Literarische Texte im Französischunterricht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

13 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Sprachlehrtexte und literarische Texte

3. Leserorientierte Ansätze im Vergleich mit anderen literaturtheoretischen Positionen

4. Kreativer Umgang mit literarischen Texten im Französischunterricht

5. Leseförderung im Französischunterricht
5.1. Ästhetisches und literarisches Lernen
5.2. Geschlechtersensible Leseförderung

6. Abschließende Bemerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In letzter Zeit steigt die Tendenz an den Schulen, literarische Texte in den Fremdsprachenunterricht zu integrieren. Der Einsatz literarischer Texte im Fremdsprachenunterricht bietet den Schülern die Gelegenheit, neben den standardisierten grammatischen Konstruktionen vielfältige Sprachausdrücke kennenzulernen. Darüber hinaus haben literarische Texte ästhetische und emotionale Funktion und können das Interesse der Schüler am Fremdsprachenerwerb wecken.

Die Literatur bietet den Schülern eine breite Themenauswahl an, die ihr Interesse am Lesen anregen sowie ihre gesprochenen und schriftlichen Äußerungen aktivieren. Ob es tatsächlich wirksam ist oder eine Überforderung der Schüler darstellt, literarische Texte in den Fremdsprachenunterricht einzubeziehen, hängt vom Inhalt der Texte, vom Unterrichtsverlauf und der kreativen Herangehensweise des Lehrers ab.

Die vorliegende Arbeit will daher der Fragestellung nachgehen, welches Potenzial literarische Texte im Fremdsprachenerwerb den Schülern bieten können und welche Methoden dem Lehrer die Förderung der Sprachkompetenzen der Schüler ermöglichen.

2. Sprachlehrtexte und literarische Texte

Für den Erwerb einer fremden Sprache gibt es spezielle Sprachlehrbücher mit notwendigen Redewendungen und grammatischen Konstruktionen zum Handeln in der Fremdsprache. Jeder Anfänger ist bereit, standardisierte Dialoge im Sinne „Wie heißt du?“- „Ich heiße..“, -„Wo wohnst du?“ -„Ich wohne...“- gleich zu verstehen und nachzusprechen. Die Wiedergabe einfacher Sätze ermutigt die Lernenden zur barrierefreien Handlung in der Fremdsprache und zur weiteren Kommunikation. Niemand greift gleich auf Lyrikbände zu, deren literarische Texte komplexer und schwer verständlicher zu sein scheinen. Es ist aber zu fragen, ob es wirklich immer wirksam ist, eine Fremdsprache mittels Lehrbüchern mit ihren standardisierten Sprachlehrformeln zu lernen oder ob literarische Texte ihren eigenen Beitrag zur erfolgreichen Beherrschung einer Fremdsprache leisten. Um diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll, die beiden Textarten zu definieren und ihre Merkmale aus der Perspektive des Lesers und Lerners zu analysieren.

Sprachlehrtexte sind vereinfachte und für das eindeutige Verständnis angepasste Texte, deren grammatische und wörtliche Konstruktionen für einen Fremdsprachenlerner erfassbar, nachvollziehbar und leicht zu merken sind.

Literarische Texte sind diverse Textarten (Lyrik, Sachtexten, usw.) in der Originalsprache, die eine stärkere Komplexität der Sätzen, Mehrdeutigkeiten und Abweichungen von der Norm enthalten können.

Beide Textarten stellen eigenständige Kommunikationsformen dar und entsprechen dadurch wenig der Rede des Alltags, „weil sie diese entweder auf das didaktisch Notwendige verkürzen und vereinfachen oder sie ausweiten, verdichten oder übersteigen“ (Hunfeld, 1990, S.33). Sollte die Sprache nicht nur als Mitteilung, sondern auch dem individuellen Ausdruck dienen, werden in der Fremdsprachenlehre beide Textarten in Ansatz gebracht und zweckgemäß kombiniert.

Es ist empfehlenswert, in den Unterricht von Anfang an literarische Texte einzubeziehen und neben den Standardformeln die Sprache in mehrfacher Hinsicht zu zeigen. Neben der einfachen Folgsamkeit und dem mechanischen Nachsprechen wird dem Adressaten dadurch eine rezeptive Handlung zugemutet.

Allerdings können die literarischen Texte für die Erreichung der Lernziele als Störfaktor gesehen werden, da sie öfter Abweichungen von der Norm beinhalten. Sollen die Lernziele und dafür ausgewählte Lernmethoden an die literarische Texte angepasst werden oder sollen die literarischen Texte mit ihren Widersprüchen in das Konzept einer Fremdsprachendidaktik passen? „Die Frage nach lyrischen Texten im Fremdsprachenunterricht ist also zugleich eine Frage nach den übergreifenden Zielen des Fremdsprachenunterrichts“ (ebd., S.34). Beide Textarten erfüllen unterschiedliche Ziele und „verlangen ihren Adressaten unterschiedliche Reaktionen und Haltungen ab“ (ebd., S.38). Im Idealfall werden die beiden Textarten im Unterricht genutzt und die Lernenden werden vom Lehrtext zum literarischen Text und „von der Eindeutigkeit der grammatischen Regel bis zur Mehrdeutigkeit des literarischen Entwurfs“ geführt (ebd., S.40).

3. Leserorientierte Ansätze im Vergleich mit anderen literaturtheoretischen Positionen

In der Literaturwissenschaft wird ein literarischer Text in Bezug auf seine Struktur, Stil und Form sowie seinen ästhetischen Wert untersucht. In diesem Zusammenhang lässt sich die Interpretation literarischer Texte nach fünf grundlegenden literaturtheoretischen Ansätzen unterscheiden: dem autor-, leser-, kontext-, sowie text- und textstrukturorientierten Ansatz. Diese Ansätze lassen sich wie folgt charakterisieren:

A utororientierter Ansatz: Die Interpretation literarischer Texte erfolgt unter Berücksichtigung biographischer Aspekte, um Zusammenhänge zwischen dem Werk und der Biographie des Autors zu analysieren.

Leserorientierter Ansatz: Die Interpretation literarischer Texte erfolgt über das subjektive Verständnis des Lesers und seine immanente Wahrnehmung.

Kontextorientierter Ansatz: Literarische Texte werden im Zusammenhang mit sozialem, historischem und politischem Hintergrund interpretiert.

Textorientierter Ansatz: New Criticism. Literarische Texte werden in Bezug auf ihre Form, ihren Aufbau, ihre Stilistik (Erzähltechnik) und den Aufbau des Textes interpretiert.

Textstrukturorientierter Ansatz: Die Interpretation literarischer Texte gelingt über Analyse von Zeichen, Sprachsystem und Textstruktur.

Die leserorientierte Textinterpretation ausgenommen, setzen o. g. Interpretationsmethoden die Objektivität der Textauslegung und eine wissenschaftliche Herangehensweise voraus. Bei der Interpretation literarischer Texte unter Berücksichtigung der subjektiven Wahrnehmung des Lesers existiert so etwas wie ein objektiver Text nicht, dieser wird erst durch die individuellen Leseprozesse hergestellt.

Nur im Rahmen der leserorientierten Textinterpretation ist die immanente Wahrnehmung des Lesers und sein subjektives Leseverhalten von Bedeutung, „so stellen Rezeptionsästhetik und Response Theory die Tätigkeiten des Lesers in den Mittelpunkt“ (Bredella, 2003, S.57). „Der literarische Text […] entsteht durch die Tätigkeit des Lesers, wenn er aus der Abfolge der Wörter eine fiktive Welt entstehen lässt“ (Bredella, 1989, S.51). Dabei untersucht die Rezeptionsästhetik nicht nur diese subjektiven Faktoren, sondern auch wann, warum und welche Lesergruppen welche Texte gelesen haben. Dabei wird nicht angestrebt, irgendeinen einheitlichen Sinn zu erkennen, „sondern diesen Sinn zu dekonstruieren, um die Heterogenität und Widersprüchlichkeit der Texte und das freie Spiel ihrer Elemente erfahrbar zu machen.“ (ebd., S.50). Durch die leserorientierte Textinterpretation, bei der Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit im Mittelpunkt stehen, werden literarische Texte für Schüler interessanter und herausfordernder.

Bei der leserorientierten Interpretation wird zwar Mehrdeutigkeit vorausgesetzt, dies bedeutet aber nicht, das der Leser „seine Vorstellungen in einen amorphen Text projiziert“ (ebd., S.52). Der Text muss schon gewisse Bedingungen zur Interpretation für den Leser einsetzen, um dem Leser eine kreative Herangehensweise zu ermöglichen. Der Text muss für den Leser bestimmen, „welche Leerstellen er füllen bzw. überbrücken muss, welches Vorwissen und welche Vorerfahrungen er dem Text zur Verfügung stellen und wie er sie modifizieren muss“ (ebd., S.52).

Im Fremdsprachenunterricht ermöglicht die leserorientierte Textinterpretation den Schülern ihren passiven und aktiven Wortschatz zu nutzen und sich dabei frei durch fremde Wörter zu äußern. Die offene Äußerung des eigenen Textverständnisses und eigene Textinterpretation fördern den spontanen Umgang mit der Fremdsprache.

4. Kreativer Umgang mit literarischen Texten im Französischunterricht

Oft wird die Integrierung literarischer Texte im Französischunterricht mit der Zielsetzung herangezogen, französische Texte zu lesen und zu verstehen. Sollte der Lehrer diese Zielsetzung mit der Entwicklung produktiver Lesefähigkeiten erweitern, empfiehlt es sich, die kreative Herangehensweise einzusetzen. Unter produktive Fähigkeiten wird u. a. „die Fähigkeit und die Bereitschaft, eigene Textdeutungen aufzustellen, diese als Hypothese zu erkennen und sie in wiederholter Auseinandersetzung mit dem Text und den Deutungen anderer […] zu differenzieren, zu modifizieren oder auch zu korrigieren“ (Caspari, 1995, S.241) erfasst. Außerdem hilft der kreative Umgang dem Lehrer, das Kennenlernen mit literarischen Texten attraktiver und lebendiger für die Schüler zu gestalten. Für diesen kreativen Textumgang hat Caspari vier wichtige Ansätze definiert:

Der produktorientierte Ansatz, bei dem der Originaltext mit seinen besonderen Merkmalen im Mittelpunkt steht. Um den Text zu rekonstruieren, kann der Lehrer den Schülern vorschlagen, einen unvollständigen Text zu vervollständigen, ungeordnete Einzelteile des Textes zu ordnen und den gesamten Text aufzubauen.

Der persönlichkeitsorientierte Ansatz, bei dem die persönliche Auseinandersetzung mit dem literarischen Text im Vordergrund steht. Als Arbeitsweise können die gleiche wie beim produktorientierten Ansatz genutzt werden, nur mit dem Ziel, den Text aus persönlicher Sicht zu erkennen und „eigene Vorstellungen über Text und Thema“ abzugeben (ebd., S. 243).

Der prozessorientierte Ansatz einer kreativen Um- und Neugestaltung literarischer Texte beabsichtigt auf Basis von Textvorgaben den Originaltext zu ändern oder einen neuen Text zu gestalten, mit dem Ziel, angegebene sprachliche und literarische Möglichkeiten anzuwenden. Den Schülern wird vorgeschlagen, mit verschiedenen Textsorten wie z.B. Poemen, Gedichten, Kriminalgeschichten, Märchen etc. zu arbeiten. Mithilfe der vorgeschlagenen sprachlichen Konstruktionen können die Schüler ihren eigenen Texte kreativ und phantasievoll gestalten.

Der prozessorientierte Ansatz für den Ausbau der kreativen Rezipientenrolle beabsichtigt einen individuellen und kreativen Sinnbildungsprozess in der Auseinandersetzung mit literarischen Texten. „Die Verfahren streben an, sowohl das, was potentiell in der Literatur liegt, als auch das, was potenziell im Leser liegt, zu verstärken“ (ebd., S.244). Der Lehrer kann den Schülern auch ein Märchen oder ein Gedicht anbieten, mit der Aufgabenstellung, einen Text in gleicher Form oder mit ähnlichen sprachlichen Konstruktionen zu gestalten.

Alle diese Arbeitsverfahren erwarten von Schülern ein mehrfaches und detailliertes Lesen des Originaltextes und die Auseinandersetzung mit fremdsprachigen Konstruktionen.

Für den Ausbau der kreativen Rezipientenrolle werden den Schülern die Aktivitäten vor, während oder nach der Lektüre angeboten, die in der Sprachdidaktik auch pre-reading, reading und post-reading- Verfahren genannt werden.

Bei dem Verfahren zur kreativen Vorarbeit (pre-reading activities) empfiehlt sich die Arbeit mit Titel oder Überschrift, mit zum Text passenden visuellen Medien (Bilder, Fotos, Illustrationen, Collagen etc.), mit Wortfeld oder Schlüsselwörtern.

Bei dem Verfahren zur ersten Textbegegnung (reading activities) empfiehlt sich die Arbeit mit Textabschnitten, Textlücken, Textinszenierung sowie die Vorstellung eines ersten Leseeindrucks in Form von Dokumentation, Protokoll, Diskussion oder graphischer Struktur.

Durch Verfahren zur kreativen Aneignung und Verarbeitung (post-reading activities) sollen die Schüler „Gelegenheit erhalten, den durchlaufenen Erkenntnisweg nachzuvollziehen und sich ‚vorläufig abschließend‘ über den Text zu äußern“ (Caspari, 1995, S.245). Der Lehrer kann den Schülern anbieten, einen Titel zu dem bereits gelesenen Text zu finden oder den Text in einer anderen Form (Letter, Protokoll, Gedicht etc.) umschreiben. Empfehlenswert sind solche Verfahren, wie den Text aus der Perspektive einer anderen Person wiederzugeben, den Text in einem anderen Medium (Bild, Collage) zu gestalten, einen eigenen Text zum gleichen Thema zu verfassen u. ä.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Literarische Texte im Französischunterricht
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V276458
ISBN (eBook)
9783656694892
ISBN (Buch)
9783656699873
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leseorientierte Ansätze, Kreativer Umgang, Leseförderung, ästhetisches Lesen
Arbeit zitieren
Lena Schmidtmann (Autor), 2014, Literarische Texte im Französischunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276458

Kommentare

  • Gast am 6.10.2016

    Sehr gute Thesen. Klar definiert und dargestellt. Gute Beispiele für die Textarbeit im Französischunterricht

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Titel: Literarische Texte im Französischunterricht



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