Sexualpädagogik goes Web 2.0

Sexualpädagogik im Umgang mit sozial-online-vernetzten Jugendlichen


Bachelorarbeit, 2013

71 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Jugend und Sexualität
2.1 Lebenswelten Jugendlicher
2.1.1 Eltern und Familie
2.1.2 Peergroup
2.1.3 Schule und Arbeit
2.1.4 Web 2
2.2 Definition Sexualität
2.3 Sexuelle Entwicklung im Jugendalter
2.3.1 Psychosexuelle Entwicklung im Jugendalter
2.3.1.1 Veränderungen innerhalb der Jugendphasen
2.3.1.2 Probleme innerhalb der Jugendphasen
2.3.2 Der Umgang mit dem eigenen Körper
2.3.3 Der Umgang mit Sexualpartnern

3 Jugend und Sexualität im Web 2
3.1 Ausdrucksmöglichkeiten von Sexualität im Web 2
3.2 Der Umgang Jugendlicher mit ihrer Sexualität im Sozialen Netzwerk facebook
3.3 Probleme und Gefahren

4Grundlagen der gegenwärtigen Sexualpädagogik
4.1 Institutionenübergreifende Grundlagen der Sexualpädagogik
4.2 Familiale Sexualpädagogik
4.3 Staatliche Sexualpädagogik
4.3.1 Schulische Sexualpädagogik
4.4 Kirchliche Sexualpädagogik

5 Sexualpädagogik im Zeitalter des Web 2
5.1 Erziehung zur Kompetenz im Umgang mit Sozialen Netzwerken
5.2 Erziehung zum Umgang mit sexuellen Inhalten in Sozialen Netzwerken
5.3 Vorschlag für einen sexualpädagogischen Leitfaden Web 2.0

6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Körperbewusstsein 14- bis 17-jähriger Mädchen

(BZgA 2010, S. 92)

Abbildung 2: Körperbewusstsein 14- bis 17-jähriger Jungen

(BZgA 2010, S. 93)

Abbildung 3: Erfahrungen mit Masturbation in letzen 12 Monaten

(BZgA 2010, S. 117)

Abbildung 4: Noch keinerlei sexuelle Erfahrungen

(BZgA 2010, S. 101)

Abbildung 5: Bekanntheit mit Partner des ersten Geschlechtsverkehrs

(BZgA 2010 S. 131)

Abbildung 6: Tätigkeiten in Sozialen Netzwerken nach Altersgruppen

(James-Studie 2012, S. 37)

Abbildung 7: Ego-Bild

(merz – Zeitschrift für Medien + Erziehung 2010, S. 29)

Abbildung 8: Beziehungs-Bild

(merz – Zeitschrift für Medien + Erziehung 2010, S. 30)

Abbildung 9: Jugendliche – Wichtigste Personen bei der Aufklärung

über sexuelle Dinge (Kluge & Schmid-Tannwald 2003, S. 60)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Beziehungsvertiefung durch Medienwechsel

(Dekker 2003, S. 295)

Tabelle 2: Korrespondenz von Entwicklungsaufgaben und

Handlungskomponenten im Social Web

(Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink 2011, S. 27)

Tabelle 3 : Symbolische und reale Spiel-Räume bei facebook

zur Entwicklung der drei Selbstkonzepte hinsichtlich der

drei Handlungskomponenten (eigene Darstellung)

1 Einleitung

Nach den Empfehlungen der International Planned Parenthood Federation aus dem Jahr 2007 gehören zu den Inhalten von Sexualaufklärung und Sexualpädagogik

„die emotionalen, sozialen, körperlichen und biologischen Aspekte von Sexualität. Sie sollten in den breiten Kontext der Lebenswelten von Jugendlichen gestellt werden“ (pro familia, 2007).

Eine moderne, präventive Sexualpädagogik sollte somit stets darum bemüht sein, im Rahmen sexueller Aufklärung und Bildung möglichst alle maßgeblichen Lebensräume von Jugendlichen einzubeziehen.

In den letzten Jahren ist durch die Social Network Sites (SNS) ein neues virtuelles Terrain entstanden, das besonders unter Jugendlichen immer mehr in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit gerückt und mittlerweile ein integraler Bestandteil des Spektrums ihrer Lebenswelten geworden ist. Dabei nutzen Jugendliche das Internet schon lange nicht mehr nur als Konsumenten zur Unterhaltung und zum Wissenserwerb, sondern über die SNS inzwischen auch als Produzenten zur Selbstpräsentation, die einen essenziellen Bestandteil ihrer individuellen Identitätsentwicklung ausmacht.

Nimmt man die obige Empfehlung der International Planned Parenthood Federation ernst, so stellt die geschilderte Entwicklung auf dem Online-Sektor die gegenwärtige Sexualpädagogik konsequenterweise vor die Aufgabe, die Jugendlichen auch im Kontext von SNS in ihrer sexuellen Identitätsentwicklung zu unterstützen. Das Besondere an dieser Aufgabe liegt dabei darin, dass durch SNS Jugendlichen die ganz neue Möglichkeit zur Verfügung steht, sich selbst über die Gestaltung persönlicher Profile einer kleineren oder auch größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Aus diesem Grund sollte eine moderne, zeitgemäße Sexualpädagogik im Zuge der Förderung der sexuellen Identitätsentwicklung die Jugendlichen besonders dabei begleiten, auch in sexueller Hinsicht zu einer adäquaten Selbstpräsentation in der Lage zu sein.

In der vorliegenden Arbeit werden deshalb im Rahmen einer theoretisch-kritischen Überprüfung der gegenwärtigen Sexualpädagogik, folgende Fragen aus der Web-2.0-Perspektive erörtert:

- Wie sieht die gegenwärtige Jugendsexualität aus?
- Wie gehen Jugendliche mit ihrer Sexualität in der Öffentlichkeit der SNS um?
- Wie verhält sich die gegenwärtige Sexualpädagogik demgegenüber?
- Sind Profile auf SNS für Jugendliche dazu geeignet, sich selbst und andere einschätzen zu lernen, z. B. bezüglich persönlicher (sexueller) Ausstrahlung, Selbstwirksamkeit, Beliebtheit?
- Kann man SNS gemeinsam mit den Jugendlichen als Mittel zur sexuellen Identitätsfindung nutzen?
- Falls man Jugendliche darin unterstützen könnte, SNS auch im Rahmen der sexuellen Identitätsentwicklung zu nutzen, wie könnte das aussehen?
- Wie könnte ein sexualpädagogischer Leitfaden Web 2.0 aussehen?

Sexualpädagogik goes Web 2.0 soll ein differenziertes Verständnis für die Bedeutung von SNS auf dem Gebiet jugendlicher Sexualentwicklung vermitteln. Ein solch neues Verständnis ist für eine zeitgemäße sexualpädagogische Tätigkeit unabdingbar, da das Web 2.0 mittlerweile zu einem festen Bestandteil der Lebenswelten Jugendlicher geworden ist.

SNS tragen dem menschlichen Bedürfnis nach Beziehung Rechnung, verbunden mit der Möglichkeit, die bisherigen sozialen Kontakte zu erweitern.

„In der digitalen Medienkultur wächst offensichtlich der Bedarf, sich mit anderen Menschen auszutauschen, Erfahrungen und Erlebnisse zu kommunizieren. Die Eingebundenheit in eine soziale Gemeinschaft wird als Notwendigkeit angesehen, um sich in der Gesellschaft behaupten zu können. Diese produktive Dimension der SNS, die damit verbundene Chance an der Kernnarration der Identität zu arbeiten sowie die Möglichkeit, das persönliche soziale Kapital zu erweitern, lässt sich hervorheben“ (Hugger, 2010, S. 222f).

Gerade über die SNS finden bei Jugendlichen aber auch immer häufiger und dadurch auch immer selbstverständlicher sexuelle Sozialisationsprozesse statt: Eine Studie von pro familia (Altstötter-Gleich, 2006, S. 28) zeigt, dass mehr als die Hälfte der deutschen Jugendlichen ihre sexuellen Erlebnisse bei facebook mit Freunden oder Freundinnen besprechen. Dagegen ist offensives Bildmaterial wie z. B. von Jugendlichen, die sich entblößt präsentieren, in global angelegten Sozial-Netzwerken wie MySpace oder themenspezifischen Angeboten wie Flirtnetzwerken häufiger zu finden als in eher begrenzten Communities, die sich z. B. explizit an Schüler und Schülerinnen wenden (vgl. Reißmann, 2010, S. 27).

„Ob sich der Konsum von sexuellen Medieninhalten in der einen oder anderen Weise auf ein Individuum auswirkt, hängt stark von dessen sozialer Verankerung in den Vorbildern im privaten Umfeld ab“ (Süss, 2009, S. 33).

Entscheidend ist also folglich, ob der Jugendliche in der Lage ist, die im Internet konsumierten Inhalte zu reflektieren sowie falsche Informationen zu korrigieren und welche Realitätsvorstellung er daraus ableitet. (Es ist anzunehmen, dass für die Produktion von Online-Inhalten Ähnliches gilt.)

Dass sexuelle Sozialisationsprozesse Jugendlicher zum Großteil sozial-online-medial vermittelt stattfinden, ist also eine Tatsache, die eine moderne Sexualpädagogik, die sich auf sämtliche Lebenswelten Jugendlicher beziehen möchte, nicht ignorieren kann. Aus diesem Grund sollte die Sexualpädagogik SNS nicht nur als einen weiteren Kommunikationskanal zur Information und Beratung Jugendlicher nutzen, sondern darüber hinaus vor allem Jugendliche in ihrem sexuellen Sozialisationsprozess im Web 2.0 exemplarisch beratend begleiten.

Das bedeutet konkret, Online-Selbstpräsentationsmöglichkeiten und deren potenzielle positive, aber auch negative Auswirkungen auf andere gemeinsam mit Jugendlichen in der Diskussion zu erarbeiten und gegebenenfalls pointiert herauszustellen. Die für Jugendliche sehr bedeutsamen Themen Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung können auch in Bezug auf das Thema Sexualität z. B. anhand fiktiver oder anonymisierter Online-Profile hervorragend in der Gruppe diskutiert werden: Wie wirkt es z. B. auf andere Mitglieder eines Online-Netzwerks, auf das eigene wie auch auf das andere Geschlecht, wenn ich mich in meinem Profil mit einem vogelperspektivischen Foto präsentiere, das meine Geschlechtsmerkmale besonders betont (Sexting)?

2 Jugend und Sexualität

2.1 Lebenswelten Jugendlicher

Der Begriff der Lebenswelt geht zurück auf Edmund Husserl und wurde von Alfred Schütz weiterentwickelt. Schütz definiert die Lebenswelt als die Wirklichkeit, in der ein Mensch lebt und kontinuierlich teilnimmt. Außerdem wird sie nicht in Frage gestellt.

„Die Lebenswelt ist der Inbegriff einer Wirklichkeit, die erlebt, erfahren und erlitten wird“ (Schütz/Luckmann 1984, S. 11).

Jürgen Habermas fügt der Definition der Lebenswelt außerdem noch die soziale Integration hinzu. Innerhalb der Lebenswelt unterscheidet er drei Komponenten. Zum Ersten enthält die Lebenswelt Wert- und Deutungsmuster. Sie schafft eine Grundlage für erste Erfahrungswerte und hilft dadurch, dem Alltag gewachsen sein. Zum Zweiten umfasst sie alle gebilligten Normen, die soziale Ordnungen und Beziehungen regeln. Zum Dritten ist in ihr der gesamte biografische Background enthalten, auf dem alle Sozialisationsprozesse zu bewältigen sind.

Hans Thiersch und Klaus Grunwald erweitern Habermas' Modell. Der Begriff der Lebenswelt ist ursprünglich eine beschreibende, phänomenologische Bezeichnung. Aufgabe jedes Einzelnen sei es, alle Aufgaben in der jeweiligen Lebenswelt lösen zu können. Allerdings bestimmt der Mensch selbst, was hinterfragt wird und was nicht. Des Weiteren wird die Lebenswelt untergliedert in Lebensräume und Lebensfelder, wie z. B. Eltern, Familie, Peergroup, Schule, Arbeit und Internet (Grunwald & Thiersch 2008).

Anne Honer geht noch einen Schritt weiter und definiert die Lebenswelten in „kleine soziale Lebenswelten“. Gemeint sind „strukturierte Fragmente der Lebenswelt“.

„Eine kleine soziale Lebens-Welt ist das Korrelat des subjektiven Erlebens der Wirklichkeit einer Teil- bzw. Teilzeit-Kultur“ (Honer 2011, S. 23).

Fokussiert man nun den Blick auf Jugendliche und deren Alltag, wirkt es zunächst unproblematisch, ein Nebeneinander verschiedener kleiner Lebenswelten anzunehmen. Jugendliche halten sich viel in der Schule auf, in der Klasse, auf Pausenhöfen, auf denen die Jugendlichen den Kontakt zu Freunden suchen, also kurzzeitig in jeweils andere kleine Lebenswelten eintauchen. Genauso wichtig sind die kleinen Lebenswelten Jugendlicher in der Familie, in der eigenen oder in der der Freunde, insbesondere bei außerschulischen Aktivitäten in den Peergroups und in der Welt des Internets sowie bei Computerspielen. Nicht immer lassen sich diese Lebenswelten jedoch genau voneinander abgrenzen. Dennoch verfügen Jugendliche über ein klares Bewusstsein, in welcher kleinen sozialen Lebenswelt sie sich gerade bewegen und welche Regeln dort gelten.

Einen noch differenzierteren Blick auf die Lebenswelten Jugendlicher verschafft die aktuelle SINUS-Studie u18 von 2012. Sie kategorisiert diese in soziokulturell sehr heterogene Felder, wie z. B. sozialökologische, expeditive, konservativ-bürgerliche, adaptiv-pragmatische, materialistisch-hedonistische, experimentalistisch-hedonistische und prekäre Parteien (vgl. Calmbach/Borchard/Flaig 2011).

2.1.1 Eltern und Familie

Eine der wichtigsten Bezugsgruppen Jugendlicher ist unter gewöhnlichen Voraussetzungen die eigene Familie bzw. die Herkunftsfamilie. Sie ist für die meisten Jugendlichen unentbehrlich, stellt sie doch immerhin das soziale und emotionale „Trainingslager“ dar, um sich zu behaupten und nicht leicht zu erlangende soziale Kompetenzen einzuüben, die die Jugendlichen für die Lebensbewältigung und die Beziehungsarbeit benötigen. Das bedeutet:

„Familie bietet nicht nur emotionalen Schutz, sondern auch wichtige Lernmöglichkeiten. Gleichzeitig schafft sie einen Raum, in dem die Individuation des Menschen vorausschreitet, in dem die Balance und Verbundenheit eingeübt werden kann.“ (Fend 2000, S. 303).

Allerdings ist zu bedenken, dass es ein Pendeln zwischen enger Verbundenheit mit emotionalem Anlehnungsbedürfnis einerseits und Abgrenzung mit selbstgesteuerter Selbstständigkeit und demonstrativer Distanzierung auf beiden Seiten andererseits gibt, das nicht immer einfach zu bewerkstelligen ist, da sich Eltern von ihren Kindern oft psychisch verletzt fühlen (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2012, S. 156).

Es kann davon ausgegangen werden, dass die Familie mit ihren Bezugspersonen eine der durchgängig wichtigsten Lebenswelten für Jugendliche ist. Wenn Familienstrukturen vorliegen, in denen die Eltern geschieden sind oder beide Elternteile ganztags arbeiten gehen, sind Jugendliche jedoch stark auf sich allein gestellt. Gerade dann treten Gleichaltrige in emotionale Konkurrenz zu den Eltern.

„Kontakte werden von Jugendlichen zu den Eltern auch oft demonstrativ gegen die Eltern ausgespielt. Damit signalisieren sie, dass sie ihre soziale und emotionale Bezugsgruppe wechseln wollen“ (Hurrelmann/Quenzel 2012, S. 156).

Fänden Eltern zu ihren Kindern die Balance zwischen fördernder Kontrolle und Ermunterung zu Selbstständigkeitsbestrebungen, profitierten sie von der Ablösungsphase ihrer Kinder, was ihnen ermöglichte, neue Einblicke in die andersartigen Lebenswelten von Jugendlichen zu gewinnen.

Auch in Bezug auf Sexualität ist die wichtigste Bezugsgruppe anfänglich in erster Linie die Familie.

„Die Familie fungiert bei uns auch bezüglich der sexuellen Handlungskompetenz als die primäre Sozialisationsinstanz. Sie erbringt für das Kind eine tatsächliche natur-, da überlebensnotwendige Leistung“ (Lautmann 2002, S. 314).

Folglich kann ihr Einfluss auf die sexuelle Sozialisation nicht hoch genug eingeschätzt werden.

2.1.2 Peergroup

Ähnlich wie die Lebenswelt Familie stellt die die Lebenswelt Peergroup in vielerlei Hinsicht ein Trainingslager dar.

„Gleichaltrigengruppen fördern die Entwicklung von Enttäuschungsfestigkeit, Durchsetzungsfähigkeit und Widerstandspotentiale in zwischenmenschlichen Interaktionen“ (Hurrelmann/Quenzel 2012, S. 176).

Gerade in der Phase der psychischen und sozialen Ablösung von den Eltern suchen die Jugendlichen immer stärkeren Kontakt zur gleichaltrigen Generation. Dort entwickeln sich vertrauensvolle Kontakte, und Jugendliche erforschen neue Verhaltensmöglichkeiten. Vor allem dann, wenn Jugendliche sich von ihren Eltern missverstanden und nicht akzeptiert fühlen, suchen sie Schutz und Anerkennung bei Gleichaltrigen. Damit verbunden ist oft eine

„offene oder versteckte Verweigerungshaltung gegenüber der Eltern- und Erwachsenenwelt. Die Ursache liegt meist in einem gestörten Verhältnis zu den Eltern. Ein Indikator hierfür ist die Aussage, nicht mit Mutter und Vater reden zu können, weil die Auffassungen und Einstellungen zu weit auseinander liegen“ (Hurrelmann 2007, S. 131).

Fend bemerkt hierzu allerdings:

„Wenn die Beziehung zu den Eltern belastet ist, jene zu den Freunden aber positiv erlebt wird, dann sind die negativen Wirkungen von Elternproblemen deutlich reduziert“ (Fend 2000, S. 327).

Die Shell-Jugendstudie 2002 besagt, dass 68 % der befragten Jugendlichen einer Clique angehören. 57 % der Jungen und 67 % der Mädchen geben als wichtigste Freizeitbeschäftigung das Treffen mit Freunden an (Albert et al. 2002, S. 78ff). Demnach legen die Jugendlichen außerordentlichen Wert auf die Beziehungen zu ihren Freunden, ihrer Clique und deren gemeinsame Aktivitäten.

„Peergroups ermöglichen neuartige Teilnahme- und Selbstverwirklichungschancen, denn sie bieten ihren Angehörigen vollwertige Mitgliedschaftsrollen, die sich erheblich von denen unterscheiden, die sie in ihren Familien und Schulen innehaben“ (Hurrelmann/Quenzel 2012, S. 174).

Dennoch erleben Jugendliche in der Peergroup ähnliche Lebenslagen und Entwicklungskrisen wie in ihrer Familie. Ob Streit mit den Eltern, Schulprobleme bis hin zur ersten sexuellen Liebeserfahrung: Die Peergroup gilt zudem als Austauschbörse von Gefühlen, Sexualität und anderen Bedürfnissen der Jugendlichen. Die Peergroup bietet

„Raum, in dem die Intimitäts- und Schamgrenzen, die gegenüber Eltern und Erwachsenen zunehmend aufgerichtet werden, durchlässiger sind“ (Liebsch 2012, S. 162).

Das Teilen und Anvertrauen von Geheimnissen und Gefühlen, bzw. die Loyalität gegenüber dem Mitmenschen, stärkt und unterstützt Jugendliche bei ihrer Entwicklung.

„Gut funktionierende Freundschaften sind ein Indiz für die erfolgreiche Bewältigung der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter“ (Hurrelmann/Quenzel 2012, S. 174).

2.1.3 Schule und Arbeit

Die Lebenswelt Schule und Arbeit hat eine enorme Bedeutung für Jugendliche, da sie einen besonders hohen Zeitaufwand erfordert. Neben den Zielen der kulturellen und gesellschaftlichen Wissensvermittlung sollten laut der Shell-Jugendstudie 2002 ebenfalls folgenden Kriterien Aufmerksamkeit geschenkt werden:

- Schule ermöglicht die Aneignung intellektueller Kompetenzen ebenso wie sachbezogener und funktioneller Verhaltensweisen
- Schule beeinflusst die Zukunftsperspektiven der Schüler und somit die Vergabe gesellschaftlicher wie beruflicher Positionen durch die Bewertung der Schulleistungen
- Schule fördert soziale Integration und Akzeptanz der Jugendlichen durch die Gewöhnung an gesellschaftliche und soziale Lebensbedingungen

Diese Faktoren schaffen die Basis für ein produktives und selbstverantwortliches Leben (vgl. Albert et al. 2002, S. 54f).

Die Schule als Sozialisationsinstanz übernimmt demnach wichtige Aufgaben für die jugendliche Entwicklung, so zum Beispiel die Integration in gesellschaftliche Strukturen, die zugleich soziale Bezugssysteme für die Jugendlichen sind, mit denen sie sich subjektiv auseinandersetzen und dadurch ihre individuelle Persönlichkeit aufbauen (vgl. Hurrelmann 2007, S. 93). Die Lebenswelt Schule und Arbeit stellt sozusagen ein weiteres Übungslager für Jugendliche dar, in dem sie all ihre Bedürfnisse befriedigen, Kräfte messen und Kompetenzen erweitern können.

„Schule ist der ‚Arbeitsplatz‘ der Jugendlichen, der über eine lange Spanne der Lebenszeit hinweg Intellekt, Emotionen und soziales Verhalten prägt“ (Hurrelmann 2007, S. 93).

Genau diese Herausforderungen für Jugendliche haben Eltern an die Institution Schule abgegeben. War die Einführung in berufliche oder auch gesellschaftliche Qualifikationen früher vornehmlicher Aufgabe der Eltern, übernehmen jetzt Lehrkräfte, Mitschüler und Freunde diese Aufgabe innerhalb der Schule. Die Lebenswelt Schule soll den Jugendlichen Vorstellungen von sozialer Rangfolge sowie Erfahrungen von Erfolg und Misserfolg vermitteln und sie so auf die Realität im Arbeitsleben vorbereiten (vgl. Hurrelmann 2007, S. 94). Ein weiterer Grund, warum Schule und Arbeit für Jugendliche eine enorme Bedeutung hat, ist, dass die Jugendlichen gerade in der Schule oder auch in der Ausbildungszeit am Arbeitsplatz, in Klassen, in Kursen oder auf dem Schulhof auf das andere Geschlecht treffen, welches im Jugendalter von speziellem Interesse ist.

„In der Tat bietet die Schule einen fast einzigartigen Raum für vielfältige Kontakte zwischen Mädchen und Jungen. Im Gegensatz zur Familie, Peergroup und den meisten Interessengemeinschaften leben hier Angehörige beider Geschlechter und derselben Altersstufe nicht nur ‚notgedrungen‘ kontinuierlich auf engem Raum zusammen, sie werden vielmehr von der Institution auch zu permanenten kommunikativen Akten gezwungen. So kommt es zwangsläufig auch zu sexuell gefärbten Interaktionen “ (Schmidt/Schetsche 1998, S. 53).

Folglich kann man davon ausgehen, dass die Lebenswelten Schule und Arbeit in Bezug auf Sexualität und Partnerfindung ebenfalls eine erhebliche Rolle bei den Jugendlichen spielen.

2.1.4 Web 2.0

Das Web 2.0 hat sich in den letzten zehn Jahren zu einer weiteren bedeutenden Lebenswelt von Jugendlichen entwickelt. Dabei wird unter Web 2.0 eine interaktive und kollaborative Nutzungsmöglichkeit des Internets verstanden, die es dem Verwender (User) erlaubt, nicht nur lediglich als primär passiver Informationsempfänger zu fungieren, sondern vielmehr als aktiver User, der ohne großen zusätzlichen technischen Aufwand im Netz persönliche Inhalte veröffentlichen kann. Somit bedeutet, kurz gesagt, das Web 2.0 Partizipation und Interaktion im Internet. User des Web 2.0 sind folglich nicht mehr vornehmlich als Konsumenten zu begreifen, sondern als sogenannte Prosumenten, d. h. Konsumenten und Produzenten in einem, die neben der Konsumption proaktiv Inhalte im Netz erzeugen und im Austausch mit anderen Usern Inhalte teilen. Dieser Austausch vieler Kommunikatoren (many-to-many) im Rahmen des Web 2.0 findet hauptsächlich über soziale Online-Netzwerke, sogenannte „Social Network Sites“ (SNS) statt. Eine aktuelle Definition von SNS geben Boyd und Ellison:

„A social network site is a networked communication platform in which participiants 1) have uniquely identifiable profiles that consist of user-supplied content, content provided by other users, and/or system-level data; 2) can publicly articulate connections that can be viewed and traversed by others; and 3) can consume, produce, and/or intact with streams of user-generated content provided by their connections on the site” (Boyd & Ellison 2013, S. 158).

Das durch SNS veränderte Kommunikationsverhalten von Internetnutzern bewertet Burger wie folgt:

„Dies bedeutet in der Konsequenz, dass ein zentraler hierarchischer Mediendiskurs durch ein geradezu unkontrollierbares Geflecht an Informationen und Meinungen unterlaufen wird. Die soziale Vernetzung, das Netzwerken (Networking) gewinnt im Sinne einer partizipativen Äußerungsvielfalt enorme Brisanz“ (Burger 2013, S. 10).

Aufgrund der Möglichkeit der Partizipation und sozialen Interaktion finden SNS, wie z. B. besonders das weltweit größte soziale Netzwerk facebook, unter dem Gesichtspunkt des many-to-many-Austauschs unter gleichberechtigten Kommunikatoren bei Jugendlichen, die mit diesen digitalen Medien aufwachsen, immer mehr Präsenz und Gefallen. Über SNS hinaus bietet das Web 2.0 für jeden Nutzer die Möglichkeit, z. B. durch im Netz angebotene Baukastensysteme, persönliche Websites, sogenannte Weblogs, kurz Blogs, zu erstellen. Insgesamt bietet das Web 2.0 zahlreiche Möglichkeiten, Texte, Fotos, Audios und Videos zu publizieren. Inhalte im Web 2.0 verweisen darüber hinaus häufig auf immer wieder neue oder andere Inhalte. Diesem virtuellen Raum und dessen Austauschmöglichkeiten der Kommunikation sind kaum Grenzen gesetzt (Burger 2013, S. 11).

Jugendliche nutzen das Internet täglich und verbringen dabei inzwischen die meiste Zeit damit, über ihr Smartphone oder zu Hause am PC auf SNS zu surfen. Die Shell-Studie (Albert et al., 2010) zeigt, dass 97 % der Jugendlichen in Deutschland einen Internetzugang und davon fast alle mindestens einen Account auf einer SNS haben. Die Studie „Jugend, Information und Multimedia“ (JIM-Studie 2012) besagt, dass sich bereits 78 % der 12- bis 19-Jährigen täglich oder mehrmals in der Woche in ein soziales Netzwerk, wie z. B. facebook, einloggen.

Jugendliche treffen sich nach der Schule bei facebook, lernen neue Leute kennen oder tauschen sich aus über die alltäglichen Dinge des Lebens, wie z. B. Gefühle, Befindlichkeiten, Interessen und Neuigkeiten. SNS kommen dem Bedürfnis Jugendlicher nach Selbstdarstellung und Aufmerksamkeit entgegen, verbunden mit der Möglichkeit, die bisherigen sozialen Kontakte zu erweitern.

Dies gilt für Jugendliche im Besonderen, da für ihr Wohlergehen der Kontakt zur Peergroup, sei er physisch oder virtuell, als essenziell bezeichnet werden darf. Die Peergroup dient als Übungsfeld, wie beispielsweise ein Pausenhof, um Konfliktlösungen, Beziehungsfähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung zu erproben (vgl. Meyersieck & Borg-Laufs, 2012, S. 8). Jugendliche werden bereitwillig im Web 2.0 zu Prosumenten, indem sie sich dort ausprobieren, Freundschaften knüpfen, miteinander chatten und dabei ihren eigenen „Freundschaftswert“ austesten. Die Möglichkeiten sozialer Online-Netzwerke kommen dem großen Bedürfnis Jugendlicher entgegen zu erfahren, wie sie auf andere wirken und wie beliebt sie selbst sind.

„Soziale online-Netzwerke dienen u. a. als Bühne zum Flirten und zur Partnersuche “ (von Martial 2012, S. 89).

2.2 Definition Sexualität

Unter dem Begriff „Sexualität“ wird allgemein die „Geschlechtlichkeit“ verstanden. Sie bezeichnet zunächst eine allgemeine und grundlegende Äußerung des Lebens, die beim Menschen in drei Funktionen gegliedert werden kann:

1. Fortpflanzung (reproduktiv)
2. Beziehung und Kommunikation (soziokulturell)
3. Lustgewinn und Befriedigung (rekreativ)

Diese Grundfunktionen werden vom Menschen in seinem Leben jeweils sehr individuell gestaltet und erlebt (vgl. Pschyrembel 2003, S. 485). Die Sexualität besteht und begleitet den Menschen ein Leben lang.

Arnulf Hopf erwähnt neben diesen drei Aspekten außerdem noch einen vierten, nämlich den der sexuellen Identität (Geschlechtsrollen). Hopf sieht Sexualität als zentralen Bestandteil einer Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung (vgl. Hopf 2002, S. 12ff).

Sexualität führt über die Kindessexualität zur Jugend- und anschließenden Erwachsenensexualität bis hin zur Alterssexualität, die wie die menschliche Persönlichkeit auf sehr individuelle Weise äußeren Einflüssen unterworfen ist. Individuelle Prägung, Sexualerziehung und Traumatisierung spielen dabei eine wichtige Rolle für jeden Einzelnen. Für alle Menschen hat Sexualität für ihr Wohlbefinden, ihre körperliche und psychische Gesundheit und auch in sozialer Hinsicht eine große Bedeutung (vgl. Pschyrembel 2003, S. 485). Stein-Hilbers erwähnt, dass die biologische Geschlechtlichkeit im Sinne der reinen Fortpflanzung wie auch im Sinne des mit unmittelbarem Lustgewinn verbundenen Sexualtriebs abgelöst wurde, und zwar von einer

„Sexualitäts-Auffassung, die Menschen – und damit auch ihre Sexualität – als gesellschaftlich geworden und durch soziale Praktiken geformt begreift“ (Stein-Hilbers 2000, S. 26).

„Vielmehr repräsentieren Imagination und phantasmatische Besetzungen des Körpers, Wünsche und Erfahrungen, Körpererleben und – sensationen individuell und kollektiv ein Konstrukt, das ‚Sexualität‘ genannt wird “ (Stein-Hilbers 2000, S. 12).

Das folglich breite Spektrum menschlicher Sexualität zwischen ererbten Anlagen und erworbenen Gewohnheiten ist schwer festzulegen.

„Offensichtlich hat die Sexualität des Menschen biologische, psychische und soziale Komponenten, die auf komplizierte Weise miteinander verknüpft sind, und man kann jede Einzelne nur verstehen, wenn man sie im Zusammenhang mit den anderen sieht. Genau dies versucht die interdisziplinäre Sexualwissenschaft: Sie versucht den Menschen als bio-psycho-soziales Wesen zu verstehen“ (Haeberle 2005, S. 11).

2.3 Sexuelle Entwicklung im Jugendalter

2.3.1 Psychosexuelle Entwicklung im Jugendalter

Fritz Mattejat beschreibt im Wesentlichen sieben allgemeine bio-psychosoziale Entwicklungsaufgaben der Jugendlichen während ihrer Pubertät (vgl. Mattejat 2008, S. 82).

1. Die körperliche Reifung
Die Jugendlichen müssen die körperlichen Veränderungen und die des eigenen Aussehens begreifen und akzeptieren
2. Die Aneignung männlichen und weiblichen Rollenverhaltens
Der Jugendliche nimmt Kontakt zu Gleichaltrigen auf; insbesondere enge und intime Beziehungen
3. Einen eigenen Freundeskreis aufbauen
Jugendliche bauen nun enge und tiefe Beziehungen zu ihren Altersgenossen auf
4. Bindung und Ablösung vom Elternhaus
Emotionale Unabhängigkeit von den Eltern
5. Orientierung auf das Berufsfeld
Erste Überlegungen in Bezug auf die Berufswahl
6. Differenzierung eines internalisierten moralischen Bewusstseins
Kultiviert wird ein sozial verantwortliches Handeln. Werte, Prinzipien und Einstellungen werden neu gebildet. Kultur, Bildung, Konsummarkt, Medien und Genussmittel gewinnen an Bedeutung
7. Selbstbewusstsein, Identitätsentwicklung und Zukunftsorientierung

Jugendliche werden sich über ihre Stärken und Schwächen klar. Sie fangen an zu erörtern, wie sie sich selbst und andere sehen.

In Bezug auf die Sexualität gilt die Pubertät als besonderer Lebensabschnitt. Sie stellt Jugendliche und ihre Eltern vor ganz neuen Herausforderungen. Allgemein wird die Pubertät als die Phase der Integration und Manifestierung sexueller Orientierung und Begehrensstrukturen verstanden. Es werden sexuelle Verhaltensmuster und Gewohnheiten entwickelt, die meist bis ins hohe Alter beibehalten werden. Sie werden jedoch im Laufe des Lebens weiterentwickelt und modifiziert (vgl. Stein-Hilbers 2000, S. 71). Gerade die psychischen Folgen der Pubertät sind für Jugendliche sehr einschneidend.

„Die meisten Jugendlichen empfinden ihrem Körper gegenüber ein Fremdheitsgefühl. Durch die sexuelle Reifung und den Wachstumsschub verändert sich nicht nur der Körper selbst, sondern auch das Körpererleben“ (Heuves 2010, S.17).

Folglich bedeutet das, dass sich die Jugendlichen durch die körperliche und sexuelle Reifung mit neuen und starken Gefühlen auseinandersetzen müssen. Jugendliche müssen sich von nun an mit ihren sexuellen Erregungen und der Möglichkeit, einen Orgasmus zu erleben, vertraut machen. Solche neuartigen, oftmals diffusen Gefühle zu bewältigen und zu verarbeiten, stellt eine wichtige Entwicklungsaufgabe dar. Phantasien und sexuelle Gefühle sind neuartig und noch nicht fest an einer Person oder am anderen Geschlecht orientiert. Im Gegensatz zu Erwachsenen ist Sexualität nicht an eine bestimmte sexuelle Situation gebunden. Jugendliche können ihren sexuellen Gefühlen und Erregungen noch keinen sicheren Platz zuweisen. Sie tun sich oft schwer damit, da sich sexuelle Inhalte in Situationen bemerkbar machen, die in erster Linie rein gar nichts Sexuelles beinhalten, z. B. vor oder in der Klasse. Jugendliche können noch nicht einschätzen, wann eine sozial-neutrale Situation als eine sexuelle Situation verstanden werden darf. Das heißt, jede spannungsgeladene Situation kann eine sexuelle Erregung oder Reaktion beim Jugendlichen erzeugen (vgl. Heuves 2010, S. 18).

[...]

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Details

Titel
Sexualpädagogik goes Web 2.0
Untertitel
Sexualpädagogik im Umgang mit sozial-online-vernetzten Jugendlichen
Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
71
Katalognummer
V275685
ISBN (eBook)
9783656682776
ISBN (Buch)
9783656682752
Dateigröße
1466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexualpädagogik, umgang, jugendlichen
Arbeit zitieren
Martina Schlund (Autor), 2013, Sexualpädagogik goes Web 2.0, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275685

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