Öfter als man zunächst annehmen könnte, werden Menschen wegen Straftaten verurteilt, die sie nicht begangen haben. Nicht selten basieren solche Justizirrtümer auf den Berichten von Augenzeugen, die den Tatverdächtigen belasten. Dies geschieht auch im Fall von James Bain, der in den USA 35 Jahre lang in einem Gefängnis einsaß, obwohl er unschuldig war. Am 23. März 1974 wird der damals 19-Jährige verhaftet, weil ihm vorgeworfen wird, einen neunjährigen Jungen entführt und anschließend vergewaltigt zu haben (Eckardt, 2010). Für den Zeitpunkt der Tat besaß Bain ein Alibi [...]. Dieses nützte ihm aber nichts, denn die Tatsache, dass das Opfer James Bain als seinen Peiniger identifiziert hatte, wog für das Gericht schwerer. Auf diese Weise wurde der junge Mann zu lebenslanger Haft verurteilt. Erst 35 Jahre nach Beginn der Haftstrafe, im Jahr 2009, beweisen modernere Methoden zur Aufklärung von Kriminalfällen seine Unschuld: Die DNS-Spuren an der Unterwäsche des Opfers entsprechen nicht dem genetischen Code von James Bain, was dazu führt, dass er aus dem Gefängnis entlassen wird (Ternieden, 2010).
Doch nicht immer gehen fälschliche Verurteilungen in den USA so glimpflich aus. So stirbt beispielsweise der junge Familienvater Cameron Todd Willingham, weil seine Schuld an einem Brand seines Hauses und der daraus resultierende Tod seiner drei Kinder als erwiesen galt. Am 23. Dezember 1991 steht das Haus der Familie Willingham in Flammen [...] Als Cameron Willingham das Feuer bemerkt, ruft er um Hilfe. [...] Durch ein Gutachten, das angibt, das Feuer hätte nur durch menschliches Handeln entsehen können, gerät der Familienvater unter Verdacht. Als dies publik wird, erinnern sich auf einmal Nachbarn an ein auffälliges Verhalten des jungen Mannes zum Zeitpunkt des Brandes: [...] er [habe z.B.] noch sein Auto aus der Einfahrt gefahren, anstatt seinen Kindern zu helfen.
Nicht zuletzt wegen solcher Aussagen wurde Cameron Todd Willingham schuldig gesprochen. [...] Im Jahr 2004 [wurde er] durch die Giftspritze hingerichtet. Ein neueres Gutachten aus dem Jahr 2009 [...] belegt die Unschuld des Familienvaters.
Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Problematik von Augenzeugenberichten. Gründe, die zu Ungenauigkeiten bei solchen Berichten führen können und die sich aus der Struktur des menschlichen Gedächtnisses ableiten lassen, werden aufgeführt. Darüber hinaus werden weitere Phänomene besprochen, die die Sicherheit von Zeugenaussagen weiterhin beeinflussen können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das menschliche Gedächtnis und Augenzeugenberichte
2.1 Gedächtnismodell
2.2 Probleme des Langzeitgedächtnisses und Konsequenzen für Zeugenaussagen
3. Weitere beeinflussende Faktoren
3.1 Der „Weapon-Effect“
3.2 Der „Experimenter-Effect“
4. Resumé
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologischen Hintergründe, die zur Verzerrung und Unzuverlässigkeit von Augenzeugenberichten führen können. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie kognitive Strukturen und externe Einflüsse die Erinnerungsleistung bei Zeugenaussagen beeinträchtigen, um ein besseres Verständnis für die Problematik von Justizirrtümern zu schaffen.
- Strukturelle Mängel des menschlichen Gedächtnisses und ihre Auswirkungen
- Einfluss von Kontextfaktoren und Interferenzen auf den Informationsabruf
- Die Auswirkungen des „Weapon-Effect“ auf die Aufmerksamkeitsverteilung
- Methodologische Verzerrungen durch den „Experimenter-Effect“
Auszug aus dem Buch
3.1 Der „Weapon-Effect“
Der „Weapon-Effect“ (dt.: „Waffen-Effekt“) beschreibt das Phänomen, dass Menschen, die einen bewaffneten Täter beobachten, sich primär auf die Waffe konzentrieren (E. F. Loftus, G. R. Loftus & Messo, 1987). Als Konsequenz können die Zeugen andere Aspekte der Situation oder Merkmale des Täters nicht mehr hinreichend fokussieren. Damit ist der „Weapon-Effect“ ein Beispiel dafür, wie die Erinnerungen von Augenzeugen durch Probleme der Aufmerksamkeitsverteilung während des Tathergangs negativ beeinflusst werden können.
Bei der Erforschung dieses Themenfeldes wurde oftmals vorausgesetzt, dass Waffen die Aufmerksamkeit von Zeugen anziehen, ohne dies aber tatsächlich zu überprüfen. Um die Frage endgültig zu klären, ob das Phänomen des „Weapon-Effect“ existiert, stellten E. F. Loftus et al. (1987) eine Studie an, bei der sie insgesamt 36 Studenten untersuchten. Allen Teilnehmern wurde eine Reihe von Folien präsentiert, die einen Kunden in einem Fast-Food-Restaurant zeigten. In der Experimentalbedingung sahen die Probanden auf den Folien wie der Kunde eine Pistole auf die Kassiererin richtete als er an der Reihe war. Daraufhin händigte die Mitarbeiterin an der Kasse dem bewaffneten Mann Geld aus. In der Kontrollgruppe wurden den Teilnehmern Folien präsentiert, auf denen der Kunde der Kassiererin einen Scheck überreichte, woraufhin diese ihm etwas Geld zurückgab. Die Hypothese der Forscher bei diesem Experiment (E. F. Loftus et al., 1987) war, dass die Studienteilnehmer der Experimentalgruppe ihren Blick und damit ihre Aufmerksamkeit länger auf die Pistole fixieren würden, als Probanden der Kontrollgruppe dies bei dem Scheck machen würden. Als Folge davon, würden Teilnehmer der Experimentalgruppe andere der Situation inhärenten Details schlechter erinnern als Versuchspersonen der Kontrollbedingung (E. F. Loftus et al., 1987).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik fälschlicher Verurteilungen aufgrund unzuverlässiger Augenzeugenberichte ein und erläutert anhand prominenter Fälle die Relevanz des Themas.
2. Das menschliche Gedächtnis und Augenzeugenberichte: Hier wird der Aufbau des menschlichen Gedächtnisses erläutert, wobei insbesondere die Schwächen des Langzeitgedächtnisses und deren negative Konsequenzen für Zeugenaussagen beleuchtet werden.
3. Weitere beeinflussende Faktoren: Dieses Kapitel analysiert spezifische Phänomene wie den „Weapon-Effect“ und den „Experimenter-Effect“, die zu einer Verzerrung von Erinnerungen und Zeugenaussagen führen können.
4. Resumé: Das Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse über die Problematik der Verzerrung von Augenzeugenberichten zusammen und gibt Ausblicke auf Methoden, wie die Genauigkeit von Zeugenaussagen verbessert werden kann.
Schlüsselwörter
Augenzeugenberichte, Gedächtnis, Langzeitgedächtnis, Enkodierungsspezifität, Interferenz, Nachinformation, Weapon-Effect, Experimenter-Effect, Zeugenaussage, Justizirrtum, Aufmerksamkeitsverteilung, Kognitives Interview, Wahrnehmungsverzerrung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der wissenschaftlichen Analyse der Unzuverlässigkeit von Augenzeugenberichten und untersucht, welche kognitiven und situativen Faktoren zu Verzerrungen bei der Erinnerung an Straftaten führen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Kernbereichen gehören die Struktur des Gedächtnisses, der Einfluss von Kontext und Interferenz auf das Erinnern sowie methodische und aufmerksamkeitsbezogene Phänomene bei der Zeugenbefragung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die psychologischen Ursachen für die mangelnde Präzision von Zeugenaussagen zu identifizieren, um zu verstehen, warum Augenzeugenberichte oft fehlerhaft sind und welche Auswirkungen dies auf die Rechtsprechung hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Analyse und Zusammenführung relevanter psychologischer Studien basiert, um die Problematik der Gedächtnisleistung und der Zeugenaussagen zu begründen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das Gedächtnismodell, Probleme des Langzeitgedächtnisses (wie Enkodierungsspezifität und Interferenz) sowie spezifische Effekte wie der „Weapon-Effect“ und der „Experimenter-Effect“ detailliert diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Augenzeugenberichte, Gedächtnis, Interferenz, Weapon-Effect, Experimenter-Effect, Justizirrtum und Wahrnehmungsverzerrung.
Wie wirkt sich der „Weapon-Effect“ auf Zeugen aus?
Der „Weapon-Effect“ führt dazu, dass Zeugen ihre Aufmerksamkeit primär auf die Waffe richten, was zur Folge hat, dass sie andere wichtige Details der Situation oder des Täters nicht mehr hinreichend wahrnehmen oder erinnern können.
Warum ist der „Experimenter-Effect“ für polizeiliche Ermittlungen relevant?
Der „Experimenter-Effect“ überträgt sich auf die polizeiliche Gegenüberstellung, da die Erwartungshaltung des Ermittlers den Zeugen unbewusst beeinflussen kann, denjenigen Tatverdächtigen zu identifizieren, den die Polizei bereits im Visier hat.
Welche Rolle spielt die Interferenz durch Nachinformation?
Die Interferenz durch Nachinformation zeigt, dass Erinnerungen an Geschehnisse durch inkonsistente nachträgliche Informationen – etwa durch ungeschickte Fragen der Polizei – verfälscht werden können, was die Erinnerungsleistung massiv verschlechtert.
- Arbeit zitieren
- Caren Hilger (Autor:in), 2012, Die Problematik von Augenzeugenberichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276451