Moralische Kommunikation. Selbstdarstellung und Imagepflege


Seminararbeit, 2006

27 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1.) Ehre - Was sie darstellt und wie sie lenkend in den Alltag integriert ist
1.2) Ehre als Kapital

2.) Images - Die Funktionalität der Selbstdarstellung
2.2) Techniken der Imagepflege
2.3) Wiederherstellung des rituellen Gleichgewichts
2.3.II) Aggressive Techniken der Imagepflege

3.) Das richtige Auftreten - Ehrerbietung und Benehmen
3.2) Das interpersonelle Ritual oder die Ehrerbietung
3.2.II.) Zuvorkommenheitsrituale
3.3) Das Bild das andere von einem haben oder das Benehmen
3.3.II) Die Entweihung

4.) Zusammenfassung/Fazit

Quellenverzeichnis

Einleitung

Eine Krone aus Palmblättern, ein Zepter aus Holz, Insignien für einen physisch, wie psychisch gestressten Monarchen, dessen Krönung im australischen Dschungel per TV in deutsche Wohnzimmer übertragen wird. Der Zuschauer wird Zeuge eines uralten Rituals, welches zeitgenössisch umgesetzt den Amtsantritt eines Königs zum Inhalt hat Auch 2011 hat Fernsehdeutschland nach einem Dschungelkönig gesucht und fand ihn in den Reihen seiner Prominenten Warum ich gerade die RTL Show “Ich bin ein Star - holt mich hier raus” an den Anfang dieser Arbeit stelle, erklärt sich dadurch, dass man uns in rund 14 Tagen via Fernsehübertragung einige Einblicke in Interaktion und Gruppenverhalten zu Teil werden lies.

Und dies am Beispiel einer bewusst ausgewählten Gruppe unterschiedlicher Charaktere mit ebenso unterschiedlichen Selbstpräsentationen. Im Rahmen dessen fochten der eine oder die andere der Beteiligten um ihren jeweiligen Ruf, bis hin zum Extrem, als sich nahezu die ganze Gruppe geschlossen gegen ein Mitglied stellte, welches, man erinnert sich vielleicht, die Show auf eigenen Wunsch hin verlassen hat.

Selbstpräsentation, Ehre und Verhalten dargestellt von einer Gruppe bekannter Gesichter innerhalb der speziellen Situation einer Fernsehshow. Grund genug diese Show als Aufhänger für diese Arbeit zu nehmen, schließlich zeigte sich, wie hier auch im Folgenden beschrieben wird, wie ein Verhalten, ein Image auf das andere wirkt und wie sich daraus Konflikte oder vielmehr gestörte Interaktionen ergeben.

1.) Ehre - Was sie darstellt und wie sie lenkend in den Alltag integriert ist

Interaktion ist mehr, als das bloße miteinander Wechseln von Sätzen.

Nicht nur jedes Wort, auch jede Gestik und Mimik, sowie das generelle Auftreten einer Person sind Bestandteile der Interaktion und drücken wertend Achtung oder Missfallen aus.

Dem zu Folge ist Interaktion immer auch bezogen auf die Ehre der Interagierenden.

Die individuelle Ehre oder die Ehre von sozialen Gruppen ist eine lenkende Komponente von Interaktion.

Ehrevorstellungen und Ehrgefühl variiert innerhalb sozialer Gruppen.

Max Weber hat diesbezüglich seine Erkenntnisse zur Standesehre aufgezeichnet. Diese gelten, obwohl nicht als Gesetze formuliert, als verbindlich anerkannte Richtlinien innerhalb der einzelnen Stände und regeln das Verhalten im Alltag, insbesondere den Umgang in Interaktionen mit anderen Ständen.

Ähnlich den von Weber ebenfalls definierten Klassen als Gruppierungen ausgerichtet an ihrer ökonomischen Stellung, unterscheiden sich Stände in ihren Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsformen.

Ein wohl bekanntes Beispiel, ist das Problem, das sich ergibt wenn Angehörige unterschiedlicher Stände den Bund der Ehe schließen wollen. Bei derartigen Eheschließungen gilt es sowohl die eigene Ehre, als auch die des einheiratenden Standes zu achten.

Ehre ist eine Zuschreibungsgröße, welche es sich zu verdienen gilt.

Der Prozess der Zuschreibung zeigt bereits, dass Ehre ein Attribut ist, welches man sich nicht selbst anheften kann, sondern es von anderen erhalten muss.

Im Beispiel der eingangs genannten RTL Show, finden wir eben jene Zuschreibung in Form, der Inthronisationszeremonie von Peer Kusmagk. Wir beobachten den Prozess der Zuschreibung als mehr oder weniger förmlich inszenierte Ausstattung mit Krone und Zepter.

Der neue König krönt sich, wie es das Zeremoniell erfordert nicht selbst, sondern bekommt die Insignien überreicht bzw. aufgesetzt. Hätte er selbst Hand angelegt, so hätten es ihm wohl die Zuschauer irgendwie verziehen, Empörung aufgrund dieser anmaßenden Handlung wäre ihm wohl dennoch sicher gewesen. Entsprechend Beispiele anmaßenden Verhaltens finden wir in der Geschichte unter anderem bei Napoleon I. und Bokassa. Die Selbstkrönung symbolisiert ein an sich reißen der Macht, welche in diesen Fällen ebenfalls als Zuschreibungsgröße gilt. Die Dschungelkrone wird also förmlich übergeben und das vor den Augen des TV Publikums, welches diesen Akt bezeugt und damit als letzte Personengruppe im Ehrungsprozess dafür sorgt, dass alle Bedingungen für eine ordentliche Ehrung erfüllt sind. Zusammengefasst sind das, die Anwesenheit eines Ehrempfängers, mindestens eines Auszeichnenden und mindestens einem Zeugen, drei feste Subjekte in einer Handlung, welche die Ordensverleihungen in der ehem. DDR, hinter verschlossenen Türen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit fragwürdig erscheinen lassen. Eine Ehre ohne Zeugnis ist demnach von fragwürdigem Wert.

Wo aber liegt nun die Funktion von Ehre, da sie ja offensichtlich schwerwiegend genug ist, unser Verhalten in Interaktionen mit anderen maßgeblich zu beeinflussen?

Die Insignien eines Königs sind ein sichtbares Erkennungsmerkmal für die Differenz, die ihn seinen Untertanen gegenüberstellt.

Seit jeher begegnen wir Personen mit Ehrentiteln mit gebotener Distanz, rufen uns ihre Titel zur Disziplin auf wenn wir mit ihnen zu tun haben. Niemand wird bestreiten, dass er sich nicht zurückhaltender in der Gegenwart von Doktoren und Richtern verhält, verglichen zur freundschaftlichen Nähe und Offenheit mit der wir Nachbarn und Vereinskameraden begegnen. Ehre macht anders, so könnte man es ganz einfach ausdrücken. Sie zu erlangen erhöht den sozialen Status und damit die Möglichkeiten im sozialen Umfeld. Sie zu verlieren lässt einen im Gegenzug fallen, schmälert die Chancen und kann sich in Extremfällen derart auswirken, dass das verlorene Gesicht, die verlorene Ehre betroffene Personen zu dramatischen Schritten zwingt.

Im Rahmen des Ehrdiskurses finden wir damit den Begriff der Ehre als eine Größe wieder, deren Verteilung unter den Menschen niemals gleichwertig anzutreffen ist, dies hätte zur Folge dass die lenkende, disziplinierende Funktion der Ehre bei gleicher Verteilung verloren gehen würde.

So geschehen im 1. Weltkrieg, als die begehrte Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz inflationär wurde. Wo es ursprünglich noch den Aufwand erfordert hatte, etwas besonderes im Militärdienst geleistet zu haben, wurde der Orden, welcher ursprünglich als Ansporn zum tatkräftigen Engagement gedacht war, übermäßig oft an Militärangehörige verliehen, sodass dass die Auszeichnung an Wert verlor. Schließlich erforderte es nicht mehr der früheren Mühen und die vormals hoch angesehene Auszeichnung verkam zu einer Blechplakette.

Sinn der vermehrten Auszeichnung, war es die Soldaten durch den Orden zu motivieren, jedoch ahnte niemand, dass diese Massenehrungen, wenn man sie so nennen will, den Wert der Medaille zusehends verringern würden. Wenn wir die Ehre als etwas Wert vermittelndes ansehen, worin besteht dann diese Wertigkeit und wie lässt sie sich nutzen, wie wirkt sie sich aus?

1.2) Ehre als Kapital

Antworten auf diese Frage finden wir vor allem bei Ludgera Vogt, welche sich intensiv mit dem Ehrdiskurs, besonders im Hinblick auf unsere Gegenwart beschäftigt hat.

Sie greift in diesem Zusammenhang immer wieder Pierre Bourdieu auf, welcher in den 60er Jahren den Ehrdiskurs am Beispiel der1 untersucht hatte. Der Titel dieses Abschnitts bezeichnet Ehre als eine Art Zahlungsmittel und ich erkläre im Folgenden, das man seine Reputation durchaus gewinnbringend einsetzen kann.

Bleiben wir doch in RTLs Dschungelcamp um diesen Abschnitt hier näher zu betrachten.

Die Partizipation in der TV Show hat, für die Teilnehmer neben den gezahlten Gagen noch einen durchaus lukrativeren Anreiz zu bieten.

Wenn wir uns die Riege der Teilnehmer vor Augen führen, finden wir eine Gruppe von Personen, die sich größtenteils aus Ex-Mitgliedern aufgelöster Castingbands, ehemaliger Profisportler und Schauspielern mit mangelnden Rollenangeboten zusammensetzt.

Was eint diese, oft als B-Promis bezeichneten Personen?

Neben der Tatsache, dass sich alle zusammen im australischen Dschungel eingefunden haben, vor allem die Chance durch ihre dortige Präsenz sich der Öffentlichkeit ins Gedächtnis zu rufen.

Letztendlich geht es allen Charakteren, neben dem Geld, darum nach teilweise langen Pausen in der Öffentlichkeit, wieder auf sich aufmerksam zu machen.

Die Art wie sich die verschiedenen Charaktere im Dschungel geben, gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, sich ein Bild über sie zu machen und auch entsprechend potenzielle Arbeitgeber der Dschungelbewohner werden so auf sie aufmerksam.

Der Ruf, den man sich durch seine Teilnahme am Dschungelcamp erarbeitet hat oder zugeschrieben bekommt, kann für die Zukunft dieser Personengruppe entscheidend sein.

Das Verhalten eines Campmitglieds bedingt die Achtung die man ihm entgegen bringt und zukünftig bringen wird, ist also nah an die jeweilige Ehre geknüpft. In diesem Sinne ist Ehre als Kapital zu verstehen. In erster Instanz bezeichnen es die Sozialwissenschaften als symbolisches Kapital, da Ehre ja erst in späteren Entwicklungen in materieller Form als handfestes Kapital erworben werden kann.

Das symbolische Kapital ist ein Sammelbegriff für drei Unterkapitalarten.

Die erste ist das ökonomische Kapital oder einfach das jeweilige Vermögen über das man verfügt.

Geld oder andere Vermögenswerte allein aber reichen nicht aus, um das eigene Ansehen im richtigen Licht erscheinen zu lassen.

Deshalb steht an nächster Stelle das kulturelle Kapital, welches Auskunft über das Wissen, die Bildung einer Person gibt. In diesem Fall bezeichnet man das kulturelle Kapital als inkorporiert. Die zweite Komponente dieser Kapitalform, die objektivierte, bezieht sich darauf, wie weit jemand über kulturelle Objekte, Wertgegenstände verfügt.

Darunter verstehen wir Statussymbole, besonders wenn sie mit der inkorporierten Komponente verknüpft sind, wie etwa ausgewählte Literatur oder Musik.

Der letzte Eckpfeiler des symbolischen Kapitals bildet das soziale Kapital.

Dies ist auch die Kapitalform, welche unsere Dschungelbewohner am meisten anstreben.

Die Auftritte vor den Kameras im Dschungel, erhöhen die Chancen bei der Rückkehr nach Deutschland, mit neuen Geschäftspartner in Kontakt zu kommen.

Das soziale Kapital bezeichnet demnach die Netzwerke, die Beziehungen die bestimmte Personen untereinander pflegen.

Jedem dürfte einleuchten, dass es sich, wie der Volksmund sagt, mit Vitamin B leichter lebt.

Doch vor den Chancen, wie Rollenangeboten und Moderatorenverträgen steht erst einmal die Zeit im Dschungel und wo Menschen in einem bestimmten Setting als Gruppe zusammenkommen, da finden sich auch Konflikte und Konflikte bedrohen die Ehre.

Im Rahmen von Ehrenkämpfen hat Bourdieu bei seinen Beobachtungen der Berberstämme, festgestellt, dass es für die Austragung von potenziell Gesichts bedrohenden Auseinandersetzungen Regeln gibt.

Die Kontrahenten müssen einander würdig sein, was so viel bedeutet dass ein schwächerer nicht von einem stärkeren herausgefordert werden darf. Stärke ist hierbei nicht nur an rein physischer Überlegenheit zu messen sondern auch anhand der Bildung, der Einstellung und den zur Verfügung stehenden Mitteln.

Weiterhin müssen beide Parteien die Spielregeln kennen um den Kampf mit fairen Mitteln austragen zu können.

Die Annahme einer Herausforderung gilt als zwingend notwendig, wenn man nicht als Feigling gelten will. Allerdings kann eine Herausforderung auch als ehrlos gelten, wenn sie nicht mit den Regeln der Ehrenkämpfe vereinbar ist. Entsprechend droht der Gesichtsverlust, wenn man eine angemessene Herausforderung ausschlägt oder die Herausforderung gegen die Regeln verstößt.

Als einfachste Regel finden wir das Gebot, dass Rache als unehrenhaft gilt.

Und die verbleibende Regel, welche im Dschungelcamp schwer beansprucht wurde, bezieht sich auf die Stärke der streitenden Parteien. Wie Bourdieu es uns darlegt, droht die größere Partei ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie sich im Kollektiv auf ein Individuum oder eine zahlenmäßig kleinere Gruppe stürzt.

2.) Images - Die Funktionalität der Selbstdarstellung

Ganz gleich welches Bild der Zuschauer vor Beginn des Dschungelcamps von den jeweiligen Charakteren hatte, zwei Wochen später könnte die jeweilige Einschätzung bereits ins Gegenteil umgekehrt sein. Jeder der Teilnehmer, hat wie auch jeder von uns, ein Set an Rollen in sich versammelt, welches er je nach Situation spielen muss, um sich der Situation entsprechend angemessen zu verhalten.

Die Gesamtheit dieser verschiedenen Rollen und die Integration derselben in den Charakter eines Menschen, nennt man Selbstbild, Selbstdarstellung oder Image.

Wir alle spielen über den Tag verteilt die unterschiedlichsten Rollen, sind morgens zum Beispiel der liebevolle Familienvater, während der Arbeitszeit knallharter Geschäftsmann und abends kumpelhaftes Mitglied im Sportverein, bevor wir zu Hause wieder unsere Ausgangsrolle annehmen. Das wiederholt sich täglich, dass uns gar nicht auffällt, wie unterschiedlich wir doch in verschiedenen Situationen agieren und reagieren.

Eine Begründung für die scheinbare Selbstverständlichkeit unserer alternierenden Rollen findet sich in der Wahl derselben.

Für gewöhnlich haben wir unsere Rollen so gewählt, dass sich eine mit der anderen vereinbaren lässt und es so in uns nicht zum Konflikt einzelner Rollen untereinander kommt.

Im Laufe unseres Lebens müssen wir diese jeweiligen Rollen erst entwickeln. Dabei spielt unsere Herkunft und das soziale Umfeld genauso mit hinein, wie die Pläne und Ziele, die wir verfolgen, denn unser Handeln ist stets an ein Ziel orientiert, welches zur Erreichung die richtige Rolle zur richtigen Zeit von uns erfordert.

Erving Goffman, auf den ich an späterer Stelle noch genauer eingehen werde, hat sich in seinem Buch “Interaktionsrituale” ausführlich mit dem Imagebegriff beschäftigt.

Zunächst stellt er die Entwicklung des Selbstbildes dar, erwähnt ebenfalls Herkunft und Ziele als Grundpfeiler der Rollenkonstruktion.

[...]


1 In Nord-Ost Algerien lebendes Berbervolk, welches in den 60er Jahren Basis von ethnologischen Feldstudien Bourdieus war. (Vogt; Zur Logik der Ehre in der Gegenwartsgesellschaft, 1997, S.104f)

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Moralische Kommunikation. Selbstdarstellung und Imagepflege
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Soziologie)
Veranstaltung
Moralische Kommunikation
Note
1,4
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V276114
ISBN (eBook)
9783656692324
ISBN (Buch)
9783656692317
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moralische, kommunikation, selbstdarstellung, imagepflege
Arbeit zitieren
Magister Artium Yves Böcher (Autor:in), 2006, Moralische Kommunikation. Selbstdarstellung und Imagepflege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276114

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