Der Doppelgänger. Manifestation einer Wunscherfüllung


Hausarbeit, 2014
24 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Motiv des Doppelgängers - eine Annäherung

3. Edward Hyde - der Doppelgänger als Wunscherfüllung
3.1. Die Erzählstruktur- unter Aufsicht des Über-Ich
3.2. Manifestation des Es im Handeln Hydes
3.3. Manifestation des Es im äußeren Erscheinungsbild Hydes
3.4. Dr. Jekyll - Manifestation eines schwachen Ichs
3.5. Spannungsverhältnis Dr. Jekyll - Mr. Hyde

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur
5.3. Internetquellen

1. Einleitung

Während in den antiken Doppelgänger-Erzählungen „die Erfahrung einer Bedrohung der Identität und die zerfallende Selbstgewissheit als deren Folgeerscheinung […] zur Situationskomik“1 gehören, ist in Stevensons Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde „das in seiner Identität bedrohte Individuum […] nun nicht mehr Opfer einer komischen Verwechslung.“2 Vielmehr ist es das Opfer einer Persönlichkeit, die „von verschiedenen Instanzen in einem labilen Gleichgewicht gehalten wird.“3 Als solches bietet die literarische Figur in Doppelgänger-Erzählungen besonders dem psychoanalytischen Interpretationsansatz verschiedene Deutungszugänge, sodass auch die nachfolgende Untersuchung des Doppelgängermotivs auf Basis eines solchen Ansatzes vorgenommen wird.

Ausgehend von der These, der Doppelgänger Hyde sei die Manifestation einer Wunscherfüllung Jekylls soll gezeigt werden, welcher Motive und stilistischer Mittel sich Stevenson für die spezifische Gestaltung des Doppelgängers bedient. Im Sinne eines psychoanalytischen Interpretationsansatzes gilt es, entsprechende Bezüge zu den Darlegungen Freuds herauszustellen und diese im Hinblick auf die Inszenierung der Figuren zu untersuchen.

In Anlehnung an die Untersuchungen Hildenbrocks und die Darlegungen Pauls sowie Freuds wird anfangs ein Versuch unternommen, sich dem Wesen des Doppelgängers zu nähern sowie Variationen seiner Erscheinungen darzulegen (Kapitel 2). Die Werke Ranks, Bärs und Forde- rers dienen dabei der Erweiterung entsprechender Ausführungen, während Moraldos Ansatz für die nachfolgende Untersuchung weniger geeignet zu sein scheint. Zwar untersucht dieser entwicklungsgeschichtliche Änderungen des Motivs, jedoch wird er den bestehenden Variati- onen einer Doppelgänger-Inszenierung nicht gerecht, die allerdings den Untersuchungsgegen- stand der vorliegenden Arbeit bildet. Anschließend gilt es, jene spezifische Inszenierung des Doppelgängers in Stevenson Werk auf verschiedenen Ebenen zu untersuchen (Kapitel 3). Unter Bezugnahme der Freud‘schen Darlegungen zum seelischen Apparat und den entspre- chenden Instanzen gilt es herauszustellen, welche Vorstellung eines Doppelgängers auf der Ebene der Erzählstruktur, der Figurengestaltung und der Handlung entwickelt wird. Dies im- pliziert das Herausarbeiten von Motivfeldern sowie Bezügen zu den Freud’schen Instanzen, derer sich Stevenson bei der Entwicklung der Figur Edward Hyde bedient. Letztendlich soll aus psychoanalytischer eine weitere Doppelgänger-Variation erschlossen und dargelegt wer- den.

2. Das Motiv des Doppelgängers - eine Annäherung

Das Motiv des Doppelgängers besitzt seine Vorläufer sowohl in den Werken einiger Autoren aus der Antike, etwa der Helena- Tragödie des Euripides oder Plautus‘ Menaechmen sowie auch in der Mythologie und bildet damit ein sehr altes literarisches Motiv.4

Für den deutschen Sprachraum lässt sich auf Grundlage von Zedlers Groß em Vollst ä ndigem Universal-Lexikon (1734) festhalten, dass keine Indizien für eine Verwendung dieses Aus- drucks bis Mitte des 18. Jahrhunderts ermittelt werden können. Erstmalig und für nachfolgen- de Konzepte zum Doppelgänger prägend formuliert Jean Paul seine Vorstellung zum literari- schen Motiv im Siebenk ä s (1796). Darin beschreibt er jene Erscheinungen als „Leute, die sich selber sehen.“5 Diese Vorstellung beinhaltet einerseits die physische Ähnlichkeit; oder mit den Worten Hildenbrocks „das Sich-selber-sehen im anderen.“6 Andererseits birgt sie die Selbstspiegelung als extreme Form der Selbstreflexion, das dem „Sich-selber-sehen in sich selbst, im Sinne einer Spaltung der Persönlichkeit“7 entsprechend würde.8 Für Jean Paul ist das Moment des Sich-selber-sehens von enormer Bedeutung, welches vor dem Hintergrund seiner Definition des Doppelgängers deutlich wird, der zufolge die sich selber sehende Person den Doppelgänger darstellt, nicht etwa das Objekt.9

Hingegen wird dem gegenwärtigen Begriffsverständnis nach, die von der Figur wahrgenommene Erscheinung als Doppelgänger bezeichnet. Dieser Perspektivwechsel kann am entsprechenden Eintrag im Deutschen Wörterbuch (1860) von Jacob und Wilhelm Grimm nachvollzogen werden, wonach der Doppelgänger „jemand [ist], von dem man wähnt er könne sich zu gleichen Zeit an verschiedenen Orten zeigen.“10

In Abhängigkeit von Wissenschaftsdisziplin und Erkenntnisinteresse wurde eine Vielzahl von bedeutungserweiternden und -verändernden Konzepten zum literarischen Motiv des Doppel- gängers entwickelt, innerhalb derer Bär zwei Hauptrichtungen ausmacht: der Doppelgänger als Geist des Lebenden und der Doppelgänger als einer Projektion mit der individuellen Per- sönlichkeit als Ursprungsort.11 Letztere entspricht den Erklärungsversuchen, die im Rahmen einer psychoanalytischen Interpretation vorgenommen werden. Gestützt auf die unheimlichen Elemente in Hoffmanns Elixiere des Teufels definiert Freud das Doppelgängertum als „das Auftreten von Personen, die wegen ihrer gleichen Erscheinung für identisch gehalten werden müssen, die Steigerung dieses Verhältnisses durch Überspringen seelischer Vorgänge von einer Person auf die andere […], so daß der eine das Wissen, Fühlen und Erleben des anderen mitbesitzt, die Identifizierung mit einer anderen Person, so daß man an seinem Ich irre wird oder das fremde Ich an die Stelle des eigenen versetzt, also die IchVerdopplung, Ich-Teilung, Ich-Vertauschung.“12

Die Begegnung mit dem Doppelgänger wird deshalb als unheimlich empfunden, da in ihm verdrängte Persönlichkeitsmerkmale Gestalt annehmen und als Eigene wiedererkannt werden. Es kann sich dabei einerseits um eine Instanz handeln, die der Selbstbeobachtung und Selbst- kritik dient - von Freud als Über-Ich eingeführt; andererseits können alle „Ich-Strebungen, die sich infolge äußerer Ungunst nicht durchsetzen konnten, sowie alle unterdrückten Wil- lensentscheidungen“13 den Doppelgänger schaffen, die wiederum in der Freud’schen Instanz des Es vertreten sind.14

Diese Vorstellung teilt Hildenbrock, wenn sie bezüglich der literarischen Doppelgängerphan- tasie Gesetzmäßigkeiten im Auftreten des entsprechenden Motivs erkennt und diese als Ver- mittlung „elementarer Selbsterkenntnis [formuliert], die letztendlich […] zur Befreiung des Individuums von seinen Verdrängungen führt und damit eine kathartische Wirkung hat. Der Doppelgänger verkörpert dabei entweder einen verdrängten ‘bösen‘ (triebhaften) Teil der Persönlichkeit […] oder aber das Gewissen.“

Dabei kennt der Doppelgänger nicht nur eine Gestalt, wie Hildenbrock in ihrem Versuch einer Phänomenologie des Motivs darlegt. So bedient sich Plautus in der antiken Verwechslungs- komödie Menaechmi der Figur des Zwillings, um eine belustigende Gestaltung der Doppel- gängerthematik vorzunehmen, bei der jedoch die physische Ähnlichkeit im Vordergrund steht bzw. eine wichtige Voraussetzung bildet. Hildenbrock kann jedoch im Rahmen ihrer ange- strebten Phänomenologie aufzeigen, dass eine solche Ähnlichkeit für das Doppelgängererleb- nis sekundär ist; stattdessen „vielmehr die (unbewusste) physische Bereitschaft eines Men- schen, sich in einem beliebigen Gegenüber wiederzuerkennen und es damit zum Doppelgän- ger und Alter ego zu machen“15 konstitutiv ist. Weiterhin kann der Zwilling als Doppelgänger sowohl bei gleichgeschlechtlichen Zwillingspaaren wie auch jenen unterschiedlichen Ge- schlechts vorkommen. Erstere werden häufig von der Problematik der Trennung (Flegeljahre) oder des Bruderkonflikts begleitet, während bei Letzteren häufig noch eine Inzestproblematik (Der Mann ohne Eigenschaften) hinzukommt, die Hildenbrock auf eine narzisstische IchBezogenheit zurückführt.16

Voraussetzung für eine erfolgreiche Darbietung der Verwechslungskomödie bildet bei den Vorläufern des Doppelgängermotivs in der Antike die Verwendung von Masken. Neben der in erster Linie praktischen Funktion von tragischen, komischen, satirischen und orchestrischen Masken, können auch die zu Doppelgängerphantasien verdichteten, unterdrückten Wünsche „hinter dem uralten Verlangen nach Maskierung“17 stehen. In Brechts Der gute Mensch von Sezuan (1953) hingegen nutzt She Te den Schutz der Maske, um sich als skrupellose Shui Te den Forderungen der Wirklichkeit zu stellen.

Von der bisher genannten familiären Ähnlichkeit unterscheidet Hildenbrock weiterhin das Vorkommen einer zufälligen Ähnlichkeit, die das Doppelgängererlebnis begleitet und sich entweder in der Gestalt des Usurpators oder des Stellvertreters äußert. In der Literatur besteht häufig der Unterschied, dass Letzterer im Gegensatz zum Usurpator oft moralisch gerechtfer- tigte Gründe für eine vorübergehende Rollenübernahme besitzt. Wie stark dabei die Identifi- kation mit der anderen Person außer Kontrolle gerät und im schlimmsten Fall zum Persön- lichkeitszerfall führt, hängt einerseits vom Grad des Wiedererkennens in dieser Rolle ab; sie muss sich zumindest mit einen Teil der Persönlichkeit decken. Andererseits steigt die Anfäl- ligkeit der eigenen Psyche gegenüber der Beeinflussung des Alter ego mit abnehmender Ich- stärke.18

Zuletzt unterscheidet Hildenbrock von den drei genannten Formen des voll ausgebildeten Doppelgängers das Spiegelbild, das Portrait und den Schatten, die für „bestimmte Aspekte der menschlichen Psyche oder sogar die Psyche schlechthin“19 stehen und die Funktion eines Doppelgängers übernehmen können.

Die Schattenlosigkeit der Figur Schlemihls führt in Chamissos Werk Peter Schlemihls wun- dersame Geschichte zum Ausschluss aus der Gesellschaft, da ihm mit dem Verkauf seines Schattens ein Stück Individualität bzw. die Seele20 selbst verloren gegangen ist. Der Doppel- gänger wird als fehlendes Teil zum Ganzen gestaltete. Scheinbar ohne Vorbehalte nimmt Schlemihl zunächst die Rolle des reichen Nabob an, „führt [jedoch] ein Scheinleben, das ihm nicht wirklich entspricht und unvollständig bleiben muss, weil im die Tiefe fehlt, die erst der Schatten ihm verleihen würde.“21

In Werfels Spiegelmensch wiederum verselbstständigt sich nach einem Befreiungsversuch vom Spiegelbild eben dieses zum Doppelgänger, der sich als das böse Ich des Protagonisten erweist, dessen Handlungen sich am materiellen Gewinn und gesellschaftlicher Anerkennung richten. Der Spiegel steht in der Literatur häufig im Dienste die Aufdeckung verborgener Persönlichkeitsanteile, worauf auch die das Motiv häufig begleitende Spiegelscheu zurückgeführt werden kann. Ebenfalls wird im Zusammenhang mit dem Spiegelbild gerne der Akt des Spiegelzerschlagens aufgegriffen, in dem sich die Unzufriedenheit der Figur mit sich selbst manifestiert und der als symbolischer Selbstmord gedeutet werden kann.22

Zuletzt besitzt in Wildes Das Bildnis des Dorian Gray der Doppelgänger insofern eine entlas- tende Funktion, als dass das Portrait an seiner Stelle altert sowie die Spuren seines ausschwei- fenden Lebens trägt. In dieser Instanz dokumentiert es all jenes, was das Original verbergen möchte bzw. muss. Das Verhältnis zum Bildnis charakterisiert Hildenbrock als Verliebtheit, die „nichts anderes [ist] als eine Manifestierung seiner […] narzisstischen Ichliebe, die es ihm unmöglich macht, zu anderen Menschen mehr als nur einen oberflächlichen Kontakt herzu- stellen.“23 Diese Deutung Hildenbrocks ist dahingehend für das Verständnis des Doppelgän- germotivs in Literatur von Bedeutung, da nach Hildenbrock die Frage aufgestellt werden muss, inwieweit „die Doppelgängererfahrung [grundsätzlich] durch eine extrem ichbezogene […] Persönlichkeitsstruktur zumindest begünstigt wird.“24 So fällt auf, dass einige literarische Doppelgänger bzw. deren „Originale“ von der Gesellschaft isoliert leben oder sich von dieser distanziert haben und entsprechend weitegehend mit sich alleine sind.

In Stevenson’s Dr. Jekyll und Mr. Hyde liegt hingegen ein voll ausgebildeter Doppelgänger vor, der als anfängliche Wunscherfüllung Jekylls die maligne gewordene Persönlichkeitsanteile repräsentiert und dessen spezifische Gestaltung im Folgenden untersucht wird.

[...]


1 Moraldo (1996), S. 14.

2 Ebd., S. 35.

3 Ebd.

4 Vgl. Hildenbrock (1986), S. 7.

5 Paul (1987), S. 67.

6 Hildenbrock (1986), S. 8

7 Ebd.

8 In seinem Roman Siebenk ä s kennzeichnet Jean Paul die Freundschaft zwischen den Figuren Leibgeber und Siebenkäs zwar durch eine äußerliche Ähnlichkeit sowie eine gegenseitige geistige und seelische Ergänzung; andererseits rückt besonders an der „Spiegelszene, in der [Leibgeber] sich selbst vervierfacht sieht“ und Schwierigkeiten hat, „sein eigenes Ich als einheitlich […] zu erleben“ das Moment der narzisstischen Selbstbeobachtung in den Vordergrund. [Vgl. Hildenbrock (1986), S.8].

9 Vgl. Bär (2005), S. 9, 15.

10 Grimm (1984), S. 1263.

11 Vgl. Bär (2005), S. 16.

12 Freud (1963), S. 62.

13 Ebd., S. 64.

14 Freud entwickelt seine Definition unter Bezugnahme auf Ranks Abhandlung Der Doppelg ä nger (1914), in der dieser die Annahme formuliert, ursprünglich sei der Doppelgänger eine Versicherung gegen den Untergang des Ichs, da man sich „nach diesem Leben eines zweiten im Doppelgänger versichert[e].“ [Rank (1914), S. 163].

15 Hildenbrock (1986), S. 272.

16 Vgl. Hildenbrock (1986), S. 81, S. 272.

17 Bär (2005), S. 135.

18 Vgl. Ebd., S. 103, 112ff.

19 Ebd., S. 273.

20 Das Angebot des grauen Mannes Schlemhil seinen Schatten nur gegen seine Seele wiederzugeben, „deutet darauf hin [dass] der Schatten […] nur der bildhaft-konkrete Ersatz für die abstrakte Konzeption der Seele“ ist. [Hildenbrock (1986), S. 242].

21 Hildenbrock (1986), S. 239.

22 Vgl. Ebd. S. 175ff.

23 Ebd., S. 224.

24 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Doppelgänger. Manifestation einer Wunscherfüllung
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V276444
ISBN (eBook)
9783656694694
ISBN (Buch)
9783656697237
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
doppelgänger, manifestation, wunscherfüllung
Arbeit zitieren
Helena Drewa (Autor), 2014, Der Doppelgänger. Manifestation einer Wunscherfüllung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276444

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Doppelgänger. Manifestation einer Wunscherfüllung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden