Persönliche Positionen zu bestimmten politischen Debatten einnehmen zu können, sollte fraglos zu den Fähigkeiten eines politisch mündigen Bürgers unserer Gesellschaft gehören, denn nur so kann er Stellung beziehen, politische Maßnahmen befürworten oder kritisieren.
Da es das erklärte Ziel sozialwissenschaflichen Unterrichts ist, die Schülerinnen und Schüler zu eben solchen politisch fähigen Gliedern unserer Gesellschaft zu erziehen und ihnen so vollständige Teilhabe innerhalb dieser zu ermöglichen, ist es für den Politiklehrer immanent wichtig, genau zu beachten, was notwendig ist, um die Kompetenz politisch-moralischer Urteilsbildung bei Schülerinnen und Schülern anspruchsvoll auszubilden. Dabei spielen neben den methodischen und didaktischen Fragen auch entwicklungspsychologische Aspekte eine bedeutende Rolle.
Es soll nun erläutert werden, wie das Verhalten des Lehrers im Politikunterricht sowie seine Unterrichtsgestaltung dem Anspruch gerecht werden können, die Schülerinnen und Schüler zu mündigen und kritischen Individuen zu erziehen, ohne ihnen bestimmte Meinungen eintrichtern zu wollen.
Denn eine Erziehung zu unreflektierten und unhinterfragten Werten und Ansichten widerspricht dem emanzipatorischen Auftrag politischer Bildung, sodass es im Interesse aller Politiklehrer sein sollte, Kenntnisse darüber zu haben, wie eine reflektierte politisch-moralische Urteilsbildung seitens der Schülerinnen und Schüler entstehen kann. Denn eine Erziehung zu vorgegebenen Werten erhöht nur die Bereitschaft der SchülerInnen , sich mit mächtigen und abgesicherten Institutionen zu identifizieren.
Schließlich werden noch einige Beispiele aus der Unterrichtspraxis vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
I) Einleitung
II) Hauptteil
A: Theoretische Überlegungen
B: Praktische Impulse
III) Schluss/Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welche Kompetenzen und Vorgehensweisen ein Politiklehrer berücksichtigen muss, um Schülern die Fähigkeit zur politisch-moralischen Urteilsbildung zu vermitteln und sie dabei zu mündigen, kritischen Individuen zu erziehen.
- Entwicklungspsychologische Aspekte der moralischen Urteilsbildung
- Einflussfaktoren und Variablenmodelle der Urteilsfindung
- Bedeutung des Überwältigungsverbots im Unterricht
- Didaktische Umsetzung durch Fallbeispiele und Planspiele
- Förderung rationaler Argumentationsfähigkeit
Auszug aus dem Buch
A: Theoretische Überlegungen
Moralische Urteile, die von Schülerinnen und Schülern getroffen werden, haben eine unterschiedliche Struktur, die man unter qualitativen Aspekten systematisieren kann. Als hilfreich beim Verstehen und Reflektieren solcher Urteilsbildungen erweist sich das entwicklungspsychologische Stufen-Modell von Lawrence Kohlberg, welches für den Einsatz zur Klärung der sozialen Reichweite von Argumenten für den Unterricht weiterentwickelt worden ist. Es dient entweder dem Lehrer bei der Planung und Durchführung der Analyse oder es wird den Schülern bekannt gemacht, damit diese es selbst als Instrument nutzen können.
Kohlbergs Stufen-Modell lässt sich in drei Stadien mit jeweils zwei Stufen gliedern:
Im präkonventionellen Stadium (Stadium I) beruht die moralische Wertung auf äußeren, quasi-physischen Geschehnissen, schlechten Handlungen oder auf quasi-physischen Bedürfnissen statt auf Personen und Normen.
Im konventionellen Stadium (Stadium II) beruht die moralische Wertung auf der Übernahme guter und richtiger Rollen, der Einhaltung der konventionellen Ordnung und den Erwartungen anderer.
Im postkonventionellen Stadium (Stadium III) beruht die moralische Wertung auf Konformität des Ich mit gemeinsamen (oder potenziell gemeinsamen) Normen, Rechten oder Pflichten.
Das Ergiebige an diesem Konzept besteht darin, dass die Urteilsformen situations- und bereichsunabhängig gedacht sind, keine Verhaltensregeln enthalten, sondern Begründungen von Verhalten auf ihre Struktur zurückführen. Allerdings muss man hinsichtlich der Anwendung auf den politischen Unterricht berücksichtigen, dass die Beispiele (sog. Dilemmata), an denen Kohlberg das moralische Urteil erproben lässt, nur einfache Entscheidungssituationen mit zwei Alternativen sind, die keinen Ausweg bieten, da beide eine Verletzung von Normen verlangen und sich somit nicht mit dem höheren Grad an Komplexität und Unbestimmtheit politischer Entscheidungssituationen vergleichen lassen. Es muss daher geklärt werden, in welcher Beziehung das moralische Urteil zu politischem Denken steht.
Zusammenfassung der Kapitel
I) Einleitung: Die Einleitung erläutert den Anspruch, Schüler zu politisch mündigen Bürgern zu erziehen und betont die Notwendigkeit, entwicklungspsychologische und didaktische Aspekte der Urteilsbildung zu beachten.
II) Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, wie das Stufen-Modell von Kohlberg, und praktische Ansätze zur Förderung der Urteilskompetenz durch Unterrichtsbeispiele.
III) Schluss/Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Lehrkraft durch Fachwissen, Reflexion und die Einbindung in einen demokratischen Rahmen die eigenständige Urteilsfähigkeit der Schüler fördern muss.
Schlüsselwörter
Politische Bildung, Urteilsbildung, Urteilskompetenz, Politiklehrer, Unterrichtsgestaltung, Lawrence Kohlberg, Mündigkeit, Überwältigungsverbot, Politische Didaktik, Planspiel, Politische Moral, Werturteile, Sachurteile, Diskursfähigkeit, Politische Sozialisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der didaktischen Herausforderung für Politiklehrer, Schülern die Fähigkeit zu einer reflektierten, politisch-moralischen Urteilsbildung zu vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die entwicklungspsychologische Einordnung moralischer Urteile, die didaktischen Anforderungen an den Politikunterricht und die Umsetzung in die Schulpraxis.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Lehrer ihre Schüler zu mündigen und kritischen Individuen erziehen können, ohne ihnen dabei eigene Meinungen zu indoktrinieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse didaktischer Konzepte und der Auswertung fachwissenschaftlicher Literatur zum Thema politische Urteilsbildung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Überlegungen, insbesondere das Stufen-Modell von Kohlberg und ein Variablenmodell der Urteilsbildung, sowie praktische Unterrichtsbeispiele dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Politische Bildung, Urteilskompetenz, Mündigkeit und didaktische Unterrichtsgestaltung charakterisiert.
Inwiefern spielt das Konzept der "Mündigkeit" eine Rolle?
Mündigkeit wird als das angestrebte Ziel definiert, bei dem Schüler befähigt werden, zwischen ihrem Eigeninteresse und den Perspektiven anderer abzuwägen und eigenständig zu urteilen.
Welchen Zweck erfüllt der Einsatz des Planspiels POL&IS?
Das Planspiel dient als simulative Methode, um politische Realität unter Komplexitätsreduktion erlebbar zu machen und Schüler zur Perspektivübernahme und rationalen Urteilsbildung anzuregen.
Was besagt das Überwältigungsverbot?
Es verbietet Lehrern, Schülern fertige Urteile vorzugeben oder Urteilskriterien so zu instrumentalisieren, dass ein Ergebnis vorweggenommen wird.
Warum sind Dilemmata nach Kohlberg für den Politikunterricht nur bedingt geeignet?
Da sie meist einfache Alternativen ohne echten Ausweg bieten, mangelt es ihnen an der für politische Entscheidungen typischen Komplexität und Unbestimmtheit.
- Quote paper
- Andreas Wollenweber (Author), 2012, Was ein Lehrer beim Vermitteln der Fähigkeit zur politisch-moralischen Urteilsbildung berücksichtigen muss, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276584