Erzeugung von Authentizität in Reportagen der Neuen Sachlichkeit. Egon Erwin Kischs "In den Kasematten von Spandau"


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Authentizität – Begriff und Zusammenhang von Authentizität, Neuer Sachlichkeit und Reportage
2.1. Zum Begriff der Authentizität
2.2. Beziehung zwischen Authentizität, Neuer Sachlichkeit und Reportage

3. Erzeugung von Authentizität in Egon Erwin Kischs In den Kasematten von Spandau
3.1. Autor und glaubwürdiger Ausdruck der Autor-Subjektivität im literarischen Text
3.2. Die Wahrhaftigkeit des objektiven Weltbezugs im literarischen Text in Form von Referenz und Gestaltung
3.3. Authentizität durch Funktion und Wirkung

4. Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Primärliteratur:

2. Sekundärliteratur:

1. Einleitung

Egon Erwin Kisch galt (insbesondere in der DDR) „als der unübertroffene Meister, wenn nicht gar als der Schöpfer der modernen Reportage.“[1]

Der Wahrheitsgehalt seiner Reportagen führte jedoch immer wieder zu Streitigkeiten. In Brunners und Moritz’ Literaturwissenschaftlichem Lexikon ist beispielsweise folgender Eintrag im Rahmen der Reportage-Definition zu finden:

Exemplarisch: Egon Erwin Kisch, synonym mit dem Titel seines Buches: Der rasende Reporter (1924). In der sprachspielerischen Tradition des k.u.k.-Feuilletons, im Gestus abenteuernder Unerschrockenheit, Weltläufigkeit und Technikvertrautheit und sozialkritischem Impetus, wurden seine zahlreichen R., die heutigen journalistischen Wahrheitskriterien nur bedingt genügen, zu Bestsellern.[2]

Und auch in Hans-Albert Walters Rede über Egon Erwin Kisch werden Kischs Werke hinsichtlich ihrer Tatsachentreue als „fragwürdig […] ja, sogar mitunter kraß [sic] unglaubwürdig“[3] bezeichnet. Walter gesteht den „Geschichten“ jedoch zu, zu stimmen, wenn man sie nicht auf ihre Authentizität, sondern „auf die Wahrscheinlichkeit des Geschehens hin“[4] untersucht.

Andererseits schrieb Marcel Reich-Ranicki über Kisch: „Auch in den dreißiger und vierziger Jahren blieb er seinem Grundsatz treu, der Reporter habe vor allem unbefangene Zeugenschaft zu liefern.“[5]

In der folgenden Arbeit soll die Authentizität von Kischs Reportagen am Beispiel von In den Kasematten von Spandau untersucht werden.

Hierbei müssen folgende Fragen geklärt werden:

„Was bedeutet ,authentische' Kunst?“[6]

„[…] was ist mit der Forderung nach Authentizität eigentlich gemeint?

Welche ästhetischen Verfahren dürfen als authentisch gelten?“[7]

Im folgenden Kapitel werden daher zunächst der Begriff Authentizität definiert und Möglichkeiten zur Erzeugung von Authentizität allgemein beschrieben. Da die von Kisch genutzte Gattung der Reportage ebenso wie die Epoche seines Schaffens, die Neue Sachlichkeit, durch ihren Wirklichkeitsbezug charakterisiert sind, wird anschließend auch eine Definition dieser Begriffe gegeben.

Daran anknüpfend untersucht Kapitel 3 In den Kasematten von Spandau auf die in Kapitel 2 beschriebenen vier unterschiedlichen Komponenten von Authentizität.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden abschließend als Fazit zusammenfassend dargestellt.

2. Authentizität – Begriff und Zusammenhang von Authentizität, Neuer Sachlichkeit und Reportage

2.1. Zum Begriff der Authentizität

Der Begriff Authentizität kann vom lateinischen Adjektiv ‚authenticus’ , welches ‚eigenhändig’ und ‚verbürgt’ bedeutet, und vom griechischen Nomen ‚authéntes’ mit der Bedeutung ‚Urheber’ abgeleitet werden.[8]

Es muss unterschieden werden zwischen dem literatur-theoretischen Authentizitätsbegriff und dem Authentizitätsbegriff der (Bildenden) Kunst, welcher beispielsweise als Bestimmungsbegriff für Kunst gegenüber Nichtkunst fungiert.[9]

Im Metzler Lexikon Literatur wird Authentizität wie folgt definiert:

1. die Echtheit bzw. Zuverlässigkeit einer überlieferten Äußerung oder eines Textes. […]

2. die Wahrhaftigkeit a) des subjektiven Selbstausdrucks oder b) des objektiven Weltbezugs im lit. Text.[10]

Hierbei bezieht sich Authentizität als literatur-theoretischer Begriff zum einen auf den glaubwürdigen Ausdruck der Autor-Subjektivität im literarischen Text und zum anderen auf die Unverfälschtheit seines Darstellungsbezugs zur außerliterarischen Wirklichkeit.[11]

In der Textkritik wird Authentizität mit Autorschaft verbunden. Die Authentizität eines Textes umfasst mit Charakteristika wie Echtheit, Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit[12]

Eigenschaften, die von der ,Verfasserschaftsfrage’ abhängen. Ein Text ist authentisch, insofern er sich direkt auf den Willen des Autors zurückführen läßt [sic]. Alle Textmerkmale, die sich nicht auf diese Weise legitimieren lassen können, gelten hingegen als unauthentisch.[13]

Im Sinne einer ästhetischen Eigenschaft lassen sich vier verschiedene Bedeutungsaspekte von Authentizität analytisch voneinander unterscheiden. Diese Aspekte beziehen sich auf verschiedene, voneinander unabhängige Komponenten ästhetischer Kommunikation und zwar auf die Produktion eines Werks (bzw. auf seinen Produzenten, also den Autor), auf seine Referenz, seine Gestaltung und seine Wirkung.[14] In späteren Kapiteln wird Kischs In den Kasematten von Spandau auf diese Aspekte der Authentizität untersucht.

Zunächst wird jedoch die Beziehung zwischen Authentizität, der Epoche Neue Sachlichkeit und der Textgattung Reportage dargestellt.

2.2. Beziehung zwischen Authentizität, Neuer Sachlichkeit und Reportage

Die Neue Sachlichkeit war ausgehend von Literatur und Malerei ein prägender Epochen-Stil der 1920er und frühen 1930er Jahre.[15] Zeitlich wird die literarische Neue Sachlichkeit meist auf die Jahre 1923 bis 1929 oder 1932 ausgedehnt und gewöhnlich in Abgrenzung zum vorangegangenen Spätexpressionismus und dem folgenden Magischen Realismus sowie parallel entstandenen völkischen Tendenzen definiert.[16]

In der Literatur bezieht sich die Kategorie Sachlichkeit vor allem auf ein formalästhetisches Schreibprinzip und ein Realismuskonzept, das sich in Formen wie Bericht- und Reportagestil und Dokumentarismus ausdrückt. Das Berichten realer Zustände steht für die Autoren im Vordergrund. Es erfolgt zum Teil aber auch eine Verbindung von Fiktionalität und Faktizität, wodurch neue Genres, wie beispielsweise die Literarische Reportage, entstehen.[17]

Typische Kriterien der Kategorie Sachlichkeit sind Neutralität und Objektivität des Autors, Klarheit, Einfachheit, Nüchternheit und Präzision des Ausdrucks, die Forderung nach der Beobachtung der äußeren Wirklichkeit[18] sowie Schmucklosigkeit, Nichtpathos, Unsentimentalität, Knappheit, Härte und Kühle.[19]

In allen literarischen Bereichen dominieren aktualitätsorientierte und handlungsanleitende Werke, die häufig die Themenbereiche Krieg, Technik, Alltag und Lebensverhältnisse behandeln.[20] Dementsprechend reicht das „intendierte Funktionsspektrum […] von Affirmation des Bestehenden (resignativ oder heroisch) bis Kritik und Krisenverschärfung (evolutionär oder revolutionär)“.[21] Für die Epoche typische Textgattungen sind publizistisch-dokumentarische Formen, insbesondere die Reportage, die „zeitweilig mit NeuS. synonym gesetzt wurde.“[22]

Die Reportage, oder auch Berichterstattung, ist ein dokumentarisches Genre, das sich auf Fakten und nachprüfbare Vorgänge stützt. Die benötigten Informationen werden durch Recherchen, Interviews, Erlebnisse und Beobachtungen in offener oder verdeckter Teilnahme gewonnen.[23] Die Darstellung ist zwar faktenbetont, zugleich aber subjektiv und durch persönliche Stilmerkmale des Reporters geprägt.[24] Dennoch unterliegt sie dem „Gebot zur Tatsachenorientierung, Authentizität und Nachprüfbarkeit in der Realität.“[25]

Die Funktion und Intention der Reportage liegt darin, den Leser am Berichteten teilhaben zu lassen und dadurch Reaktionen vom Schock über situatives Einverständnis bis hin zur gesellschaftlichen Veränderung zu erzielen. Dabei soll Unzugängliches bzw. Unbekanntes vertraut gemacht werden und Alltägliches in seiner Befremdlichkeit gezeigt werden, wodurch die Reportage gerade in Zeiten gesellschaftlicher Krisen eine besondere Bedeutung als Orientierungshilfe erhält.[26]

Somit erfüllen die Epoche der Neuen Sachlichkeit und ihre typische Textgattung Reportage die in der Authentizität sdefinition geforderten Eigenschaften und Ansprüche:

Die glaubwürdige Autor-Subjektivität im literarischen Text wird durch die persönlichen Stilmerkmale und die subjektive Färbung gegeben, die Unverfälschtheit der außerliterarischen Wirklichkeit durch ein genaues Beobachten der Wirklichkeit und die Stützung dieser durch die Angabe von nachprüfbaren Fakten. Problematisch ist in diesem Zusammenhang jedoch die Vermischung von Faktizität und Fiktionalität wie sie typischerweise bei der Literarischen Reportage angewandt wird.

In den Kasematten von Spandau ist jedoch vielmehr als Reportage oder Bericht einzuordnen. Im Folgenden wird untersucht, wie Kisch hierbei die Erzeugung von Authentizität gelingt und ob dennoch Faktizität und Fiktionalität vermischt werden. Auch der Effekt eventuell fiktiver Informationen auf die Authentizität soll beschrieben werden.

3. Erzeugung von Authentizität in Egon Erwin Kischs In den Kasematten von Spandau

3.1. Autor und glaubwürdiger Ausdruck der Autor-Subjektivität im literarischen Text

Ein Werk gilt häufig als authentisch, wenn der Autor als Person besonders qualifiziert ist. Hierbei wird die literarische Authentizität mit der theologischen authentia auctoritatis gleichgestellt, „die einen Legitimationszusammenhang zwischen Autorschaft, Autorität und Authentizität herstellt.“[27] Dies gilt beispielsweise für Augenzeugen oder indirekt betroffene Personen, denen als Autor die Funktion einer beglaubigenden Autorität übertragen wird.[28] Der glaubwürdige Ausdruck der Autor-Subjektivität im literarischen Text bezieht sich auf den Erzähler und seine Darstellungen im Text. Der Erzähler kann hier anhand der Informationen, die im Text gegeben werden, als mit dem Autor, also Kisch selbst, übereinstimmend betrachtet werden. Kisch ist somit Betroffener und Augenzeuge und besitzt dadurch beglaubigende Funktion. Diese Übereinstimmung kann durch zahlreiche Textstellen belegt werden.

So wird bereits im zweiten Satz die Adresse des Erzählers genannt: „Das Zimmer in der Motzstraße hatte ich genau vor vier Wochen bezogen.“[29] Nur einen Absatz weiter spricht die Hausfrau den Erzähler mit „Herr Kisch“ (KVS 320) an, wodurch für alle Leser klar wird, dass es sich beim Erzähler um Kisch selbst handeln soll. Die namentliche Anrede wird an verschiedenen Stellen wiederholt. Des Weiteren wird Kischs Staatsangehörigkeit angesprochen. So bejaht der gebürtige Prager[30] die Frage des Kanzleibeamten, ob er Ausländer sei (vgl. KVS 331).

[...]


[1] Reich-Ranicki, Marcel: Die Ungeliebten. Sieben Emigranten. Pfullingen 1968, S. 36.

[2] Brunner, Horst, Moritz, Rainer (Hrsg.): Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Berlin 2006, S. 340. Eigene Hervorhebung.

[3] Walter, Hans-Albert: Ein Reporter, der keiner war. Rede über Egon Erwin Kisch. Stuttgart 1988, S. 19.

[4] Ebd., S. 19.

[5] Ebd., S. 40.

[6] Martínez, Matias: Zur Einführung: Authentiziät und Medialität in künstlerischen Darstellungen des Holocaust. In: Martínez, Matias (Hrsg.): Der Holocaust und die Künste: Medialität und Authentiziät von Holocaust-Darstellungen in Literatur, Film, Video, Malerei, Denkmälern, Comic und Musik. Bielefeld 2004, S. 7-20, hier S. 9.

[7] Ebd., S. 10.

[8] Vgl. Burdorf, Dieter, Fasbender, Christoph, Moennighoff, Burkhard (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Stuttgart, Weimar 2007, S. 57.

[9] Vgl. Knaller, Susanne: Genealogie des ästhetischen Authentizitätsbegriffs. In: Knaller, Susanne, Müller, Harro (Hrsg.): Authentizität. Diskussion eines ästhetischen Begriffs. München 2006, S. 17-35, hier S. 31.

[10] Burdorf, Fasbender, Moennighoff: Metzler Lexikon Literatur, S. 57.

[11] Vgl. ebd., S. 57.

[12] Vgl. Martínez, M.: Zur Einführung, S. 11f..

[13] Ebd., S. 12.

[14] Vgl. ebd., S. 12.

[15] Vgl. Burdorf, Fasbender, Moennighoff: Metzler Lexikon Literatur , S. 539

[16] Vgl. Brunner, Moritz: Literaturwissenschaftliches Lexikon, S. 293.

[17] Vgl. Burdorf, Fasbender, Moennighoff: Metzler Lexikon Literatur, S. 539.

[18] Vgl. ebd., S. 539

[19] Vgl. Brunner, Moritz: Literaturwissenschaftliches Lexikon, S. 294.

[20] Vgl. ebd., S. 293ff..

[21] Ebd., S. 293.

[22] Ebd., S. 295.

[23] Vgl. ebd., S. 339f..

[24] Vgl. Burdorf, Fasbender, Moennighoff: Metzler Lexikon Literatur, S. 647.

[25] Ebd., S. 647.

[26] Vgl. Brunner, Moritz: Literaturwissenschaftliches Lexikon, S. 340.

[27] Martínez: Zur Einführung. S. 12.

[28] Vgl. ebd., S. 12.

[29] Kisch, Egon Erwin: In den Kasematten von Spandau. In: Kisch, E. E.: Mein Leben für die Zeitung. 1926-1947. Journalistische Texte 2. Berlin, Weimar 1983, S. 320-337, hier S. 320. Im Folgenden zitiert mit der Sigle KVS.

[30] Siegel, Christian Ernst: Egon Erwin Kisch. Reportage und politischer Journalismus. Bremen 1973, S. 315.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Erzeugung von Authentizität in Reportagen der Neuen Sachlichkeit. Egon Erwin Kischs "In den Kasematten von Spandau"
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Proseminar Deutsche Literatur 1933-45: Drittes Reich und Exil
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V276083
ISBN (eBook)
9783656690245
ISBN (Buch)
9783656690238
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kisch, Rasender Reporter, Drittes Reich, Exilliteratur, Authentizität, Deutschland, Juden, Berlin
Arbeit zitieren
Melanie Scheid (Autor), 2013, Erzeugung von Authentizität in Reportagen der Neuen Sachlichkeit. Egon Erwin Kischs "In den Kasematten von Spandau", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276083

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