Viktimologie. Die Lehre vom Verbrechensopfer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

10 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1. Definition

Viktimologie leitet sich von dem lateinischen Wort „victima“ für „Opfer“ ab. Bei der Viktimologie handelt es sich um die Lehre vom (Verbrechens-) Opfer. Es ist strittig ob es sich bei ihr um eine eigenständige Disziplin oder um einen Teilbereich der Kriminologie handelt. In der einschlägigen Literatur findet man dazu unterschiedliche Angaben. Selbst die Degradierung zur schlichten Anwendung eines Studienfeldes, wie E. C. Viano es 1976 in „Victims and Society“ beschreibt oder ein gänzliches Versperren gegen den Begriff der Viktikomologie, indem man die Notwendigkeit einer „neuen Disziplin“ die einen Bestandteil der Kriminologie aufgreift in Frage stellt, ist zu finden (vgl. Kiefl/Lamnek 1986, S. 13). Festzustellen ist jedoch, dass sie in jedem Fall interdisziplinär ist und in einem engen Bezug zur Kriminologie, Kriminalsoziologie, Psychologie und Strafrechtswissenschaft steht. Ihr Hauptaufgabenfeld liegt in der Betrachtung des Prozesses der Opferwerdung, der Beziehungsstrukturen zwischen Täter und Opfer, des Anzeigeverhaltens, der Position des Opfers im Strafverfahren sowie den Folgen der Viktimisierung für das Opfer.

Die Viktikomologie befasst sich also mit dem wissenschaftlichen Studium des Verbrechensopfers und einer zielgerichteten Einsetzbarkeit der daraus gewonnenen Erkenntnisse (vgl. Kiefl/Lamnek 1986, S. 14).

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass es bei dem Forschungsbemühen der Viktimologie um eine wertfreie Sichtweise auf die Interaktion zwischen Täter und Opfer sowie der Opferwerdung geht. Keineswegs darf die Erforschung einer Mitbeteiligung des Opfers als Verurteilung eben dieses oder als Entschuldigung der Tat im moralischen oder strafrechtlichen Sinne verstanden werden.

1.2 Der Opferbegriff

Neben dem Gegenstand der Viktikomologie ist auch die Bestimmung des Opferbegriffs zu betrachten, ist er doch wichtigster Gegenstand jener Disziplin um die es im folgenden gehen soll. Nach der Feststellung dass sich die Viktikomologie mit der Lehre des Opfers beschäftigt, tut sich die Frage auf wer oder was eigentlich ein Opfer ist.

Der Begriff Opfer weist zwei Bedeutungen auf. Um die erste Bedeutung die eine Opfergabe in einem religiösen oder rituellen Verfahren beschreibt, wird an dieser Stelle nicht näher eingegangen, da sie in der Viktikomologie keine Relevanz besitzt. Die zweite Bedeutung geht von einer Person, Gruppe, Gesellschaft oder Organisation aus die durch eine Tat anderer zerstört, verletzt, gefährdet oder in anderer unrechtmäßiger Weise behandelt wurde (vgl. Kiefl/Lamnek 1986, S. 27).

Dieser zweite Opferbegriff wird unterschiedlich eingegrenzt, was sich hauptsächlich durch seine Vielfalt begründet. So kann es neben der natürlichen oder juristischen Person auch ein kollektives oder abstraktes Opfer geben, wenn beispielsweise soziale Gruppen, eine Rechtsnorm oder der Staat betroffen sind. Auch die Bewertung der Straftat als solche scheint je nach Fachgebiet unterschiedlich zu sein. Insbesondere wenn man sich der Frage zuwendet, ob ein Opfer einer Straftat nur dann ein Opfer ist, wenn es als Träger des verletzten Rechtsgutes, als strafantragsberechtigt oder als verletzt im Sinne des Prozeßrechts gilt. Auch ist die Frage strittig, ob die Begrenzung des Opferbegriffs auf Verletzung von Person und Eigentum nicht jene abstrakten Opfer ausklammert, wie sie bei Delikten gegen die öffentliche Ordnung zugegen sind (vgl. Schneider 1975, S. 10 ff.).

Zudem ist zu nennen, dass sich ein Opfer nicht als solches fühlen muss. Hier greift die Unterscheidung zwischen subjektivem und objektivem Schaden. So rutscht ein Opfer nicht in die Kategorie des Nicht-Opfers, nur weil es für sich selbst einen positiven Nutzen oder Gewinn aus einer Straftat zieht oder weil es sich selbst nicht als Opfer wahrnimmt. Ebenso wichtig ist diese Unterscheidung bei der rein subjektiven Opferdefinition, zum Beispiel wenn sich eine Person aufgrund einer paranoiden Störung von einer anderen Person bedroht fühlt, ohne dass eine tatsächliche Bedrohung vorliegt (vgl. Kiefl/Lamnek 1986, S. 28).

2. Historie

In der Geschichte entstand die Betrachtung des Opfers hauptsächlich durch den Entschädigungsgedanken. Während in primitiven Kulturen Rechtsprechung und Opferrechte meist durch Vergeltung und Rache geschahen, beispielsweise indem das Opfer die Befugnis erhielt dem Täter physischen Schaden zuzufügen. So wurde diese „Blutrache“ später durch das Prinzip der Entschädigung ersetzt. Das Opfer erhielt nun, je nach Art und schwere der Straftat, Güter oder Geld vom Täter. Entschädigung und Wiedergutmachung als Ergebnis eines Strafverfahrens finden wir bereits bei den Babyloniern (Im Gesetzbuch des Hammurabi) und Hebräern (unter mosaischem Recht). Auch im antiken Griechenland und Rom sowie in der Rechtsprechung germanischer Thing-Gerichte gab es finanzielle und materielle Wiedergutmachung als Entschädigung für das Opfer einerseits und als Strafe für den Täter andererseits (vgl. Schneider 1975, S. 20).

In kriminologischer Hinsicht lassen sich bereits frühe Quellen finden in denen die Rolle des Opfers betrachtet wurde, wie in Feuerbachs Werk „Aktenmäßige Darstellung merkwürdiger Verbrechen“ aus dem Jahr 1828.

Albert G. Hess näherte sich 1934 der Opferfrage, indem er die Täter-Opfer-Konstellation in Missbrauchsfällen umkehrte. 1935 widmete Milovanovic sich der Beziehung zwischen Täter und Opfer bei Tötungsdelikten, indem er Untersuchungen an den Opfern von Tötungsdelikten vornahm. Er kam zu dem Ergebnis dass 54,7% der untersuchten Opfer vor den Tötungen Alkohol konsumiert hatten, was ihn zu dem Schluss kommen lies, dass Alkoholkonsum ein relevanter kriminologischer Aspekt sei. 1983 erarbeitete Ernst Roesner, dass Mord häufig ein Delikt im sozialen Nahraum ist, was komplexe Beziehungsstrukturen zwischen Täter und Opfer bedeutete (vgl. Schneider 1975, S. 21).

Diese frühen Bemühungen blieben jedoch Ausnahmen. Erst mit Ende des zweiten Weltkrieges rückte das Opfer in den Mittelpunkt kriminologischer Betrachtungen. Die Viktikomologie stellt folglich eine noch junge Disziplin dar. Erste differenziertere Ansätze und der Versuch einer Einteilung von Opfergruppen unternahm der deutsche Kriminologe Hans von Hentig (1887-1974). Doch auch in den Jahren nach 1945 richtete die Kriminologie ihr Hauptaugenmerk auf die Täter, so dass die Viktikomologie als Forschungsrichtung häufig erst mit Beginn der 1970er Jahre datiert wird (Lamnek 2008, S. 233 ff.).

Ein „Erfinder“ der Viktikomologie läßt sich nicht ausmachen, auch wenn Beniamin Mendelsohn den Anspruch erhebt sie 1947 in einem Vortrag in Bukarest zuerst erwähnt zu haben.

Neben zahlreichen nennenswerten Kriminologen wie Henri Ellenberger und Paul Conril in den 1950er Jahren sowie Stephen Schafer und Ezzat A. Fattah in den 1960er und -70er Jahren, die die Viktikomologie als Wissenschaft etablierten, bleibt wohl Hans von Henting einer der bedeutendsten Begründer viktimologischer Betrachtungsweisen.

Mit dem 1. Internationalen Symposium für Viktikomologie, das vom 2. bis 6. September es Jahres 1973 in Jerusalem stattfand, konnte sich diese neue (Teil-)Disziplin als etabliert betrachten (vgl Schneider 1975, S. 22).

[...]

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Details

Titel
Viktimologie. Die Lehre vom Verbrechensopfer
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V276234
ISBN (eBook)
9783656691686
ISBN (Buch)
9783656691679
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminologie, Viktimologie, Soziologie, Verbrechen, Psychologie
Arbeit zitieren
Sozialpädagogin B.A. Britt Fender (Autor), 2014, Viktimologie. Die Lehre vom Verbrechensopfer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276234

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