Sieben berühmte Indianerinnen

Malinche – Pocahontas – Cockacoeske – Katerí Tekakwitha – Sacajawea – Mohongo – Lozen


Fachbuch, 2014
406 Seiten

Leseprobe

Zur berühmtesten Ureinwohnerin Lateinamerikas im 16. Jahrhundert entwickelte sich die Indianerin Malinche (1505–um 1529), indianisch Malintzin Tenepal oder Malinalli genannt und von den Spaniern auf den Namen Doña Marina getauft. Die kluge Aztekin stieg von der Sklavin der

Maya-Indianer zur Geliebten des spanischen Eroberers Hernán Cortés (1485–1547) auf. Ohne ihre Hilfe hätte Cortés Mexiko nicht so leicht in seine Gewalt bringen können. Denn sie lieferte ihm wichtige Informationen und gewann die Feinde der Azteken als Verbündete für die Spanier.

Hernán Cortés kam 1485 in Medellin im Königreich Kastilien und León zur Welt. Seine Eltern gehörten dem niederen spanischen Adel an und waren nicht mit Reichtümern gesegnet. Seine Mutter war entfernt mit dem spanischen Konquistador Francisco Pizarro (1478–1541) verwandt, der ab 1531 das Inkareich in Peru eroberte und 1535 Lima gründete.

Ab dem Alter von 14 Jahren studierte Cortés an der Universität Salamanca Rechtswissenschaft. Aber nach zwei Jahren brach er dieses Studium ab und kehrte nach Medellin zurück. Die zwei Jahre in Salamanca und seine späteren Erfahrungen als Notar machten ihn mit der kastilischen Rechtsordnung vertraut. Danach trat er in den Kriegsdienst und schiffte sich 1504 nach Westindien ein. Dort arbeitete er bei dem mit ihm verwandten Statthalter von Hispaniola, Nicolás de Ovando.

Malinche wurde 1505 bei Coatzacoalcos an der Golfküste des Isthmus von Tehuantepec geboren. Ihr Vater gehörte offenbar dem indianischen Adel an. Er soll als Kazike (Häuptling) über Paynala und weitere Ortschaften geherrscht haben.

Bereits im Kindesalter nahm das Leben von Malinche eine tragische Wende. Ihr Vater starb, ihre Mutter heiratete wieder und brachte einen Sohn zur Welt. Um ihrem Sohn statt der erstgeborenen Malinche das Anrecht auf das Erbe der Familie zu sichern, verkaufte die Mutter ihre Tochter an Sklavenhändler der Maya aus dem weiter östlich gelegenen Xicalango. In ihrer Heimat verbreitete die Mutter das Gerücht, ihre Tochter sei gestorben. Später wurde Malinche weiter nach Tabasco verkauft oder verschleppt. Über ihre Zeit in Tabasco weiß man nichts.

1511 nahm Hernán Cortés unter dem Kommando von Diego Velázquez de Cuéllar (um 1465–um 1524) an der Eroberung von Kuba teil. Cortés wurde dank seiner Tüchtigkeit der Sekretär von Velázquez, nachdem jener zum Gouverneur (Statthalter) von Kuba aufgestiegen war. Velázquez teilte Cortés auf Kuba ein Repartimiento in Cuavanacan am Río Duaba zu. Als Repartimiento bezeichnete man die Zuteilung von Indios an Eroberer. Dies war mit dem Auftrag verbunden, Missionierung und Akkulturation der Eingeborenen zu gewährleisten sowie militärische Bereitschaft zu zeigen. Dafür erhielten die Eroberer das Privileg, die von den Indios geschuldeten Tribute und Arbeitsleistungen (Zwangsarbeit auf den Landgütern und in den Bergwerken) für sich zu nutzen. Cortés ließ die ihm anvertrauten Taino-Indianer nach Gold suchen und kam zu einem Vermögen. Außerdem arbeitete er als Notar, verdiente Geld mit Viehzucht und berechnete den königlichen Anteil der Goldproduktion auf Kuba. Damals nahmen andere Kolonisten Cortés nicht ernst, weil er sich noch nicht als Eroberer hervorgetan hatte. Spötter nannten ihn „Cortesillo“, den „kleinen Cortés“.

1515 verlegte Diego Velázquez de Cuéllar die kubanische Hauptstadt von Baracoa nach Santiago. Cortés begleitete ihn dorthin und wurde als Alcalde zum Oberbefehlshaber und Friedensrichter der neuen Hauptstadt. Ungeachtet dessen hatte Cortés immer wieder Differenzen mit dem Gouverneur. Velázquez ließ Cortés sogar für kurze Zeit ins Gefängnis einsperren, weil dieser Catalina Suarez nicht heiraten wollte, der er die Ehe versprochen hatte. Cortés gelang der Ausbruch, geriet aber erneut in Gefangenschaft. Unter dem Druck des Gouverneurs heiratete Cortés schließlich Catalina, versöhnte sich mit Velázquez und der Familie seiner Frau. Aus der Ehe gingen keine Kinder hervor.

Zweimal unternahm Gouverneur Velázquez den Versuch, seinen Machtbereich zu vergrößern. Aus diesem Grund schickte er 1517 eine Expedition unter Francisco Hernández de Córdoba (gestorben 1517) an die unbekannte Küste von Mittelamerika. Córdoba erlag nach der Rückkehr in Kuba seinen schweren Verletzungen durch Pfeile der Maya. 1518 folgte eine Expedition unter Juan de Grijalva (1490–1527). Durch diese beiden Expeditionen erfuhr Velázquez vom Goldreichtum der Indios.

Anschließend rüstete Gouverneur Velázquez eine dritte Expedition aus und ernannte Cortés zum Kommandanten. Als Velázquez durch Freunde vor dem Ehrgeiz von Cortés gewarnt wurde, nahm er seinen Auftrag zurück. Aber der reiche Cortés hatte schon seine ganze Habe verkauft und auf eigene Kosten eine Expedition ausgerüstet.

Am 18. Februar 1519 segelte Hernán Cortés mit einer Flottille von insgesamt elf Schiffen von Havanna auf Kuba zur Küste von Mittelamerika. Zur Flottille zählten neben dem Flagschiff „Santa Maria de la Concepción“ von Cortés drei weitere Karavellen und sieben kleinere Brigantinen. Die Mannschaft bestand aus insgesamt 670 Mann, überwiegend jungen Männern aus Spanien, Genua, Neapel, Portugal und Frankreich. Davon waren rund 100 Matronen und mehr als 500 Soldaten. Zur Ausrüstung gehörten zehn Kanonen und 16 Pferde.

Auf der Insel Cozumel befreite die Expedition von Cortés den Spanier Gerónimo de Aguilar aus der Gefangenschaft der dortigen Indios. Aguilar war acht Jahre zuvor an der Küste dieser Insel gestrandet, hatte bei den Maya als Sklave gelebt und in dieser Zeit ihre Sprache gelernt.

Cortés segelte um die östliche Spitze von Yucatán und in nördlicher Richtung an der Küste entlang. Dann fuhr er in den Fluss Tabasco und wollte nahe der indianischen Stadt Tabasco an Land gehen, um Trinkwasser zu beschaffen. Weil die dortigen Maya-Indianer die Landung der Spanier nicht zulassen wollten, griffen sie an. Nach heftigem Kampf besiegte Cortés die Eingeborenen, die durch die Pferde der Konquistadoren eingeschüchtert wurden, weil sie solche Tiere noch nie gesehen hatten. Die bezwungenen und verängstigten Indios unterwarfen sich Cortés und dem König von Spanien. Sie erklärten sich bereit, Tribut zu entrichten und schenkten Cortés am 15. März 1519 goldene Schmuckstücke, Truthühner und 20 Sklavinnen, unter denen sich Malinche befand.

Anschließend erklärten die Spanier den indianischen Sklavinnen die Grundsätze der christlichen Religion. Man taufte die Indianerinnen und gab ihnen spanische Namen. Malinche trug fortan den christlichen Taufnamen Doña Marina. Bei diesen Feierlichkeiten erhielt die Stadt Tabasco den neuen Namen Santa Maria de la Victoria.

Nach der Taufe verteilte man die Sklavinnen an spanische Offiziere. Erster Herr von Doña Marina bzw. Malinche, wie sie heute genannt wird, wurde Alonso Hernández Portocarrero, einer der Begleiter von Cortés.

Cortés und seine Männer setzten ihre Fahrt in nordwestlicher Richtung fort. Am 21. April 1519 landeten sie bei San Juan de Ulúa. Die dort lebenden Azteken, die sich selbst Mexica nannten, empfingen die weißen Fremden freundlich und überreichten ihnen Gold, Edelsteine, Kleidung und prächtigen Federschmuck als Geschenke. So reich hatte der Herrscher der Azteken, Moctezuma II. Xocoyotzin (1467–1519), dessen Name „zorniger Herr“ bedeutete, vorher noch niemand beschenkt. Damit verstärkte Moctezuma die geheimnisvolle Aura, die Cortés umgab. Möglicherweise hielt der Aztekenherrscher Moctezuma den Eroberer Cortés für einen Gott.

Ungeachtet dessen lehnte Moctezuma den Wunsch von Cortés ab, ihn in Tenochtitlán besuchen zu dürfen. Moctezuma wollte mit seinen großzügigen Goldgeschenken die Fremden besänftigen und sie dazu bewegen, sein Land zu verlassen. Doch die prachtvollen Goldgeschenke steigerten die Habgier der Spanier.

Als die Konquistadoren das Herrschaftsgebiet der Azteken betraten, wo man nicht mehr die Sprache der Maya, sondern Nahuatl sprach, schienen die Dolmetscherdienste von Gerónimo de Aguilar nutzlos zu werden. Damals erfuhr Cortés, dass Malinche außer ihrer Muttersprache Nahuatl auch die Sprache der Maya beherrschte, deren Sklavin sie lange gewesen war. Für Cortés war dies ein großer Glücksfall. Denn Malinche ermöglichte die Kommunikation mit den Azteken und ihren Vasallen. Malinche war mit der Denkweise der Völker in Mesoamerika vertraut, übersetzte, was Cortés sagte, und ergänzte dies oft mit eigenen, hinzugefügten Erklärungen.

Sobald Cortés mit seiner Expedition auf Azteken oder andere Nahuatl sprechende Völker stieß, übersetzten Malinche und Aguilar das Nahuatl aztekischer oder tlaxcaltekischer Gesandter zunächst in die Maya-Sprache und dann ins Spanische. Dank ihrer Intelligenz lernte Malinche schnell selbst Spanisch und die Dienste von Aguilar wurden überflüssig.

Als Dolmetscherin hielt sich Malinche immer in Nähe von Cortés auf. Aus diesem Grund wurde der Konquistador von den Indianern bald „Capitán Malinche“ genannt. Frei übersetzt hieß dies etwa „Herr der Malinche“.

Um vom Statthalter Diego Velázquez de Cuéllar unabhängig zu werden, gründete Cortés in Namen des Königs und unter königlicher Autorität eine selbstständige Kolonie nach dem Vorbild der spanischen Korporationen. Dieser Kolonie verlieh er den Namen Villa Rica de la Vera Cruz (Veracruz). Dem spanischen König Karl I. (1500–1558), der ab dem 28. Juni 1519 als Karl V. Römischer König und künftiger Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ war, schickte Cortés ein Rechtfertigungsschreiben mit Geschenken der Azteken.

Im April 1519 ließ Cortés seine Schiffe zerstören, nachdem Segel, Anker, Kompasse und andere bewegliche Teile an Land gebracht worden waren. Damit nahm er sich und seinen Männern bewusst die Möglichkeit zur Rückkehr und setzte alles auf eine Karte. Cortés überschritt seine Vollmachten, machte hohe Schulden und ging ein großes Risiko ein. Bei einem Scheitern hätte man ihn auf Kuba abgeurteilt oder als Verräter in Ketten nach Spanien gebracht. Nur bei einem Erfolg konnte er sich gegen den kubanischen Gouverneur Velázquez wehren, seine Gläubiger zufrieden stellen und vor dem spanischen König als Held erscheinen.

Bevor Cortés mit 452 Soldaten, 6 leichten Geschützen sowie Hunderten von indianischen Lastenträgern dem Marsch nach Tenochtitlán antrat, ließ er in Villa Rica de la Vera Cruz eine kleine Truppe unter dem Kommando von Juan de Escalante zurück. Die meisten dieser zurückgelassenen Männer waren für den Marsch zu alt, krank oder bei den ersten Kämpfen in Tabasco verletzt worden und noch nicht wieder genesen.

Cortés hatte von dem „Dicken Kaziken“ der Totonaken wertvolle Informationen über Land und Leute sowie eine Einladung nach Cempoala erhalten. Die von den Azteken wenige Jahre zuvor unterworfenen Totonaken beklagten sich bei Cortés über den Aztekenherrscher Moctezuma II. und die erdrückende Last der Tributzahlungen.

Durch seine Dolmetscherin Malinche erfuhr Cortés viel Wissenswertes über das Aztekenreich. Dort gab es kein klar umrissenes Staatsgebiet, keine einheitliche Sprache, wenngleich Nahuatl fast überall verstanden wurde, keine einheitliche Verwaltung, kein einheitliches Rechtssystem und kein stehendes Heer. Der Vielvölkerstaat wurde nur durch die enorme militärische Macht der Azteken zusammengehalten. Weil das aztekische Heer nur für Kriegszüge aufgestellt wurde, existierte keine militärische Sicherung des Reiches. Falls die Azteken ein Volk unterworfen hatten, mussten die Kaziken Tribut an den Herrscher in Tenochtitlán in Form von Edelmetallen, Kunsthandwerk, Nahrungsmitteln und Menschen entrichten. Letztere wurden von den Azteken versklavt oder auf Altären den Göttern geopfert. Wenn Tributforderungen nicht erfüllt wurden, löste dies einen weiteren Kriegszug aus. Durch jeden Sieg der Azteken wuchs die Zahl ihrer Feinde noch mehr.

Die Totonaken erhofften sich von Cortés ihre Freiheit. Deswegen baten sie ihn um seine militärische Unterstützung gegen die Azteken. Cortes sagte den Totonaken zu, sie vor den Azteken zu schützen. Außerdem überredete er den Kaziken, die damals zufällig anwesenden aztekischen Tributeintreiber gefangen zu nehmen. Zudem drängte er die Totonaken, ihr erzwungenes Bündnis mit den Azteken zu beenden. Den aztekischen Tributeinnehmern half Cortés, heimlich zur Flucht. Diese sollten Nachrichten von ihm an Moctezuma II. überbringen. Die Tributeintreiber berichteten ihrem Herrscher, Cortés wolle sein Freund und Verbündeter sein. Den Totonaken dagegen sicherte Cortés Schutz und Waffenhilfe bei einem Angriff der Azteken zu.

Von den Totonaken erfuhr Cortés auch über die Feindschaft der Tlaxcalteken zu den Azteken. Die Tlaxcalteken hatten sich viele Jahre den Azteken in zahlreichen Schlachten widersetzt und keinen Tribut entrichtet. Cortés wollte deswegen auch mit den Tlaxcalteken ein Bündnis eingehen.

Vermutlich ab Sommer 1519 wurde die zungenfertige Malinche die Geliebte von Cortés. Von ihr erfuhr der spanische Eroberer alles über das Reich der Azteken, deren Götter und Moctezuma II. Xocoyotzin, der den aztekischen Herrschaftstitel „Tlatoani“ („der, der regiert“) trug.

Am 16. August 1519 brach Cortés mit 500 Fußsoldaten, 16 Reitern, 30 Armbrustschützen und 12 Arkebusieren zum Marsch gegen die Azteken auf. In seiner Begleitung befanden sich etwa 400 Krieger der Totonaken des Kaziken von Cempoala. Seine Artillerie umfasste 6 Geschütze, 10 bronzene Feldschlangen, 4 Falconieren und etliche Bombarden. Vor allem zu Beginn des Feldzuges war Malinche bei jeder Schlacht der Spanier mit den Indios dabei und schwebte dabei oft in Todesgefahr. Die mutige Indianerin sah bei den Scharmützeln nicht nur tatenlos zu.

Weil die Totonaken damals Unterworfene und zwangsweise Verbündete der Azteken waren, zogen die Tlaxcalteken den Schluss, auch die Spanier seien mit den Azteken im Bunde. Die Tlaxcalteken nahmen die totonakischen Unterhändler gefangen. Am 4. September 1519 griffen die Tlaxcalteken unter dem Kommando des Kaziken Xicoténcatl der Ältere und dessen Sohnes Xicoténcatl der Jüngere (gestorben 1521) mit einer großen Übermacht Cortés und seine Männer an. Malinche richtete die Spanier in der Schlacht wieder auf, sobald diese ihre Siegeszuversicht verloren. Die Spanier baten die Tlaxcalteken mehrfach um Frieden. Einerseits setzten ihnen die Tlaxcalteken bei den Kämpfen sehr zu, andererseits strebten sie mit ihnen ein Bündnis gegen die Azteken an. Endlich erklärten sich die Kaziken von Tlaxcala bereit, spanische Gesandte zu empfangen. Der dort letztlich geschlossene Frieden stieß aber auf hartnäckigen Widerstand von Xicoténcatl dem Jüngeren, der an einen Sieg glaubte. Er sträubte sich sogar, der Anweisung seines Vaters zu folgen, und zog sich mit einer Gruppe von Kriegern zurück, um einen erneuten Angriff auf die Spanier vorzubereiten.

Einige Tage nach dem Friedensschluss schickte Xicoténcatl der Jüngere etliche Träger mit Geschenken, die aber in Wirklichkeit den Auftrag hatten, das Lager der Spanier auszukundschaften. Weil die Träger ungewöhnlich lange im Lager blieben, schöpfte Cortés jedoch Verdacht. Er ließ die Spione festnehmen und verhören. Bei der Befragung wurden die Träger durch die dolmetschende Malinche enttarnt und gestanden ihren Auftrag. Darauf ließ Cortés einigen dieser Indios die Hände abhacken und schickte sie an Xicoténcatl den Jüngeren zurück. Diesem blieb nun nichts anderes mehr übrig, als sich vorerst den Anweisungen seines Vaters zu fügen. Xicoténcatl der Ältere schloss daraufhin das von den Spaniern erhoffte Bündnis gegen den Aztekenherrscher Moctezuma II. Anders als sein Vater, der die Spanier immer wieder mit Krieger unterstützte, blieb Xicoténcatl der Jüngere untätig. Der Hass auf die Azteken machte die Tlaxcalteken zu den wichtigsten und treuesten Verbündeten von Cortés.

Mit 2.000 Tlaxcalteken verstärkt kam Cortés zur reichen und als Götterheiligtum betrachteten Stadt Cholua, die kurz vorher von den Azteken unterworfen worden war. Während es im Gebiet der Tlaxcalteken nicht einmal Salz gab, herrschte in Cholua ein Überfluss an Lebensmitteln und Waren.

Heute weiß man nicht mehr genau, was Cortés zu einem Angriff auf die Stadt Cholua bewog. Wollte er mit einem Präventivschlag gegen Cholua die Azteken einschüchtern? Wiegelten die Tlaxcalteken die Spanier gegen die Choluteken, die ihren alten Feinde waren, auf? Oder wollten die Choluteken die Spanier in einem Hinterhalt töten?

Angeblich erhielt Malinche von einer Einwohnerin aus Cholua eine Nachricht von einem Hinterhalt. Cortés erwähnte in einem Brief an Kaiser Karl V. eine versteckte aztekische Streitmacht von schätzungsweise 50.000 Mann. Mit eigenen Augen gesehen hat diese gewaltige indianische Armee aber niemand. Realistisch ist, dass Cortés auf seinem Weg nach Tenochtitlán keine so starke Stadt wie Cholua in seinem Rücken haben wollte. Wie dem auch sei: Die Spanier verübten ein Massaker in Cholua, wobei viele Einwohner dieser Stadt ums Leben kamen. Und die Tlaxcalteken plünderten die reiche Stadt.

Durch sein Bündnis mit den Tlaxcalteken und die Unterwerfung von Cholua bewies Cortés, dass er ein nicht zu unterschätzender neuer Machtfaktor im Reich der Azteken war. Der Aztekenherrscher Moctezuma II. versuchte weiterhin, Cortés von seiner Hauptstadt Tenochtitlán fernzuhalten. Aber je mehr Cortés über Tenochtitlán hörte, um so stärker wurde sein Wunsch, diese Stadt zu besuchen.

Nachdem die Spanier den letzten Pass in den Bergen überwunden hatten, erblickten sie den Texcoco-See (Mexiko-See) und die vielen dichtbesiedelten Städte an seinem Ufer. Die größte dieser Städte war Tenochtitlán, die Hauptstadt des Aztekenreiches. Sie lag auf mehreren Inseln im westlichen Teil des Texcoco-Sees, der sich in einer Höhe von etwa 2.400 Metern befindet. In Tenochtitlán lebten damals vermutlich mehr als 100.000 Menschen. Damit war Tenochtitlán zu jener Zeit die größte Stadt des amerikanischen Kontinents und eine der größten weltweit. Fünf Dammwege verbanden diese riesige Stadt mit dem Festland.

Am 8. November 1519 wurde Cortés vor den Toren der Azteken-Hauptstadt Tenochtitlán von Moctezuma II. feierlich empfangen. Bei der historischen Begegnung zwischen Cortés und Moctezuma II. erhob Malinche gegenüber dem aztekischen Herrscher die Stimme und verkündete die Worte der Konquistadoren. Die Azteken hielten die Spanier für „Weiße Götter“ und Cortés anfangs für den Gott des Himmels und der Erde, dessen Name Quetzalcoatl „gefiederte Schlange“ bedeutete.

Moctezuma überließ den Spaniern den Palast seines verstorbenen Vaters Axayacatl als Unterkunft. Dieses Gebäude war so groß, dass alle Spanier mit ihren Pferden und Kanonen darin untergebracht werden konnten.

Anfangs hofierte man die Spanier sehr in Tenochtitlán. Sie bereisten und erkundeten in Begleitung von hohen Würdenträgern das Land der Azteken. Besonders interessiert war Cortés an den Häfen und Goldbergwerken. Auf Wunsch von Cortés zeigte Moctezuma II. ihm und seinem Gefolge das Innere eines Tempels. In einem Raum mit blutverkrusteten Wänden entdeckten die Spanier drei menschliche Herzen, die gerade in einem Kohlebecken verbrannt wurden. Bei den Azteken galten Menschenopfer als heilige Handlung und Akt der Götterverehrung. Die christlichen Spanier fühlten sich hierdurch in ihrem religiösen Empfinden zutiefst beleidigt. Für sie war die Religion der Azteken eine Gotteslästerung. Deswegen sprach Cortés den Herrscher Moctezuma II. an und wollte die Götterstatuen der Azteken stürzen sowie durch das christliche Kreuz und Marienbilder ersetzen. Dies löste einen heftigen Streit aus. Als die Spanier in dem ihnen zugewiesenen Palast eine kleine Kirche einrichteten, entdeckten sie hinter einer Mauer die Schatzkammer des verstorbenen Herrschers Axayacatl.

Zunehmende Spannungen mit den Azteken machten den Spaniern bewusst, wie angreifbar sie letztlich waren. Eines Tages erhielt Cortés die alarmierende Nachricht, dass die Azteken einen Angriff auf die kleine Garnison in Veracruz unter Juan de Escalante unternommen hatten. Dabei waren sechs Männer getötet und Escalante schwer verwundet worden. Escalante starb drei Tage nach dem Angriff. Der Soldat Arguello war lebend in die Gefangenschaft der Azteken geraten. Nun wurde den Spaniern klar, dass sie sich in der aztekischen Hauptstadt in Lebensgefahr befanden.

Nach dem Angriff auf Veracruz schickte der aztekische Befehlshaber an Moctezuma II. den abgeschnittenen Kopf des gefangenen Spaniers Arguello. Daraufhin stellte Cortés am 14. November 1519 den Aztekenherrscher zur Rede und die Spanier forderten ihn unter Drohungen auf, sie in ihr Quartier zu begleiten. Dort angekommen, eröffneten sie Moctezuma, er sei von nun an ihr Gefangener. Der gedemütigte Fürst regierte nach wie vor weiter, aber tatsächlich war fortan Cortés sein Gebieter.

Cortés ließ die aztekischen Hauptleute, die gegen Juan de Escalante und seine Männer gekämpft hatten, vorführen und verhören. Die Befragten gestanden, sie hätten auf Befehl von Moctezuma II. gehandelt. Danach wurden sie verurteilt und öffentlich verbrannt. Cortés zwang Moctezuma, die Vollstreckung des Todesurteils anzusehen. Schnell verbreitete sich die Nachricht über den Tod der aztekischen Hauptleute im Land. Damit wurde das Ansehen der Spanier bei den mit ihnen verbündeten Totonaken in Cempoala wieder hergestellt.

In der Folgezeit durchsuchten Spanier die Provinzen des Aztekenreiches nach Reichtümern und ersetzten missliebige indianische Beamte. Cortés brachte Moctezuma II. angeblich sogar dazu, die Oberherrschaft von Karl V. förmlich anzuerkennen und die Zahlung eines jährlichen Tributs zuzusagen. Der von Cortés in Briefen an Karl V. geschilderte Amtsverzicht von Moctezuma zugunsten des spanischen Herrschers wird von Historikern als geschickte Erfindung betrachtet.

Ungeachtet aller Spannungen versuchte Moctezuma, noch gütlich mit den Spaniern auszukommen und gab Cortés seine Lieblingstochter Tecuichpoch zur Frau. Cortés, der eine Ehefrau und mit Malinche auch eine Geliebte hatte, wies die Tochter des Aztekenherrschers nicht zurück und versprach, sie gut zu behandeln. Einer der Offiziere von Cortés bekam die Tochter Leonor Moctezuma.

Neue Gefahr drohte Cortés, als der kubanische Gouverneur Diego Velázquez de Cuéllar eine Flotte von 18 Schiffen mit 1.200 Mann, 12 Kanonen und 60 Pferden unter dem Oberbefehl von Pánfilo de Narváez (1470–1528) gegen ihn aussandte. Narvaéz landete im April 1520 in Neuspanien. Er sollte Cortés und seine Offiziere gefangen nehmen und selbst das Kommando in Neuspanien übernehmen. Als Cortés davon erfuhr, ließ er 150 Mann unter Pedro de Alvarado in Tenochtitlán zurück und marschierte am 20. Mai 1520 mit den restlichen 250 Mann dem Feind entgegen. Cortés wagte den ersten Schritt und überfiel Narváez, der bereits die Stadt Cempoala bezwungen hatte. Narvaéz wurde im Kampf verwundet und verlor ein Auge. Obwohl er fast fünfmal so viele Soldaten wie Cortés hatte, unterlag Narvaéz. Man nahm ihn und den größten Teil seiner Leute gefangen. Narvaéz blieb einige Jahre lang der Gefangene von Cortés, wurde aber gut behandelt.

Während Cortés und Narváez gegeneinander kämpften, überwältigten indianische Krieger aus Texcoco den ungeschützten Tross von Pánfilo de Narváez und die Menschen, die mit ihm an Land gegangen waren. Sie brachten die rund 550 Gefangenen nach Zultepec, opferten sie ihren Göttern und aßen sie in den nächsten sieben Monaten.

Dank Gold und allerlei Versprechungen bewog Cortés die meisten Männer von Narváez, sich ihm anzuschließen. Danach kehrte er mit einer Streitmacht von mehr als 1.200 Mann nach Tenochtitlán zurück. Dort war inzwischen ein Aufstand gegen die Spanier ausgebrochen, weil Pedro de Alvarado die Teilnehmer des aztekischen Frühlingsfestes niedermetzeln hatte lassen. Die Azteken hatten Cuitláuac als neuen Herrscher des Reiches auserkoren und Moctezuma die Macht entrissen. Nach einem Angriff der aztekischen Krieger auf den Palast, in dem sich die Spanier aufhielten, soll Moctezuma von seinen eigenen Männern getötet worden sein. Dies beruht aber nur auf spanischen Quellen. Es könnte auch sein, dass sich die Spanier des aztekischen Herrschers entledigten, als er ihnen nichts mehr nützte.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1520 versuchte Cortés, aus Tenochtitlán zu fliehen. Auf der Flucht überlebten von den mehr als 1.200 Soldaten und knapp 100 Pferden lediglich 425 Soldaten und 24 Pferde. Auf sie war ein wahrer Steinhagel niedergegangen. Cortés selbst büßte den Zeigefinger seiner linken Hand ein. Diese Nacht wird als „Noche Triste“, die „traurige Nacht“, bezeichnet. Cortés erlitt dabei den größten Verlust an Männern, Waffen und Gold. Bei der verlustreichen Flucht aus Tenochtitlán wurden Malinche und andere Frauen auf Geheiß von Cortés durch 300 Tlaxcalteken und 30 Spanier geschützt. In der Vorhut erreichte Malinche als eine der Ersten das rettende Ufer. Dagegen verloren viele andere Frauen und etwa zwei Drittel der spanischen Streitmacht in dieser Nacht ihr Leben.

Mit dem Rest seiner Streitmacht versuchte Cortés, sich nach Tlaxcala zu den mit ihm verbündeten Tlaxcalteken abzusetzen. Doch das aztekische Heer holte ihn am 14. Juli 1520 auf einer Ebene vor Otumba ein und stellte ihn. Die Azteken wollten die Spanier endgültig vernichten, aber sie unterschätzten die Kampfkraft der spanischen Kavallerie. Bis dahin hatten die Azteken die spanischen Reiter mit ihren Pferden nur auf den gepflasterten Straßen von Tenochtitlán oder auf der Flucht über die aufgerissenen Dämme in der „traurigen Nacht“ erlebt. Neu für sie war, dieser Kavallerie in einer offenen Schlacht auf einer grasbewachsenen Ebene gegenüberzustehen. Cortés erkannte den aztekischen Befehlshaber an seinem aufwendigen Federschmuck und seiner Federstandarte und stürmte in Begleitung von anderen Reitern mitten unter die Azteken auf ihn zu. Juan de Salamanca ritt den aztekischen Befehlshaber nieder, tötete ihn, hob die Federstandarte auf und überreichte sie Cortés. Obwohl die Spanier in dieser Schlacht bereits schwere Verluste erlitten hatten, zogen sich die Azteken nach dem Tod ihres Anführers zurück.

Fünf Tage nach seiner dramatischen Flucht aus Tenochtitlán erreichte Cortés endlich Tlaxcala und somit die mit ihm verbündeten Tlaxcalteken. Seine Verluste an Menschen und Material waren enorm. Einige der Frauen, die mit Pánfilo de Narváez ins Land gekommen waren, starben. Im Gegensatz dazu erlebten seine Dolmetscherin und Geliebte Malinche, Dona Luisa, eine Tochter von Xicoténcatl dem Älteren, sowie die beiden Töchter von Moctezuma und María Estrada, die einzige Frau in Waffen und Rüstung. Letztere hatte auf dem ganzen Feldzug mit den Männern gekämpft und war die Ehefrau eines spanischen Konquistadors.

Damals leistete Xicoténcatl der Jüngere erneut Widerstand gegen die Spanier. Offen rief er die Einwohner von Tlaxcala zum Kampf auf, wurde aber auf Betreiben seines Vaters Xicoténcatl der Ältere und einiger anderer Kaziken festgenommen, gefesselt und vorgeführt. Obwohl wegen dieses Vorfalls ein heftiger Disput geführt wurde, kam Xicoténcatl der Jüngere später frei.

Ungeachtet seiner Niederlage in Tenochtitlán gab Cortés nicht auf. Er plante einen Eroberungsfeldzug rund um den Texcoco-See und schmiedete neue Allianzen. Die Tlaxcalteken blieben auch nach der Niederlage in Tenochtitlán seine wichtigsten Verbündeten, obwohl die Azteken sie auf ihre Seite ziehen wollten und ihnen Frieden und Wohlstand verhießen.

Zusammen besiegten die Spanier und Tlaxcalteken die aztekische Besatzung in Tepaeca und lösten diese Stadt aus dem Bündnis mit den Azteken. Unterdessen grassierte eine Pocken-Epidemie in Tenochtitlán und griff bald auf das umliegende Land über. Die Krankheit war von einem spanischen Sklaven, der mit den Truppen von Pánfilo de Narváez angekommen war, eingeschleppt worden.

Der Nachfolger von Moctezuma II. namens Cuitláhuac starb bereits 80 Tage nach seinem Machtantritt. Die Pocken-Epidemie ließ die Zahl der Kämpfer auf beiden Seiten merklich schrumpfen. Bei den Azteken wirkte sich die Epidemie jedoch gravierender aus als bei den Spaniern.

Nach dem Tod von Cuitláhuac bestieg im Februar 1521 Cuauhtémoc, der Sohn von König Ahuitzotl, den Thron der Azteken. Cuauhtémoc schickte Boten und Krieger zu benachbarten Völkern und versuchte, sie mit Versprechungen, Drohungen und Strafexpeditionen an sich zu binden. Doch viele Völker hatten genug von der aztekischen Vorherrschaft und beteiligten sich nicht am Kampf gegen die Spanier.

Während weniger Monate besiegte Cortés mit seinen Truppen mehrere Stadtstaaten wie Chimalhuacán, Oaxtepec, Yautepec, Cuernavaca und Tlacopan rund um den Texcoco-See. Andere Völker, auf die Cortés bei seinem Eroberungsfeldzug traf und die von den Azteken unterworfen und ausgebeutet wurden, schlossen sich den Spaniern an. Als neue Kampfgenossen gewann Cortés die Tepeyacac, Cuernavaca sowie die Städte Huejotzingo, Atlixco, Metztitlán und Chalco. Falls ein Herrscher nicht das tat, was Cortés von ihm wollte, setzte er ihn kurzerhand ab und ersetzte ihn durch einen Mann, den er als Marionette benutzen konnte.

Der an Pocken erkrankte Herrscher von Chalco empfahl seinem Volk auf dem Totenbett, sich den Spanieren zu unterwerfen. Er schickte seine Söhne zu Cortés statt zum Aztekenherrscher Cuauhtémoc. Seine Nachfolge und die Herrschaft über die zugehörigen Ortschaften legte er in die Hände von Cortés, der die Prinzen wohlwollend aufnahm und sie in ihrem Amt bestätigte. Im Laufe der Zeit erkannten immer mehr Städte den alten Stellungen in der Stadt. Aus diesem Grund gab Cortés den Befehl, eroberte Häuser niederzureißen. Auf diese Weise rückten die Spanier langsam auf das Stadtzentrum vor. Der Aztekenherrscher Cuauhtémoc startete einen groß angelegten Angriff auf Alvarado und die Truppen in Tlacopan. Aber die Azteken wurden zurückgeschlagen.

Bald machten Hunger und Durst den Belagerten in Tenochtitlán immer mehr zu schaffen. Denn die Spanier fingen alle Lieferungen von Lebensmitteln und Wasser in die Hauptstadt ab. Sogar Azteken, die versuchten, Fische im Texcoco-See zu fangen, wurden von den Spaniern aufgegriffen. Zahlreiche Azteken tranken Salzwasser aus dem See und erkrankten. Viele der Eingeschlossenen verhungerten.

Während die Streitmacht der Azteken in Tenochtitlán weiterhin dezimiert wurde, trafen in Veracruz frische spanische Soldaten ein. Eine Truppe unter Francisco de Garay (gestorben 1523), die eigentlich ausgezogen war, um das Gebiet am Panuca zu erobern, war dort gescheitert. Die meisten dieser Soldaten schlossen sich Cortés an. Außerdem schlugen sich immer mehr früher mit den Azteken verbündete Städte auf die Seite der Spanier. So Huichilibusco, Coyohuacan, Mizquic und andere Orte rund um den Texcoco-See.

Am 21. Juli 1521 wurde Cortés das Opfer einer Kriegslist, als er den vermeintlich endgültig geschlagenen Azteken in die Hauptstadt Tenochtitlán folgte. Dort bot der Aztekenherrscher Cuauhtémoc frische Kräfte auf, die viele Spanier töteten und rund 60 gefangen nahmen. Nur knapp entging Cortés der Gefangenschaft. Cristobal de Olea rettete ihm das Leben und verlor sein eigenes im Kampf. Die Azteken opferten die gefangenen Spanier ihren Göttern, schickten Körperteile der Toten an die Völker, die auf der Seite der Spanier kämpften und drohten ihnen. Doch Cortés entsandte eine Strafexpedition und unterband weitere Hilfen für Tenochtitlán.

Der Aztekenherrscher Cuauthémoc zog sich mit seinen restlichen Kriegern nach Tlatelolco, einem Stadtteil von Tenochtitlán mitten im Texcoco-See, zurück, gab sich aber noch nicht geschlagen. Als Cortés die Krieger der Azteken in einen Hinterhalt lockte, nahmen diese die Friedensangebote der Spanier zum Schein an, wagten aber noch einen Angriff. Doch ihre Kräfte waren schon zu sehr geschwächt.

Während einer Kampfpause flüchten zahlreiche ausgehungerte indianische Frauen und Kinder zu den Spaniern. Daraufhin wurde Gonzalo de Sandoval mit seinen Männern von Cortés in das letzte von den Azteken besetzte Stadtviertel im Texcoco-See geschickt. Dort rissen sie die Häuser und Verschanzungen nieder. Als er keinen Ausweg mehr sah, flüchtete Cuauhtémoc mit seiner Familie und den letzten Getreuen in Kanus über den See. García Holguíns, einer der Männer von Gonzalo de Sandoval, verfolgte mit seiner Brigantine den letzten Herrscher der Azteken bei seiner Flucht über den See und nahm ihn fest.

Am 13. August 1521 war die fast vollständig zerstörte Hauptstadt Tenochtitlán endgültig erobert. In den Straßen lagen zahlreiche Leichen, die nicht begraben werden konnten. Während der mehrere Monate dauernden Belagerung sind schätzungsweise 24.000 Azteken gestorben. Cortés ordnete die Evakuierung von Tenochtitlán an. Der Zug der halb verhungerten Azteken auf das Festland zog sich drei Tage dahin.

Nachdem man die Leichen aus der Hauptstadt geschafft und begraben hatte, begann man mit dem Wiederaufbau von Tenochtitlán. Kaiser Karl V. ernannte Cortés zum Gouverneur, Obersten Richter und Generalkapitän von Neuspanien. Dadurch war er der mächtigste Mann nach dem Kaiser. Durch die Eroberung des Aztekenreiches legte Cortés den Grundstein für das Vizekönigreich Neuspanien und das „Imperio Español“, das spanische Imperium.

Cortés bestätigte Cuauhtémoc als König der Azteken. Doch nicht lange danach ließ er den Aztekenherrscher foltern, um zu erfahren, wo dieser Goldschätze versteckt hatte. Schon während der Eroberung des Landes arbeitete Cortés auf einen Wandel in der Religion der Indios hin. Nun holte er Missionare nach Neuspanien. Durch militärische Vorstöße in den Norden vergrößerte er seinen Machtbereich weit über die Grenzen des früheren Aztekenreiches hinaus.

1522 brachte Malinche einen Sohn von Cortés namens Martín zur Welt. Dieser wuchs allerdings getrennt von seiner Mutter auf. Zu einer denkwürdigen Begegnung kam es 1523 in Paynala, dem Geburtsort von Malinche. Dort traf Malinche ihre Mutter, die sie einst an Sklavenhändler verkauft hatte, und ihren Bruder wieder. Sowohl ihre Mutter als auch ihr Bruder waren bereits zum christlichen Glauben übergetreten und hießen nun Martha und Lazaro. Malinche galt damals als die mächtigste Frau in Neuspanien und hatte auf Cortés großen Einfluss. Deswegen hatten ihre Mutter und ihr Bruder große Angst vor ihr und fürchteten um ihr Leben. Doch Malinche verzieh den Beiden.

1523 schickte Cortés seinen Weggefährten Cristóbal de Olid nach Honduras, um dieses Land zu erobern. Olid war seit langem ein treuer Begleiter von Cortés und hatte noch nie Anlass zu Misstrauen gegeben. Doch ausgerechnet dieser Weggefährte der ersten Stunde verbündete sich mit Diego Velázquez de Cuéllar, dem Erzfeind von Cortés. Denn er wollte mit Unterstützung des kubanischen Gouverneurs für sich selbst Hondura erobern und sich von Cortés unabhängig machen. Als Cortes dies erfuhr, schickte er Francisco de Las Casas mit zwei Schiffen nach Honduras, um Olid gefangen zu nehmen. Nachdem Cortés lange auch nichts von Las Casas hörte, brach er im Herbst 1524 selbst mit einer Armee von mehreren hundert Spaniern und 3.000 Indios auf den Weg nach Süden auf. Aus Sorge, der letzte Aztekenherrscher Cuauhtémoc könnte während seiner Abwesenheit einen Aufstand in der Hauptstadt Tenochtitlán wagen, nahm Cortés ihn auf den Feldzug mit. Unterwegs wurde Cuauhtémoc wegen eines angeblichen Mordkomplotts von den Spaniern erhängt.

Francisco de Las Casas war nach seiner Landung in Honduras in die Gefangenschaft von Olid geraten. Bei einem gemeinsamen Essen verletzte Francisco de Las Casas seinen Gastgeber Olid mit einem Dolch und ließ ihn auf dem Marktplatz von Naco enthaupten. 1525 fuhr Francisco de Las Casas mit dem Schiff nach Veracruz und über Land in die Hauptstadt Tenochtitlán. Dort nahmen ihn Gegner von Cortés fest und verurteilten ihn wegen des Mordes an Olid zum Tode. Das Urteil wurde aber nicht vollstreckt, weil er den Kaiser um Gnade bitten wollte. Man brachte ihn in Ketten nach Spanien, wo man ihn zwei Jahre später freisprach.

Beinahe wäre der Feldzug von Cortés nach Honduras wegen Strapazen des Weges, schlechtem Wetter und Hunger missglückt. Bei Kämpfen mit feindlichen Indios verloren viele Expeditionsteilnehmer ihr Leben. Als man in Tenochtitlán lange nicht mehr von Cortés erfuhr, kam das Gerücht auf, er sei nicht mehr am Leben. Seine Feinde verbreiteten dieses Gerücht als Tatsache am spanischen Königshof und teilten seinen Besitz.

Nachdem Cortés in Honduras klar wurde, dass Francisco de Las Casas seine Aufgabe erfüllt hatte, segelte er mit dem Schiff über Havanna nach Vera Cruz. In Neuspanien empfing man ihn überall begeistert und begrüßte ihn vor allem in Tlaxcala stürmisch. Doch Cortés hatte durch seine lange Abwesenheit seine absolute Macht verloren.

Während des Feldzuges von Cortés in Honduras heiratete Malinche am 20. Oktober 1524 den spanischen Offizier Juan Xaramilo de Salvatierra. Nach der Rückkehr aus Honduras lebte das Paar bis zum Tod von Malinche in Tenochtitlán. Aus dieser Verbindung ging die Tochter Maria hervor. Das Todesjahr von Malinche ist nicht genau bekannt. Auch ihre Todesursache kennt man nicht. Sie soll um 1529 gestorben sein. Demnach wäre sie in jungen Jahren gestorben.

Am 13. Dezember 1527 ernannte Kaiser Karl V. eine so genannte Audiencia für Neuspanien. Diese sollte die Regierung der Kolonie übernehmen und bestand aus einem Präsidenten und vier Richtern (Oidores). Ihr Präsident war Nuño Beltrán de Guzmán. Die Richter hießen Juan Ortiz de Matienzo, Diego Delgadillo, Diego Maldonado und Alonso de Parada.

Am Hof des Kaisers versuchte der Bischof von Burgos, Juan Rodríguez de Fonseca (1451–1524), schon vor längerer Zeit die Siege von Cortés zu verniedlichen oder sie Diego Velázquez de Cuéllar zuzuschreiben. Der Bischof verstand sich gut mit Velázquez, der ihm einträgliche Ortschaften und Bergwerke auf Kuba überlassen hatte. Als Velázquez den Bischof um Hilfe gegen Cortés bat, setzte sich der Kirchenmann energisch für ihn ein. Fonseca missbrauchte schamlos seine Macht als Vorsitzender des „Consejo de Indias“, der obersten Kolonialbehörde und des wichtigsten Verwaltungsorgans des spanischen Kolonialreiches. Er ließ die Boten, die Cortés an den Königshof nach Spanien gesandt hatte, ins Gefängnis werfen. Außerdem unterschlug er Briefe, verfälschte Informationen und versuchte Cristobal de Tapia, einen Günstling, der seine Nichte geheiratet hatte, als Statthalter von Neuspanien einzusetzen und damit Cortés die Macht zu entreißen.

Tapia traf eines Tages mit angeblich im Auftrag von Kaiser Karl V. ausgestellten offiziellen Urkunden und Blanko-Schriftstücken in Neuspanien ein. Doch die Männer von Cortés ließen sich von diesen gefälschten Dokumenten nicht beeindrucken. Da Tapia nicht beweisen konnte, dass der Kaiser von der Machtübernahme in Neuspanien wusste, sagten ihm die Gefolgsleute von Cortés ins Gesicht, dass Bischof Fonseca dahinterstecke. Cortés linderte die Enttäuschung von Tapia mit Goldgeschenken und schickte ihn nach Santo Domingo zurück. Der korrupte Bischof verhinderte auch den Nachschub mit Waffen, Soldaten und Pferden für Cortés von Sevilla in Spanien nach Veracruz. Angeblich unterschlug er sogar große Mengen Gold, das Cortés an den spanischen Herrscher geschickt hatte. Fonseca zeigte Cortés an und traktierte ihn mit Prozessen, die den Konquistador jahrelang beschäftigten, sogar noch nach dem Tod des betrügerischen Kirchenmannes.

Die Klagen des Bischofs zwangen Cortés eines Tages, sich zwecks Rechtfertigung an den Hof des Kaisers nach Spanien zu begeben. 1528 fuhr Cortés mit einem Schnellsegler nach Europa. Er schaffte die Reise von Veracruz nach Palos innerhalb von lediglich 41 Tagen. Neuspanien war seit Oktober 1523 eine der größten und reichsten Provinzen von Spanien. Als Eroberer dieser bedeutenden Provinz betrachtete sich Cortés auf Augenhöhe mit den mächtigsten Fürsten seiner Zeit. Auf seiner Schiffsreise begleiteten ihn Kampfgefährten aus Neuspanien sowie adelige Indios aus Tenochtitlán, Tlaxcala und Cempoala. Zu seiner Begleitung gehörten je ein Sohn von Moctezuma II. und von Maxixcatzin, einem der Fürsten aus Tlaxcala, zwölf tlaxcaltekische Ballspieler sowie indianische Musiker, Sänger und Akrobaten. Im Gepäck hatte er Gold, Edelsteine, Kunstobjekte und exotische Tiere. Unterwegs erkrankte Gonzalo de Sandoval und starb in La Rábida.

Beim offiziellen Empfang bei Hofe in Spanien appellierte Cortés an die Gerechtigkeit des Kaisers und informierte ihn ausführlich über seine Eroberungen und Schlachten, die er in der neuen Welt geführt hatte. Er gab Antwort auf die Anklagen seiner Feinde und bestritt, dass er Gold der Krone zurückgehalten hatte. Stattdessen wies er nach, dass er das geforderte Fünftel nach Spanien geschickt hatte. Außerdem hatte er viel Geld aus eigener Tasche für den Wiederaufbau von Tenochtitlán aufgebracht.

Karl V. , der Cortés reiche Gold- und Silberlieferungen aus Neuspanien verdankte, ernannte ihn für seine Verdienste zum Ritter vom Heiligen Jacob und zum Generalkapitän von Neuspanien und der Südsee (Pazifischer Ozean). Außerdem erhielt Cortés am 6. Juli 1529 den Titel und die Besitzungen des Marqués del Valle de Oaxaca (Marquis des Tales von Oaxaca). Mit dieser Verleihung war aber nur der Besitz eines Teils der von Cortés selbst geforderten Orte und Landgebiete verbunden. Andere wichtige Orte hatte sich Karl V. selbst vorbehalten, darunter sämtliche Häfen. Die tatsächlich verliehenen Orte umfassten nur deren unmittelbaren Einzugsbereich und nicht die entsprechenden Provinzen.

Durch die Standeserhebung zählte Cortés zum Hochadel von Spanien. Der Titel wurde von seinen Nachkommen bis 1811 geführt. Das Tal von Oaxaca war eines der reichsten Gebiete in Neuspanien. Ungeachtet aller Ehrungen wurde Cortés aber nicht wieder als Gouverneur oder Vizekönig in Neuspanien eingesetzt, verfügte also über keine politische Macht. Vermutlich war Cortés dem Kaiser zu reich und zu mächtig geworden. Zudem war man am Hof zu der Erkenntnis gelangt, dass Konquistadoren nicht dazu geeignet waren, die Regierung der neuen Länder zu übernehmen, wie der Fall de Cristóbal Colón (1451–1506), besser bekannt als Columbus, gezeigt hatte. Die Führung des neuen Landes behielt sich deshalb der König selbst vor oder überließ sie Männern, die keine große Hausmacht hatten.

Wenige Tage nach der Audienz beim Kaiser erkrankte Cortés in Toledo so schwer, dass man glaubte, sein Tod sei nahe. Auf Bitte des Herzogs von Béjar besuchte Karl V. den vermeintlich todkranken Cortés in Begleitung des Hochadels. Dieser Besuch des Kaisers galt als großer Gunstbeweis für Cortés.

1530 segelte Cortés wieder nach Neuspanien. Dabei hatte er allerdings nur noch militärische Befehlsgewalt. Nach seiner Rückkehr fand er das Land in Anarchie vor. Er stellte die Ordnung wieder her und konzentrierte sich danach auf die Erforschung der Westküste von Neuspanien.

Damals wurde die Leitung der Zivilangelegenheiten einer Behörde namens „Audiencia de Nueva España“ übertragen. Als Vizekönig sandte man Antonio de Mendoza (um 1490–1552) nach Neuspanien. Doch dieser traf erst 1535 dort ein und übernahm die Zivilverwaltung. Cortés hatte die militärische Macht und die Erlaubnis, seine Eroberungen fortzusetzen. Diese Teilung der Macht führte zu ständigen Streitigkeiten mit dem Vizekönig. Die Hauptstadt Tenochtitlán benannte man in Ciudad de México (Mexiko-Stadt) um.

Auf eigene Kosten ließ Cortés an der Westküste von Neuspanien wieder Schiffe bauen. 1537 schickte er drei dieser Schiffe unter dem Kommando von Alvaro de Saavedra nach Westen über den Pazifik. Saavedra sollte die Gewürzinseln (Molukken) finden. Aber diese Expedition scheiterte bei der Rückfahrt im Pazifik.

1536 entdeckte Cortés bei einer Expedition die Halbinsel Baja California. 1539 rüstete er auf eigene Kosten eine weitere Expedition aus. Damals sandte er Francisco de Ulloa mit drei Schiffen von Acapulco aus in nördliche Richtung entlang der Westküste von Neuspanien. Diesmal lautete der Auftrag, die Küste zu erforschen und einen Seeweg im Norden des amerikanischen Kontinents nach Europa zu finden. Um seinem Auftraggeber eine Freude zu machen, bezeichnete Francisco de Ulloa den Golf von Kalifornien als „Mar de Cortés“ (Cortés-See). Obwohl er das Ende des Golfes erreicht und danach die Halbinsel Baja California umsegelt hatte, wurde Baja California nach seiner Rückkehr auf Karten als Insel dargestellt.

Im Alter von 56 Jahren reiste Cortés 1541 noch einmal nach Spanien. Seine Ansprüche auf die von ihm entdeckten Gebiete fanden damals vor Gericht kein Gehör. Der Kaiser gestattete Cortés, sich der Flotte von Andrea Doria (1466–1560), des Dogen von Genua, auf dem Feldzug an die Berberküste nach Algier anzuschließen und gegen die Osmanen zu kämpfen. Ungeachtet der Bedenken erfahrener Seeleute gab Karl V. den Befehl zum Angriff auf Algier. Die kaiserliche Flotte geriet vor der Küste von Algerien in ein Unwetter, weswegen die Truppen nicht ausgeschifft werden konnten. Am 23. Oktober 1541 konnten die Soldaten endlich an Land gehen, mussten dabei allerdings mit ihrem schweren Gepäck durch tiefes Wasser waten. Nachdem nur ein kleiner Teil der Truppe, der Pferde und des Proviants entladen war, setzte erneut schlechtes Wetter ein und machte die Entladung der anderen Schiffe unmöglich. In der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober 1541 entwickelte sich der Sturm zum Orkan. Zusammen mit mehr als 150 Schiffen sank auch das Schiff von Cortés namens „Esperanza“. Nur mit Mühe und Not konnte sich Cortés zusammen mit seinen Söhnen retten. Ungeachtet seiner Erfahrungen bei der Eroberung des Aztekenreiches wurde Cortés von Karl V. nicht zum Kriegsrat eingeladen, was er als bewusste Kränkung seiner Person empfand. Cortés hatte sich erboten, Algier mit den spanischen, deutschen und italienischen Soldaten, die bereits gelandet waren, im Sturm zunehmen. Die Soldaten hörten dies gerne und lobten ihn sehr, aber die Seeleute und andere hörten nicht auf ihn.

Cortés, der viel eigenes Geld investiert hatte, um seine Entdeckungsreisen zu finanzieren, stellte im Februar 1544 Erstattungsansprüche beim königlichen Finanzministerium. In den folgenden drei Jahren vertröstete man ihn aber nur und verwies ihn von einem Gericht an das nächste. Enttäuscht beschloss er 1547, nach Neuspanien zurückzukehren. Als er Sevilla erreichte, erkrankte er und starb am 2. Dezember 1547 auf seinem Landgut in Castilleja de la Cuesta im Alter von 62 Jahren. Cortés hinterließ sein Vermögen seinen Kindern und machte dabei keinen Unterschied, ob sie Weiße oder Mestizen waren. Bevor er starb ließ er seine drei unehelichen Kinder durch den Papst legitimieren. Besonders ging es ihm um seinen Sohn Martin aus der Verbindung mit seiner Geliebten und Dolmetscherin Malinche (Doña Marina), dem er seine Titel und Besitzungen übertrug, und Doña Leonor Cortés y Moctezuma, der Tochter von Tecuichpoch. Die Gebeine von Cortés setzte man in Mexiko bei, sie verschwanden aber 1823. Die Titel von Cortés gingen später an den neapolitanischen Herzog von Monteleone über.

1552 wurde in Saragossa das von Francisco López de Gómara verfasste Buch „Historia general de las Indias“ gedruckt. Gómara war niemals in Neuspanien gewesen, sondern Augenzeuge des Algerienfeldzuges gewesen, an dem Cortés 1541 teilgenommen hatte. Er hatte sich auf die Aussagen von Cortés, dessen Hauskaplan er gewesen war, und anderer Konquistadoren verlassen. 1553 verbot Philipp II. (1527–1598) das Werk von Gómara, weil jener die Taten von Cortés zu sehr glorifiziert und es mit der Wahrheit nicht immer sehr genau genommen hatte.

Nach 1585 erschien das illustrierte Werk „Historia de Tlaxcala“ von Diego Munoz Camargo (um 1529–1599). Der Autor wurde in der spanischen Kolonie Mexiko geboren. Sein Vater war Spanier, seine Mutter Indianerin. „Historia de Tlaxcala“ (auch „Lienzo Tlaxcala“) schildert die Geschichte von Tlaxcala und besteht aus drei Teilen: „Relaciones Geográficas“ in spanischer Sprache sowie „Tlaxcala Calendar“ und „Tlaxcala Codex“ jeweils mit zahlreichen Bildern und Überschriften in Spanisch und Nahuatl. Etliche der Bilder zeigen Hernán Cortés und Malinche.

Im Laufe der Geschichte hat man den spanischen Konquistador Hernán Cortés sehr unterschiedlich beurteilt. „Obwohl er Menschen tötete und sie foltern ließ und die kulturelle Identität der Indianer zerstörte, wurde er von vielen Völkern Mittelamerikas respektiert und sogar verehrt“, heißt es im Online-Lexikon „Wikipedia“. Und weiter liest man: „Das ist verständlich, denn er hatte sie vom Joch der Azteken befreit. Heute ist der Konquistador in Mexiko sehr schlecht angesehen. Doch es gibt immer noch viele Straßen und Plätze, die seinen Namen tragen. Das aztekische Erbe steht heute bei den Mexikanern weit höher im Ansehen als Cortés. Mit der spanischen Eroberung verloren ca. 15 Millionen der Ureinwohner ihr Leben. Sie starben an den eingeschleppten Krankheiten und durch die Grausamkeiten der Europäer. So ist es nicht verwunderlich, dass die Verdienste von Cortés (die Einigung Mexikos, das Ende der Blumenkriege und der anschließenden Menschenopfer) die Grausamkeiten im Bewusstsein der Mexikaner nicht aufwiegen.“

Cortés hat Malinche in seinen Briefen und Schriften nur flüchtig erwähnt. Als wichtigste Quelle für die Biografie von Malinche gilt das Werk „Wahrhafte Geschichte der Eroberung von Neuspanien“, das Bernal Díaz de Castillo (um 1495–1584), ein ehemaliger Soldat von Cortés, verfasste und erst 1632 posthum erschien. Er schrieb: „Diese Frau war ein entscheidendes Werkzeug bei unseren Entdeckungsfahrten. Vieles haben wir nur durch Gottes Beistand und ihrer Hilfe vollbringen können. Ohne sie hätten wir die mexikanische Sprache nicht verstanden, zahlreiche

Unternehmungen hätten wir ohne sie einfach nicht durchführen können.“

Von heutigen Mexikanern wird Malinche sehr unterschiedlich beurteilt. Manche betrachten sie sogar als eine der umstrittensten Frauen der Weltgeschichte. In den nach der Eroberung verfassten aztekischen und tlaxcaltekischen Chroniken wird noch ein positives Bild von Malinche präsentiert. Dagegen steht seit dem Aufkommen des mexikanischen Nationalismus im 19. Jahrhundert der Begriff „malinchismo“ für den Verrat am eigenen Volk. Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, dass Malinche als Kind an Sklavenhändler verkauft wurde und so ihre Heimat verlor. Andere Mexikaner sehen in ihr die Mutter des ersten Mestizen, die heute die Mehrheit der mexikanischen Bevölkerung bilden, und eine Mutter der Nation.

In Vergessenheit geraten ist Malinche nicht. Das steinerne Haus, in dem Cortés und seine indianische Geliebte einst wohnten, steht heute noch in Coyoacan (Mexiko-Stadt). Es wird in Fremdenführern als „La Malinche’s house“ bezeichnet. Zahlreiche Orte im Mexiko führen jährliche Malinche-Tänze auf. Mit Malinche in Verbindung gebracht wird auch der Charakter von „la Ilonora“ – der „Weinenden“ – , deren Geist ruhelos in den Straßen von Mexiko-Stadt umherirrt und um ihre Kinder weint. Nach Malinche benannt ist auch ein Vulkan in Tlaxcala, der als fünfthöchster Berg in Mexiko gilt und zuvor nach einer tlaxcaltekischen Regengöttin benannt war.

In der Literatur wird Malinche mit verschiedenen Namen erwähnt. In der mündlichen indianischen Überlieferung heißt sie Malinalli wie der zwölfte Tag des aztekischen Kalenders. Malinalli bedeutet eigentlich „Gras“, angeblich aber auch „wildes Tier“. Mit diesem Namen wurde die aztekische Muttergöttin Cihuacoatl – „Die Frau“ – angerufen. Ein weiterer indianischer Name von Malinche ist Malintzin. Malintzin galt bisher als Nahuatl-Version von Marina. Weil es in dieser Sprache keinen „R“-Laut gibt, könnte dafür das „L“ eingesetzt worden sein, meinte man. Doch in der neueren Forschung wird betont, der Wortteil „tzin“ bedeute im Nahuatl entweder „Frau“ oder „Herrin“. Demzufolge hat man die Muttergöttin Malinalli/Cihuacoatl, die man im indianischen Kontext mit Dona Marina assoziierte, als Malintzin verehrt. Die Spanier verwendeten stets den christlichen Taufnamen Marina oder Doña Marina. Malinche wiederum ist lediglich die in spanischen Berichten fehlerhafte Wiedergabe von Malintzin.

Literatur

CASTILLO, Bernal Díaz del: Historia verdadera e la conquista de la Nueva Espana, Mexiko 1968

CASTILLO, Bernal Díaz del: Geschichte der Eroberung von Mexiko, herausgegeben und bearbeitet von Georg A. Narciss und Tzvetan Todorov, Frankfurt am Main 1988

CORTÈS, Hernando: Die Eroberung Mexikos:
drei Berichte an Kaiser Karl V. , Frankfurt am Main 1980

DISSELHOFF, H. D.: Cortés in Mexiko, München 1957

HARTAU, Claudine: Hernán Cortés, Reinbek bei Hamburg 1993

HINZ, Felix: „Hispanisierung“ in Neu-Spanien 1519–1568, Hamburg 2005

MARKS, Richard Lee: Der Tod der gefiederten Schlange, München 1993

MATIS, Herbert: Hernán Cortés, Göttingen 1967

MEISSNER, Hans-Otto: Meine Hand auf Mexico. Die Abenteuer des Hernando Cortés, Stuttgart 1970

NAVARRETE, Federico: La Malinche, la Virgen y la montana, el juego de la indentidad en los códices tlaxcaltecas, History, vol. 26, no. 2, Sao Paulo 2007

PREM, Hans J.: Die Azteken. Geschichte – Kultur – Religion, München 2006

PROBST, Ernst: Superfrauen 1 – Geschichte, Mainz-Kostheim 2001

SCHURIG, Arthur (Herausgeber): Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortés. Mit den eigenhändigen Berichten des Feldherrn an Kaiser Karl V. von 1520 und 1522, Leipzig 1923

THOMAS, Hugh: Die Eroberung Mexikos. Cortés und Montezuma, Frankfurt am Main 2000

Pocahontas

Die Indianer-Prinzessin aus Virginia

Als Nordamerikas berühmteste Indianerin gilt die Häuptlingstochter Pocahontas (um 1595–1617)
aus Virginia. Ihr Vater war der Begründer und Oberhäuptling der Powhatan-Konföderation. Er trug den indianischen Namen Wahunsonacook (1531–1618), wurde aber von den Engländern Powhatan genannt, so wie der Indianerstamm, dem er angehörte. Bei der Powhatan-Konförderation handelte es sich um eine Allianz von 31 Stämmen mit rund 200 Dörfern und schätzungsweise 10.000 Menschen in der Küstenregion von Virginia. Die Tochter von Powhatan hieß eigentlich Matoaka („die ‚Verspielte“ oder „die, die alles durcheinanderbringt“). Pocahontas („kleine Übermütige“) lautete nur ihr Spitzname.

Den Namen Virginia hat der englische Seefahrer und Entdecker Sir Walter Raleigh (1552/1554–1618) bereits bei seiner Expedition von 1584 geprägt, als er die erste Ansiedlung auf Roanoke Island (heute North Carolina) gründete. Damit ehrte er die unverheiratete englische Königin Elisabeth I. Tudor (1533–1603), die den Beinamen „Virgin Queen“ („Jungfräuliche Königin“) trug und seine Gönnerin war. Allerdings bezeichnete man damals ein Gebiet als Virginia, das die späteren Staaten Virginia, West Virginia, North Carolina, Kentucky, Tennessee und Ohio umfasste.

Wahunsonacok bzw. Powhatan erbte zwischen 1572 und 1597 die Häuptlingswürde über die Pamunkey, Youghtanund, Mattaponi, Kiskiack und Werowocomoco sowie außerdem über die Powhatan, Arrohatec, Appamatuck und Orapak am James River in seinem Geburtsland unterhalb der Wasserfälle. Mit kluger Politik und teilweise auch Gewalt vereinte er allmählich mehr als 30 Stämme der Virginia-Algonkin.

1597 unterwarf Powhatan die Kecoughtan. Vor 1607 reihte er fast alle anderen Stämme am James River und York River in sein Imperium ein. Einige der zuletzt angeschlossenen Stämme wie die Chesapeake und andere Völker aus dem Süden von Virginia wurden nie voll in die Konföderation integriert. Laut Online-Lexikon „Wikipedia“ äußerte sich die Macht von Powhatan in einer fast orientalisch anmutenden Hofhaltung. Seine Residenz hieß Werowocomoco und lag am Nordufer des York River nahe der heutigen Stadt Yorktown.

Das genaue Geburtsjahr der Tochter Pocahontas von Powhatan ist unbekannt. Einige Historiker glauben, dass sie 1595 in Werowocomoco (Virginia) zur Welt kam. Denn 1608 wurde sie als ein Kind von 12 oder 13 Jahren bezeichnet. Ihre Mutter, deren Namen man heute nicht mehr kennt, gehörte dem Stamm der Patawomeke an. Ihr Vater hatte Dutzende von Ehefrauen, von denen ihm jede ein Kind schenkte und später in ihr Dorf zurückkehrte, wo sie der Oberhäuptling Powhatan unterstützte, bis sie einen anderen Mann fand.

Wie damals bei den Algonkinstämmen in Virginia üblich, erhielt auch Pocahontas bei wichtigen Anlässen jeweils einen neuen Namen. Sie hieß deswegen unter anderem Matoaka, Pocahontas oder Amonute. Manche ihrer Namen verraten, dass sie besonders aufgeweckt war. Das muntere Mädchen soll der Liebling seines Vaters gewesen sein, war aber keiner seiner Erben. Die nächsten Erben von Powhatan waren seine drei Brüder Poitchapan, Opechancanough und Catataugh und nach deren Ableben seine älteste Schwester Hadith.

Eine wichtige Rolle im Leben der Indianerin Pocahontas spielte der rund 15 Jahre ältere englische Abenteurer und Söldner John Smith (1580–1631), der aus Alford (Lincolnshire) stammte. Als junger Mann hatte er bereits ein abenteuerliches Leben hinter sich. Historikern fällt es schwer, den Wahrheitsgehalt seiner Lebensberichte richtig einzuschätzen, weil er zu Selbstbespiegelung und starken Übertreibungen neigte. Smith war stark, intelligent, arrogant, oft taktlos und manchmal brutal.

Nach dem Tod seines Vaters lief John Smith als 16-Jähriger von zuhause weg und heuerte zunächst als Matrose an. Er kämpfte als Söldner für König Heinrich IV. (1553–1610) von Frankreich gegen Spanien. 1600/1601 focht er für Habsburg unter der Führung des Woiwoden Mihai Viteazul (1558-–1601) gegen die Osmanen. Als Viteazul starb, kämpfte er in der Walachei auf der Seite von Prinz Radu Serban. Nach dem erfolgreichen Duell mit einem türkischen Anführer, dem er den Kopf abschlug, musste er dies bei zwei weiteren Türken wiederholen, die für ihren Befehlshaber Rache üben wollten. Für diese Siege zeichnete ihn der Fürst Sigismund Báthory (1572–1613) mit einem Wappen aus, das drei abgeschlagene Türkenköpfe zeigt.

1602 geriet der beim Kampf gegen die Türken verwundete John Smith bei Rotenthurn in Gefangenschaft. Man verkaufte ihn als Sklaven an eine türkische Edelfrau. Doch ihm gelang die Flucht und er kehrte über die Krim 1604 nach England zurück.

Am 10. April 1606 stellte der englische König James I. (Jakob I., 1566–1625) eine königliche Charta aus, welche die nordamerikanische Küste unter zwei eigens für die Errichtung von Kolonien gegründeten Aktiengesellschaften aufteilte. Die „Plymouth Company“ bekam das Recht, das Gebiet zwischen dem 38. und 45. Breitengrad in Besitz zu nehmen. Das der „Virginia Company of London“ zugesprochene Gebiet umfasste die nordamerikanische Küste vom 34. Breitengrad bei Cape Fear im Süden bis zum Long Island Sund am 41. Breitengrad im Norden.

John Smith schloss sich der „Virginia Company of London“ an. Im Dezember 1606 starteten in England die Segelschiffe „Susan Constant“, „Godspeed“ und „Discovery“ nach Virginia. An Bord dieser drei Schiffe waren insgesamt 144 Männer, einer davon war John Smith. Die Angaben über die Gesamtzahl der Männer auf den drei Schiffen differieren in der Literatur.

Schätzungsweise zwischen einem Drittel und der Hälfte der Männer gehörten dem so genannten englischen Gentry an. Dabei handelte es sich um eine Schicht des gehobenen Bürgertums und des niederen Adels. Die Jüngeren unter ihnen waren oft Zweitgeborene, die mit der Aussicht auf Abenteuer und Reichtum in die Neue Welt gelockt wurden. Manche Männer wie John Smith, Edward Maria Wingfield und Christopher Newport (1561–1617) hatten früher als Soldaten gedient. Andere waren Handwerker, ungelernte Arbeiter und Seeleute. Unter den ersten Ankömmlingen befanden sich noch keine Frauen und Kinder. Diese sollten erst nachgeholt werden, wenn die Kolonie gesichert war.

Während der Überfahrt in die Neue Welt wurde John Smith wegen Meuterei angeklagt. Er entging nur knapp einer Verurteilung deswegen. Andere Männer an Bord der drei Segelschiffe hatten weniger Glück. 39 von ihnen starben während der Überfahrt an Krankheiten.

Am 26. April 1607 erreichten die drei englischen Schiffe mit 105 Männern die unwirtliche untere Chesapeake Bay (Chesapeake-Bucht) an der Küste von Virginia. Die Expedition fuhr auf einem breiten Fluss, den sie nach ihrem König James I. (Jakob I., 1566–1625) als James River bezeichneten, flussaufwärts. Bei der Suche nach einem geeigneten Areal für eine Siedlung mussten Anordnungen der Handelsgesellschaft „Virginia Company of London“ befolgt werden. Beispielsweise sollte der Platz zum Schutz vor spanischen Überfällen mindestens 100 Meilen vom Atlantik entfernt liegen. Außerdem sollte ein unbesiedelter Streifen Land ausgewählt werden, um Konflikte mit den

Ureinwohnern zu vermeiden.

Die englischen Neuankömmlinge entschieden sich für eine rund 50 Meilen von der Küste gelegene Insel im James River, die sie Jamestown Island nannten, als Standort. Diese im Fluss liegende Insel war nur durch eine schmale Landbrücke mit dem Festland verbunden und gut gegen Angriffe von Land zu verteidigen. Zudem war der Wasserstand des James River in Nähe der Insel so hoch, um dort mit Schiffen zu ankern, Ausrüstung und Proviant auf die Insel zu schaffen und die Siedlung mit Schiffskanonen verteidigen zu können.

Am 14. Mai 1607 gingen die Kolonisten auf Jamestown Island an Land, entluden ihre Schiffe und sicherten den Landeplatz. Zum ersten Gouverneur der Kolonie Jamestown wurde im Mai 1607 für ein Jahr Edward Maria Wingfield (um 1560–1631) gewählt. Er war eines der Gründungsmitglieder der Handelsgesellschaft „Virginia Company of London“, von der die Expedition finanziert wurde. Die englische Regierung verfügte damals nicht über das Geld, um solche kostspieligen und unsicheren Expeditionen bezahlen zu können.

Bereits zwei Wochen nach der Ankunft der Siedler kam es zu einer ersten Auseinandersetzung mit den indianischen Ureinwohnern. Etwa 200 Krieger der Powhatan-Konföderation griffen das Lager der weißen Kolonisten an. Der Angriff konnte mit Schiffskanonen und Musketen abgewehrt werden. Danach erbaute man rasch innerhalb von 19 Tagen das schützende „James Fort“. Diese Befestigung war von einem dreieckigen Palisadenwall umgeben und nach allen Seiten mit Kanonen bestückt. Eine Woche nach Vollendung des „James Fort“ segelte Christopher Newport mit dem Schiff „Susan Constant“ und einer vermeintlichen Ladung Gold nach London. Tatsächlich handelte es sich nicht um Gold, sondern nur um das Mineral Pyrit, das so genannte „Narrengold“.

Die „Virginia Company of London“ verfolgte mit der Kolonie Jamestown große Ziele. Man wollte eine Route zu den Reichtümern des Orients erkunden, die amerikanischen Ureinwohner zum Christentum bekehren, Gold und Silber entdecken sowie größere Mengen von Gütern nach England exportieren. Doch keines dieser ursprünglichen Ziele wurden in den ersten Jahren erreicht.

Bereits kurz nach der Abreise von Christopher Newport mit dem Segelschiff „Susan Constant“ kam die Ernüchterung bei den Kolonisten. Das Wildvorkommen auf Jamestown Island war bald erschöpft. Das sumpfige Marschland in der Umgebung der Insel erwies sich weitgehend für den Anbau von Feldfrüchten als ungeeignet. Zudem gab es auf der Insel kein frisches Trinkwasser, weswegen die Kolonisten brackiges Wasser aus eilig gegrabenen Brunnen oder Wasser aus dem James River tranken. Schon nach sechs Wochen starben die ersten Siedler. Das aus dem James River entnommene Trinkwasser führte zu Salzvergiftungen, Durchfall und Typhus. Bis Ende September 1607 war bereits die Hälfte der Kolonisten gestorben.

Als die Lebensmittel der Kolonisten knapp wurden, fuhr John Smith mit einem halben Dutzend Männer per Boot zu Indianern der Powhatan-Konföderation und tauschte mit ihnen Kupfer und Äxte gegen Mais und andere Lebensmittel ein. Ähnliche Reisen flussaufwärts zwecks Handel und Erkundung der Flussregion nordwestlich von Jamestown unternahm er weiterhin. Bald beherrschte er die Sprache der Indianer. Bei der Rückkehr von seinen Handels- und Forschungsreisen fand Smith die Kolonie Jamestown jedes Mal in einem schlechten Zustand vor. Die Siedler waren – seinen späteren Schilderungen zufolge – alle krank, einige lahm, andere verletzt und alle unfähig, irgendetwas zu tun, außer sich zu beklagen. Offenbar hatten sich die Kolonisten das Leben in der Neuen Welt anders vorgestellt.

Zu allem Überdruss gab es auch Streit um die Führung der Kolonie Jamestown. Edward Maria Wingfield war nur etwa vier Monate im Amt, als er am 10. September 1607 als Gouverneur von Jamestown durch John Ratcliffe abgelöst wurde. Man machte Wingfield zum Sündenbock für die Folgen der schlimmsten Dürre und Hungersnot seit 800 Jahren und verdächtigte ihn sogar als Komplizen der feindlichen Spanier.

Nach Ansicht von Zeitgenossen war der neue Gouverneur John Ratcliffe wenig beliebt, schwach im Urteil bei Gefahrensituationen und in Friedenszeiten nicht sehr fleißig. Auch dies war nicht dazu angetan, die Laune der Kolonisten zu heben.

Im Dezember 1607 geschah etwas, was John Smith später vielleicht wissentlich oder unwissentlich nicht ganz wahrheitsgetreu erzählte. In der Literatur wird dieses Ereignis unterschiedlich geschildert. Laut einer Variante erhielt Smith damals den Auftrag, das Land zu erkunden und eine Passage nach Indien zu suchen. Dabei wurden die Engländer angeblich von Opechancanough (um 1554–um 1644), dem jüngeren Halbbruder des Oberhäuptlings Powhatan, angriffen. Smith überlebte den Angriff, während seine Begleiter ums Leben kamen. Anschließend brachte man Smith nach Werowocomoco, wo ihn angeblich die Häuptlingstochter Pocahontas vor dem Tod bewahrte.

Nach einer anderen Variante suchte Smith bei einem einsamen Erkundungsgang in der Wildnis die Quelle des Flusses Chickahominy River. Dabei geriet er in die Gefangenschaft von auf der Jagd befindlichen Pamunkey-Indianern, die ihn zu ihrem Häuptling Opechancanough brachten. Letzterer führte Smith zum Oberhäuptling Powhatan ins Hauptdorf Werowocomoco, wo man den Engländer angeblich zum Tode verurteilte. Vor der geplanten Hinrichtung wurde Smith aber durch die ihn verliebte zwölfjährige Pocahontas bewahrt.

Wie die Rettung vonstatten ging, wird in der Literatur ebenfalls unterschiedlich geschildert. Laut einer Variante warf sich Pocahontas vor Smith, als dieser am Marterpfahl stand. Nach einer anderen Variante legte man den Kopf von Smith bereits auf einen Opferstein und wollte ihm diesen mit einer Kriegskeule zerschmettern. Dann habe sich Pocohontas vor Smith gestürzt, seinen Kopf in ihre Arme gelegt und ihren eigenen auf den seinen. Daraufhin habe Oberhäuptling Powhatan entschieden, John Smith solle leben.

Einer umstrittenen Theorie zufolge sollte im Langhaus von Powhatan gar keine Hinrichtung von Smith erfolgen. Stattdessen soll es sich um ein Stammesritual gehandelt haben, das seinen Tod und seine Wiedergeburt als Mitglied des Stammes symbolisierte.

Der tatsächlich oder nicht vor dem Tod bewahrte Captain John Smith wurde damals von Oberhäuptling Powhatan mit feierlichen Ritualen adoptiert und in seinen Stamm aufgenommen. In späteren Publikationen und Filmen war oft von einer Liebesgeschichte oder sogar einer Heirat zwischen Pocahontas und Smith die Rede, doch dafür liegen keinerlei stichhaltigen Beweise vor. Auch der Captain selbst erwähnte in seinen Reiseberichten nie ein eheähnliches Zusammenleben.

Nach der Adoption von John Smith durch Powhatan pflegten Indianer und weiße Siedler in der Kolonie Jamestown zunächst miteinander freundschaftliche Beziehungen. Pocahontas ließ sich wiederholt mit einem Boot nach Jamestown rudern und spielte dort bei den weißen Siedlern. Als die Kolonisten unter Hunger litten, brachten Pocahontas und ihr Gefolge im Abstand von vier oder fünf Tagen immer wieder Proviant und retteten damit Menschenleben.

Im Sommer 1608 leitete Captain John Smith eine Expedition, bei der er im offenen Boot eine Strecke von rund 3.000 Meilen bewältigte. Dabei erforschte und kartierte er die Chesapeake Bay und die wichtigsten Flüsse. Noch im selben Jahr erschien sein Werk „True Relation of Virginia“ (1608). Seine augenfälligen Fähigkeiten empfahlen ihn für Führungsaufgaben, wenngleich seine niedere Herkunft manchen englischen Siedler störte.

Am 10. September 1608 löste der tatkräftige John Smith den damaligen Gouverneur der Kolonie Jamestown, John Ratcliffe, ab. Smith ließ neue Häuser errichten und den vor Angriffen schützenden Palisadenwall des Forts erneuern. Jeden Samstag mussten die mutlosen Siedler außerhalb des Forts zum Exerzieren antreten, um die Disziplin zu verbessern. Etwas zu essen erhielten nur arbeitende Männer.

1608 brachten Schiffe aus England zwei Mal weitere Kolonisten und Waren nach Jamestown.

Oberhäuptling Powhatan wurde deswegen von anderen Indianern eindringlich gewarnt, die Engländer kämen nicht wegen des Handels, sondern weil sie sein Land besitzen wollten. Aus diesem Grund beschloss der Oberhäuptling, die Kolonisten von seinem Land zu vertreiben, indem er ihre Nahrungszufuhr unterbrach.

Auf Geheiß von König James I. krönte Captain John Smith 1609 den Oberhäuptling Powhatan zum „König von Virginia“. Powhatan hatte aber gar keine Vorstellung vom Königtum in Europa und nahm diese Zeremonie nicht ernst. Mehr als zwei Jahrhunderte später inspirierte diese Krönung den amerikanischen Maler John Gadsby Chapman (1808–1889) zu seinem Ölbild „The Coronation of Pothaten“ (um 1835). Das Kunstwerk ist im „Greenville Museum of Art“ in Greenville (South Carolina) zu bewundern.

Weil die Siedler von Jamestown überwiegend Abenteurer und keine Farmer waren, konnten sie sich in den Anfangsjahren nicht selbst ernähren. Bis auf Weiteres benötigten sie Lebensmittel von den Indianern. Statt für die Hilfe der Indianer dankbar zu sein, wurde der Ton der weißen Kolonisten gegenüber den Ureinwohnern zunehmend herrischer und fordernder. Wenn John Smith bei seinen Fahrten durch das Küstengebiet an der Chesapeake Bay keinen Mais durch Handel bekommen konnte, beschlagnahmte er mehrfach kurzerhand Maisvorräte der Indianer. Dies sorgte natürlich für Unruhe.

Als der Druck der englischen Kolonisten immer stärker wurde, verlegte Oberhäuptling Powhatan seinen Wohnsitz nach Orapakes an den Oberlauf des Chickahominy River inmitten eines Sumpfes. Später verlegte er seine Residenz weiter nördlich nach Matchut am Nordufer des Pamunkey River.

Im Oktober 1609 kehrte John Smith mit einer schweren Wunde an einem Bein, die er bei einer Explosion von Schwarzpulver erlitten hatte, nach England zurück, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen. Damals war er sehr enttäuscht, weil man ihm Männer mit hochtrabenden Titeln und Papieren vor die Nase gesetzt hatte. Die englischen Kolonisten erzählten den Indianern, Smith sei gestorben.

Bald erstreckten sich beiderseits des James River mehr als 200 Kilometer weit englische Siedlungen.
Die Indianer fühlten sich zunehmend von den weißen Kolonisten bedroht. Auch die Kolonisten waren zur Gewalt bereit, weil sie ahnten, dass die Indianer die englische Herrschaft nicht freiwillig akzeptieren würden. Die „Virginia Company of London“ warb Veteranen der Feldzüge in den Niederlanden und Irland an.

Nach dem Eintreffen von sechs Schiffen mit weiteren 250 englischen Kolonisten brachen Feindseligkeiten aus. Die Engländer griffen die Indianer an, brannten ihre Häuser nieder und raubten ihr Getreide. Daraufhin gingen die Indianer zum Gegenangriff über, fügten den Kolonisten schwere Verluste zu und zwangen sie, sich in Jamestown zu verschanzen.

Der bewaffnete Konflikt zwischen weißen Kolonisten und Indianern ab Spätsommer 1609 ging als
„Erster Englischer Powhatan-Krieg“ in die Geschichte ein. Während der Belagerung von Jamestown vom November 1609 bis zum Mai 1610 starb rund die Hälfte der Garnison an Hunger und Krankheiten oder kam durch Indianer ums Leben. In der Not verzehrten die Einwohner von Jamestown Pferde, Hunde und Ratten. Es kam sogar zu Fällen von Kannibalismus. Der Verzehr von Menschenfleisch wurde schwer bestraft.

Im Dezember 1609 starb vermutlich Captain John Ratcliffe. Angeblich war er bei der Beschaffung von Lebensmitteln zusammen mit 15 Männern in einen Hinterhalt der Indianer geraten und getötet worden. Ratcliffe war der Kapitän der „Discovery“, einem der drei Segelschiffe, mit dem die ersten Kolonisten von Jamestown 1607 in Virginia angekommen waren. Vom 10. September 1607 bis Juli 1608 fungierte er als zweiter Gouverneur der Kolonie Jamestown. Ratcliffe wird im Disney-Film „Pocahontas“ als gieriger und korrupter Mensch geschildert. Sein offizieller Nachfolger als

Gouverneur von Jamestown war Matthew Scrivener (1580–1609), der während der Überquerung der Insel Hog Island bei einem Sturm umkam.

In den ersten Jahren des „Ersten Englischen Powhatan-Krieges“ bemühte sich Captain Samuel Argall (1572/1580–1626) um Beistand der Indianer im nördlichen Teil des Herrschaftsgebietes von Powhatan. Die Patawomecks am Potomac River verhielten sich nicht immer loyal zu Powhatan. Bei ihnen lebte ein junger englischer Dolmetscher namens Henry Spelman (1595 1544), der das Werk „A Relation of Virginia“ (1609) verfasste.

Ende Mai 1609 trat in England eine Flotte von sieben Schiffen die Seereise nach Jamestown in Virginia an. Auf dem neuen Flaggschiff „Sea Venture“ der „Virginia Company of London“ befanden sich John Rolfe, der später im Leben von Pocahontas ebenfalls eine wichtige Rolle spielte, und dessen erste Ehefrau. Durch einen mehrtägigen Sturm wurden die Schiffe der Flotte getrennt. Ein Teil der Engländer, darunter John Rolfe, rettete sich auf die Bermudas und lebte dort zehn Monate lang. Auf den Bermudas baute man zwei kleine Schiffe und fuhr damit unter dem Kommando von Sir Thomas Gates (1585 1621) und Sir George Somers (1554 1610) nach Jamestown, wo man am 21. Mai 1610 eintraf. Dort war inzwischen die Bevölkerung stark durch Hunger und Krankheiten sowie Angriffe der Indianer dezimiert worden. Ohne die Ankunft der beiden kleinen Schiffe von den Bermudas und einer weiteren Flotte von drei Schiffen unter dem Kommando von Thomas West, Lord De La Warr (1577–1618), am 10. Juni 1610 wäre die Kolonie von Jamestown wohl verloren gewesen. De La Warr war der zweite Gouverneur der Kolonie Virginia sowie Namensgeber für den US-Bundesstaat Delaware, den Delaware River und den Indianerstamm Delaware. Als er 1610 mit 150 Mann, von denen etwa 100 Soldaten waren, in Jamestown ankam, traf er auf nur noch rund 60 entmutige Siedler an, die zurück nach England wollten. Doch De La Warr gewann die Kolonisten dafür, zu bleiben und schickte Sir Samuel Argall zurück nach England, um Unterstützung sowie benötige Waren und Güter nach Virginia zu bringen. De La Warr wandte gegen die Indianer eine Taktik der „Verbrannten Erde“ an. Die weißen Soldaten überfielen die Felder und Dörfer der Powhatan-Indianer und zündeten sie an.

1610 töteten Indianer einige Engländer unweit von Kecoughtan. Daraufhin zerstörten die weißen Kolonisten dieses Dorf. Danach griffen sie zwei Dörfer der Warraskoyack an, zerstörten die Siedlung der Paspahegh, brachten außer deren Königin auch Frauen und Kinder um und brannten die Siedlung der „Queen of Appamatuck“ nieder.

Um 1610 fand Pocahontas starken Gefallen an einem jungen Algonkin-Krieger namens Kocoum. Sie lebte mit ihm zusammen und zog sich ins Familienleben zurück. Schon wenige Jahre später wurde ihr Mann nicht mehr erwähnt. Es ist nicht bekannt, ob sich Pocahontas und Kocoum bald wieder nach indianischer Sitte trennten oder ob der Mann früh starb.

Von April bis August 1611 wurden die Engländer durch weitere 600 Kolonisten verstärkt und erhielten neue Nahrung, Waffen und Munition. De La Warr kehrte später nach England zurück und trat dort stets für den Fortbestand der Kolonie Virginia ein. 1618 starb er während seiner zweiten Reise nach Virginia.

1612 erschien eine weiteres Werk von Captain John Smith, in dem er sich als Propagandist und Historiker betätigte. Es trug den Titel „ A Map of Virginia“.

Im März 1613 besuchte Captain Samuel Argall das Dorf Passapatanzy der Patamoweck-Indianer am Potomac River. Die Patamoweck waren nur lose mit der Powhatan-Konföderation verbunden. Deren Häuptling Iopassus bzw. Japasaw (1590–1620) war ein Bruder von Oberhäuptling Powhatan und somit ein Onkel von Pocahontas. Die Engländer lockten Pocahontas mit Hilfe von Iopassus auf ihr Schiff und nahmen sie als Geisel. Die 1619 entstandene Gravierung „Die Entführung von Pocahontas“ von Theodor de Bry 1561–1623) zeigt verschiedene Szenen. Im Vordergrund stehen Häuptling Iopassus mit einem Kupferkessel als Köder für Pocahontas in der Hand, neben ihm die „Indianer-Prinzessin“ und seine angeblich weinende Frau. In der Mitte der Gravierung sieht man, wie Pocahontas mit einem Boot zum Schiff von Captain Argall auf dem Potomac River gebracht wird. Oben wird ein brennendes Indianerdorf dargestellt

Die Entführer brachten Pocohontas mit dem Schiff in die 1611 von Sir Thomas Dale (gestorben 1619) gegründete Siedlung Henricus (heute Henrico im Chesterfield County, Virginia). Diese Siedlung wurde nach Prinz Henry Frederick (1594–1612), dem ältesten Sohn von König James I., benannt. Als „Lösegeld“ forderten die Entführer von Powhatan vor allem die Freilasssung englischer Gefangener. Während ihrer einjährigen Gefangenschaft in Henricus hat man Pocahontas außergewöhnlich höflich behandelt, schrieb 1615 der Kolonist Ralph Hamor (gestorben 1626). Nicht ins Bild passt die Behauptung des Autors Linwood Custalow in seinem Buch „The True Story of Pocahontas“ (2007), die „Indianer-Prinzessin“ sei damals vergewaltigt worden. Dabei berief sich Custalow auf mündliche Überlieferungen.

In Henricus brachte der Geistliche Alexander Whitaker (um 1580–1624) der 18-jährigen Pocahontas die englische Sprache bei. Außerdem unterrichtete er die „Indianer-Prinzessin“ über das Christentum. Im Winter 1613/1614 taufte Whitaker die europäisch gekleidete und mittlerweilen englisch sprechende Pocahontas christlich auf den Namen „Prinzessin Rebecca“.

Die Taufe von Pocahontas ist auf dem gleichnamigen Gemälde im Kuppelraum des Capitols in Washington dargestellt. Dieses Werk wurde 1840 von dem amerikanischen Maler John Gadsby Chapman (1808–1889) geschaffen. Auf dem Bild kniet Pocahontas vor Whitaker, hinter ihr steht ihr späterer Ehemann John Rolfe. Unter den indianischen Familienangehörigen, die der Taufe von Pocahontas beiwohnten, befand sich deren erwachsener Bruder Nantequaus.

Im März 1614 stießen die englischen Kolonisten im Hauptdorf Matchcot von Powhatan auf eine Gruppe älterer indianischer Führer, unter denen sich der Oberhäuptling nicht befand. Dabei betätigte sich Pocahontas als Dolmetscherin und ließ Powhatan ausrichten, dass sie lieber bei den Engländern leben wolle.

Pocahontas hatte vielleicht schon im April 1613 im Lager der Siedler den rund zehn Jahre älteren verwitweten weißen Tabakpflanzer John Rolfe (1585–1622) kennen gelernt und sich in ihn verliebt. Dessen erste Ehefrau und Tochter Bermuda Rolfe waren auf der Reise nach Virginia bei einem Schiffbruch unweit der Bermudas ums Leben gekommen, der den Stoff zu Shakespeares Werk „Sturm“ lieferte.

Der 1585 in Heacham (Norfolk) in England geborene John Rolfe war einer der Mitgründer von Jamestown. Ihm gebührte die Ehre, die wirtschaftliche Not in Jamestown erleichtert zu haben. Rolfe stellte fest, dass der Tabak, der in England als Luxusartikel galt, in Virginia wild wuchs. Weil die wildwachsenden Formen für den englischen Geschmack zu stark waren, veranlasste Rolfe, dass die weniger bitteren Sorten von den Antillen in Virginia gepflanzt wurden. Nachdem er zwei Jahre lang experimentiert hatte, konnte er 1612 eine edle Tabaksorte produzieren, die ideal auf den Boden und das Klima in Virginia abgestellt war.

Mit Einwilligung ihres Vaters Powhatan erfolgte am 5. April 1614 die Hochzeit von Pocahontas bzw. „Prinzessin Rebecca“ mit John Rolfe in Jamestown. Die Trauung nahm der Geistliche Alexander Whitaker, der langjährige Freund des Bräutigams, vor. Der fromme Rolfe heiratete „nicht aus Fleischeslust“, sondern um die Eingeborenenpolitik zu verbessern, „zum Wohl der Pflanzung, zur Ehre meines Landes und zum Ruhme Gottes“. Es war die erste registrierte transatlantische Mischehe zwischen einer Indianerin und einem Angelsachsen.

Das frischgebackene Ehepaar Rolfe lebte fortan in Henricus (Henrico). Im Haushalt von Pocahontas halfen, wie es die Prinzessin von Kindheit an gewohnt war, indianische Dienstboten. Nach der Heirat herrschte jahrelang Frieden zwischen den weißen Kolonisten und den Indianern, die miteinander Handel betrieben. Die Feindseligkeiten, die vorher so viel Leid bewirkt hatten, wurden von beiden Seiten eingestellt, ohne dass man formell Frieden geschlossen hat. Den Engländern war es somit gelungen, sich in Virginia zu behaupten. Dazu beigetragen hatten auch Bündnisse mit Indianerstämmen am Ostufer des James River. Die Chickahominy erkannten sogar den englischen König James I. als ihren Herrscher an. Die Heirat der Indianerin Pocahontas mit dem Weißen John Rolfe war eine Art Symbol für den neuen Frieden zwischen den beiden Völkern.

1614 kehrte der Abenteurer John Smith wieder nach Amerika zurück. Er erkundete die zwei Buchten von Maine und Massachusetts und bezeichnete diese als Neuengland.

Am 30. Januar 1615 brachte Pocahontas als einziges Kind den Sohn Thomas Rolfe (1615–1675) zur Welt. Bald danach erhielt ihr Ehemann John Rolfe von der „Virginia Company of London“ den Auftrag, für den englischen Königshof einen enthusiastischen Bericht zu verfassen, den er samt Ehefrau und Kind persönlich überbringen sollte. Damit wollten die englischen Siedler die Kolonie Virginia für noch mehr Einwanderer schmackhaft machen und finanzkräftige Investoren anwerben.

Für diese Reise gab Oberhäuptling Powhatan seiner Tochter ein Dutzend indianischer Diener mit sowie als weitere Begleiter ihre Halbschwester Matachanna und deren Ehemann, den Shamanen Tomocomo. Diese sollten vor allem die Macht des englischen Königs und die Größe seines Landes feststellen. Einer der Indianer erhielt den Auftrag, für jeden Engländer, den er sah, eine Kerbe in seinen Stock zu schnitzen.

Im Frühling 1616 segelten John und Rebecca Rolfe, zwölf indianische Begleiter und der Gouverneur von Virginia, Sir Thomas Dale (um 1565–1619), nach England. Das Segelschiff hieß „Treasurer“ und stand unter dem Kommando von Samuel Argall. Am 12. Juni 1616 trafen das Ehepaar Rolfe und seine Begleitung im Hafen von Plymouth ein. In England wurde Pocahontas als einzige vom britischen Königshaus anerkannte „Indianer-Prinzessin“ und Botschafterin ihres „königlichen“ Vaters Powhatan mehrfach bei Hofe empfangen. Der Hochadel feierte sie als eine der Ihrigen. Bei den englischen Adligen war die „Indianer-Prinzessin“ wegen ihrer Anmut und ihres aufgeweckten Geistes sehr beliebt.

Missbilligt hat man am Königshof dagegen die Heirat des niedriggeborenen englischen Ehemannes John Rolfe mit der „Indianer-Prinzessin“, weil diese im Gegensatz zu ihrem bürgerlichen Ehegatten von königlichem Geblüt war. John Rolfe musste beim Empfang von Pocahontas durch den englischen König James I. von der Galerie zusehen. Dem Ehegatten von Pocahontas drohte sogar noch viel Schlimmeres. König James I. ließ allen Ernstes durch den Kronrat klären, ob Rolfe wegen Hochverrats anzuklagen sei. Darauf verzichtete der Herrscher aber, als Rolfe versprach, er würde für den gemeinsamen Sohn Thomas mit Pocahontas keinerlei Ansprüche auf den Thron von Virginia erheben. Offenbar wusste der König nicht, dass die Brüder und Schwestern von Powhatan bei dessen Tod die Erben waren.

Pocahontas plauderte mit Königin Anna von Däne-mark (1574–1619) in deren Privaträumen und wurde auch derem Ehegatten, dem englischen König James I., vorgestellt. Von dem dünnen und gebrechlichen Herrscher waren die Spitzel von Powhatan maßlos enttäuscht. Sie konnten es kaum glauben, dass dies der oberste Häuptling über eine schier unfassbare Zahl von Engländern sein sollte. Am 5. Januar 1617 wohnten Pocahontas und der Shamane Tomocomo einer Aufführung des Maskenspiels „The Vision of Delight“ von Ben Johnson (1572–1637) bei.

Während der Zeit des Aufenthaltes am englischen Königshof entstand eine Miniatur des holländischen Graveurs Simon van de Passe (1595–1647), die Pocahontas in englischer Hoftracht zeigt. Passe hatte sich damals in England aufgehalten, bevor er nach Kopenhagen zog. Die Miniatur trägt die Inschrift „Matoaka als Rebecca Filia Potentiss Princ Powhatani Imp. Virginia“ (zu deutsch: „Matoaka, alias Rebecca, die Tochter des mächtigsten Fürsten des Reiches Powhatan von Virginia“).

Zeitweise lebten John und Rebecca Rolfe in einem Vorort von Brentford (Middlesex) und in Heacham (Norfolk) bei den Eltern von Rolfe. Bei einem gesellschaftlichen Ereignis begegnete das Ehepaar Rolfe unerwartet dem tot geglaubten John Smith. Dabei wurde Smith – immerhin Adoptivsohn von Powhatan und Stammesbruder von Pocahontas – von den Indianern vorgeworfen, dass er sie nie benachrichtigte und sie nach ihrer Ankunft in London nicht mit allen Ehren bei sich aufnahm. Offenbar war ihnen nicht bewusst, dass der ehemalige „König von Jamestown“ in England nur ein unbedeutender, verbitterter Geschäftsmann war, der in Virginia keinen Posten mehr bekommen hatte. Ganz gleichgültig war Pocahontas dem unverheirateten John Smith nicht. Denn er bat Königin Anne brieflich, man solle Pocahontas als königliche Besucherin behandeln.

Im März 1617 entschloss sich die Familie Rolfe zur Rückkehr nach Amerika. Damals war bereits die Hälfte der zwölf indianischen Begleiter an Grippeinfekten dahingerafft worden. Die winterlichen Nebel in England setzten auch Pocahontas schwer zu und sie erkrankte. Bei der Abreise mit dem englischen Segelschiff „George“ nach Virginia starb die erst 22 Jahre alte „Indianer-Prinzessin“ Pocahontas am 21. März 1617 bereits in der Themsemündung, noch bevor das Segelschiff das offene Meer erreichte. Bevor sie in den Armen ihres Ehemannes ihr Leben aushauchte, sagte sie: „Alle müssen sterben“. Als Ursache für ihren frühen Tod werden in der Literatur Lungenentzündung, Tuberkulose, Typhus oder die Pocken erwähnt.

Die „Indianer-Prinzessin“ Pocahontas wurde am 21. März 1617 in Gravesend südöstlich von London (Kent) – laut Kirchenbuch – als „Rebecca Rolfe, eine geborene Virginia Lady“, christlich begraben. Wo sich ihre letzte Ruhestätte befand, weiß man heute nicht mehr. Vor der „St. George’s-Church“ in Gravesend erinnert heute eine lebensgroße Bronzestatue an sie.

Der Witwer John Rolfe und der Schamane Tomocomo kehrten 1617 nach Virginia zurück. Thomas Rolfe, der kleine Sohn von Pocahontas, blieb wegen seiner angegriffenen Gesundheit in der Obhut von Verwandten in England. Zunächst war der Vizeadmiral von Devonshire, Sir Lewis Stukeley, der 1618 hingerichtet wurde, der Vormund des Jungen. Danach wurde Henry Rolfe, der jüngere Bruder von John Rolfe, neuer Vormund.

Nach dem Tod von Oberhäuptling Powhatan bestieg 1618 dessen älterer Bruder Opechancanough den „Thron von Virginia“. Er war nun Oberhäuptling der Powhatan-Konföderation.

1619 hielten die Siedler in der Kirche von Jamestown die erste gesetzgebende Versammlung in der Geschichte der USA ab. Von dieser Kirche ist eine Ruine erhalten.

Zwei Jahre nach dem Tod von Pocahontas heiratete der Witwer John Rolfe 1619 wieder. Seine Braut war Jane Pierce (1595–1635), die Tochter des englischen Kolonisten Captain William Pierce und seiner Ehefrau Eeles. 1620 kam die Tochter Elizabeth zur Welt.

Ende August 1619 erschien der von John Smith verfasste Bericht „Generall Historie of Virginia“. Ein niederländisches Schiff brachte am 20. August 1619 die ersten 20 schwarzen Sklaven zur Kolonie. Laut Online-Lexikon „Wikipedia“ kamen 1620 die ersten 90 weißen Frauen nach Jamestown.

Am Karfreitag, 22. März 1622, führte Oberhäuptling Opechancanough mit den Powhatan, Chickahominy und einigen Stämmen vom Potomac River einen Angriff auf Siedlungen der weißen Kolonisten rund um Jamestown. Die indianischen Krieger zerstörten beim so genannten Jamestown-Massaker mehr als 70 englische Siedlungen. Von den über 1.200 Kolonisten verloren 347 ihr Leben. Dabei handelte es sich um das erste große Massaker von Indianern an Weißen in Nordamerika.

Die überlebenden Kolonisten baten Oberhäuptling Opechancanough und seine Anführer um Verhandlungen über einen Friedensvertrag. Als die indianische Delegation zu einer Versammlung erschien, überfielen die Engländer ihre indianischen Gäste. Opechancanough konnte nur mit wenigen Gefährten fliehen.

Bis 1632 erfolgten immer wieder Angriffe der Indianer und der Engländer. Den Ureinwohnern gelang es nicht, die weißen Kolonisten zu vertreiben, weil sich viele Indianerstämme am Potomac River und Rappahannock River neutral verhielten. Die Kolonisten vernichteten zeitweise auch die Ernten und Nahrungsmittel ihrer indianischen Nachbarn.

Fünf Jahre nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau Pocahontas starb 1622 auch John Rolfe, dessen Plantagen bei einem indianischen Angriff zerstört worden waren. Man weiß heute nicht mehr, ob der 37-Jährige beim Jamestown-Massaker umkam oder ob er einer Krankheit erlag. Seine Witwe ehelichte 1625 den englischen Captain Roger Smith.

1624 erschien das Werk „The Generall Historie of Virginia, New-England, and the Summer Isles“ von John Smith. Die Gravierungen hierfür stammten von John Barra.

1624 wurde die Siedlung Jamestown eine königliche Kolonie. Die Handelsgesellschaft „Virginia Company of London“ war in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Am 21. Juni 1631 starb der unverheiratete Captain John Smith im Alter von 51 Jahren in England. Seine letzte Ruhe fand er in der St. Sepulture Church in London.

Das Jahrzehnt von 1622 bis 1632 war in der Region Jamestown eine kriegerische Zeit, in der die Indianer und weißen Kolonisten einander nicht mehr trauten. Ein 1632 erlassenes Gesetz drohte jedem Engländer, der freiwillig mit einem Indianer sprach und ihn nicht sofort zu den englischen Kommandanten brachte, eine strenge Bestrafung an. 1632 erfolgt schließlich doch ein Friedensschluss zwischen der Powhatan-Konföderation und den weißen Kolonisten. Danach wuchs die Kolonie Jamestown immer mehr.

Thomas Rolfe, der einzige Sohn von Pocahontas und John Rolfe, heiratete im September 1632 in der St. James Church in Clerkenwell (England). Seine Ehefrau Elizabeth Washington schenkte ihm 1633 eine Tochter namens Anne und starb kurz danach. 1635 kehrte Thomas Rolfe aus England nach Virginia zurück und heiratete dort 1640 Jane Poythress (1630–1680). Aus der Ehe der Beiden ging die Tochter Jane (um 1650–1676) hervor. Jane wurde zur „Stammesmutter“ zweier der einflussreichsten und angesehensten Familien Virginias, der Bollings und der Randolphs. Zu den Nachfahren gehören unter anderem die amerikanischen First Ladies Edith Wilson (1872–1961) und Nancy Reagan.

1644 begann der „Zweite Englische Powhatan-Krieg“. Damit starteten die Indianer erneut einen Versuch, die englischen Siedler aus der Kolonie Jamestown zu vertreiben. Zu jener Zeit zählte die dortige weiße Bevölkerung schon mehr als 8.000 Menschen. Am 18. April 1644 griff der betagte Oberhäuptling Opechancanough mit mehreren Stämmen die Engländer an, die inzwischen eine große Streitmacht aufgestellt hatten. Bei diesem Angriff kam rund 500 Engländer ums Leben. Doch bei einem Gegenangriff der Miliz des Gouverneurs William Berkeley (1606–1677) erlitt Opechancanough eine vernichtende Niederlage. Der rund 90 Jahre Opechancanough geriet in die Gefangenschaft und der Krieg war beendet. Der greise Oberhäuptling beschwerte sich bei Berkeley bitter über seine öffentliche Zurschaustellung. Daraufhin befahl der Gouverneur, Opechancanough solle der Würde seines Standes entsprechend behandelt werden. Kurz darauf schoss vermutlich 1644 oder 1646 ein englischer Wachtposten den in einem Gefängnis von Jamestown eingesperrten Oberhäuptling „wie einen tollen Hund“ in den Rücken, worauf dieser starb.

Beim „Zweiten Englischen Powhatan-Krieg“ wurden die Indianer in der Küstenregion von Virginia fast ausgerottet. Im Oktober 1646 zwang der Gouverneur von Virginia die Indianer zu einem Vertrag, demzufolge sie fast ihr ganzes Land den Engländern überlassen mussten.

Die Powhatan-Konföderation zerfiel nach dem Krieg von 1644 bis 1646 und dem Tod von Opechancanough. Vor allem die Stämme am James River konnten nicht mehr länger von den bis dahin dominierenden Pamunkey beherrscht werden. Die Engländer richteten für einige Stämme kleine Reservationen ein, die im Laufe der Jahrhunderte weiter schrumpften, teilweise aber noch heute bestehen. Die Sprache der Powhatan-Indianer ist erloschen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 406 Seiten

Details

Titel
Sieben berühmte Indianerinnen
Untertitel
Malinche – Pocahontas – Cockacoeske – Katerí Tekakwitha – Sacajawea – Mohongo – Lozen
Autor
Jahr
2014
Seiten
406
Katalognummer
V275982
ISBN (eBook)
9783656685333
ISBN (Buch)
9783656685326
Dateigröße
21019 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Indianerinnen, Malinche, Pocahontas, Cockacoeske, Katerí Tekakwitha, Sacajawea, Mohongo, Lozen, Ernst Probst, Frauenbiografien
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2014, Sieben berühmte Indianerinnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275982

Kommentare

  • Ernst Probst am 5.12.2014

    Von Ernst Probst stammen auch einzelne Biografien folgender Indianerinnen: Malinche – Pocahontas – Cockacoeske – Katerí Tekakwitha – Sacajawea – Mohongo – Lozen

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Titel: Sieben berühmte Indianerinnen


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