Geschichte der deutschen Schule. Schülerbezeichnungen im 19. Jahrhundert


Wissenschaftliche Studie, 2013

18 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Radoslaw Lis

Geschichte der deutschen Schule. Schülerbezeichnungen im 19. Jahrhundert.

Das 19. Jahrhundert eignet sich in besonderer Weise zur lexikologischen Themenstellungen im schulischen Bereich. Es war eine Zeit des geistigen, ökonomischen, politischen und somit auch des sprachlichen Wandels. Eine neue Art des Denkens und eine neue Art des Wirtschaftens brachen sich Bahn. Neuhumanismus, Kapitalismus und Industrialisierung veränderten auch die gesellschaftlichen Verhältnisse und die sprachlichen Erscheinungen.

Die in den vorangegangenen Kapiteln kurz dargelegte Schulentwicklung spiegelte von Anfang an die jeweiligen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und geistesgeschichtlichen Strömungen wider. Entgegen dem weit verbreiteten Trend aber, Schulgeschichte lediglich unter diesen Strömungen zu betreiben, versucht die vorliegende Arbeit den sprachwissenschaftlichen Aspekt aufzunehmen. Die vorliegende Darstellung beschreibt diesen Aspekt am Beispiel des preußischen Schulwesens. Die Ausklammerung der anderen deutschen Staaten ist neben der befürchteten Sprengung des Rahmens dieser Arbeit auch in der Tatsache begründet, dass Preußen, als ein mächtiger deutscher Staat, der auch den Bildungssektor dominierte und an dessen Schulwesen sich die kleineren Staaten orientierten, bis zu einem hohen Grade als repräsentativ für den deutschen Gesamtentwicklungsprozess angesehen werden kann. Denn Preußen wandelte sich im 19. Jahrhundert von einem bloß mustergültigen Bildungsstaat zum pädagogischen Systemexporteur und bewirkte damit auch einen weitgehenden Ausgleich der noch vorhandenen Unterschiede zwischen den Bildungssystemen der einzelnen Staaten. Preußische Normen und Standards galten fortan allerorts. Diese faktische Überlegenheit Preußens übte auch einen tiefgreifenden Einfluss auf die Schulterminologie aus. In der Tat kann Preußen die bei weitem größte Beachtung beanspruchen, wenn es um die Erforschung sprachlicher Phänomene im niederen und höheren Schulwesen des 19. Jahrhunderts geht.

Die in den weiteren Abschnitten besprochene Schulterminologie des 19. Jahrhunderts stellt auf jeden Fall einen besonders wichtigen Markstein in der Geschichte des deutschen Schulvokabulars. Denn mit der Geschichte der Schule kommen parallel auch zahlreiche Veränderungen in der deutschen Sprache zum Ausdruck.

Die Entwicklung des Schulwesens und eines allgemeinen Schulbesuches ist unlösbar mit den Fragen der Struktur und der Entwicklung des Schulwortschatzes verbunden und so auch mit dem Stand der Schüler-, Lehrer-, Fächer- und Schulbezeichnungen. Dies kommt nirgends so deutlich zum Ausdruck wie bei der allgemeinen Beschulung der Kinder auf dem deutschen Sprachgebiet im 19. Jahrhundert.

Bereits mit der Einführung und Verbreitung des Christentums in den deutschen Staaten wurden die ersten Schulanstalten gegründet. Im gleichen Moment ergab sich selbstverständlich auch der Bedarf, die neu entstandenen Einrichtungen und die damit in Verbindung stehenden Vorgänge und Angelegenheiten mit Namen entsprechend zu charakterisieren. Synonyme Ausdrücke für sie zu finden oder entsprechende Neubildungen zu schaffen, war aber kein einfaches Unterfangen. Aus diesem Grunde holte man die nötigen Benennungen für die neuen schulischen Erscheinungen vor allem aus dem Latein, weil sie in dieser Sprache bereits vorhanden waren und auch das 19. Jahrhundert in hohem Maße beeinflussten.

Wie oben erwähnt, sind ihrem Ursprung nach die allermeisten Schülerbezeichnungen, die in dem folgenden Kapitel beschrieben werden, lateinisch und die meisten davon enden auf -us, -ist oder -ent. Doppeltes Suffix zeigen diejenigen Schülerbenennungen, in denen dem lateinischen Suffix -anus ein einheimisches -er angefügt wird (z. B. Primaner, Sekundaner, Tertianer , Quartaner, Quintaner etc.). Die einheimischen Schülerbezeichnungen sind dagegen vor allem durch Zusammensetzungen mit Schüler, Kind oder Knabe bzw. Junge zustande gekommen.

Bereits in der althochdeutschen Zeit erfolgte die Aufnahme des in der Geschichte des Wortschatzes häufig auftretenden Nomens Schüler, das selbstverständlich auch im 19. Jahrhundert sehr oft gebraucht wird, wodurch auch zahlreiche Komposita entstehen, die auf eine ganze Reihe von bestimmten Schulformen zurückzuführen sind. Daher spricht man beispielsweise von Volksschülern[1], Fabrikschülern[2], Freischülern[3], Armenschülern[4], Kostenschülern[5], Wanderschülern[6], Sonntagsschülern[7] etc.

Das Nomen Schüler (ahd. schuolari, schualari, mhd. schuolære, schuelære[8]), das aus dem Latein entlehnt ist (scholaris - „zur Schule gehörig“[9]), ist viel üblicher als die rein deutschen Bezeichnungen. Bereits in den ältesten auf Deutsch veröffentlichten Erlassen, Bestimmungen oder Verordnungen werden die Zöglinge der Unterrichtsanstalten Schüler genannt. Auch im 19. Jahrhundert lesen wir z. B.: „Obwohl wir den Eltern feste Versprechungen bei Übergabe ihrer Kinder in unsere Schule in dieser Hinsicht nicht gemacht haben, werden wir jetzt von ihnen und von seiten der Bürgerschaft gedrängt, den fraglichen Schülern, von denen speziell drei als besonders befähigt gelten, Gelegenheit zur Ablegung des Examens zu verschaffen. Wir bitten deshalb um Rat, ob beziehungsweise wo den hiesigen Schülern Gelegenheit zur Ablegung des zur Erlangung des Reifezeugnisses erforderlichen Examens geboten werden kann, vielleicht in einer Nachbaranstalt oder unter Hersendung eines Kommissars an unsere Schule. Das Provinzial-Schulkollegium erwidert, daß die betreffenden Schüler sich spätestens bis zum 10. Januar zu melden hätten, und daß sie zur Ablegung der Prüfung einer der in Berlin beziehungsweise Charlottenburg befindlichen Realschulen würden überwiesen werden.“[10]

Man muss sich aber auch dessen bewusst sein, dass das Wort von Anfang an nicht nur die Zöglinge der Schulen bezeichnet, sondern auch eigentlich jeden, der auf irgendeine Art und Weise Unterricht empfängt, der belehrt wird, der Lehre eines Gelehrten oder Künstlers auf sich wirken lässt.[11]

In den Schulordnungen, die in der deutschen Sprache verfasst worden sind, werden die Schüler nicht selten auf eine völlig allgemeine Art und Weise als Zöglinge, Kinder bzw. Knaben benannt. Parallel zu diesen generellen Bezeichnungen kann man sehr oft auch solche Ausdrücke finden, die sich einerseits durch Zusammensetzungen mit Kind, Junge oder Knabe entwickelten, andererseits – wie schon oben erwähnt – auch dem zahlreichen lateinischen Wortschatz entlehnt sind, z. B.: „In dieser Hinsicht dürften aber unter allen höheren Schulen die Berliner Höheren Bürgerschulen am wenigsten begünstigt sein. Sie sind hauptsächlich in der Absicht gegründet worden, den tüchtigsten Kindern die Möglichkeit zu einer weiteren Ausbildung zu geben, und deshalb ist auch der Beginn des fremdsprachlichen Unterrichts nicht, wie sonst überall, in die VI, sondern in die IV verlegt. In Wirklichkeit haben sich indes die Verhältnisse ganz anders gestaltet. Die aus der V versetzten Zöglinge füllen mit den in der IV – meist zahlreich – zurückgebliebenen die Klasse mehr als reichlich, so daß für die neu aufzunehmenden im günstigsten Falle nur wenige Plätze frei bleiben. Die Knaben, welche in die VI aufgenommen werden, gehören im Durchschnitt nur zu den mittelmäßig begabten.“[12]

[...]


[1] Vgl. Heppe 1858, S. 106f.

[2] Vgl. Demian 1815, S. 386

[3] Vgl. Zerrenner 1820, S. 36f.

[4] Vgl. Thieme: Beiträge zur Geschichte des Pirnaer Volksschulwesens. In: Pirnaer Anzeiger, Nr. 65. 1898, S. 5

[5] Vgl. Zerrenner 1820, S. 36f.

[6] Vgl. Hübsch 1842, S. 116

[7] Vgl.Jütting 1874, S. 304

[8] Vgl. Kluge 1899, S. 354

[9] Vgl. Kluge 1899, S. 354

[10] Meier 1908, S. 12

[11] Vgl. Pierer 1862, Band 15, S. 463

[12] Nagel 1892, S. 5

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Geschichte der deutschen Schule. Schülerbezeichnungen im 19. Jahrhundert
Hochschule
Uniwersytet Warszawski (Universität Warschau)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V275734
ISBN (eBook)
9783656691488
ISBN (Buch)
9783656691471
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, schule, schülerbezeichnungen, jahrhundert
Arbeit zitieren
Radoslaw Lis (Autor), 2013, Geschichte der deutschen Schule. Schülerbezeichnungen im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275734

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Geschichte der deutschen Schule. Schülerbezeichnungen im 19. Jahrhundert



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden