Lange Zeit war das staatliche Fernsehen in Italien gegenüber anderen Ländern Europas im Rückstand. Als jedoch 1976 der erste landesweit zu empfangende Privatsender eingeführt wurde (was in Deutschland erst 1984 geschah), kam es zu einem gehörigen Aufschwung des Mediums, was den Fernsehkonsum der Italiener steigen ließ und ihnen einen europäischen Spitzenrang sicherte.
Seit den 1980er Jahren entwickelte sich aufgrund des immer invasiver werdenden Mediums Fernsehen und dessen Omnipräsenz ein neues Konkurrenzverhältnis zwischen Literatur und technischen Kommunikationsmitteln. Daraufhin reflektierten Schriftsteller aller Altersklassen die Bedeutung von Film und Fernsehen für die Literatur und deren Schaffenden. Jüngere Autoren, d.h. die giovani scrittori der 1980er Jahre, vertraten die Auffassung, man bräuchte eine neue Literatur, die sich den Herausforderungen, die die Massenmedien an sie stellte, nicht verschloss – eine Meinung, die viele ältere Autoren nicht teilten. Während die alten Schriftsteller die Literatur von den visuellen Medien abgegrenzt wissen wollten, akzeptierten die jungen die Koexistenz beider Ausdrucksmittel und wollten „Film und Fernsehen als bewusstseins- und wahrnehmungsprägende Bestandteile des allgemein verfügbaren Kulturguts in die Literatur [einbeziehen]“, da „[d]er Leser […], wie auch der Schriftsteller selbst, in seiner Realitätswahrnehmung inzwischen vorrangig (multi-)medial geprägt [sei] […]“. Wenn sich schon jene Autoren, deren Sozialisation sich im Wandel von einer schwach zu einer stark mediatisierten Welt vollzogen hat, mit dem Thema beschäftigen, so lässt sich erahnen, dass sich die Lage für die nächste Autorengeneration noch verschärft hat. Diese Autoren, Anfang/Mitte der 1970er Jahre geboren, wurden vollständig in einer stark mediatisierten Welt sozialisiert. Von Kindesbeinen an hat sie das Fernsehen etc. beeinflusst und geprägt.
Die Bücher, die Autoren wie Aldo Nove, Niccolò Ammaniti u.a. in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts zu publizieren begannen, simulieren Filme oder Videoclips. Das Fernsehen ist nicht länger ein Fremdkörper, sondern findet Eingang in die Literatur und wird zum privilegierten intertextuellen Referenzpunkt, d.h. „[v]on der Fotografie, dem Film oder den ,Neuen Medien‘ wird nicht nur berichtet, vielmehr werden die ästhetischen Konzepte von Film, Fernsehen, Video und Internet in den literarischen Kontext evoziert.“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Phänomen der giovani scrittori
2.1 Die giovani scrittori der 1980er Jahre
2.2 Die giovani scrittori der 1990er Jahre
3. Ammanitis L’ultimo capodanno dell’umanità
3.1 Biografische Angaben
3.2 Struktur und Inhalt der Erzählung
3.3 Die Verknüpfung von Körper und Medien
4. Noves Il mondo dell’amore
4.1 Zum Autor
4.2 Zum Werk
4.3 Der Zusammenhang von Körper und Medien
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem menschlichen Körper und den Massenmedien in der italienischen Literatur der 1990er Jahre. Ziel ist es, am Beispiel von Niccolò Ammanitis "L’ultimo capodanno dell’umanità" und Aldo Noves "Il mondo dell’amore" zu analysieren, wie filmische Erzählstrukturen und mediale Realitätskonstrukte die Wahrnehmung und Darstellung des Körpers in der Literatur beeinflussen.
- Die literarische Gruppe der giovani scrittori und ihre Merkmale
- Einfluss von Film, Fernsehen und Werbesprache auf die Literatur
- Intermedialität als zentrales ästhetisches Konzept der 90er Jahre
- Körperdarstellung als Chiffre für eine mediatisierte Wirklichkeit
- Die Auflösung von Raum- und Zeitgrenzen durch mediale Konstrukte
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Verknüpfung von Körper und Medien
Zuerst ist festzuhalten, dass die intermedialen Bezüge in L’ultimo capodanno dell’umanità expliziten Systemerwähnungen entsprechen, d.h. das Medium Film/Fernsehen wird konkret erwähnt. So haben wir z.B. Filomena Belpedio, die am letzten Abend des Jahres vor dem TV einen Selbstmordversuch unternimmt oder den berauschten Ossadispesce, der glaubt, auf der Party seines Freundes die Polizisten der Serie Miami Vice zu erkennen.
Zudem ist das Fernsehen auch immer wieder ganz praktisch, in Form laufender Fernsehapparate präsent. Alle Bewohner des Wohnparks (mit Ausnahme des Generals Rispoli und seiner Frau) schauen um 20.10 Uhr die Rede des Präsidenten. Im weiteren Verlauf des Abends läuft in mehreren Wohnungen die Silvestershow Nottatona di capodanno mit den Moderatoren Mara Venier, Drupi, Alba Parietti, Fabrizio Frizzi und Ambra. Jene real existierenden Persönlichkeiten aus dem Showbusiness sind für unsere Protagonisten ein selbstverständlicher Bestandteil der Realität.
Der Text zielt aber nicht einzig und allein darauf ab, das Medium Film/Fernsehen zu thematisieren. Vielmehr geht es darum, filmische Strukturen im Text nachzuahmen bzw. Verfahren anzuwenden, die zwar transmedial, d.h. medienübergreifend, aber durch das Medium Film konventionalisiert sind, wie z.B. die Montage. Wie wir bereits wissen, wird in L’ultimo capodanno dell’umanità in 88 Episoden der Verlauf einer Silvesternacht erzählt. Die einzelnen Sequenzen werden dabei nummeriert und mit der Uhrzeit versehen. Der Aufzählungscharakter und die äußere chronologische Struktur erwecken den Anschein einer kohärenten Erzählung, die allerdings durch das Fehlen von Anfängen und Enden sowie die Beliebigkeit der Reihenfolge der Episoden gebrochen wird. Im Text wird die Montage eingesetzt, um ein Gefühl der Schnelligkeit und damit des Haltlosen sowie eine Simultaneität zu erzeugen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Aufschwung des italienischen Fernsehens und die daraus resultierende Konkurrenzsituation, in der junge Schriftsteller das Medium Fernsehen aktiv in ihre ästhetische Gestaltung der Literatur einbezogen.
2. Das Phänomen der giovani scrittori: Dieses Kapitel definiert die Charakteristika der literarischen Autorengeneration der 80er und 90er Jahre, die sich durch Intermedialität, Genrebruch und eine verstärkte mediale Präsenz auszeichnet.
3. Ammanitis L’ultimo capodanno dell’umanità: Nach einer biografischen Einführung analysiert dieser Abschnitt die fragmentarische Struktur der Erzählung und die Art und Weise, wie Medien wie das Fernsehen die Handlung und die Körperwahrnehmung der Figuren beeinflussen.
4. Noves Il mondo dell’amore: Das Kapitel widmet sich Aldo Noves Werk und untersucht, wie der Autor durch werbesprachliche Elemente und extreme Gewaltbilder eine mediengeprägte "Pulp"-Ästhetik kreiert, in der soziale und körperliche Grenzen verschwimmen.
5. Schlussbetrachtung: Die abschließende Betrachtung bilanziert die literarische Entwicklung der untersuchten Autoren weg von der expliziten Pulp-Ästhetik und würdigt den Einfluss des Phänomens auf die italienische Gegenwartsliteratur.
Schlüsselwörter
Italienische Literatur, giovani scrittori, Intermedialität, Pulp, Medienrealität, Körper, Film, Fernsehen, Montage, Ammaniti, Nove, Postmoderne, Erzählstruktur, Cannibali, Massenmedien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Aufarbeitung von Medienphänomenen in der italienischen Literatur der 1990er Jahre und deren Auswirkungen auf die Darstellung von Körpern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Intermedialität, der Einfluss von Fernsehästhetik und Massenmedien auf die Literatur sowie die Entgrenzung von Realität und medialer Fiktion.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist die Analyse, wie Autoren wie Ammaniti und Nove filmische Erzählweisen und mediale Wirklichkeitskonzepte nutzen, um die Lebenswirklichkeit einer stark mediatisierten Generation abzubilden.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Medienkonzepte (wie die von Virilio oder Großklaus) auf ausgewählte Erzähltexte anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Ammanitis "L’ultimo capodanno dell’umanità" und Noves "Il mondo dell’amore", wobei jeweils Biografien, Inhaltsstrukturen und die Verknüpfung von Körper und Medien detailliert betrachtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Besonders prägend sind Begriffe wie "Intermedialität", "Literatur der 90er", "Pulp-Ästhetik" sowie die spezifische Auseinandersetzung mit der "Medienrealität".
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Körpers bei Ammaniti von der bei Nove?
Während Ammaniti den Körper in einen expliziten medienkritischen und apokalyptischen Kontext setzt, nutzt Nove eine nüchtern-brutale Ästhetik, in der Gewalt und Konsum oft karikaturhaft und pervers inszeniert werden.
Welche Bedeutung kommt dem Begriff "Cannibali" in dieser Arbeit zu?
Die Bezeichnung "Cannibali" fungiert als literarisches Label für die Autoren der 90er Jahre, die durch eine extreme, schonungslose Darstellungsweise von Gewalt und die Inkorporation medialer Codes auffielen.
Welche Rolle spielt die Montage in den untersuchten Werken?
Die Montage dient dazu, filmische Geschwindigkeiten und Simultaneität in den Text zu übertragen, was das Gefühl der Desorientierung in einer mediatisierten Welt verstärkt.
- Arbeit zitieren
- Patrizia Scamarcio (Autor:in), 2013, Zur Bedeutung von Körper und Medien in Ammanitis "L'ultimo capodanno dell'umanità" und Noves "Il mondo dell'amore", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275829