Adipositas. Prävention in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit


Bachelorarbeit, 2014
48 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Religionspädagogische Relevanz

2 Adipositas
2.1 Definition von Adipositas im Kindes- und Jugendalter
2.2 Epidemiologie
2.3 Risikofaktoren
2.4 Psychosoziale Folgebelastungen
2.5 Pathogenese und Ursachen der Adipositas
2.6 Schlussfolgerung

3 Prävention
3.1 Definition und die rechtlichen Rahmenbedingungen der Prävention
3.1.1 Krankheitsprävention
3.1.2 Gesundheitsförderung
3.1.3 Verhältnisprävention und Verhaltensprävention
3.1.4 Ziele der Prävention und Gesundheitsförderung
3.1.5 Politische Rahmenbedingungen der Prävention
3.1.6 Strukturen, Träger und Leistungen
3.2 Adipositasprävention im Kindes- und Jugendalter
3.2.1 Allgemeine Prävention bei Adipositas
3.2.2 Selektive Prävention bei Adipositas
3.2.3 Gezielte Prävention der Adipositas
3.3 Schlussfolgerung

4 Allgemeine Problembeschreibung
4.1 Lebensweltliche Beschreibung des pädagogischen Problems
4.1.1 Biologische Ebene
4.1.2 Psychologische Ebene
4.1.3 Soziale Ebene
4.1.4 Soziostrukturelle Ebene
4.1.5 Metatheoretische Rahmenbedingungen
4.1.6 Soziologische Rahmenbedingungen
4.2 Schlussfolgerung

5 Prävention durch Bewegung als Handlungstheorie einer religionspädagogischen Erziehung in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit
5.1 Prävention durch Bewegung
5.2 Ressourcenerschließung
5.3 Bewusstseinsbildung
5.4 Modell-/Identitätsveränderung
5.5 Handlungskompetenztraining
5.6 Soziale Vernetzung

6 Adipositas - Prävention in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit
6.1 Der Klient
6.2 Die Rolle der Eltern in der Prävention von Adipositas
6.3 Akteure der Prävention und Gesundheitsförderung
6.4 Prävention durch das Projekt „CVJM-Erlebnispädagogik“
6.5 Prävention durch das Training im „CVJM-Sportverein“
6.7 Menschenwürde und die Bedeutung des christlichen Glaubens

7 Zusammenfassung

8 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„ Der Mensch ist, was er isst. “ Ludwig Feuerbach

Dieser schlichte Satz bringt - wie kaum ein anderer - die philosophische Bedeutung der Ernährung für unsere Identitätsbildung auf den Punkt. Demnach kommuniziert ein Mensch nach außen, was er von seinem Wesen her ist, durch das, was er zu sich nimmt.1 Wenn die Bedeutung der Ernährung jedoch nicht nur der Sättigung eines Menschen dient, sondern dadurch weitere Bedürfnisse befriedigt werden, kann der Mensch durch dieses Phänomen erkranken. Adipositas ist eine Krankheit, die schwerwiegende körperliche, psychische und soziale Folgen nach sich zieht.2 Die Gesellschaft hat die Problematik der Adipositas erkannt. Viele Zeitungsartikel, Berichte und Fernsehshows zeugen von der Aktualität des Themas und der Dringlichkeit, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen.

Die World Health Organisation (WHO) gibt auf der Europäischen Ministerkonferenz in Istanbul im Jahr 2006 bekannt: „Adipositas stellt eine nie da gewesene gesundheitspolitische Herausforderung für die Europäische Region dar (…).“3 Im Mittelpunkt derzeitiger Diskussionen steht die Zunahme des Gewichts bei Kindern und Jugendlichen, da dieses in den letzten Jahren gestiegen ist. Gegenwärtig gelten in Deutschland 10% bis 20% der Kinder und Jugendlichen als übergewichtig, 4% bis 8% sogar als adipös.4 Für die Politik und die Gesellschaft sind nicht nur die persönlichen Folgen bei der Adipositas ausschlaggebend. Jährlich entstehen Kosten in Milliardenhöhe auf Adipositas und deren Folgeerkrankungen.5

Um dieser großen Herausforderung entgegenzuwirken, werden als Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit in der Prävention, sozialräumliche Ansätze einer gemeinwesenbezogenen Gesundheitsförderung, aktivierende Befähigung und das lebensweltbezogene Empowerment6 hervorgehoben.7 Eine umfassende Prävention ist demzufolge auf eine gesundheitsbezogene Soziale Arbeit angewiesen, die das Wohlergehen der jungen Menschen fördern soll, sowie die Gesundheit als Aufgabenfeld und Gesundheitsförderung als Bestandteil sozialer Bildung zu gestalten hat.8 So sollte eine sozialpädagogisch-christlich orientierte Kinder- und Jugendarbeit auf die besonderen Bedürfnisse eingehen, die in der sensiblen Lebensphase der Kindheit und Jugend entstehen. Innerhalb kürzester Zeit entwickeln sich nicht nur körperliche Strukturen, sondern auch kommunikative und kognitive Fähigkeiten, emotionale Regulationen sowie vielfältige soziale Verhaltensweisen.9

In der Adoleszenz sind die Jugendlichen herausgefordert, ein positives Bild von sich selbst aufzubauen, sich von den Eltern zu lösen, in ihre Geschlechterrolle hineinzuwachsen und ihren Weg selbständig gehen zu lernen. Das Ziel ist die Entwicklung einer eigenen Identität und die Integration in die Gesellschaft. Diese Entwicklungen werden durch die Reziprozität von biologischen Anlagen und Umwelteinflüssen bedingt und haben eine große Bedeutung für die Gesundheitsdynamik im Lebensverlauf:10 […]„denn Belastungen, die in der Kindheit und Jugend auftreten, können sich auch noch Jahrzehnte später in Erkrankungen niederschlagen.“11 Im Rahmen der Sozialisation werden von den Eltern oder anderen Autoritätspersonen grundlegende Verhaltensmuster angeeignet (z.B.: Ernährung- und Bewegungsverhalten).12 Gerade für Kinder und Jugendliche, die diese Verhaltensmuster durch die Primärsozialisation nicht vermittelt bekommen, ist es umso wichtiger, die Aneignung von gesundheitsfördernden Aktivitäten in Institutionen (Vereinen, Schulen, Jugendkreisen etc.) zu erfahren. Besonders die christliche Kinder- und Jugendarbeit bietet in unterschiedlichen Settings präventive Möglichkeiten an, Adipositas schon im Kindes- und Jugendalter vorzubeugen und den benachteiligten Kindern und Jugendlichen eine gerechte Teilhabe durch eine ganzheitliche Bildung zu ermöglichen und sie dadurch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern.

In der vorliegenden Bachelorthesis mit dem Titel „Adipositas - Prävention in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit“ soll daher der Frage nachgegangen werden: Welche Chance hat die Prävention, um im Kindes- und Jugendalter Adipositas zu vermeiden und wie gelingt in diesem Zusammenhang die gerechte Teilhabe? Um zu einer umfassenden Antwort zu gelangen, ist es sinnvoll zunächst die Klärung des Begriffs Adipositas, ihre Ursachen,

Risiken und Folgen in den Mittelpunkt der Ausführungen zu stellen. Der Präventionsbegriff rückt im dritten Kapitel in den Fokus. Das vierte Kapitel wird anhand eines Einzelfalles eine transdisziplinäre Problembeschreibung auf der Grundlage des Systemtheoretischen Paradigmas (SPSA-Modell)13 vorgenommen. Darauf folgend geht es in Kapitel 5 um die spezifische Handlungstheorie der Bewegung, die für die Prävention von großer Bedeutung ist. Die Frage nach geeigneten Methoden, um Adipositas vorbeugend zu begegnen schließt sich in Kapitel 6 an - mit besonderem Blick auf die bestehenden Chancen vor allem in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit. In diesem Zusammenhang wird auch die Rolle der Eltern näher betrachtet. Das Fazit rundet die Bachelorarbeit in einer Konklusion der entwickelten Argumentation semantisch ab.14

1.1 Religionspädagogische Relevanz

Das Thema dieser Bachelorthesis, die dem Feld der Sozialen Arbeit zuzuordnen ist, besitzt auch in religionspädagogischer Hinsicht eine bedeutende Relevanz. Die Prävention einer Krankheit wie Adipositas, steht im Kontext der christlichen Anthropologie. Das theologische Menschenbild betrachtet Menschsein als relational,15 da der Mensch erst in der Beziehung zu seinem Schöpfer, den Mitmenschen, sowie zur Umwelt (Schöpfung) existiert. Buber16 vertritt die These, dass „alles wirkliche Leben (…) Begegnung [ist]“ und der Mensch erst in der Begegnung, nämlich am Du Gottes sowie am Du des Mitmenschen, zum Ich wird. Diese Lebensform in Beziehungen formt laut Härle17 eine Gemeinschaft, die dem Menschen nicht nur mit seinem Dasein gegeben ist, sondern die ihm auch zur verantwortlichen Gestaltung aufgetragen sei. Die Gestaltung der Gemeinschaft in den Beziehungen zu den Eltern und anderen Bezugspersonen im Umfeld eines von Adipositas betroffenen jungen Menschen können mit Bubers18 Worten in der Begegnung ebenso Verfehlungen stattfinden. Dies führt zu dem zugrunde liegenden Verständnis, dass im Horizont theologischer Ethik, das in gegenseitiger Anerkennung stattfindende Dialoggeschehen in gesellschaftspolitischem Engagement zu fördern ist und die Begegnungen bewusst zu gestalten sind.19

2 Adipositas

Bei der Adipositas (lat. adeps ‚Fett‘)20 bzw. Fettleibigkeit, umgangssprachlich auch Fettsucht genannt, handelt es sich um eine Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit mit starkem Übergewicht.21 In dem Klassifikationssystem der Klinischen Psychologie der American Psychiatric Association DSM IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wird die Adipositas nicht aufgeführt, da sie nicht direkt mit psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten einhergeht.22

„In dem Klassifikationsschema ICD - 10 (International Classification of Diseases and Related Health Problems) der WHO wird die „Adipositas und sonstige Überernährung“ (E65- E68) als Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit bezeichnet. Die häufigste Form der Adipositas ist die Adipositas durch übermäßige Kalorienzufuhr (E66.0). Es kommen aber durchaus auch andere Ursachen, wie z.B. die Arzneimittel-induzierte Adipositas in Frage.“23

2.1 Definition von Adipositas im Kindes- und Jugendalter

„Die Begriffe Übergewicht und Adipositas werden in der Literatur häufig nicht unterschieden“.24 Streng genommen bezeichnen sie jedoch Unterschiedliches, denn man spricht von Übergewicht, wenn im Vergleich zur Körpergröße ein zu hohes Körpergewicht vorliegt.25 „Eine Adipositas besteht hingegen dann, wenn der Körperfettanteil gemessen an der Gesamtkörpermasse pathologisch erhöht ist“.26 Die Definition der Adipositas erfordert die Bestimmung der Fettmasse und eine Festlegung, ab welchem Volumen eine erhöhte Fettmasse vorliegt.27 In der Praxis hat sich die Verwendung der Messmethode des Body Maß-Indexes [BMI = Körpergewicht / Körpergröße² (kg/m²)] weltweit durchgesetzt, da dessen Parameter Körpergröße und Körpergewicht einfach zu messen sind.28

Tabelle 1: Klassifizierung des Body-Maß-Index nach den Richtlinien der WHO29

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Klassifizierung der World Health Organisation (WHO) wurde allerdings anhand des Morbidität- und Mortalitätsrisikos für Erwachsene 1997 festgelegt und kann nicht zur Bestimmung von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen herangezogen werden, da die Datenlage bezüglich des Gesundheitsrisikos Adipositas bei Kindern und Jugendlichen sowie der Adipositas-assoziierten Erkrankungen unzureichend ist.30 Aufgrund der stark alters- und geschlechtsabhängigen physiologischen Veränderungen der Körpermaße durch das Wachstum und die Pubertätsentwicklung ist ein alters- und geschlechtsspezifischer BMI notwendig.31 Solche individuellen BMI-Werte für Kinder und Jugendliche können anhand populationsspezifischer Referenzwerte in Form von alters- und geschlechtsspezifischen Perzentilen bestimmt werden.32 Um in Deutschland einheitliche Definitionen heranzuziehen, hat sich die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) darauf geeinigt die BMI-Kategorien über bestimmte Perzentilen und deren Referenzwerte zu definieren:33

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Perzentilen sind Gewichtskurven, die aus den Daten von über 34.000 Jungen und Mädchen im Zeitraum von 1985 bis 1999, im Rahmen von 17 verschiedenen Untersuchungen in Deutschland im Alter von 0 bis 18 Jahre ermittelt wurden.34

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Perzentilkurven für den Body-Maß-Index (Jungen 0 - 18 Jahre)35

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Perzentilkurven für den Body-Maß-Index (Mädchen 0 - 18 Jahre)36

2.2 Epidemiologie

Insbesondere Adipositas wird von der Bundesgesundheitszentrale für gesundheitliche Aufklärung nicht nur als Kernproblem, sondern als „ernstzunehmende Gesundheitsstörung“ definiert.37 Daten aus dem bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurvey38 zeigen einen Anstieg der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei den 3-17 jährigen in Deutschland um 50% im Vergleich zu Referenzpopulation aus den 1980er und 1990er Jahren.39 Die Häufigkeit von Adipositas nimmt ab dem Grundschulalter gerade bei Jungen stark zu. Gründe dafür sind unter anderem die permanent sitzende Haltung, die sie in ihrem Bewegungsdrang einschränkt und die kalorienreichen Ernährungsangebote (Snacks und Getränke). Bei den Jugendlichen (14 bis 17 Jahre) hat sich der Anteil Übergewichtiger fast verdoppelt, der Anteil der adipösen Jugendlichen verdreifacht.40

2.3 Risikofaktoren

„Adipositas (BMI > 30kg/m2) ist als chronische Krankheit statistisch mit eingeschränkter Lebensqualität und hohem Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko assoziiert. Das Risiko des Auftretens Adipositas-assoziierter Krankheiten nimmt mit steigendem Übergewicht zu.“41 Daher ist diese Krankheit mit einer Reihe von Risikofaktoren u.a. für chronische Krankheiten des Herz- Kreislaufsystems, des Bewegungsapparates und des Endokriniums42 assoziiert, ebenso mit einer zunehmenden Verkürzung der Lebenserwartung. Laut Lenz ist die Krankheit ein Risikofaktor für Begleiterkrankungen.43

2.4 Psychosoziale Folgebelastungen

Adipositas geht ebenso mit einer Vielzahl von psychosozialen Beeinträchtigungen einher. Die Akzeptanz und das gesellschaftliche Ansehen adipöser Personen sind in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen.44 In den meisten Fällen wird mangelnde Willensstärke der Betroffenen ungeprüft als Ursache für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Gewichtsstörung angenommen.45 Nicht selten übernehmen die Übergewichtigen diese Zuschreibung. Adipositas wird von vielen Jugendlichen als Makel gesehen und die Diskriminierung Übergewichtiger beginnt bereits in jungen Jahren. Sie werden in der Schule und Freizeit oft gehänselt, was mit einem erheblichen Leidensdruck verbunden ist.46 Dies kann zu einem verringerten Selbstwertgefühl führen.

2.5 Pathogenese und Ursachen der Adipositas

Zwar ist eine positive Bilanz zwischen Energiezufuhr und -verbrauch als eine der notwendigen Voraussetzungen zur Entwicklung einer Adipositas anzusehen, die Ursachen dafür sind jedoch vielfältig: Hierzu gehören ein erniedrigter Grundumsatz, verminderte Thermogenese47 und reduzierte körperliche Aktivität48. Allgemein anerkannt ist die Tatsache, dass es sich bei der Adipositasentstehung um ein multifaktorielles Geschehen handelt, für dass vor allem genetische Komponenten (z.B.: Leptin) verantwortlich sind. Körpergewicht und Fettmasse sollen zu 60-84% polygenetisch determiniert sein.49 Zusätzlich spielt ein moderner Lebensstil, wozu unter anderem Bewegungsarmut im Alltag durch den technischen Fortschritt und die Überflussernährung gehören, eine ursächliche Rolle. Des Weiteren können individueller Energieverbrauch, Stoffwechselparameter, Quantität der Ernährung und deren qualitative Zusammensetzung (Energiedichte bzw. Fettanteil) sowie psychische Faktoren und Verhaltensfaktoren (Essverhalten) und Medikamente als potentielle Ursachen aufgezählt werden.50 Das individuelle Risiko eines Kindes, an Adipositas zu erkranken, hängt häufig auch von der Sozialstatuszugehörigkeit ab.51

2.6 Schlussfolgerung

„Genetische Faktoren, menschliches Verhalten, Umwelt- und Lebensbedingungen sind multifaktoriell an der Entstehung der Adipositas beteiligt.“52 Das Bewegungsverhalten der Kinder wird durch fehlende Bewegung- und Spielbereiche ungünstig beeinflusst.“53 Der Grad der körperlichen Aktivität von Kindern wird zudem maßgeblich durch den Grad der körperlichen Aktivität der Eltern beeinflusst.54 Ebenso verhält es sich mit der Nahrungsmittelauswahl und den Essgewohnheiten der Eltern . 55 Vor allem aber das Ausmaß des Fernsehkonsums korreliert mit dem Ausmaß der Adipositas. Die Prävalenz der Adipositas wiederum, korreliert mit der Menge des konsumierten Fetts und dem Anteil gesüßter Getränke.56

Kinder und Jugendliche essen heute ein Drittel aller Mahlzeiten außerhalb der Familie, vorwiegend in der Schule und in den Fast-Food-Restaurants.57 Der tägliche Verzehr von beiläufig konsumierten Lebensmitteln mit hoher Energiedichte nimmt zu.58 Essen wird ebenso eingesetzt, um Stress und Frust abzubauen, Trauer und Ängste zu betäuben und Langeweile zu überbrücken.59 „Dieses emotionsinduzierte Essverhalten führt durch die Entkopplung der Nahrungsaufnahme vom Hunger häufig zur Aufnahme kalorienreicher Nahrungsmittel. Familiäre Bedingungen wie Scheidung, elterliche Berufstätigkeit oder Vernachlässigung können eine weitere Rolle bei der Genese einer Adipositas spielen.“60 Insofern kommt insbesondere der Prävention der Adipositas bereits im Kindes- und Jugendalter eine besondere Bedeutung zu.

3 Prävention

3.1 Definition und die rechtlichen Rahmenbedingungen der Prävention

Der Begriff Prävention leitet sich aus dem lateinischen Wort “praevenire” ab und bedeutet Verhütung / Vorbeugung61 .

Die Prävention, insbesondere Primärprävention, Gesundheitsschutz, Vorsorge, Früherkennung, Rehabilitation und Gesundheitsförderung in den Settings Arbeitswelt, Schule und Gemeinde werden in Deutschland in vielfältigen Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien geregelt.62 Prävention umfasst hier Maßnahmen zur Vermeidung eines schlechteren Zustands, dargestellt in den SGB VII, IX und XI, mit dem Ziel, eine bestimmte gesundheitliche Schädigung zu verhindern.63 Diese krankheitsbezogenen Definitionen wurden im SGB V verändert. Der Gesetzgeber formulierte dort eine allgemeinere, salutogene64 Zielorientierung (SGB V §20, Prävention und Selbsthilfe): „Leistungen zur Primärprävention sollen den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern.“65

Dies ist die Folge der Ottawa Charta, die 1986 auf dem 1. Internationalen Gesundheitsförderungskongress verabschiedet wurde. Dort wurde ein Programm unter der Leitfrage: „Wie lässt sich Gesundheit herstellen?“ entwickelt. Gesundheitsförderung wird definiert als „Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.“66 Individuen und Gruppen sollen ihre Bedürfnisse wahrnehmen und ihre Lebensumstände verändern können. Auf der Grundlage des Subsidiaritätsprinzips ist Empowerment67 ein Schlüsselwort um den Prozess der Förderung und Befähigung gesundheitsförderlicher Rahmenbedingungen (Lebenswelten) zu schaffen, um mehr Chancengleichheit zu erlangen.68

[...]


1 Vgl. Lemke, H. (2007). Die Ethik des Essens. Einführung in die Gastrosophie. Berlin: Akademie Verlag, S. 2

2 Vgl. Lehrke und Laessle (2009): Adipositas im Kindes und Jugendalter, Basiswissen und Therapie, S. 14

3 WHO (2006): Ottawa Charta for Health Promotion.

4 Vgl. Lehrke und Laessle, S. 14

5 Vgl. a.a.O.: S. 8

6 Empowerment im sozialpädagogischen Handlungsfeld versucht Menschen bei der (Rück-) Gewinnung ihrer Entscheidungs- und Wahlfreiheit, ihrer autonomen Lebensgestaltung zu unterstützen und sie zur Weiterentwicklung zu motivieren. Im Vordergrund dieses Ansatzes stehen die Stärkung (noch) vorhandener Potenziale und die Ermutigung zum Ausbau dieser Möglichkeiten.

7 Vgl. Franzkowiak (2006): Präventive Soziale Arbeit im Gesundheitswesen, S.10

8 Vgl. Franzkowiak (2006): Präventive Soziale Arbeit im Gesundheitswesen, S.12

9 Vgl. Erhart, Ottova und Ravens-Sieberer (2010): Prävention von Adipositas , S. 59

10 Vgl. Erhart, Ottova und Ravens-Sieberer (2010) : S. 59

11 Dragano und Siegrist (2006): Die Lebenslaufperspektive sozialer Ungleichheit: Konzepte und Forschungsergebnisse, S. 199-220

12 Vgl. Erhart, Ottova und Ravens-Sieberer (2010): S. 59

13 Das SPSA Modell, ermöglicht die Wissensitems der verschiedenen Disziplinen systematisch zu verknüpfen.

14 In dieser Bachelor Arbeit wird zur besseren Leserlichkeit durchgehend die männliche Form verwendet.

15 Vgl. Härle (2011): Ethik, S. 141ff

16 Buber (1995): Ich und Du, S. 15

17 Vgl. Härle (2011): S. 141ff

18 Buber und Goes (1978): Begegnung. Autobiograph. Fragmente, S. 10

19 Vgl. Tubbesing (2013): Transkulturelle Pädagogik als Perspektive für den Dialog in der polykulturellen Gesellschaft, S. 2

20 Vgl. Dudenredaktion (2009): Der kleine Duden, Fremdwörterbuch, Duden Verlag, S. 22

21 Vgl. Jacob (1998): S. 14

22 Vgl. a.a.O.: S. 15

23 Schobert (1993): S.15

24 Lehrke und Laessle (2009): S. 3

25 Vgl. Lehrke und Laessle (2009): S. 4

26 Kromeyer - Hausschild (2005): Definition, Anthropometrie und deutsche Referenzwerte für den BMI, S. 4

27 Vgl. ebd.

28 Vgl. Kromeyer - Hausschild (2005): S. 5

29 WHO (2006): Report: Richtlinien und Klassifizierung des Body Mass Index (Tabelle 1)

30 Vgl. Goldapp und Mann (2004): Zur Datenlage von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen, S. 7

31 Vgl. Benecke und Vogel (2003): Übergewicht und Adipositas, S. 12

32 Vgl. a.a.O.: S. 13

33 Vgl. Wabitsch und Kunze (2009): Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas Gesellschaft. Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) ist die Vereinigung der auf dem Gebiet der Adipositas im Kindes- und Jugendalter tätigen Wissenschaftler, Kliniker und Therapeuten in Deutschland.

34 Vgl. http://www.bzga-kinderuebergewicht.de/adipo_mtp/grundlagen/bmi.htm 16.03.2014

35 K. Kromeyer-Hauschild, M. Wabitsch, D. Kunze et al.: Monatsschrift Kinderheilkunde 149 (2001) S. 807-818.

36 K. Kromeyer-Hauschild, M. Wabitsch, D. Kunze et al.: Monatsschrift Kinderheilkunde 149 (2001) S. 807-818

37 Vgl. http://www.bzga-kinderuebergewicht.de/adipo_mtp/grundlagen/situation.htm, 16.03.2014

38 Vgl. Kurth (2007): Die Verbreitung und Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. Ergebnisse des Bundesweiten Kinder- und Jugendsurveys (KIGGS), S.736 - KiGGS ist eine Langzeitstudie des Robert KochsInstituts zur gesundheitlichen Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland.

39 Vgl. Böhler und Dziuk (2010): Prävention von Adipositas, S.163

40 Vgl. ebd.

41 Ludwig (2007): Childhood obesity.The shade of things to come, S. 357

42 Als Endokrinium wird die Gesamtheit aller endokrin aktiven Organsysteme des Körpers bezeichnet.

43 Vgl. Lenz (2009): Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter, S. 106

44 Vgl. Lehrke und Laessle (2009): S 10

45 Vgl. Lehrke und Laessle (2009): S 11

46 Vgl. ebd.

47 Thermogenese (Wärmebildung) ist die Produktion von Wärme durch Stoffwechselaktivität eines Menschen.

48 Vgl. Böhler und Dziuk (2010): Prävention von Adipositas, S.80

49 Vgl. ebd.

50 Vgl. Böhler und Dziuk (2010): S.80

51 Vgl. Kurth (2007): S.736-743

52 Reinehr (2008): Adipositas im Kindes- und Jugendalter, S. 379

53 Vgl. Kohl (1998): development of physical activity behaviours among children and adolescents, S. 549-554

54 Vgl. a.a.O.: S. 552

55 Vgl. Moore (1991): Influence of parents physical activity levels of young children, S. 118

56 Vgl. Harnack (1999): Soft Drink consumption among children and adolescent: nutritional consequences, S.436

57 Vgl. a.a.O.: S. 437

58 Jahns u.a. (2001): S. 493-498

59 Rist (1995): Das Essverhaltenstraining bei Adipositas im Kindesalter, S. 243-252

60 Reinehr (2008): S. 379

61 Vgl. Dudenredaktion (2009): S. 391

62 Vgl. Franzkowiak (2006): S. 110ff

63 Vgl. a.a.O.: S. 111

64 Vgl. Kapitel 3.1.4 Der Salutogenesebegriff ist auf Antonovsky (1987) zurückzuführen und meint die Dynamik der Entstehung von Gesundheit in der Gesundheitsförderung.

65 Franzkowiak (2006): S. 111: SGB V § 20 Prävention und Selbsthilfe.

66 Vgl. a.a.O.: S. 17

67 Vgl. Kapitel 1: Einleitung

68 WHO (1986): Die Ottawa Charta. Dies ist ein Kerndokument der Gesundheitsförderung entwickelt vom Europäischen Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Adipositas. Prävention in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit
Hochschule
CVJM-Kolleg Kassel
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
48
Katalognummer
V275711
ISBN (eBook)
9783656801221
ISBN (Buch)
9783656856245
Dateigröße
764 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adipositas, Übergewicht, Kinder, Jugendliche, Christlich, Prävention, Entwicklung, Essen, Bewegung, Ernährung, Sport, Tischtennis, Erlebnispädagogik, Sportverein, Religionspädagogik, Teilhabe
Arbeit zitieren
Christian Seel (Autor), 2014, Adipositas. Prävention in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275711

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