Dass Menschen sich gegenseitig helfen, lässt sich im Alltag oft beobachten, z. B. [...] wenn ein jüngerer Mensch einem Senioren die Einkaufstüten trägt. Neben solchen alltäglichen Hilfestellungen gibt es aber noch viele weitere Arten, in denen sich Hilfeverhalten äußern kann: Menschen können einander darüber hinaus beispielsweise psychologische (z. B. einer anderen Person zuhören) und logistische Hilfe, was die Bereitstellung finanzieller und anderer Mittel meint (z. B. Geld- oder Textilspenden), leisten (Prof. Dr. A. Gerlach, Vorlesung „Klinische Psychologie I“, 18.04.2012). Eine weitere Form von Hilfeverhalten ist freiwilliges soziales Engagement. Seit Abschaffung der Wehrpflicht in Deutschland im Jahr 2011 kann man [...] im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes soziale Arbeit leisten. Informationen des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) zufolge, war die Nachfrage für die ersten 35.000 eingerichteten Plätze so groß, dass diese Zahl nun aufgestockt werden soll (BAFzA, 2012). Dieses Beispiel veranschaulicht, dass Menschen offenbar eine starke Tendenz aufweisen, einander zu helfen. Schließlich können Menschen sich auch durch akute Krisenintervention gegenseitig unterstützen. Dies geschah z. B. im Jahr 2005 nachdem der Hurrikan „Katrina“ auf die Golfküste der USA traf und dort breite Flächen des Landes, vor allem aber die Stadt New Orleans, zerstörte und viele Menschen anreisten, um vor Ort Hilfe zu leisten (z.B. Ehrhardt, 2005). Auch nach dem Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 fuhren viele freiwillige Helfer in das Land um z.B. bei der Suche nach verschütteten Personen oder bei der Versorgung der Opfer, vor allem mit Trinkwasser, hilfreich zu sein (z.B. Wild & Das Gupta, 2010). [...]
In der Psychologie werden solche Handlungsweisen, bei denen Menschen anderen Individuen Hilfe leisten, unter dem Begriff des „prosozialen Verhaltens“ zusammengefasst. [...] Nun stellt sich die Frage, warum Menschen zu prosozialem Verhalten neigen und einander helfen. Gegenstand dieser Hausarbeit sind die Beweggründe prosozialen Verhaltens. Dabei werden verschiedene Erklärungsansätze für dieses Phänomen betrachtet. [...]
Letztendlich postulieren neuere Theorien (Iredale, Van Vugt & Dunbar, 2008), dass altruistisches Hilfeverhalten eine wichtige Rolle im Kontext der Partnerwahl zukommen würde: Demnach würden vor allem Männer anderen Individuen aus selbstlosen Gründen helfen, um potentielle Partner des anderen Geschlechts zu beeindrucken.
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung
1. Einleitung
2. Grundlegende Theorien Prosozialen Verhaltens
2.1 Negative-State-Relief
2.2 Empathie und Altruismus
2.3 Gegenüberstellung beider Ansätze
3 Neuere Ansätze zur Erklärung prosozialen Verhaltens
4. Resumé
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die psychologischen Beweggründe hinter prosozialem Verhalten, um zu verstehen, warum Menschen einander helfen, selbst wenn dies mit Risiken für das eigene Wohlbefinden verbunden ist. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob Hilfeverhalten primär auf egoistischen Motiven zur Stimmungsverbesserung, auf altruistischer Empathie oder auf evolutionären Strategien wie der Partnerwahl basiert.
- Psychologische Motivationen für Hilfeleistungen
- Die Negative-State-Relief-Theorie
- Die Empathie-Altruismus-Hypothese
- Evolutionäre Perspektiven und Partnerwahl
- Förderung von prosozialem Verhalten
Auszug aus dem Buch
2.1 Negative-State-Relief
Um herauszufinden, ob Hilfeverhalten von Menschen durch eine persönliche negative Stimmung begünstigt wird, untersuchten Cialdini et al. (1973) 68 Versuchspersonen mithilfe eines 2x4-Designs. Bevor das im Rahmen der Cover-Story angekündigte Experiment begann, wurden die Versuchspersonen in einen Untersuchungsraum gebracht, wodurch die tatsächliche Studie bereits begann: Im Vorfeld hatte eine erste Versuchsleiterin angedeutet, dass dieser Raum gleichzeitig das Büro eines Kommilitonen sei, der zur Zeit an seiner Abschlussarbeit arbeitete. In dem Untersuchungszimmer befand sich ein Tisch mit zwei Stühlen. Sobald der jeweilige Studienteilnehmer das Zimmer betreten hatte, zeigte die Versuchsleiterin auf einen der Stühle und bat den Probanden, Platz zu nehmen. Bei der Hälfte der Teilnehmer handelte es sich hierbei um einen präparierten Stuhl, der – sobald die Versuchsperson ihn unter dem Tisch hervorzog – bewirkte, dass drei Kästchen mit Lochkarten zu Boden fielen. Bei der anderen Hälfte der Durchgänge zog die Versuchsleiterin diesen präparierten Stuhl unter dem Tisch hervor (UV 1: Schuld des Probanden vs. Schuld der Experimentalleiterin). In beiden Bedingungen reagierte die Versuchsleiterin identisch auf die zu Boden gefallenen Lochkarten: Sie sagte, dass diese Karten die Grundlage für die Abschlussarbeit ihres Kommilitonen seien, in dessen Büro sie sich befanden, und dass dieser sicherlich keine Zeit dafür haben würde, die Karten wieder in ihre ursprüngliche Reihenfolge zu bringen, weil er sich auf Prüfungen vorbereiten müsste. Dieser Schritt wurde durchgeführt, um bei den Probanden einen negativen Gemütszustand zu evozieren: Es wurde angenommen, dass sich die Versuchspersonen infolgedessen schlecht fühlten, dass einer anderen Person (entweder durch sie selbst oder durch die Experimentalleiterin) Leid zugefügt wurde (das Durcheinanderbringen der Lochkarten für die Abschlussarbeit eines Studenten).
Zusammenfassung der Kapitel
Zusammenfassung: Bietet einen Überblick über die verschiedenen theoretischen Perspektiven wie das Negative-State-Relief-Modell, Empathie-Altruismus und evolutionäre Ansätze zur Partnerwahl.
1. Einleitung: Beschreibt die Vielfalt prosozialen Verhaltens im Alltag und in Extremsituationen und führt in die wissenschaftliche Fragestellung der Arbeit ein.
2. Grundlegende Theorien Prosozialen Verhaltens: Stellt die zentralen psychologischen Modelle gegenüber, die erklären, warum Menschen anderen helfen.
2.1 Negative-State-Relief: Erläutert den Ansatz, dass prosoziales Verhalten als Mittel dient, um eigene negative Stimmungen zu kompensieren.
2.2 Empathie und Altruismus: Untersucht die Theorie, dass Empathie für den Hilfsbedürftigen ein eigenständiges altruistisches Motiv für Helfen darstellt.
2.3 Gegenüberstellung beider Ansätze: Analysiert methodische Mängel früherer Studien und vergleicht beide Theorien kritisch anhand neuerer Forschungsergebnisse.
3 Neuere Ansätze zur Erklärung prosozialen Verhaltens: Analysiert, wie prosoziales Verhalten im Kontext der Partnerwahl als evolutionäres Signal fungieren kann.
4. Resumé: Fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert Möglichkeiten, prosoziales Verhalten durch gezieltes Training oder Medieninhalte zu fördern.
Schlüsselwörter
Prosoziales Verhalten, Hilfeverhalten, Altruismus, Empathie, Negative-State-Relief, Partnerwahl, Evolutionäre Psychologie, Psychologische Forschung, Stimmungskompensation, Soziales Engagement, Krisenintervention, Organspende, Prosoziale Videospiele, Achtsamkeitstraining, Individuelle Hilfsbereitschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den psychologischen Beweggründen für prosoziales Verhalten und untersucht, warum Menschen in unterschiedlichen Kontexten Hilfeleistungen erbringen.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, verschiedene wissenschaftliche Erklärungsansätze für Hilfeverhalten zu analysieren, insbesondere die Abgrenzung zwischen egoistischen und altruistischen Motiven sowie die Rolle der evolutionären Partnerwahl.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit behandelt die Theorie des Negative-State-Relief, die Empathie-Altruismus-Hypothese und moderne evolutionäre Perspektiven auf altruistisches Verhalten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden zur Erklärung herangezogen?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Auswertung und Diskussion klinischer und sozialpsychologischer Experimente sowie Studien zu evolutionären Aspekten der Verhaltenspsychologie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit erläutert?
Im Hauptteil werden die grundlegenden Theorien (Negative-State-Relief und Empathie/Altruismus) detailliert dargestellt, kritisch gegenübergestellt und um neuere Konzeptionen der Partnerwahl ergänzt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Prosoziales Verhalten, Altruismus, Empathie, Negative-State-Relief und evolutionäre Partnerwahl geprägt.
Welche Rolle spielt die "Negative-State-Relief"-Theorie?
Diese Theorie postuliert, dass Menschen anderen helfen, um ihre eigene negative Stimmung zu verbessern, womit das Motiv für das Helfen als egoistisch eingestuft wird.
Wie beeinflusst die Partnerwahl prosoziales Verhalten?
Neuere Studien deuten darauf hin, dass insbesondere Männer durch prosoziales Verhalten ihre Attraktivität für potentielle Partner steigern können, was altruistisches Handeln zu einem Signal im Rahmen der sexuellen Selektion macht.
Kann prosoziales Verhalten gezielt gefördert werden?
Ja, laut den Ergebnissen des Resumés können sowohl achtsamkeitsbasiertes Training als auch die Konfrontation mit prosozialen Inhalten (z. B. durch Videospiele) die Wahrscheinlichkeit für Hilfeverhalten bei Individuen signifikant erhöhen.
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- Caren Hilger (Author), 2012, Beweggründe für prosoziales Verhalten. Warum Menschen einander Helfen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276449