Betrachtet man die Entwicklung der Wohlfahrtsregime im Osten und Südosten Asiens, so
fällt auf, dass sie ihre heutige Ausprägung zumeist relativ spät erreicht haben, jedenfalls
wenn man sie mit dem „wohlfahrtsstaatlichem Vorreiter“1 Deutschland vergleicht. Die Gründe
hierfür sind vielfältig, für eine erschöpfende Aufzählung ist hier nicht der Raum. Mit dem
negativen Einfluss japanischer und europäischer Kolonisation und sich daran häufig anschließender,
einheimischer autoritärer Herrschaft, dem Vorhandensein tradierter soziokultureller
Wertesysteme und der (von Japan abgesehen) spät einsetzenden Industrialisierung seien
wichtige Gründe für die verzögerte Entwicklung moderner asiatischer Staatlichkeit und damit
auch Wohlfahrt genannt.2 Aus dieser Reihe „wohlfahrtsstaatlicher Spätzünder“ ragt jedoch
ein Land auffällig heraus, passt es doch nicht bruchlos in den Entwicklungsweg der Wohlfahrtsregime
Ost- und Südostasiens: Die Republik der Philippinen. Nur noch Japan, welches
sein Wohlfahrtssystem zwischen den Weltkriegen nach deutschem Vorbild gestaltete,3 kann
im ostasiatischen Raum auf eine längere Tradition staatlicher Versuche eine soziale Grundsicherung
zu implementieren zurückblicken.
Diese wohlfahrtsstaatliche Entwicklung auf den Philippinen soll Thema dieser Arbeit sein.
Wie dem Titel entnommen werden kann, ist der philippinische Wohlfahrtsstaat dabei in zwei
Phasen zu unterteilen: Einer früh einsetzenden Evolutionsphase folgt der Übergang in eine
bis heute andauernde Phase der Stagnation. Dabei stehen verschiedene Fragen im Mittelpunkt,
die an dieser Stelle beantwortet werden sollen: Warum unternahm das Land im Vergleich
zu anderen in der Region relativ früh erste Versuche, Wohlfahrtspolitik zu betreiben?
Was sind die Determinanten gewesen, die den Anstoß hierfür gegeben haben? Welche Entwicklungen
können während der Diktatur des Marcos-Regimes festgehalten werden?
Schließlich: Warum wirkte sich trotz großer sozialer Probleme im Land und dem damit vorhandenen
Bedarf an weiterer wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung, die Demokratisierung nicht
positiv aus, sondern kam es im Gegenteil zum Eintritt in eine stagnative Phase, die immer
noch nicht überwunden ist? [...]
1 Schmid 2002, S. 1099
2 Vgl. Wallraf/Gottwald 1999, S. 345
3 Vgl. Aspalter 2001, S. 18 f.; Wallraf 1999; Anderson 1993
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Theorie des Wohlfahrtsstaates
C. Die Evolution des philippinischen Wohlfahrtsstaates
I. Wohlfahrtspolitische Maßnahmen während der amerikanischen Kolonialzeit
II. Die Entwicklung bis zum Ende der Marcos-Diktatur
D. Die Stagnation seit dem Beginn der Demokratisierung
I. Flagship Program und Widerstandsfähigkeit alter Eliten
II. Exkurs: Die Bedeutung der Arbeitsemigration für die Soziale Sicherung
E. Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die spezifische Entwicklung des Wohlfahrtsstaates auf den Philippinen, der durch eine früh einsetzende Evolutionsphase und eine anschließende, bis heute andauernde Phase der Stagnation geprägt ist. Dabei wird untersucht, welche historisch-politischen Determinanten diesen Prozess beeinflussten und warum der Demokratisierungsprozess nicht zu einer wohlfahrtsstaatlichen Expansion führte.
- Historische Entwicklung des Wohlfahrtsstaates seit der Kolonialzeit
- Einfluss autoritärer Herrschaft und der Marcos-Diktatur auf soziale Sicherungssysteme
- Stagnation wohlfahrtspolitischer Maßnahmen während der Demokratisierung
- Rolle informeller Sicherungsmechanismen und der Arbeitsemigration
- Vergleich der philippinischen Wohlfahrtsentwicklung mit anderen asiatischen Staaten
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der Arbeitsemigration für die Soziale Sicherung
Darauf dass die beschriebenen wohlfahrtspolitischen Maßnahmen auf den Philippinen nur für einen Teil der Bevölkerung ausreichend sind, um ein menschenwürdiges Leben finanzieren zu können, ist verwiesen worden. Angesichts dieser Tatsache kommt dem informellen Teil der sozialen Sicherung um so mehr Bedeutung zu. Maßgebliche Institution dabei ist die Familie, aber auch andere informelle Netzwerke wie die zu Nachbarn oder Freunden haben einige Bedeutung. Auf den Philippinen existiert dabei ein Begriff, den man als zentral für den informellen Teil der sozialen Sicherung begreifen kann: Utang na loob. Übersetzbar in etwa mit Dankschuld oder gegenseitiger Verpflichtung, bewirkt er die Herstellung einer Beziehung zwischen Helfendem und Geholfenem. Dem der heute hilft, muss morgen eventuell selbst geholfen werden. Diese erwartet er dann von jenem, dem er gestern half.
Zentraler Bestandteil der informellen intrafamiliären Hilfe ist die Abwanderung von philippinischen Arbeitskräften in das Ausland, um die zu Hause gebliebenen zu unterstützen. Dies ist von Staatswegen erwünscht und wird durch die Philippine Oversea’s Employment Administration (OEA) gefördert. Allein durch diese Institution waren 1995 circa 2,2 Mio. Filipinos als Arbeitskräfte im Ausland registriert, hinzu sollen noch etwa 1,8 Mio. Illegale kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Einleitung definiert den Untersuchungsgegenstand, erläutert die Besonderheit des philippinischen Falls als „wohlfahrtsstaatlicher Spätzünder“ und skizziert die Gliederung der Arbeit.
B. Theorie des Wohlfahrtsstaates: Dieses Kapitel gibt einen theoretischen Überblick über Wohlfahrtsstaatstypologien, insbesondere den integrativen Ansatz von Esping-Andersen, und ordnet das philippinische System ein.
C. Die Evolution des philippinischen Wohlfahrtsstaates: Das Kapitel beleuchtet den Aufbau des Sozialversicherungssystems unter amerikanischer Kolonialverwaltung und während der Marcos-Ära als Instrument der Herrschaftssicherung.
D. Die Stagnation seit dem Beginn der Demokratisierung: Hier wird analysiert, warum trotz Demokratisierung keine Expansion des Sozialstaates erfolgte und welche Bedeutung die Arbeitsemigration als informelle soziale Sicherung einnimmt.
E. Schlussbetrachtung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Dringlichkeit umfassender Reformen für eine soziale Sicherung aller Bevölkerungsschichten.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsstaat, Philippinen, Sozialpolitik, Demokratisierung, Marcos-Regime, GSIS, SSS, Arbeitsemigration, Utang na loob, soziale Sicherung, Wohlfahrtsregime, Stagnation, Evolution, Kolonialzeit, informelle Netzwerke.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit untersucht die spezifische Entwicklung des Wohlfahrtsstaates auf den Philippinen und identifiziert die Gründe für den Übergang von einer Evolutionsphase in eine lang anhaltende Stagnationsphase.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die historischen Ursprünge der Sozialpolitik in der Kolonialzeit, den Einfluss diktatorischer Herrschaft auf staatliche Sicherungssysteme sowie die Auswirkungen der Demokratisierung auf die aktuelle Wohlfahrtspolitik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Determinanten der wohlfahrtspolitischen Entwicklung auf den Philippinen zu verstehen und zu erklären, warum soziale Probleme nicht zu einem Ausbau des Wohlfahrtsstaates nach der Demokratisierung führten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die auf einer theoretischen Fundierung durch Wohlfahrtsstaatstypologien basiert und historische Prozesse durch Sekundärliteratur und Daten auswertet.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des formalen Sozialversicherungssystems (GSIS und SSS) und analysiert, wie diese als Mittel der Herrschaftssicherung genutzt wurden, bevor die stagnative Phase seit 1986 diskutiert wird.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Kernbegriffe sind Wohlfahrtsstaat, soziale Sicherung, Demokratisierung, Arbeitsemigration sowie das philippinische Konzept der informellen Sicherung "Utang na loob".
Welche Rolle spielt die Familie im philippinischen Wohlfahrtsmodell?
Die Familie fungiert als zentrales, informelles Sicherungsnetz, da der staatliche Wohlfahrtssektor nur begrenzt Leistungen erbringt und viele Bevölkerungsschichten nicht ausreichend absichert.
Warum wird die Arbeitsemigration als Exkurs behandelt?
Die Arbeitsemigration ist essenziell für das Verständnis der sozialen Sicherung, da die monetären Rückflüsse der im Ausland arbeitenden Filipinos eine der wichtigsten Säulen für den Lebensunterhalt vieler Familien in der Heimat darstellen.
- Quote paper
- Kai Posmik (Author), 2004, Zwischen Evolution und Stagnation - Die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates auf den Philippinen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27705