Für den Menschen als soziales Wesen, als „zoon politicon“ wie es Aristoteles
formulierte, spielen Verhaltensmaßregeln eine zentrale Rolle. Eine Gemeinschaft kann
nicht existieren, wenn von zu vielen ihrer Mitglieder widerstreitende Interessen verfolgt
werden, ein Zusammenleben mehrerer ist nur möglich, wenn das Verhalten des Einzelnen
dem Wohl aller nicht entgegenwirkt. Doch gerade ein solches Phänomen ist die steigende
Gewaltbereitschaft Jugendlicher in Deutschland am Ende des 20. Jahrhunderts – Gewalt
vor allem gegenüber Minderheiten wie Asylanten, gepaart mit einer Gewissenlosigkeit, die
jeglichem Unrechtsempfinden entbehrt. Dieses Phänomen inklusive der Wirkungslosigkeit
angedrohter Sanktionen dient Detlef Horster als Aufhänger für seinen Artikel „Was sind
moralische Regeln und wie lernt man sie?“1, auf dem die vorliegende Hausarbeit aufbaut.
Im Folgenden werde ich zunächst Horsters grundlegende Gedanken aufgreifen, dabei
aber auch eigene Überlegungen miteinbeziehen, wobei ich unter anderem das Problem der
Normsetzung in der Pädagogik streifen werde. Desweitern möchte ich Alternativen zu
Horsters Ansatz vorstellen und auf die damit verbundene Problematik eingehen, bevor ich
letztendlich die jeweiligen Modelle gegeneinander abwägen werde.
1 Detlef Horster, „Was sind moralische Regeln und wie lernt man sie?“. Kurt Beutler und Detlef Horster,
Pädagogik & Ethik , Reclam, Stuttgart, 1996.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Was sind moralische Regeln und wie lernt man sie?
II. 1. Definition moralischer Regeln
II. 2. Bedeutung moralischer Regeln für die Gesellschaft
II. 3. Entstehung von Moral
II. 4. Das Problem der Normsetzung in der Pädagogik
III. Sanktionen
III. 1. Ziel und Funktion von Sanktionen
III. 2. Die Todesstrafe
III. 3. Potentielle Effekte harter bzw. unzureichend differenzierter Sanktionen
IV. Ursachenbekämpfung
IV. 1. Motivationen und Gegenmaßnahmen
IV. 2. Prävention
V. Modell einer Ideal-Gesellschaft
V. 1. Moralidee, Sanktionsmodell oder Ursachenbekämpfung ?
V. 2. Sind Gesetze überflüssig?
VI. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Autorität innerhalb einer Gemeinschaft. Ziel ist es, verschiedene Ansätze zur Eindämmung von Gewalt und Unmoral zu bewerten, wobei die moralische Haltung des Einzelnen als zentrales Element der gesellschaftlichen Stabilität betrachtet wird.
- Unterscheidung zwischen moralischen und rechtlichen Regeln
- Die Entstehung und Verinnerlichung von Moral im Sozialisationsprozess
- Kritische Analyse von Sanktionen als Mittel zur Kriminalitätsbekämpfung
- Ansätze der Ursachenbekämpfung und Prävention
- Debatte um Erziehungsziele in einer pluralistischen Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
II. 1. Definition moralischer Regeln
Was verstehen wir überhaupt unter dem Begriff „Moral“? Welcher Zusammenhang existiert zwischen moralischen Regeln und Konventionen, Sitten und Bräuchen? Und in welchem Verhältnis stehen rechtliche Regeln zu moralischen?
Betrachten wir zunächst einmal die Schlagwörter Konventionen, Sitten und Bräuche. Zweifellos weist der Moralbegriff einen gewissen Absolutheitscharakter auf, den zumindest die letzten beiden Begriffe nicht enthalten: Sitten und Bräuche können keine interkulturelle Vergleichspunkte sein, da von Kultur zu Kultur unterschiedliche Sitten und Bräuche vorherrschen. Diese Tatsache bedarf meiner Meinung nach an dieser Stelle keiner weiteren Erläuterung, zumal schon im Volksmund von „andere Länder, andere Sitten“ die Rede ist.
Etwas problematischer scheint der Begriff einer Konvention zu sein – doch auch hier stellt sich bei einem Blick ins Lexikon heraus, dass Konventionen „Übereinkünfte bestimmter Bevölkerungsgruppen hinsichtlich des angemessenen Verhaltens in gewissen Situationen“ sind; anhand eines simplen Beispiels wird sofort klar, dass auch dieser Begriff nicht mit Moral gleichgesetzt werden kann: Die Kleiderordnung bei einem Opernbesuch beispielsweise ist ein typisches Beispiel einer (im Übrigen ebenfalls kulturrelativen) Konvention. Es wäre völlig unangebracht, wenn nicht sogar inakzeptabel, in diesem Rahmen Joggingkleidung o.ä. zu tragen – doch moralisch verwerflich ist es keinesfalls.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, wie moralische Regeln das Zusammenleben in einer Gemeinschaft ermöglichen und welche Relevanz Detlef Horsters Überlegungen hierfür haben.
II. Was sind moralische Regeln und wie lernt man sie?: Dieses Kapitel definiert Moral durch Abgrenzung zu Sitten und Recht, erläutert deren Entstehung durch Sozialisation und diskutiert die pädagogische Problematik der Normsetzung.
III. Sanktionen: Hier werden staatliche Eingriffe diskutiert, wobei die Todesstrafe sowie die negativen Auswirkungen strenger, aber undifferenzierter Sanktionen kritisch beleuchtet werden.
IV. Ursachenbekämpfung: Das Kapitel befasst sich mit der Analyse der Gründe für kriminelles Handeln bei Jugendlichen und stellt Präventionsmodelle wie das Streitschlichterprojekt vor.
V. Modell einer Ideal-Gesellschaft: Die Autorin wägt die Konzepte der Moralidee, des Sanktionsmodells und der Ursachenbekämpfung gegeneinander ab und fragt nach der Notwendigkeit von Gesetzen bei idealen moralischen Individuen.
VI. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine moralische Haltung des Einzelnen zwar erstrebenswert ist, die gesellschaftliche Komplexität jedoch weiterhin ein Zusammenspiel von Autonomie und rechtlichen Rahmenbedingungen erfordert.
Schlüsselwörter
Moral, Autonomie, Autorität, Gesellschaft, Sanktionen, Kriminalität, Normsetzung, Pädagogik, Sozialisation, Prävention, Ethik, Rechtsnormen, Wertehierarchien, Erziehungsziele, Resozialisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das notwendige Gleichgewicht zwischen individueller Autonomie und gesellschaftlicher Autorität, um ein stabiles Zusammenleben zu gewährleisten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themen umfassen die Definition und Entstehung von Moral, die Funktion von Sanktionen, Strategien der Kriminalitätsprävention sowie die erziehungswissenschaftliche Debatte über Normsetzungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Abwägung, welcher Ansatz – moralische Erziehung, Sanktionierung oder Ursachenbekämpfung – am besten geeignet ist, um gesellschaftliche Gewalt und Menschenverachtung einzudämmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die philosophisch-ethische Interpretation und Diskussion existierender Fachliteratur, insbesondere des Ansatzes von Detlef Horster.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Abgrenzung von Moral und Gesetz, untersucht die psychologischen und sozialen Prozesse der Moralerziehung und hinterfragt kritisch die Wirksamkeit von Strafe als Abschreckungsmittel.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Moral, Autonomie, Sanktionierung, Sozialisation und Prävention.
Inwiefern unterscheidet sich die Auffassung von Moral von rechtlichen Regeln?
Laut der Arbeit ist Moral eine zeitlose innere Haltung des Einzelnen, während rechtliche Regeln von außen erzwungen werden und einem Geltungszeitraum unterliegen.
Warum reicht ein reines Sanktionsmodell nach Ansicht der Autorin nicht aus?
Ein rein auf Sanktionen basierendes System droht das moralische Empfinden zu untergraben, da Handlungen nur noch aufgrund von äußerem Zwang und Angst erfolgen, statt aus einer inneren Überzeugung heraus.
- Arbeit zitieren
- Michaela Abele (Autor:in), 2004, Gesellschaft & Moral: Das richtige Mass von Autonomie und Autorität in der Erziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27640