Kirchen(raum)pädagogik


Seminararbeit, 2014

20 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begründung

3 Entstehung und Entwicklung der Kirchenraumpädagogik

4 Bedeutung von Orten und heiligen Räumen

5 Wie entstehen Zugänge zum Kirchenraum?

6 Was macht einen Kirchenraum aus?

7 Probeweise Ingebrauchnahme?

8 Von der Realität zur Wirklichkeit

9 Die liturgische Dimension

10 Anliegen und Ziele

11 Grundlegende didaktische Überlegungen

12 Methodische Hinweise

13 Fazit

14 Quellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Eine Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Kirchenraum geschieht primär in der Architektur und in der Kunst bzw. Kunstgeschichte. In der Theologie gehört es zum Arbeitsfeld der Liturgiewissenschaft. Seit den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich die Kirchenraumpädagogik als Teilgebiet der Praktischen Theologie und der Religionspädagogik entwickelt und etabliert. Das war der Beginn für eine Fülle von Fachliteratur, Vorlagen und Materialien zu diesem Thema, die auf unterschiedliche Zielgruppen eingehen.

In den ersten beiden Kapiteln der Hausarbeit wird die Begründung sowie die Entstehung und Entwicklung der Kirchenraumpädagogik behandelt. Anschließend wird der Blick auf die grundlegende atmosphärische und kulturelle Bedeutung von Orten gelenkt, insbesondere den heiligen Räumen. Darauf aufbauend wird nun geklärt, wie Zugänge zum Kirchenraum entstehen und was einen Kirchenraum ausmacht. Die ökumenischen Differenz, die beim Raumverständnis aufgezeigt wird, wird in den folgenden drei handlungsintensiven Kapiteln verstärkt, sodass zu dem unterschiedlichen Raumverständnis noch die Ungleichheit im Handlungsverständnis aufkommt. Nachdem die Ziele und Anliegen einer Kirchenraumpädagogik beleuchtet wurden, werden grundlegende didaktische Überlegungen für eine spezifische Planung vorgestellt. Die methodischen Überlegungen zur Kirchenerkundung runden diesen Teil ab, bevor die Arbeit mit dem Fazit schließt, das versucht aufzuzeigen, wie aus den ökumenischen Herausforderungen auch Chancen entstehen können.

2 Begründung

Die Chance für fächerverbindenden Unterricht und die Lernortkooperation zwischen Schule und Gemeinde macht Kirchenerkundungen zu einem festen Bestandteil des Religionslehrplans. Kirchenraumpädagogik hat sich in den letzten Jahren als praxisleitende Theorie für entdeckendes und performatives Lernen im Kirchenraum etabliert.1

Betrachtet man die jüngere gesellschaftliche und politische Geschichte, so wird die Entwicklung der Kirchenraumpädagogik deutlich: Bereits 1958 wurde in der Bischofskonferenz der Wunsch nach offenen Kirchen laut. Seit den fünfziger Jahren hat Lärm, Schnelllebigkeit und Mobilität deutlich zugenommen, gleichzeitig entwickelt sich eine pluralistische Gesellschaft, die den Einzelnen angesichts der Menge an Sinn- und Wertangeboten stärker als zuvor herausfordern. Bei Entscheidungen bezüglich des persönlichen Lebens- und Wertesystem rückt die eigene christliche Kultur oft in den Hintergrund - sie scheint fremd geworden und mit dem alltäglichen Leben nicht mehr konform zu sein.2 Exakt diese Entfremdung von der christlichen Tradition verknüpft mit der Sinnsuche ist der Anfangspunkt der Kirchenraumpädagogik.

Aus soziologischer Betrachtungsweise trifft die Dimension des Raumes neu ins Bewusstsein. In einer gegenläufigen Bewegung zu den virtuellen Räumen wächst die Sehnsucht nach konkreten Raumerfahrungen. Gestaltungs- möglichkeiten öffentlicher und privater Räume rücken ins Blickfeld; Individuen sind auf der Suche nach einer Form von Beheimatung und Wohlgefühl. Meist kunstvoll ausgestattet, sind Kirchenräume seit Jahrhunderten Räume, in denen sich Menschen geborgen fühlen, Feste feiern und als Mittelpunkt kirchlichen Gemeindelebens fungieren. In unserer Zeit der Traditionsabbrüche ist der christliche Glauben keine Selbstverständlichkeit mehr, zentrale Symbole müssen neu erschlossen werden und daher dient der Kirchenraum als wichtiger Lernort. Ansatz der Pädagogik muss es hier sein, Kirchenräume zu öffnen, damit jeder Besucher sie in ihrer Schönheit wahrnehmen und sie als persönliche Lebens- sowie Glaubensräume entdecken kann. Das offensichtliche Potential dieser Räume kann nur genutzt werden, indem altersadäquate und einladende Angebote für die unterschiedlichsten Besuchergruppen entwickelt werden.3

3 Entstehung und Entwicklung der Kirchenraumpädagogik

Die Entwicklung der Kirchenraumpädagogik geht auf die zuvor genannte Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von der Volkskirche zurück, weswegen sich ab 1970 zunehmend die Kirchenleitung mit dieser Problematik beschäftigte. Als Folge erarbeitete die vereinigte evangelisch-lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) 1983 eine Doppelstrategie nach innen und außen, um die Zukunft der Kirche zu sichern: Einerseits sollten bestehende Strukturen verdichtet werden und gleichzeitig sollten öffnende Formen kirchlicher Arbeit ausgebaut werden.4

Zwar wurde die Kirchenraumpädagogik durch offizielle Verlautbarungen unterstützt, doch bemerkenswert ist, dass sie sich eigenständig aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen heraus entwickelte. (Kirchen-)Pädagogen experimentierten mit unterschiedlichen Methoden, damit die Begegnung mit dem Kirchenraum lebendig wird. So wurde nach jahrelanger Arbeit mit dem problemorientierten Ansatz das Interesse an außerschulischen authentischen Lernorten befriedigt. Ideen aus der Museumspädagogik wurden aufgegriffen und mit verschiedenen Disziplinen, die mit dem Kirchengebäude in Verbindung stehen, verknüpft. Neben der Theologie wurde auch Kunst, Musik, Geschichte und Architektur vermittelt.5

4 Bedeutung von Orten und heiligen Räumen

Der stetige Kontakt mit den beiden Grundkategorien Raum und Zeit prägt nicht nur unsere individuelle und gesellschaftliche Entwicklung, sondern ebenso unsere Lebens- und Glaubensgeschichte. Beispielhaft dafür steht die biographische Erinnerung an besondere Orte und Räume, aus denen jeder seine Erfahrungen zieht.6

Die plurale Gesellschaft, in der wir aufwachsen, wird immer schnelllebiger und wir suchen automatisch Stille, Einkehr und Besinnung in großen und weiten Räumen.7 Durch die gezielte und bewusste Hinwendung auf den Kirchenraum als Ganzes, kann mit allen Sinnen der Alltag unterbrochen werden und die Zeit des Raumvergessens durchbrochen werden. So kann aktiv ein Raum der Stille gefunden werden. Dieses Schema hat Manfred Josuttis in seiner phänomenologischen orientierten Pastoraltheologie auf den Kirchenraum und jeglichen anderen Raum angewandt, wonach „alle Räume, auch unsere Wohnungen, ,gestimmte‘ Räume sind. Sie haben eine Atmosphäre, ein Kraftfeld, das auf den Eintretenden emotional und existentiell wirkt.“8 Demnach richten wir unsere Räume nicht mehr praktisch aus, sondern erschaffen eine gewünschte Atmosphäre und gestalten ihn durch Gestaltungen (z.B. Bilder oder Symbole) sowie (Licht-)Installationen. Ferner sieht Josuttis in Kirchenräumen besondere Räume, die für ihn ein Machtfeld aufweisen und somit zu Räumen der Begegnung mit göttlicher Macht werden.

In einem Kirchenraum werden die menschlichen Grundbedürfnissen befriedigt, und in einen gleichzeitig sakralen sowie transzendenten Bereich eingetaucht. Gerhards und Odenthal formulieren das wie folgt:

Hier gelten nicht die Gesetze alltäglicher Zweckrationalität, sondern ,heiliges Spiel‘ und Kreativität werden möglich, Grundvoraussetzungen der Subjektwerdung des Menschen.9

Die intensive Wahrnehmung des Raumes, der Architektur und den Symbolen können zu einem persönlichen Erlebnis werden, wodurch alle Sinne angesprochen werden und der Raum auf uns wirkt. Dabei ist es laut Günther Bader sekundär, „ob es sich um eine bedeutende Pilgerstätte oder einen Kirchenraum in bekannter Umgebung handelt“10 - in allen Religionen wollen Menschen dort Kraft für ihren Alltag tanken.

Religiöse Orte können demnach als Alltagsunterbrechung verstanden werden, mit der Chance zu einem Perspektivenwechsel auf das Transzendente hin, um aus der Rationalität herauszutreten und ästhetische Erfahrungen zu machen.

5 Wie entstehen Zugänge zum Kirchenraum?

Zunächst einmal möchte die Kirchenraumpädagogik nicht zu einer reinen Kirchenraumführung anleiten; stattdessen sollen, unter Einbeziehung der Reformpädagogik, Mensch und Kirchenraum eine Beziehung aufbauen - dabei soll erfahrungsbezogen gearbeitet werden und Zugänge zu religiösen Erfahrungen eröffnet werden.11 Mit allen Sinnen sollen Kinder und Jugendliche (auch Erwachsene) angeleitet werden, den Kirchenraum zu erfahren - sprich mit Durchschreiten, Ertasten und Empfinden. Nur das Empfinden mit dem ganzen Körper ermöglicht, das Innere zu formen und offen für geistliches Leben zu sein.12 Entsprechend würde nach diesem Prinzip der Situiertheit zum Altar das Gebet sowie Teilen von Brot und Wein, zum Beichtstuhl die Beichte und zur Kirchenbank die Unterscheidung zwischen Stehen und Sitzen gehören.

Für Katja Boehme ist es logisch, dass Kirchenfenster betrachtet werden müssen, für einen Zugang schlägt sie aber zusätzlich ein Informationsblatt, ein kreatives Arbeitsblatt und/oder Puzzle vor. Nur so sei eine didaktisch aufgearbeitete Kirchenerkundung möglich. Ferner gelten kirchenpädagogische Methoden als sinnvoll, die den Kindern und Jugendlichen unterschiedliche liturgische Handlungen bewusst machen, wie beispielsweise das bewusste Stehen beim Bekennen und Beten oder das Knien als Zeichen der Ehrfurcht.

[...]


1 vgl. Biewald/Husmann: Kirchenräume. S. 7.

2 vgl. Wegener: Entstehung und Entwicklung der Kirchenraumpädagogik. S. 9.

3 vgl. Bader: Räume eröffnen und schließen. S. 76.

4 vgl. Wegener: Entstehung und Entwicklung der Kirchenraumpädagogik. S. 9.

5 vgl. Wegener: Entstehung und Entwicklung der Kirchenraumpädagogik. S. 10.

6 vgl. Bader: Räume eröffnen und schließen. S. 76.

7 vgl. Rupp: Handbuch der Kirchenpädagogik. S. 10f.

8 ebd. S. 12.

9 Gerhards/Odenthal: Raum. S. 855.

10 Bader: Räume eröffnen und schließen. S. 77.

11 vgl. Bundesverband Kirchenpädagogik e. V.: Kirchenpädagogik. o. S.

12 vgl. Rupp: Handbuch der Kirchenpädagogik. S. 18.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kirchen(raum)pädagogik
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V275785
ISBN (eBook)
9783656689416
ISBN (Buch)
9783656689362
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kirchen
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Kirchen(raum)pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275785

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