Qualitative Urteile und empirische Sozialforschung. Zusammenhänge


Studienarbeit, 2014
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zu Hintergrund, Begriffen und Methodik der Arbeit
1.1 Hintergrund und methodische Vorgehensweise
1.2 Der Begriff des Werturteils- Trennung von präskriptiven und deskriptiven Aussagen
1.3 Der Begriff der empirischen Sozialforschung

2 Wissenschaftstheoretische Überlegungen und empirische Forschungsergebnisse zur Möglichkeit der Werturteilsfreiheit empirischer Sozialforschung
2.1 Aktuelle Stimmen in der Werturteilsdiskussion
2.2 Kontexte empirischer Forschung und Werturteile
2.3 Empirie und Empirismus- Wahrnehmung als Voraussetzung empirischer Erkenntnis
2.4 Wertung und Wahrnehmung aus Sicht der Gehirn- und Bewusstseinsforschung
2.5 Intersubjektive Nachvollziehbarkeit als Merkmal wissenschaftlichen Vorgehens
2.6 Intersubjektivität als Lösung des Wertfreiheits-Dilemmas?

3 Fazit und Ausblick: Von der Mystifizierung zur „Expertokratie“- Gefahren einer missverstandenen Werturteilsfreiheit

1 Zu Hintergrund, Begriffen und Methodik der Arbeit

1.1 Hintergrund und methodische Vorgehensweise

Die Frage der Werturteilsfreiheit empirischer Forschung ist eine Streitfrage, die in der Soziologie immer wieder auftauchte und sowohl das Selbstverständnis, als auch die öffentliche Wahrnehmung dieser Wissenschaft beeinflusste.[1]

Bereits Max Weber hatte einen viel zitierten Aufsatz mit dem Titel „Der Sinn der ‚Wertfreiheit‘ in den soziologischen und ökonomischen Wissenschaften“ verfasst.[2]

In diesem sprach er sich für eine Trennung von Wertungen und Sachaussagen in der Sozialwissenschaft aus. Den Standpunkt, dass eine derartige Trennung logisch nicht möglich sei, bezeichnete Max Weber als „uneinnehmbar“.[3]

Eine Zuspitzung fand diese Streitfrage im „Positivismusstreit“ der 1960er Jahre, als Positivisten, die sich streng an die Analyse empirisch nachweisbarer Tatsachen hielten, Anhängern der Kritischen Theorie gegenüberstanden, welche klare Vorstellungen über den Weg zu einer vermeintlich besseren Gesellschaft hatten und sich genötigt sahen, empirische Tatsachen aus dieser Perspektive zu werten.[4]

Ein Hauptmerkmal der Vertreter der kritischen Theorie war, dass sie die Gesellschaft insgesamt in Frage stellten und daher der empirischen Forschung geringere Bedeutung beimaßen, da diese von gesellschaftlichen Bedingungen abhängig sei, die es nach Ansicht der Letzteren gerade zu durchbrechen gelte.[5]

In enger Verbindung zum Streit über Werturteilsfreiheit in den Sozialwissenschaften stand folglich auch der Streit über die anzuwendenden Methoden und den Wert empirischer Forschung als Erkenntnisquelle.

Ein Feld dieser Auseinandersetzung stellte die Gegenüberstellung von qualitativen und quantitativen Methoden der Sozialforschung dar.[6] Ebenso wurde die Fragestellung als Problem von Theorie einerseits und Praxis andererseits diskutiert.[7]

Aus heutiger Sicht kann die Ausschließlichkeit der Positionen als Übergangserscheinung und die wissenschaftliche Polarisierung der 1960er Jahre als überwunden gewertet werden.[8]

Zwar wird die Diskussion über Vor- und Nachteile quantitativer und qualitativer Verfahren der Sozialforschung weiterhin kontrovers geführt, aber es steht fest, dass sich die Verfahren gegenseitig ergänzen können.[9]

Dennoch wird die Frage Möglichkeit einer Werturteilsfreiheit der empirischen Forschung auch aktuell weiterhin geführt und um neue Aspekte bereichert, wie in Teil 2.1 dieser Arbeit vorgestellt wird.

Ausgehend von aktuellen Positionen in der Frage der Werturteilsfreiheit soll sich die Arbeit weiter zu den grundlegenden gedanklichen Voraussetzungen der Werturteilsfreiheit entwickeln.

Hierbei werden nicht nur rein wissenschaftstheoretische, sondern auch philosophische Fragestellungen bezüglich der Mechanik unseres Denkens, Wertens und Wahrnehmens berührt.

Hierbei kann auf eine umfangreiche Fachliteratur, sowie eine große Zahl von Internet-Quellen zurückgegriffen werden.

Ausgehend von diesen Quellen sollen weiterführende Gedanken dahingehend entwickelt werden, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Werturteilsfreiheit in der empirischen Forschung überhaupt möglich ist.

Da Fragen die die Mechanik des Denkens, Wertens und Wahrnehmens betreffen, nicht nur rein philosophische Fragestellungen sind, sondern auch empirisch erforscht werden, wird in Abschnitt 2.4 ausführlich auf Erkenntnisse der Gehirn- und Bewusstseinsforschung zu diesem Thema eingegangen.

Es soll in im Rahmen dieser Arbeit versucht werden, zu einer präziseren Begrifflichkeit der Werturteilsfreiheit zu kommen. Mit Hilfe einer solchen präziseren Begrifflichkeit sollte es möglich sein, eventuelle Mystifikationen zu identifizieren und gegebenenfalls zu dekonstruieren.

Das Ende der Arbeit bilden kritische Überlegungen, welche gesellschaftlichen Auswirkungen aus eventuellen Fehlinterpretationen der Werturteilsfreiheit der empirischen Forschung haben können.

1.2 Der Begriff des Werturteils- Trennung von präskriptiven und deskriptiven Aussagen

Als Werturteile bezeichnet man Soll-Sätze, in denen entweder Sachverhalte bewertet oder bestimmte Handlungen gefordert werden.[10] Man spricht hier auch von präskriptiven Sätzen.[11]

Das Wort „präskriptiv“ wird gemeinhin als Gegensatz zu dem Wort „deskriptiv“ gebraucht.[12] Die Bedeutung des Letzteren ist „beschreibend“[13], wobei eine Werturteilsfreiheit der Beschreibung gemeint ist.

Nach weit verbreiteter Auffassung informieren deskriptive Aussagen über die Realität, während präskriptive Aussagen lediglich Haltungen beziehungsweise Einstellungen gegenüber den Dingen ausdrücken.[14]

Präskriptive Aussagen (Werturteile) seien im Gegensatz zu deskriptiven Aussagen nicht wahrheitsfähig.[15]

Als Synonyme für das Wort „wertfrei“ können gemäß dem Duden auch die Begriffe „deskriptiv“ oder „objektiv“ verwandt werden.[16]

Michael Häder nennt unter Anderem folgende Sätze als Beispiele für präskriptive Aussagen:

- „Die Einkommensverteilung in Deutschland ist gerechter als die in Amerika“
- „Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist zu hoch“
- „Telefoninterviews dürfen unangemeldet nur in der Zeit von 9.00 Uhr bis 21.00 Uhr geführt werden“[17]

Die beschriebenen Gegensätze zwischen Sachaussagen und Werturteilen und die diesen zugeordneten Begriffsmerkmale können hier folgendermaßen gegenübergestellt werden:

Tabelle: Sachaussagen vs. Werturteile

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Diese Gegenüberstellung allerdings wirft die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, Aussagen zu treffen, die rein objektiv und deskriptiv sind und ob Aussagen, zumindest soweit sie komplexe soziale Zusammenhänge beschreiben, nicht stets subjektive und präskriptive Anteile haben.

Dies kann man wohl als zentrale Frage des Streites um Werturteile in der empirischen Forschung ansehen, welche im Kapitel 2 dieser Arbeit umfangreich behandelt werden soll.

1.3 Der Begriff der empirischen Sozialforschung

Peter Atteslander definiert den Begriff der empirischen Sozialforschung folgendermaßen: „Empirische Sozialforschung ist die systematische Erfassung und Deutung sozialer Tatbestände“.[18] Empirisch bedeutet hierbei „erfahrungsgemäß“ und bezeichnet die über unsere Sinnesorgane vermittelte Erfahrung.[19]

Hierbei wird Objektivität angestrebt und das Erfassen gesellschaftlicher Daten muss intersubjektiv nachvollziehbar sein.[20]

Hieraus ergibt sich, dass sich diese Arbeit auch mit der Frage auseinandersetzen muss, ob die Wahrnehmung unserer Sinnesorgane beziehungsweise deren Verarbeitung im Gehirn überhaupt wertfrei von Statten gehen kann.

Weiterhin erscheint es notwendig, sich eingehender mit dem Begriff der Intersubjektivität zu beschäftigen und zu hinterfragen, ob dieser mit dem geläufigen Verständnis von Objektivität gleichgesetzt werden kann.

2 Wissenschaftstheoretische Überlegungen und empirische Forschungsergebnisse zur Möglichkeit der Werturteilsfreiheit empirischer Sozialforschung

2.1 Aktuelle Stimmen in der Werturteilsdiskussion

Die Wie bereits in Abschnitt 1.2 erwähnt, werden die Begriffe „präskriptiv“ und „deskriptiv“ als Antonyme zur Beschreibung von Aussagen gebraucht.

Die Forderung nach einer strikten Trennung zwischen präskriptiven und deskriptiven Aussagen in der Sozialwissenschaft ist weiterhin aktuell, wenn auch nicht unumstritten.[21]

Ein zentrales Argument von Kritikern des Postulates der Wertfreiheit in den Sozialwissenschaften ist, dass eine Trennung von deskriptiven und präskriptiven Aussagen schlicht nicht möglich sei.[22]

Begriffe wie beispielsweise Kriminalität, Radikalismus, Gleichgewicht oder Stabilität seien bereits selbst Ausdruck von Wertungen.[23]

Eine ähnliche Auffassung formuliert beispielsweise Eike Bohlken vom Forschungsinstitut für Philosophie Hannover, führt allerdings noch eine interessante zeitliche Komponente in seine Argumentation mit ein.

Er vertritt die These, dass es Bereiche gibt, in denen nicht vollständig und strikt zwischen deskriptiven und präskriptiven Aussagen getrennt werden könne.[24] Dies betreffe insbesondere den Bereich der Menschenbilder, also der Bilder, die Menschen in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen von sich selbst und ihresgleichen entwerfen.[25]

Diese seien zwar vordergründig deskriptiv, hätten aber stets auch eine normativ-präskriptive Dimension.[26] Im Rahmen der zeitlichen Horizontstruktur menschlichen Daseins blieben Menschenbilder nicht auf die Vergangenheit und Gegenwart beschränkt, sondern griffen unvermeidlich auch auf die Zukunft aus.[27]

Selbst scheinbar sachliche Beschreibungen des Menschen formulierten nicht nur ein sachliches Verhältnis zu seiner Umwelt, sondern griffen aktiv in die Gestaltung dieses Verhältnisses ein.[28]

Der Leipziger Soziologe Karl-Dieter Opp hingegen verteidigt das Postulat der Wertfreiheit, indem er die Möglichkeit einer strikten Trennung von Bedeutungen hervorhebt.

Begriffe wie Kriminalität oder Stabilität drückten nicht nur eine Wertung aus, sondern bezögen sich auch auf reale Tatbestände. „Kriminalität“ beziehe sich beispielsweise auf bestimmte Arten von Handlungen und „Stabilität“ bringe zum Ausdruck, dass es relativ wenige Veränderungen gebe.[29]

Sie hätten demnach sowohl eine konnotative (wertende), als auch eine denotative (beschreibende) Bedeutung. Man könne sich dafür entscheiden, sich nur mit einer dieser Bedeutungen zu befassen.[30]

Opp nimmt an, dass beide Bedeutungen generell voneinander getrennt werden könnten, wobei bestimmte Wörter überwiegend konnotative und andere Wörter überwiegend denotative Bedeutung hätten.[31]

Kennzeichen wissenschaftlicher Herangehensweise sei es, zwischen diesen Bedeutungen klar zu trennen und sich auf die denotative Bedeutung zu konzentrieren.[32]

Für einen Soziologen, der sich mit Kriminalität oder Scheidung auseinandersetze, gelte die Konvention, dass er sich nur mit den denotativen Bedeutungen befasse, also nur mit den empirischen Sachverhalten. Aus diesem Grund sei das Argument, zwischen Sachaussagen und Werturteilen könne nicht scharf getrennt werden, unzutreffend.[33]

[...]


[1] Vgl. Schäfers, Bernhard: Einführung in die Soziologie, 2013, S. 22

[2] Ebd.

[3] Vgl. Weber, Max: Der Sinn der „Wertfreiheit“ in den soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, in: Winckelmann, Johannes: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre- Max Weber, 1988, S. 489 ff.

[4] Vgl. Schäfers, Bernhard: Einführung in die Soziologie, 2013, S. 22

[5] Vgl. Atteslander, Peter: Methoden der empirischen Sozialforschung, 2010, S. 332

[6] Vgl. Bauer, Martin (Hrsg.): Uni-Protokolle- Methodenstreit, online im Internet: http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Methodenstreit.html [25.12.2013]

[7] Vgl. Atteslander, Peter: Methoden der empirischen Sozialforschung, 2010, S. 334

[8] Ebd., S. 333 f.

[9] Vgl. Knopp, Johannes/ Schäfers, Bernhard: Grundbegriffe der Soziologie, 2010, S. 181

[10] Vgl. Häder, Michael: Empirische Sozialforschung- Eine Einführung, 2010, S. 62

[11] Ebd.

[12] Vgl. Bibliographisches Institut GmbH (Hrsg.): Duden- präskriptiv, online im Internet: http://www.duden.de/rechtschreibung/praeskriptiv [15.01.2014]

[13] Vgl. Bibliographisches Institut GmbH (Hrsg.): Duden- deskriptiv, online im Internet: http://www.duden.de/rechtschreibung/deskriptiv [15.01.2014]

[14] Vgl. Stiller, Gudrun: Wirtschaftslexikon24- Werturteil, online im Internet: http://www.wirtschaftslexikon24.com/d/werturteil/werturteil.htm [15.01.2014]

[15] Ebd.

[16] Vgl. Bibliographisches Institut GmbH (Hrsg.): Duden- wertfrei, online im Internet: http://www.duden.de/rechtschreibung/wertfrei [20.03.2014]

[17] Vgl. Häder, Michael: Empirische Sozialforschung- Eine Einführung, Wiesbaden 2010

[18] Vgl. Atteslander, Peter: Methoden der empirischen Sozialforschung, 2010, S. 3

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Vgl. Opp, Karl-Dieter: Methodologie der Sozialwissenschaften, 2005, S. 222 ff.

[22] Ebd., S. 228

[23] Ebd., S. 227

[24] Vgl. Bohlken, Eike: InDebate: Steckt im Sein ein Sollen?, online im Internet: http://philosophie-indebate.de/566/steckt-im-sein-ein-sollen/#more-566 [13.01.2014]

[25] Bohlken, Eike: InDebate: Steckt im Sein ein Sollen?, online im Internet: http://philosophie-indebate.de/566/steckt-im-sein-ein-sollen/#more-566 [13.01.2014]

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Ebd.

[29] Vgl. Opp, Karl-Dieter: Methodologie der Sozialwissenschaften, 2005, S. 228

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Qualitative Urteile und empirische Sozialforschung. Zusammenhänge
Hochschule
Universität Kassel  (UNIKIMS- Die Management School der Uni Kassel)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V275840
ISBN (eBook)
9783656686057
ISBN (Buch)
9783656686033
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, empirische Sozialforschung, Expertokratie, Werturteile, Verwaltungswissenschaft, Hirnforschung, Philosophie, Max Weber, Wertfreiheit, Werturteilsfreiheit
Arbeit zitieren
Florian Klaede (Autor), 2014, Qualitative Urteile und empirische Sozialforschung. Zusammenhänge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275840

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