Simone de Beauvoirs "Ein sanfter Tod"

Eine medizinethische Perspektive


Studienarbeit, 2013

21 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Simone de Beauvoirs Ein sanfter Tod

3 „Sie lernten Organe, und es kamen Menschen“:Medizin und Medizinethik

4 Mein Leben, mein Tod: Zur Aktualität einer „existentialistischen Ethik“

5 Schlussfolgerungen

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

„Man stirbt nicht daran, daβ man geboren worden ist, nicht daran, daβ man gelebt hat und auch nicht am Alter. Man stirbt an etwas. Zu wissen, daβ meine Mutter durch ihr Alter einem nahen Ende zubestimmt war, hat die schreckliche Überraschung nicht gemildert: sie hatte ein Sarkom. Ein Krebs, eine Embolie, eine Lungenkongestion: all das kommt ebenso brutal und unversehens wie das Aussetzen eines Flugzeugmotors am Himmel. Meine Mutter ermutigte zum Optimismus, als sie, die Gelähmte und Sterbende, den unermeβlichen Wert jedes einzelnen Augenblicks bekräftigte; doch ihr vergeblicher erbitterter Kampf zerriβ den beruhigenden Schleier des Alltäglich-Banalen. Einen natürlichen Tod gibt es nicht: nichts, was einem Menschen je widerfahren kann, ist natürlich, weil seine Gegenwart die Welt in Frage stellt. Alle Menschen sind sterblich: aber für jeden Menschen ist sein Tod ein Unfall und, selbst wenn er sich seiner bewuβt ist und sich mit ihm abfindet, ein unverschuldeter Gewaltakt.“ [1] Simone de Beauvoir, französische Schriftstellerin und Philosophin, Autorin eines Theaterstücks und zahlreicher Essays, Artikel, Romane und Autobiografien war nicht nur eine berühmte Intellektuelle, sondern auch Mensch und Tochter, die sich im Laufe ihres Lebens wie wir alle mit dem „Schicksal“ auseinandersetzen musste. Ein sanfter Tod, das vom Sterben ihrer Mutter handelt, ist mit höchster Wahrscheinlichkeit ihr persönlichstes Buch, wie Pierre-Henri Simon der Académie française bestätigte: „»Vielleicht hat Simone de Beauvoir auf diesen hundertsechzig Seiten viel von sich preisgegeben: Wenn es nicht das Beste war, so zumindest das Intimste.«“[2] Als Schriftstellerin entschied sie sich ihren Schmerz zu verarbeiten, indem sie darüber schrieb: „Wie eine wahnsinnige war ich damit beschäftigt, die Geschichte des Todes meiner Mutter zu schreiben; […] Ich mußte darüber schreiben. Noch nie habe ich einen solchen inneren Zwang gefühlt, etwas Bestimmtes zu tun. Jetzt ist die Sache beendet.“[3] Die Gründe, weshalb Schriftstellerinnen und Schriftsteller über persönliche, zuweilen sehr intimen Erfahrungen berichten, sind nach Simone de Beauvoirs Meinung nachstehende: „Nicht aus Exhibitionismus oder in provozierender Absicht berichten die Schriftsteller von schrecklichen, trostlosen Geschehnissen: Durch das Medium der Worte verallgemeinern sie sie vielmehr und ermöglichen es den Lesern, in der Tiefe ihres eigenen Unglücks die Tröstungen der Brüderlichkeit zu erleben. Das ist meiner Meinung nach eine der wesentlichen Aufgaben der Literatur, das Unersetzliche an ihr: jene Einsamkeit zu überwinden, in der wir alle leben und die uns zugleich einander fremd macht.“[4] Beauvoirs Erzählung wurde 1964 veröffentlicht und löste einerseits eine Welle der Empörung aus und anderseits erntete sie zahlreiche Mitgefühlsbekundungen: „Im konservativen und sittsamen Frankreich der sechziger Jahre [hatte] Simone es gewagt, die intimen Momente einer Sterbenden zu schildern. […] Ihre Kritik an der künstlichen Lebensverlängerung sorgte für einen Skandal. […] In was mischte sie sich da ein?“[5] Und: „Die Leute, die mir schrieben, versicherten mir, trotz seines traurigen Inhalts habe mein Buch ihnen geholfen, jetzt oder im nachhinein das Sterben eines geliebten Menschen leichter zu ertragen. Um solcher Aussagen willen lege ich Wert auf das Buch. Jeder Schmerz zerreißt das Innere; was ihn aber unerträglich macht, ist, daß derjenige, der ihn erleidet, sich von der übrigen Welt völlig abgeschieden fühlt; sobald man ihn mit jemandem teilt, ist man nicht mehr so isoliert.“[6]

Schon zu Beauvoirs Zeiten hatte die Medizin beträchtliche Fortschritte gemacht. Heute, fast fünfzig Jahre später, hat uns die Medizinforschung weitere Errungenschaften beschert: von der Antibaby-Pille zur Computertomografie, der Magnetresonanztherapie, der oralen Rehydrationstherapie bis hin zur evidenzbasierten Medizin. Wurden tödliche Krankheiten bis vor nicht allzu langer Zeit noch als auswegloses Schicksal empfunden, kann man heute dank moderner Mittel sogar den Krebs erfolgreich zurückdrängen. Beauvoirs Erzählung zeigt eine Grenzsituation, in der sich jede bzw. jeder von uns befinden könnte. Die Möglichkeiten, die die Medizintechnik heute bietet, drängt sowohl Patienten als auch Ärzten und Familienangehörigen eine noch nie da gewesene Verantwortung auf. Wie können wir lernen, mit dieser Verantwortung, deren Grenzen und der Wahl, vor die wir gestellt werden, umzugehen? Welcher Spielraum bleibt uns Menschen zwischen Determinismus („Das Schicksal nahm seinen Lauf“) und Selbstbestimmung („Sein Schicksal in die Hand nehmen“)? Kann in unserer Gesellschaft, die sich immer mehr von Religion und Tradition distanziert, die Philosophie Abhilfe schaffen? Ich glaube schon. Mit Simone de Beauvoirs Ein sanfter Tod möchte ich auf Lösungsansätze aufmerksam machen, die uns die vom französischen Existenzialismus geprägten Definitionen von Leben, Tod und Schicksal bieten.

2 Simone de Beauvoirs Ein sanfter Tod

Simone de Beauvoirs Mutter Françoise Brasseur de Beauvoir wurde im Oktober 1963 mit einem Oberschenkenhalsknochenbruch in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert und kurz darauf in eine Privatklinik stationär aufgenommen. Eine Operation war nach Meinung der behandelnden Ärzte nicht nötig und so waren sowohl Simone als auch ihre Schwester Hélène nicht sonderlich besorgt. In den letzten Monaten war ihnen aber nicht entgangen, dass sich der Gesundheitszustand (eine Visite bei einem Röntgenarzt hatte nichts Besorgniserregendes ans Licht gebracht) der siebenundsiebzigjährigen Mutter verschlechtert hatte. Simone erinnert sich an die Worte des Arztes, Professor B., als sie ihn kurz nach der Einweisung um einen Krankenbericht gebeten hatte: „Wenn meine Mutter erst wiederhergestellt sei, sagte er, werde sie nicht schlechter laufen können als früher. «Sie wird ihre bescheidene frühere Lebensweise wiederaufnehmen können.» […] Er schien fassungslos, als ich ihm mitteilte, sie leide unter Darmbeschwerden. Das Krankenhaus hatte ihm einen Schenkelhalsbruch gemeldet, und daran hatte er sich gehalten. Er würde sie von einem Internisten untersuchen lassen.“ [7] Nichts ahnend und einigermaßen wieder bei Kräften war Simones Mutter guter Dinge: „«Siehst du, ich habe des Guten zuviel getan, ich habe mich überanstrengt; ich war am Ende meiner Kräfte. Ich wollte nicht zugeben, daß ich alt bin. […] In ein paar Tagen werde ich achtundsiebzig Jahre alt, das ist ein hohes Alter. Danach muß ich mich richten. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.»“ [8] Simone, die einer Routinevisite beiwohnte, beschrieb diese in ihrem Buch wie folgt: „Doktor J., Professor B. und Doktor T., parfümiert, geschniegelt und gebügelt, beugten sich herablassend über diese schlechtfrisierte, etwas verwahrloste alte Frau. Ich kannte dieses Scheininteresse: es war das Scheininteresse von Mitgliedern des Schwurgerichts für einen Angeklagten, dessen Kopf auf dem Spiele steht. […] Mit welchem Recht hatte B. gesagt: «Sie wird ihre bescheidene frühere Lebensweise wiederaufnehmen können»? […] Ich fühlte mich verbunden mit der Kranken, die an ihr Bett gefesselt war und darum kämpfte, die Lähmung, den Tod hinauszuzögern.“[9] Nach weiteren Untersuchungen teilte Professor B. Simone mit einem nächtlichen Anruf unmissverständlich mit, dass die Mutter Krebs hatte. Als die besorgte Tochter die Erinnerungen der letzten Monate Revue passieren ließ, wurde ihr all das Verdrängte plötzlich bewusst: „Krebs. Es lag in der Luft. Und drängte sich sogar auf: die Ringe um ihre Augen, ihre Magerkeit. Doch ihr Hausarzt hatte diese Vermutung abgetan. Und bekanntlich wollen Eltern als letzte wahrhaben, daß ihr Sohn geisteskrank ist, und Kinder, daß ihre Mutter Krebs hat. Wir glaubten um so weniger daran, als sie ihr Leben lang davor Angst gehabt hatte. […] Wir konnten uns nicht vorstellen, daß Mamas Zwangsvorstellung jemals durch die Realität begründet sein könnte. […] Jetzt erklärte sich alles.“[10] Als sie ihre Schwester Hélène unterrichtete, schien es schon keine Hoffnung mehr zu geben. Im Krankenhaus angekommen erfuhren die Schwestern, dass Professor N. seit der Benachrichtigung bemüht war, sie wieder zu beleben, denn: „«Am frühen Morgen hatte sie keine vier Stunden mehr zu leben. Ich habe sie wieder zum Leben erweckt.»“[11] Auf Hélènes verzweifeltes Flehen: „«Warum wird sie gequält, wenn sie doch verloren ist? Soll sie doch in Ruhe sterben.»“[12] und Simones brennender Frage: „«Warum soll Mama gequält werden, wenn doch keine Hoffnung mehr ist?»“[13] reagierte der junge Arzt, Dr. N., mit einem vernichtenden Blick und folgenden Aussagen: „«Ich tue, was ich tun muß.»“[14] Sowie: „«In zwei Dingen läßt ein Arzt, der vor sich selber Achtung hat, nicht mit sich handeln: Rauschgift [die Rede war von Morphiumspritzen] und Abtreibung.“[15] Als ihn Simone daraufhin aufhielt und anflehte, die Mutter nicht unnötig zu quälen, entgegnete er ihr mit erneuter Strenge: „«Ich quäle sie nicht. Ich tue meine Pflicht.»“[16] Simone hob in ihrem Buch die wesentlichen Unterschiede zwischen der Persönlichkeit und dem Verhalten von Dr. P. und Dr. N. wie folgt hervor: „Doktor P. war mir sympathisch. Er tat nicht wichtig, sprach mit Mama wie mit einem normalen Menschen und antwortete bereitwillig auf meine Fragen. Doktor N. dagegen und ich mochten einander nicht. Er war elegant, sportlich, dynamisch, berauschte sich an der Technik und war mit Eifer dabei, Mama wiederzubeleben; doch sie war für ihn Gegenstand eines interessanten Experiments und kein menschliches Wesen. Er flößte uns Furcht ein. […] Wenn Doktor N. sich in den Kopf setzte, einen Rekord zu schlagen, wäre er ein gefährlicher Gegner.“[17] Simone de Beauvoir erinnerte sich genau an dem Augenblick, in dem sich die Spezialisten für eine Operation – obwohl ihr eine ältere Krankenschwester die das Gespräch mit angehört hatte, davon abriet – entschlossen hatten. Nachstehende Worte derselben verfolgten sie: „«Lassen Sie sie nicht operieren.» Dann legt sie ihre Hand auf den Mund. «Wenn Doktor N. wüßte, daß ich Ihnen das gesagt habe! Ich habe so gesprochen, als ginge es um meine eigene Mutter.“[18]

Unter emotionalen Druck stehend (die Schwester Hélène schien von der Operation hoffnungsvoll gestimmt), übermüdet und gänzlich der Meinung der Spezialisten (die eine verhältnismäßig harmlose Bauchfellentzündung in Erwägung gezogen hatten) ausgeliefert, sagte sie dem Eingriff zu. Simone, die die Worte der Krankenschwester nicht vergessen konnte, versuchte ihren Entschluss wie folgt rechtzufertigen: „Würde Mama nicht wieder erwachen? Vielleicht wäre es nicht die schlechteste Lösung. Und ich nahm nicht an, daß ein Chirurg ein solches Risiko auf sich nehmen würde: sie würde davonkommen. Würde die Operation die Entwicklung der Krankheit beschleunigen? Das hatte sicherlich Frau Gontrand [die ältere Krankenschwester] zum Ausdruck bringen wollen. Aber so weit fortgeschritten, wie ihr Darmverschluß war, würde Mama keine drei Tage mehr leben können, und ich befürchtete für sie einen schrecklichen Todeskampf.“[19] Unabhängig von der Tatsache, dass sich während der Operation herausgestellt hatte, dass es sich um einen Krebs schlimmster Art handelte, waren die Ärzte – so Beauvoir – von deren Glanzleistung (sie hatten einen geschätzten Aufschub von einigen Wochen, vielleicht von einigen Monaten erreicht) – überzeugt: „Doktor N. sage triumphierend zu uns: nachdem sie morgens noch halb tot gewesen sei, habe sie den langen und schweren Eingriff sehr gut überstanden. Dank hochmoderner Narkotisierungsmethoden hätten Herz, Lungen, der ganze Organismus normal weiterfunktioniert. Zweifellos war ihn eine erstaunliche technische Leistung gelungen, und was die Folgen betraf, wusch er sich zweifellos die Hände in Unschuld. […] Mir stand etwas Neues bevor: keine Genesung sondern ein Todeskampf.“[20] Nun standen die Schwestern vor der unausweichlichen Entscheidung, ob sie der Mutter die Wahrheit sagen, oder den Ernst der Lage verschweigen sollten: „«Wenn sie […] einige glückliche Tage hat, dann hat es gelohnt, ihr Leben zu verlängern», meinte Poupette [Hélène]. Doch um welchen Preis?“ [21] Simone erinnerte sich an die Worte der Mutter, die beim Anblick einer schwer Kranken Verwandten ihren Wunsch, nicht so zu enden, geäußert hatte: „Mama hatte eine alte Verwandte, die seit sechs Wochen im Koma gehalten wurde. «Ich hoffe, ihr laßt nicht zu, daß mein Leben derart verlängert wird; das ist ja schrecklich!» hatte sie zu uns gesagt.“[22] Allen Bedenken zum Trotz entschieden sie sich der Mutter die Wahrheit vorzuenthalten. Wie es dazu kam, auch das hielt Simone in ihrem Buch fest: „Sie [die Schwester Hélène] hatte Professor B. gefragt: «Was wird man Mama sagen, wenn eine Verschlimmerung eintritt?» «Machen Sie sich darüber keine Sorgen, es findet sich schon etwas; es findet sich immer etwas. Und der Kranke glaubt einem immer.» […] «Nun», sagte ich zu ihr, «du hast dir das Bein gebrochen und wirst am Blinddarm operiert.» Sie hob den Finger und flüsterte geradezu stolz: «Nicht am Blinddarm, sondern am Bauchfell.» Dann fügte sie hinzu: «Welch ein Glück … da zu sein.» «Du freust dich, daß ich da bin?» «Nein, daß ich hier bin.» Eine Bauchfellentzündung: und ihr Aufenthalt in dieser Klinik hatte sie gerettet! Der Verrat begann! […] Mit ihren beiden Töchtern am Krankenbett wähnte sie sich in Sicherheit.“ [23] Während sich Simone am Bett der schlafenden Mutter befand, ließ die letzten Tage Revue passieren und wandte sich daraufhin Rat suchend an Jean-Paul Sartre:

„Auch an mir fraß ein Krebs: das schlechte Gewissen. «Lassen Sie sie nicht operieren.» Und ich hatte nichts verhindert. Oft, wenn Kranke ein langes Martyrium erleiden mußten, hatte ich mich über die Trägheit ihrer Angehörigen entrüstet. «Ich würde ihn töten.» Bei der ersten Prüfung hatte ich versagt: von der gesellschaftlichen Moral besiegt, hatte ich meine eigene Moral verleugnet. «Nein», hatte Sartre gesagt, «Sie sind von der Technik besiegt worden, und das war verhängnisvoll.» So ist es. Man gerät in ein Räderwerk, ohnmächtig gegenüber der Diagnose, den Vermutungen und Entscheidungen der Spezialisten. Der Kranke ist ihr Eigentum geworden: den soll ihnen erst mal jemand entreißen! Am Mittwoch gab es nur zwei Möglichkeiten: Operation oder Euthanasie. Da sie ein kräftiges Herz hatte und wieder stark belebt worden war, hätte Mama den Darmverschluß lange Widerstand leisten können und dabei Höllenqualen ausgestanden, denn die Euthanasie hätten die Ärzte ihr verweigert. […] Doch hätte ich selbst dann den Mut gehabt, zu Dr. N. zu sagen: «Lassen Sie sie hinüberdämmern» Mit den Worten: «Quälen Sie sie nicht» hatte ich das andeuten wollen, und er hatte mich mit dem Dünkel eines pflichtbewußten Menschen angefahren. Hätte man mir gesagt: «Sie nehmen ihr vielleicht mehrere Jahre ihres Lebens», dann hätte ich nachgeben müssen. Solche Erwägungen konnten mich nicht beschwichtigen. Mir graute vor der Zukunft. […] Ein Wettlauf zwischen Tod und Qual war im Gange. Ich fragte mich, wie man es fertigbringt weiterzuleben, wenn jemand, der einem nahesteht, einem vergeblich zugerufen hat: Erbarmen! Und selbst wenn der Tod gewann, blieb eine abscheuliche Mystifikation! Mama glaubte uns ganz nahe bei sich, aber wir stellten uns bereits jenseits ihrer Geschichte. Als allwissender böser Geist wußte ich, was gespielt wurde, und sie kämpfte fern in menschlicher Einsamkeit. Ihr verbissener Wunsch, zu genesen, ihre Geduld, ihr Mut, alles war sinnlos. Für keine ihrer Qualen würde sie belohnt werden. […] Verzweifelt litt ich an einer Schuld – meiner Schuld, ohne daß ich für sie verantwortlich gewesen wäre oder sie jemals wieder hätte gutmachen können.“ [24]

Dennoch gelang es Simone nicht, nachstehende Gedanken und Gefühle zu verdrängen: „Doch unterschied sich dieser Körper, der infolge dieser Absage nur noch Körper war, kaum noch von einer bloßen Hülle: er war ein armseliges, wehrloses Wrack, das von fremden Händen berufsmäßig betastet und angepackt wurde und in dem sich das Leben nur durch ein stumpfsinniges Beharrungsvermögen zu halten schien. Für mich hatte es meine Mutter immer gegeben, und niemals hatte ich im Ernst daran gedacht, daß ich sie eines Tages, und zwar bald, verschwinden sehen würde. Wie ihre Geburt, so lag auch ihr Tod in einer mythischen Zeit. Wenn ich mir sage: sie hat das Alter erreicht, wo man stirbt, waren das leere Worte wie so viele andere auch. Zum erstenmal sah ich in ihr einen Leichnam, der Aufschub bekommen hatte.“ [25] Resigniert gelang es ihr sich vorerst mit der neuen Situation abzufinden: „Die Welt war auf die Ausmaße ihres Zimmers eingeschrumpft. […] Mein eigentliches Leben spielte sich bei ihr ab und hatte nur ein Ziel: sie zu beschützen. […] Ich betrachtete die Menschen mit einem neuen Blick, verfolgt von der Vorstellung des verwickelten Röhrenwerks, das sich unter ihren Kleidern verbarg. Manchmal verwandelte ich mich selber in eine Saug- und Druckpumpe oder in ein System von Ballons und Schläuchen.“ [26] Nerven zerreißend war vor allem das hilflose Mitansehen des beginnenden Todeskampfes: „Am stärksten setzten uns Mamas Agonien zu, ihr Wiederaufleben. […] Bei diesem Wettlauf zwischen Leiden und Tod wünschten wir sehnlich den Tod herbei. Doch wenn Mama mit leblosen Gesicht schlief, beobachteten wir beklommen auf dem weißen Bettjäckchen die leise Bewegung des schwarzen Bandes, an dem ihre Uhr befestigt war: die Angst vor der letzten Zuckung drehte uns den Magen um.“ [27] Niemand war in der Lage den Zeitpunkt des Ablebens vorauszusagen: es konnte Tage, Wochen oder Monate dauern. Das einzige was für die Schwestern zählte war, dass die Mutter so wenig Schmerzen wie möglich erleiden sollte: „Mir einen Revolver verschaffen, Mama erschießen; sie erwürgen: das waren nichtige romantische Vorstellungen. Doch ebenso unmöglich konnte ich mir vorstellen, daß ich Mama stundenlang schreien hören müßte.“[28] Da die Mutter Gefahr lief, dass das für die Schorfwunden eingesetzte Morphium bei größeren Schmerzen nicht mehr wirkte, wandten sich die Schwestern Rat suchend an Dr. P.: „«Sie haben versprochen, daß sie nicht leiden würde.» «Sie wird nicht leiden.» Er machte uns darauf aufmerksam, daß, wenn man um jeden Preis ihr Leben hätte verlängern und ihr eine Woche voller Qualen bereiten wollte, eine neue Operation, Bluttransfusionen und belebende Spritzen erforderlich gewesen wären.“[29] So erfuhren sie, dass Dr. N. ebenfalls davon überzeugt war, dass eine weitere Operation keinesfalls sinnvoll gewesen wäre: „«Solange noch Aussicht bestand, haben wir getan, was getan werden mußte. Ein Versuch, jetzt noch ihren Tod hinauszuzögern, wäre Sadismus.»“[30]

Als sich Simone mit starken Beruhigungsmitteln zu Hause ausruhte, wurde sie von der Schwester benachrichtigt, dass die Mutter gestorben war. Was sie beim Anblick der Mutter dachte, brachte sie in ihrem Buch mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Derart wenig überraschend und derart unvorstellbar war dieser Leichnam, der an Mamas Stelle auf dem Bett lag. Ihre Hände, ihre Stirn waren kalt. Sie war es noch und war für immer verschwunden.“[31] Ihre Schwester, die dem Ende der Mutter beigewohnt hatte, beschrieb ihn ihr wie folgt: „«Ich will nicht sterben.» […] Mama hatte fast das Bewußtsein verloren. Plötzlich schrie sie auf: «Ich ersticke.» Ihr Mund öffnete sich, ihre Augen weiteten sich und standen riesengroß in ihrem entfleischten Gesicht: mit einer Zuckung trat sie ins Koma ein. […] Ihr Herz schlug noch, sie atmete und saß mit glasigen Augen da, ohne etwas zu sehen. Und dann war es zu Ende. […] «Aber, gnädige Frau», hatte die Schwester geantwortet, «ich versichere Ihnen, es war ein sanfter Tod.»“[32]

[...]


[1] Beauvoir de, Simone: Ein sanfter Tod. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009, S. 119.

[2] Monteil, Claudine: Die Schwestern Hélène und Simone de Beauvoir. München: Nymphenburger, 2006, S. 114.

[3] Beauvoir de, Simone: Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren 1947- 1964, S. 843.

[4] Beauvoir de, Simone: Alles in allem. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008, S. 129.

[5] Claudine, Monteil: Die Schwestern Hélène und Simone de Beauvoir, S. 111.

[6] Beauvoir de, Simone: Alles in allem, S. 114.

[7] Beauvoir de, Simone: Ein sanfter Tod, S. 16.

[8] Beauvoir de, Simone: Ein sanfter Tod, S. 18.

[9] Ebenda, S. 23.

[10] Ebenda, S. 28.

[11] Ebenda, S. 30.

[12] Ebenda, S. 29.

[13] Ebenda, S. 30.

[14] Ebenda, S. 30.

[15] Ebenda, S. 88.

[16] Ebenda, S. 58.

[17] Ebenda, S. 57.

[18] Beauvoir de, Simone: Ein sanfter Tod, S. 31.

[19] Ebenda, S. 32.

[20] Ebenda, S. 33f.

[21] Ebenda, S. 56.

[22] Ebenda, S. 57.

[23] Beauvoir de, Simone: Ein sanfter Tod, S. 50f.

[24] Ebenda, S. 63f.

[25] Ebenda, S. 21f.

[26] Ebenda, S. 81f.

[27] Beauvoir de, Simone: Ein sanfter Tod, S. 83.

[28] Ebenda, S. 91.

[29] Ebenda, S. 91.

[30] Ebenda, S. 91f.

[31] Ebenda, S. 96.

[32] Ebenda, S. 98.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Simone de Beauvoirs "Ein sanfter Tod"
Untertitel
Eine medizinethische Perspektive
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Veranstaltung
Aspekte der Medizinphilosophie zum Thema "Schicksal"
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V276060
ISBN (eBook)
9783656690177
ISBN (Buch)
9783656693673
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
simone, beauvoirs, eine, perspektive
Arbeit zitieren
Mag. phil. Esther Redolfi (Autor), 2013, Simone de Beauvoirs "Ein sanfter Tod", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276060

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