Charta von Athen. Die Entwicklung der Stadtplanung im 20. Jahrhundert


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2007
3 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Die Städte des 19. Jahrhunderts bildeten ein Chaos. Städtebauer und Architekten erkannten, dass sich daran etwas ändern musste.

Die Städte des 19. Jahrhunderts waren geprägt von einer hohen Baudichte, Mietskasernen und wenigen Freiflächen. Um die Jahrhundertwende herrschte eine Aufbruchsatmosphäre.

Man wollte die Stadtentwicklung völlig neu planen und systematisch mit dem Ziel der Auflockerung und Dezentralisierung angehen. Städtebauer und Architekten kritisierten die sozialen Missstände und die Anonymität des Großstadtmenschen. Die Wohnbedingungen sollten sich verbessern und eine Gliederung in Nutzungszonen sollte vorgenommen werden. Man forderte eine Abkehr vom Städtebau des 19. Jahrhunderts. (vgl. Albers 1988)

Die Idee der Gartenstadt von Ebenezer Howard, sowie die Gründung des Bauhauses zu Beginn des 20. Jahrhunderts, inspirierten Architekten und Städtebauer.

1928 lud LeCorbusier Architekten aus fast allen Ländern Europas zum Congrès Internationaux d’Architecture Moderne ein. Dieser Kongress fand bis 1956 zehn Mal mit stetig wechselnden Themen in unterschiedlichen europäischen Städten statt. Die Aufgabe der Architekten war es anhand der Analysen von 33 verschiedenen Städten in der ganzen Welt eine Grundlage für den Städtebau und das moderne Bauen zu erarbeiten. (vgl. Hotzan 1994: 59)

1933 trafen sich die Mitglieder zum 4. Kongress in Athen, um über das Thema des funktionalen Städtebaus zu diskutieren. Die Ergebnisse des Kongresses wurden neun Jahre später von LeCorbusier in der „Charta von Athen“ in 95 Thesen veröffentlicht. (vgl. Meyer 2003: 37)

Der Hauptgedanke, basierend auf den Thesen 77 bis 79 der Charta von Athen, ist die Funktionstrennung. Die Stadt besteht aus vier Funktionen: Wohnen, Arbeit, Freizeit und Verkehr. Die Stadt sollte in Bereiche mit jeweils nur einer Funktion gegliedert werden. Durch die entstehenden längeren Wege, profitierte das aufstrebende Auto, mit dem man leicht die weiten Distanzen zurücklegen konnte. Diese Neuerung erforderte ein leistungsfähigeres Verkehrsnetz, das sowohl für Autos, als auch für Fußgänger sicher war. (vgl. Meyer 2003: 54)

Ein weiterer Gedanke der Charta von Athen war die Auflösung der Stadtgrenzen. Stadt und Landschaft sollten, im Gegensatz zu den Funktionen der Stadt, miteinander verbunden sein, d.h. mehr Grünflächen in den Städten (vgl. Meyer 2003: 38). Die Wohnung rückte in den Fokus der Kongressmitglieder. Die Forderung nach „Licht, Luft und Sonne“ im Hinblick auf die dunklen Hinterhöfe (vgl. Meyer 2003: 46) hatte die Isolierung der Gebäude zur Folge. Die Gebäude sollten genügend Abstand zueinander haben, von Grün umgeben und zur Sonne ausgerichtet sein. Die Distanz zwischen Wohnung und Arbeitsplatz sollte minimal sein, was aber der Funktionstrennung widersprach.

Bis heute lassen sich Auswirkungen der Charta von Athen erkennen. Der neue Grundriss des Einfamilienhauses ist bis heute mit seiner eigenen Küche, Bad, Balkon und Kinderzimmern bekannt. Große Fenster, Helligkeit und ein eigener Garten sind heute Normalität. (vgl. Meyer 2003: 48)

Weitere Auswirkungen sind, dass man heute kein Wohngebiet inmitten einer Industrielandschaft baut. Es wird darauf geachtet, dass Wohngebiete mit der umliegenden Natur verbunden sind.

Eine funktionale Trennung existiert heute zwar nicht so streng, wie in der Charta von Athen vorgesehen, aber es gibt reine Wohngebiete, reine Industriegebiete und in den Innenstädten findet man den Einzelhandel und die meisten Verwaltungen. Eine negative Auswirkung dieser Trennung ist die Verödung der Innenstädte in den 1980er Jahren.

Mit einem Blick in die Baunutzungsverordnung stellt man fest, dass die Charta von Athen die Planungsrechte bis heute beeinflusst hat. §3 BauNVO, Abs. 1 besagt, dass „Reine Wohngebiete (...) dem Wohnen [dienen]“ und §9 BauNVO, Abs.1, der die Industriegebiete nur für Gewerbebetriebe vorsieht. Hier kommt die Funktionstrennung zum Ausdruck.

Ein weiteres Beispiel ist §50 des Bundes-Immissionsschutzgesetz, der Wohngebiete vor belastenden Industrieabgasen und –dämpfen schützen soll. Die Luftverschmutzung der Städte durch die Industrie wurde für LeCorbusier und seine Kollegen ein Grund für die Trennung von Industrie und Wohnen.

Kritik an der Charta von Athen ist, dass der Begriff „Funktion“ nicht eindeutig definiert wurde und dass man die Stadt nicht einfach in vier Funktionen teilen kann. (vgl. Hotzan 1994: 59). Ein reines Wohngebiet ohne Läden oder Schule erfordert große Mobilität, die Senioren oder Kinder nicht erbringen können. Dies macht öffentliche Verkehrsmittel erforderlich (vgl. Meyer 2003: 53).

Des Weiteren wurde auch die optimale Form des Straßennetzes und des Wohnens nicht eindeutig festgelegt. (vgl. Meyer 2003: 44, 46) Man erreichte das Ziel der autogerechten Stadt nicht und verursachte durch die langen Wege zwischen den Funktionen immer mehr Staus und fehlende Parkplätze (Meyer 2003: 55). Mit der Trennung der Funktionen wurde auch ein Teil der Stadtgeschichte aufgegeben.

Ein Gegenkonzept zur Charta von Athen ist sicherlich die Neuvermischung der Funktionen. So z.B. in der Südstadt von Tübingen, wo Mischnutzungen das Bild neu prägen. Läden im Erdgeschoss von Wohnhäusern, die gleich nebenan eine Werkstatt haben. In Potsdam wurde das Kirchsteigfeld so angelegt, dass es alle Funktionen vereint.

Städte entwickeln sich weiter. Die Charta von Athen hat zu dieser Entwicklung einen großen Teil beigetragen. Die Stadtentwicklung ist weiter fortgeschritten. Heutige Stadtplaner sehen z.B. hygienische und gesundheitliche Probleme, die es früher gab, als gelöst. Man beschäftigt sich heute mit anderen Themenfeldern, vor allem mit der Nachhaltigkeit der Städte. Dies geht aus der 2007 verabschiedeten Leipzig Charta hervor, in der sich die EU-Minister verpflichtet haben die Stadtentwicklungen mit dem Ziel der Nachhaltigkeit zu fördern.

Literaturverzeichnis

Albers, Gerd: Stadtplanung. Darmstadt, 1988. S. 37 – 40

Hotzan, Jürgen: dtv – Atlas zur Stadt. München, 1994. S. 59

Meyer, Johannes: Städtebau. Stuttgart, 2003. S. 36 - 58

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Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Charta von Athen. Die Entwicklung der Stadtplanung im 20. Jahrhundert
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Veranstaltung
Entwicklungslinien
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
3
Katalognummer
V276610
ISBN (eBook)
9783656700586
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
charta, athen, entwicklung, stadtplanung, jahrhundert
Arbeit zitieren
Master of Arts Tina Schreiber (Autor), 2007, Charta von Athen. Die Entwicklung der Stadtplanung im 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276610

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