Der Begriff der Notwendigkeit in den Werken Niccolò Machiavellis


Hausarbeit, 2003
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Bedeutung des Begriff „necessità“
1.1 „Necessità“ und die Gewalt sowie der Differenzierung von „gut / böse“
1.2 „Necessità“ und das Heerwesen
1.3 „Necessità“ und das Staatswesen
1.4 „Necessità“ und der Herrscher

2. Bedeutung der Begriffe „fortuna“, „virtù“ und „occasione“
2.1 „Fortuna“
2.2 „Occasione“
2.3 „Virtù“

3. Bezug von „necessità“, „fortuna“, „virtù“ und „occasione“ zueinander
3.1 „Fortuna“ - „occasione“ - „virtù“
3.2 „Necessità“ - „fortuna“ - „virtù“

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Niccolò Machiavelli, geboren am 3. Mai 1469 in Florenz und am 22. Juni 1527 ebenfalls dort gestorben, gehört zu den interessantesten Persönlichkeiten der Renaissance. Jedoch erlangten seine Werke „Il Principe“ und „Discorsi“ ihren Bekannt-heitsgrad erst lange nach seinem Tod.

Häufig verwendet Machiavelli die Begriffe „necessità“, „fortuna“ und „virtù“ in seinen Schriften. Es wird deutlich, dass Machiavelli die „necessità“ bereits in der Studie der Geschichte erkennt, beschreibt und in seinen Werken verarbeitet.

Machiavelli misst der „necessità“ sowohl im „Il Principe“ als auch im „Discorsi“ eine große Bedeutung bei. Er bringt sie in verschiedenen Zusammenhänge und nutzt sie zur Beschreibung und Beurteilung diverser Situationen, wie beispielsweise der Kriegs-führung, der Ausübung von Gewalt und Grausamkeiten.

In meiner Hausarbeit werde ich insbesondere auf die „necessità“ und die Intention mit der Machiavelli sie verwendet eingehen. Auch beleuchte ich das Verhältnis der „necessità“ zur „fortuna“ und „virtù“ und die Wechselwirkungen die zwischen ihnen bestehen.

Es bleibt nachzuvollziehen, ob Machiavelli ein einheitliches Meinungsbild in Bezug auf die „necessità“ vertritt. Oder passt er ihre Bedeutung den jeweiligen Situationen an? Widerspricht er sich möglicherweise?

Auch stellt sich die Frage, in wie weit Machiavelli der „necessità“ im „Il Principe“ den gleichen Stellenwert zuspricht wie im „Discorsi“. Im „Il Principe“ beschreibt Machiavelli den idealen Fürsten.[1] Dagegen betrachtet er im „Discorsi“ verschiedene Staaten, ins-besondere die Römische Republik und ihre Politik. Er erklärt eine Republik im Vergleich zu einem Fürstentum für die bessere Staatsform für Florenz.

„Dies ist auch der Grund, warum eine Republik eine längere Lebensdauer und länger Glück hat als eine Alleinherrschaft. Die Republik kann sich bei der verschiedenen Veranlagung ihrer Bürger besser den verschiedenen Zeitverhältnissen anpassen als ein Alleinherrscher.“[2]

Verwendet Machiavelli die „necessità“ in beiden Werken mit der gleichen Intention ohne zwischen der eines Fürstentums und einer Republik zu unterscheiden?

1. Bedeutung des Begriffs „necessità“

Die Übersetzung von „necessità“ aus dem Italienischen lautet Notwendigkeit.[3]

Eine Notwendigkeit steht in Zusammenhang mit Gesetzlichkeiten, das heisst, ein Sach-verhalt wird notwendig wenn er sein muss.[4]

In Machiavellis geschichtlicher Betrachtung stellt die „necessità“ eine Form der Kaussallogik der Ereignisse[5] dar. Durch das intensive Studium der Geschichte hat Machiavelli ein System der „necessità“ erkannt und überträgt es auf die Gegenwart.

Machiavelli beruft sich sowohl im „Il Principe“ als auch im „Discorsi“ häufig auf die Geschichte, die er ausführlich studiert hat und bringt Beispiele an. Er erkennt eine Struktur in Abläufen und somit auch der Notwendigkeiten der vergangenen Ereig-nisse.[6] Somit ist es dem Herrscher möglich, Veränderungen in der politischen Ent-wicklung frühzeitig zu erkennen, da er die Parallelen zu Vergangenem ziehen kann.[7] Notwendigkeiten in der Geschichte und bekannte Persönlichkeiten stützen die Ausführungen seiner Werke. Das Römische Reich ist für Machiavelli ein häufig genutzter Vergleich.

Machiavelli sieht eine Notwendigkeit als die Maßnahme an, die es zu treffen gälte, um eine bestehende oder drohende Not abzuwenden. Die „necessità“ stelle somit den Zwang der äußeren Umstände dar. Zu Beginn des Kapitels 15 des „Il Principe“ spricht Machiavelli sogar von dem Gebot der Notwendigkeit, also einer Weisung der zu folgen sei.

Im „Discorsi“ erklärt Machiavelli sogar direkt, welche Bedeutung die „necessità“ habe. Sie sei ein unabänderliches Element, das zu Handlungen nötigt, die unter anderen Um-ständen nicht getätigt werden würden. Der Herrscher obliege einem Handlungszwang, so er die „necessità“ erkannt habe.

„Da aber alle menschlichen Dinge in Bewegung sind und nicht feststehen können, müssen sie steigen oder fallen; und zu vielem zwingt die Not, wozu die Vernunft nicht rät.“[8]

„Er schämte sich nicht, einen Beschluß zu fassen, der seinem gewöhnlichen Verhalten und etwaigen früheren Beschlüssen widersprach, wenn es die Not von ihm verlangte.“[9]

Durch die Herausforderung, die die „necessità“ für nicht nur für die Herrscher sondern für alle Menschen bedeutet, sind nach Meinung Machiavellis bereits viele ruhmreiche Taten verübt worden. Wenn die Menschen nicht zu ihren Handlungen gezwungen würden, hätten sie diesen Ruhm nie erlangt.

„Ich habe schon an anderer Stelle gesagt, wie nützlich für alle menschlichen Handlungen der Zwang der Not ist und zu welchem Ruhm er schon geführt hat.“[10]

An dieser Stelle versuche ich die unterschiedlichen Sektoren, in denen die „necessità“ erscheint und wirkt, einzuteilen.

1.1 „Necessità“ und die Gewalt sowie der Differenzierung von „gut / böse“

Ebenso wie im „Il Principe“ geht Machiavelli im „Discorsi“ auf Formen der Gewalt ein und grenzt die Handlungen der Menschen zwischen gut und böse ab.

„Will man dagegen, daß die Strafe für böse Taten gefürchtet wird, so ist es notwendig, auch die guten Taten zu belohnen, wie es Rom getan hat.“[11]

Machiavelli macht einen Unterschied zwischen der Form der Anwendung von Gewalt beziehungsweise Grausamkeiten durch den Fürsten. Außerdem erläutert er, was in diesem Zusammenhang sein Verständnis von guten und schlechten Grausamkeiten ist. Zunächst stellt er jedoch fest, dass unabhängig der eigentlichen Intention Grausamkeiten grundsätzlich schlecht sind. Der Maßstab für die Grausamkeiten ist folglich die „necessità“. Grausamkeiten - wenn sie denn nötig sind - sollen gut ange-wendet werden. Im unten genannten Zitat beruft sich Machiavelli auf durch Verbrechen erworbene Fürstenherrschaften. Um das Ziel der Machterhaltung zu sichern, sollten die Fürsten die Durchführung von Grausamkeiten nicht strecken, sondern sie zeitlich ein-grenzen und auf einmal begehen. Im Anschluss daran wäre es sinnvoll, den Menschen anstelle der Grausamkeiten Wohltaten zukommen zu lassen.

„Ich meine, dies ist davon abhängig, ob Grausamkeiten gut oder schlecht angewandt werden. Gut angewandt kann man solche nennen - wenn es erlaubt ist, vom Schlechten etwas Gutes zu sagen -, die man auf einen Schlag ausführt aufgrund der Notwendigkeit, sich zu sichern, und bei denen man dann nicht verharrt, sondern sie - soweit wie möglich - in Wohltaten für die Untertanen verwandelt; schlecht angewandt sind solche, die zwar anfangs von geringer Zahl sind, mit der Zeit jedoch zunehmen statt zu schwinden. (...) Daher muß man alle Gewalttaten auf einmal begehen, damit sie weniger fühlbar werden und dadurch weniger verletzen; Wohltaten hingegen muß man nach und nach erweisen, damit sie besser wahrgenommen werden.“[12]

Bezogen auf die ererbte Fürstenherrschaft erklärt Machiavelli, dass sich der Fürst größerer Beliebtheit erfreut, der weniger Gewalt anwendet.

„Da es nämlich für den angestammten Fürsten weniger Gründe und geringere Notwendigkeit gibt, Gewalt anzuwenden, genießt er größere Beliebtheit; und wenn er sich nicht durch außergewöhnliche Laster verhaßt macht, ist es einsichtig, daß seine Untertanen ihm auf natürliche Weise zugeneigt sind.“[13]

Machiavelli rät davon ab, ungesetzliche Mittel zur Durchsetzung der Verfassung in der Republik Florenz zu nutzen.

„In einem Freistaat sollte nie etwas vorkommen, das die Anwendung ungesetzlicher Mittel nötig macht; denn wenn auch das ungesetzliche Mittel für den Augenblick vorteilhaft ist, so schadet doch das Beispiel.“[14]

1.2 „Necessità“ und das Heerwesen

Eine wichtige Rolle spielt für Machiavelli ein gutes Heer. Er gibt auch - insbesondere im „Discorsi“ - viele taktische Hinweise, die für das Führen eines Heeres bedeutsam sind.

Zunächst legt er den Herrschern nahe, sich ein gutes Heer mit treuen, fähigen Soldaten aufzubauen und zwar unabhängig davon, ob es sich um Herrscher einer Monarchie oder Republik handele.

„Da nun diese Liebe und dieser Kampfgeist nur bei den eigenen Untertanen entstehen kann, so ist es für den, der an der Macht bleiben und einen Freistaat oder einen Thron erhalten will, notwendig, sich aus seinen Untertanen eine Armee zu bilden,

wie es alle getan haben, die mit Waffen bedeutende Erfolge erzielt haben.“[15]

„Wenn also Euer erlauchtes Geschlecht dem Beispiel jener Männer folgen will, die ihr Land befreit haben, so ist es vor allem notwendig, als wahre Grundlage für jede Unternehmung ein eigenes Heer zu schaffen; denn man kann keine treueren, wahreren und besseren Soldaten haben.“[16]

Soldaten, die nicht in ihrem eigenen Land kämpfen sondern ein anderes angreifen, seien tapferer, weil sie keinen Handlungsspielraum und keine Alternative zum Kampf haben.

„Außerdem sind die Soldaten des Angreifers dadurch, daß sie im Feindesland stehen, mehr in die Notwendigkeit versetzt, zu kämpfen. Diese Notwendigkeit aber macht tapfer, wie ich bereits öfters schon gesagt habe.“[17]

Machiavelli geht noch weiter und rät, die Soldaten bewusst in eine Zwangslage zu bringen, um ihnen ihre Not deutlich zu machen. Dadurch kämpfen sie besser und wachsen über ihre Fähigkeiten hinaus.

„Die Feldherren des Altertums kannten die Kräfte, die der Not entspringen, wohl und wußten, wie sehr diese in der Schlacht den Mut der Soldaten stählt.“[18]

Anders ausgedrückt gibt Machiavelli diese Ansicht mit den Worten, die Messius an sein Heer in einem aussichtslosen Kampf richtete, wieder.

„An Tapferkeit seid Ihr ihnen gleich; durch die Not, die letzte und stärkste Waffe, seid Ihr überlegen!“[19]

1.3 „Necessità“ und das Staatswesen

Im „Discorsi“ geht Machiavelli darauf ein, dass in Staaten in denen bereits Gleichheit herrscht keine Monarchie eingerichtet werden könne. Im Gegensatz dazu sei es ebenfalls nicht möglich eine Republik zu gründen, wo eine Gleichheit der Bürger fehlt. Wo die Gleichheit fehlt müsse, um zunächst die Ordnung des Staates wiederherstellen zu können, zu diesem Zweck eine Monarchie eingeführt werden. Die bestehenden Gesetze würden nicht ausreichen, die Menschen wieder an ein geordnetes Leben zu gewöhnen. So würde auch die Macht der Herrschenden gebrochen.

„Der Grund ist folgender: Wo das Volk bereits so verderbt ist, daß die Gesetze

nicht hinreichen es im Zaum zu halten, ist es nötig, neben den Gesetzen eine höhere Gewalt einzusetzen, eine mit königlichen Befugnissen, die mit unumschränkter und außerordentlicher Macht den übermäßigen Ehrgeiz und die Verderbtheit der Mächtigen bändigt.“[20]

Wie die Ordnung in einem Fürstentum, also einer Monarchie, wieder hergestellt werden könne, erklärt Machiavelli in Kapitel 6 des „Il Principe“.

„Die Schwierigkeiten, die sie bei der Erwerbung der Fürstenherrschaft haben, entstehen zum Teil durch die neue Ordnung und die neuen Bräuche die sie gezwungen sind einzuführen, um darauf ihren Staat und ihre persönliche Sicherheit zu gründen. Auch muß man bedenken, daß kein Vorhaben schwieriger in der Ausführung, unsicherer hinsichtlich seines Erfolges und gefährlicher bei seiner Verwirklichung ist, als eine neue Ordnung einzuführen; denn wer Neuerungen einführen will, hat alle zu Feinden, die aus der alten Ordnung Nutzen ziehen, und hat nur lasche Verteidiger an all denen, die von der neuen Ordnung Vorteile hätten.“[21]

[...]


[1] Vgl. Fink, Humbert: Machiavelli. Eine Biographie, München 1988, S. 129

[2] Vgl. Machiavelli, Niccolò: Discorsi. Gedanken über Politik und Staatsführung, 2. Auflage, Stuttgart 1977, S. 314 f.

[3] Vgl. Langenscheidts Handwörterbuch, Italienisch Teil 1 Italienisch - Deutsch, 7. Auflage, Berlin u.a. 1977, S. 329

[4] Vgl. Brockhaus: Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Band 16, 20. Auflage, Leipzig 2001, S. 45

[5] Vgl. Münkler, Herfried: Machiavelli, Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz, Frankfurt am Main 1982, S. 334

[6] Ebd., S. 245

[7] Ebd., S. 250

[8] Vgl. Machiavelli, Niccolò: Discorsi, a.a.O., S. 28

[9] Ebd., S. 104

[10] Vgl. Machiavelli, Niccolò: Discorsi, a.a.O., S. 323

[11] Ebd., S. 76

[12] Vgl. Machiavelli, Niccolò: Il Principe / Der Fürst, Stuttgart 1986, S. 73

[13] Ebd., S. 11

[14] Vgl. Machiavelli, Niccolò: Discorsi, a.a.O., S. 96

[15] Ebd., S. 117 f.

[16] Vgl. Machiavelli, Niccolò: Il Principe / Der Fürst, a.a.O., S. 205

[17] Vgl. Machiavelli, Niccolò: Discorsi, a.a.O., S. 199

[18] Ebd., S. 323

[19] Ebd. , S. 326

[20] Vgl. Machiavelli, Niccolò: Discorsi, a.a.O., S. 143

[21] Vgl. Machiavelli, Niccolò: Il Principe / Der Fürst, a.a.O., S. 45

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Notwendigkeit in den Werken Niccolò Machiavellis
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V27686
ISBN (eBook)
9783638296649
ISBN (Buch)
9783638649551
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begriff, Notwendigkeit, Werken, Niccolò, Machiavellis
Arbeit zitieren
Sandra Simon (Autor), 2003, Der Begriff der Notwendigkeit in den Werken Niccolò Machiavellis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27686

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