öffentlichkeit zu wahren. Hier taucht zum ersten mal dieser gravierende Unterschied zwischen öffentlichem Schein und privatem Sein auf, der bei den Ehepaaren aus den folgenden Binnenerzählungen noch deutlicher wird. So macht sich der Bürger mit ainem knecht von dan (V. 88), um auf ‚aventuire‘ zu gehen, damit er die fehlerlose Ehe findet und somit seine eigene mit dem neu erworbenen Wissen retten kann.

[...]


[1] Vgl. Peter Moos: „Öffentlich“ und „privat“ im Mittelalter. Zu einem Problem der historischen Begriffsbildung. Heidelberg 2004. S. 1ff

[2] Vgl. Siobhán Groitl: Er ist ze milte, sie ist ze karc – Kaufringers Märe ‚Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar‘, in: Judith Klinger, Susanne Thiemann (Hrsg.): Geschlechtervariationen. Gender-Konzepte im Übergang zur Neuzeit. Potsdam 2006. S. 157-176 hier: S. 157

[3] Vgl. Marga Stede: Schreiben in der Krise. Die Texte des Heinrich Kaufringer. Trier 1993. S. 71ff

[4] Paul Sappler (Hrsg.): Heinrich Kaufringer. Werke. Tübingen 1972. S. 92-104 hier S. 92

[5] Vgl. Groitl 2006 S. 159

[6] Vgl. Groitl 2006 S. 158 und SgE 1

[7] Vgl. Michaela Willers: Heinrich Kaufringer als Märenautor. Berlin 2002. S. 105

[8] Vgl. Groitl 2006 S. 160

[9] Vgl. Willers 2002 S. 105ff

[10] Vgl. Groitl 2006 S. 162

[11] Vgl. Stede 1993 S. 72ff

[12] Vgl. Groitl S. 163

[13] Vgl. Groitl S. 164

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Öffentlicher Schein und privates Sein im Märe bei Heinrich Kaufringer
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V275671
ISBN (eBook)
9783656686736
ISBN (Buch)
9783656686705
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich, Kaufringer, Märe
Arbeit zitieren
Johannes Dentler (Autor), 2012, Öffentlicher Schein und privates Sein im Märe bei Heinrich Kaufringer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275671

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