A. und B. sind Geschwister, deren Eltern in Trennung leben. Aufgrund der psychischen Krankheit der Mutter und den damit verbundenen längeren Klinikaufenthalten leben die Kinder bei ihrem Vater. Eines Tages malte A. eine große schwarze Schnecke, dieses Bild sollte ein Geschenk für ihre Mutter werden. Von ihrem Bruder erhielt ich eine Zeichnung, auf der seine "zerrüttete" Familie dargestellt worden war. Sich selbst malte er in der Mitte des Bildes als überdimensional breit und kommentierte diese Selbstdarstellung mit den Worten " B. ist ganz dick".
Die Bilder der beiden Kinder regten mich zum Nachdenken an: wollte B. mir durch seine Zeichnung eine Botschaft zukommen lassen, mir einen Ausschnitt über sein Leben, über seine Gefühle, über seine seelische Verfassung mitteilen? Was möchte A. ihrer Mutter mitteilen, indem sie ein solches Bild für sie malt? In meiner langjährigen beruflichen Tätigkeit habe ich schon oft erlebt, wie sich Kinder über eine sehr lange Zeit mit dem Anfertigen einer einzelnen Zeichnung beschäftigten, und dann entweder ganz schüchtern, unsicher oder aber mit einem strahlenden Lächeln dieses Bild einem Erwachsenen schenkten. Benutzen die Kinder ihre Zeichnungen als ein Kommunikationsmittel, möchten sie uns Erwachsenen etwas mitteilen, uns an ihrem Leben und ihren Gefühlen teilhaben lassen? Geben uns die Kinder durch das Verschenken ihrer Zeichnungen einen Wunsch, Appell die Bedeutung dessen zu verstehen, vielleicht ihnen sogar zu helfen? Betrachtet ein Erwachsener das Bild des Kindes sieht er in erster Linie das, was darauf dargestellt wird: Tiere, Wetterdarstellungen etc. Der zweite Sinn des Bildes scheint viel tiefer zu sein. Durch diese Arbeit möchte ich mich mit diesem Kommunikationsmedium der Kinder auseinander setzen und neue Erkenntnisse für meine pädagogische und heilpädagogische Praxis gewinnen.
Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit den Metaphern in Kinderzeichnungen. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Bedeutung der Kinderzeichnung als Kommunikationsmittel, im zweiten Teil wird der Begriff Metapher als Phänomen der Bildkommunikation definiert, dabei wird die Unterscheidung zwischen sprachlichen und visuellen Metaphern sowie zwischen symptomatischen und kommunikativen Merkmalen von Bildmetaphern vorgenommen. Anschließend wird die Bedeutung von Kinderzeichnungen für die heilpädagogische Praxis mit einigen Beispielen für die Praxis ausgearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kinderzeichnung als Kommunikationsmittel
3. Bildkommunikation durch Metapher
3.1. Metaphorische Größendarstellung
3.2. Metaphorischer Ort (rechts/links, Nähe/Distanz)
4. Bedeutung der Kinderzeichnung für die heilpädagogische Praxis
4.1 Therapieformen und Testverfahren
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Kinderzeichnungen als zentrales Kommunikationsmittel und die darin enthaltenen Metaphern, um Erkenntnisse für die pädagogische und heilpädagogische Praxis zu gewinnen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie durch die Analyse von Bildmetaphern Einblicke in die seelische Verfassung und die Lebenswelt von Kindern ermöglicht werden können.
- Kommunikationsfunktion von Kinderzeichnungen
- Theorie der bildhaften Kommunikation und Metaphern
- Metaphorische Gestaltungselemente (Größe, Ort, Nähe/Distanz)
- Anwendung in heilpädagogischen Therapieformen und Testverfahren
- Herausforderungen und Gefahren bei der Interpretation
Auszug aus dem Buch
3. Bildkommunikation durch Metapher
Das Wort Metapher stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Übertragung“, „metaphére“ heißt übersetzt „anderswohin tragen“. Unter Metapher ist ein bildlicher Ausdruck gemeint, der durch Bezeichnungsübertragung zwischen ähnlichen Gegenständen oder Erscheinungen hervorgerufen wird (vgl. Brockhaus, S.243). Es besteht also kein direkter Vergleich beider gemeinter Objekte oder Personen, sondern eine Übertragung in einen neuen Bedeutungszusammenhang. Metaphern sind in unterschiedlichen Bereichen des Lebens zu finden und dienen den verschiedenen Formen der Kommunikation: der sprachlichen Kommunikation als Sprachmetapher und der bildhaften Kommunikation der visuellen Metapher (vgl. Schuster, 2000, S.137). So könnte zum Beispiel ein Vergleich mit einer Fliege auf der sprachlichen Ebene der Sprachmetapher jemanden als lästig oder störend bezeichnen, aber auch als visuelle Metapher könnte sie jemanden als unsauber darstellen (aufgrund der Übertragung von Krankheiten).
In seinen Bildern kommuniziert das Kind auf einer non-verbalen visuellen Ebene, mit Hilfe von einer Kombination aus sprachlicher und visueller Metapher, abstrakte Themen werden in der Zeichnung symbolisiert (durch Bildelemente dargestellt), so werden beispielsweise unwichtige Objekte oder Personen klein, wichtige oder mächtige dagegen sehr groß dargestellt oder besondere Stimmungen durch Farben betont (vgl. Schuster, 2000, S.138). So drückt das Kind beispielsweise seine gegenwärtige Stimmung durch ein Gewitter oder Sonnenschein aus. Metaphern in Kinderzeichnungen sind also eine Form der symbolischen Sprache, die kindliche Gefühle oder Gedanken auf eine indirekte Art vermitteln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung schildert anhand von Beobachtungen aus der Praxis das Potenzial von Kinderzeichnungen als Ausdrucksform innerer Zustände und definiert das Ziel der Arbeit, diese Bildsprache für die pädagogische Praxis besser zu verstehen.
2. Kinderzeichnung als Kommunikationsmittel: Dieses Kapitel verdeutlicht, dass das Zeichnen neben der Sprache ein wesentliches Instrument für Kinder darstellt, um sich mitzuteilen und belastende Erlebnisse non-verbal auszudrücken.
3. Bildkommunikation durch Metapher: Hier werden Grundlagen der Metapherndefinition gelegt und die Unterscheidung zwischen sprachlichen und visuellen Metaphern sowie die Bedeutung von Größe und Ort innerhalb der Zeichnung erläutert.
4. Bedeutung der Kinderzeichnung für die heilpädagogische Praxis: Das Kapitel befasst sich mit der Anwendung projektiver Testverfahren und heilpädagogischer Methoden, um die Persönlichkeitsstruktur und aktuelle Problemlagen von Kindern zu erfassen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Komplexität der Interpretation zusammen und weist auf die Notwendigkeit hin, kulturelle Kontexte sowie die individuelle Lebenssituation des Kindes bei der Analyse einzubeziehen.
Schlüsselwörter
Kinderzeichnung, Kommunikationsmittel, Bildmetapher, Heilpädagogik, non-verbale Kommunikation, Projektive Verfahren, Familienbilder, Pädagogik, Bildsprache, Metaphorik, Kindliche Entwicklung, Ausdrucksform, Therapeutische Praxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Kinderzeichnungen als ein Medium, mit dem Kinder ihre Gefühle, Sorgen und Erlebnisse mitteilen, wenn ihnen die sprachliche Ausdrucksfähigkeit fehlt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Kommunikationsfunktion von Zeichnungen, die Bedeutung von Metaphern im Bild und der praktische Einsatz dieser Erkenntnisse in heilpädagogischen Verfahren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die Bildsprache der Kinder zu entwickeln, um pädagogische Fachkräfte bei der Interpretation zu unterstützen und Fehlinterpretationen zu vermeiden.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Aufarbeitung der Fachliteratur sowie Praxisbeispiele, um die Bedeutung von Metaphorik und projektiven Testverfahren zu erläutern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie Kinder durch Metaphern – etwa durch die Größendarstellung oder die Platzierung von Figuren – ihre Umwelt und ihre innere Befindlichkeit symbolisch darstellen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kinderzeichnung, Bildmetapher, Heilpädagogik, Kommunikation, Projektion und Kindliche Entwicklung.
Warum ist bei der Interpretation von Kinderzeichnungen Vorsicht geboten?
Die Autorin warnt vor vorschnellen Schlüssen, da kulturelle Hintergründe, die individuelle Lebenssituation und die allgemeine Zeichenentwicklung des Kindes die Ergebnisse stark beeinflussen können.
Welche Rolle spielen "Familie in Tieren" und "Märchenmalen"?
Dies sind beispielhafte Testverfahren und Methoden, die in der Heilpädagogik genutzt werden, um über die Symbolik (Tiere oder Märchenfiguren) Zugang zu den emotionalen Bindungen und Problemen des Kindes zu finden.
- Quote paper
- Tanja Benner (Author), 2014, Die Zeichnung als Kommunikationsmittel des Kindes. Ihre Bedeutung für die heilpädagogische Praxis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276607