Vom Beginn des Theaters im antiken Griechenland in den Festspielen zu Ehren Dionysos an bis zum heutigen Tage hat sich das Drama als große literarische Kunstform etabliert und dabei an den großen Meilensteinen der Menschheitsgeschichte zeitlose Meisterwerke hinterlassen. Im Mittelalter weitgehend außer Acht gelassen, erlebte das Drama mit dem aufkommenden Humanismus in der Renaissance seine Wiedergeburt und diente seit jeher zur Darstellung großer Helden. Diese Helden waren entweder als von einem Souverän als schicklich befundene oder vom Publikum und den Rezipienten als gelungen angesehene Personifikationen vom Idealtyp eines "Großen, oder dessen Antonym. Ob als Beispiel oder als Ideal, an diesen Figuren lässt sich der zeitgenössische Diskurs vom Menschsein ablesen, wenn die porträtierte Psyche der tragischen Figur im Kontext der Entstehungszeit des Werkes betrachtet wird. Im Folgenden wird ein psychologisierender Vergleich zweier tragischer Figuren aus der englischen Renaissance und der französischen Klassik, Hamlet und Phèdre in Bezug auf ihre innerliche Zerrissenheit und Schuldfähigkeit angestellt.
Die beiden dramatischen Figuren Hamlet und Phèdre sind jeweils die Hauptfiguren der Werke, in welchen sie auftreten und handeln, welches bereits dadurch deutlich wird, dass diese Figuren jeweils namensgebend für ihr Werk sind, welches jeweils als eines der bedeutendsten und beispielhaftesten seiner jeweiligen Epoche gilt und somit in den genannten Figuren den jeweiligen ästhetisch-philosophischen Diskurs zum Ausdruck bringt, welcher in der nachstehenden Arbeit ebenfalls in den Vergleich miteinbezogen wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Große Werke in der Geschichte der Tragödie
2. Psychologisierender Vergleich der tragischen Figuren Hamlet und Phèdre im Diskurs ihrer Epoche
2.1. Einordnung der Figuren
2.1.1. Hamlet und die Elisabethanische Renaissance
2.1.2. Phèdre und die Französische Klassik
2.2. Psychologisierung und Vergleich der Figuren
2.2.1. Die Zerrissenheit der Persönlichkeit
2.2.1.1. Die innerliche Zerrissenheit Hamlets
2.2.1.2. Die innerliche Zerrissenheit Phèdres
2.2.1.3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten
2.2.2. Die Schuldfähigkeit der Figuren
2.2.2.1. Die Schuldfähigkeit Hamlets
2.2.2.2. Die Schuldfähigkeit Phèdres
2.3. Fazit
3. Hamlet und Phèdre als Beispiel für moderne Menschen
4. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den psychologischen Zustand der tragischen Hauptfiguren Hamlet und Phèdre im Kontext ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Epochen, um zu analysieren, wie ihre innere Zerrissenheit und ihre individuelle Schuldfähigkeit zu ihrem Scheitern führen. Dabei wird erforscht, inwiefern beide Figuren als Repräsentanten des modernen Menschen und dessen Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Ratio und Emotio betrachtet werden können.
- Vergleich der literarischen Epochen: Elisabethanische Renaissance vs. Französische Klassik.
- Analyse der psychologischen "Zerrissenheit" als zentrales Merkmal der modernen Identität.
- Untersuchung der Schuldfähigkeit und persönlichen Verantwortung in ausweglosen Situationen.
- Reflexion über Autonomie versus Heteronomie innerhalb gesellschaftlicher Diskurse.
- Die Funktion der Tragödie als Mahnmal für den zeitgenössischen Menschen.
Auszug aus dem Buch
2.2.1.1. Die innerliche Zerrissenheit Hamlets
Hamlet, Prinz von Dänemark ist einer der beliebtesten und am meisten zitierten Charaktere Shakespeares, welches vor allem seinen komplexen und modernen Charakter geschuldet ist. Hamlet war die Figur, mit der "das neuzeitliche Ich auf die Bühne" trat. Dieses neuzeitliche Ich ist das Ich, das versucht, sein Denken und sein Fühlen in Einklang zu bringen, das hin- und hergerissen ist zwischen Affekt und Räson. In Hamlet kommen die neuen "Konstituten des Subjekt" zum Vorschein: "Reflexivität, Innerlichkeit und Schauspielertum", welcher Hamlet in einer Atmosphäre der Melancholie zum Ausdruck bringt. Hamlet ist ein Melancholiker, da er einerseits tiefe Trauer über den Tod seines Vaters empfindet (1. Aufzug 2. Szene), andererseits von seiner Mutter enttäuscht ist, dass sie nur kurze Zeit nach dem Tod ihres Mannes erneut geheiratet hat (1. Aufzug 2. Szene), er hat "böse Träume" (2. Aufzug 2. Szene), weil er in eine prekäre Zwangslage geraten ist: Sein Vater verlangt als Geist und somit als Repräsentant einer übernatürlichen Instanz Rache an seiner Ermordung (1. Aufzug 5. Szene), gleichzeitig will er weder gleichfalls einen barbarischen Mord an seinem Onkel begehen, welches ein unsittlicher Mord an einem Familienmitglied und Höchstverrat an der Krone wäre, da Claudius auch noch König ist, noch die gleiche Bluttat begehen wie dieser.
Hier zeigt sich Hamlets "reiche Innerlichkeit": Er glaubt dem Geist seines Vaters und möchte die gerechte Rache üben, will dessen Aussagen jedoch auch überprüfen, um nicht unüberlegt einen unzivilisierten Mord zu begehen und seine eigene Seele durch diese schändliche Tat ebenfalls zu beflecken. Hier verfängt Hamlet sich in einer moralischen Zwickmühle, die große Parallelen zu Sophokles' Antigone aufweist: Hamlet ist wie Antigone zwischen zwei "je sich berechtigten, einander jedoch prinzipiell widersprechenden Forderungen [gefangen], die allerdings auf verschiedenen Ebenen konstituiert sind." In diesem Dilemma kann Hamlet keine Wiederherstellung einer transzendentalen Ordnung bewirken und ist nur auf seine eigene moralische Verantwortung angewiesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Große Werke in der Geschichte der Tragödie: Das Kapitel verortet das Drama als historisch bedeutsame Kunstform und führt in das methodische Vorhaben ein, die Psyche tragischer Figuren zur Analyse des Menschseins zu nutzen.
2. Psychologisierender Vergleich der tragischen Figuren Hamlet und Phèdre im Diskurs ihrer Epoche: Dieser Hauptteil analysiert die historischen und poetologischen Rahmenbedingungen beider Dramen und vergleicht die psychologischen Konflikte sowie die Schuldfragen der Protagonisten.
3. Hamlet und Phèdre als Beispiel für moderne Menschen: Das Kapitel diskutiert das Scheitern beider Figuren als universelle Mahnung für den modernen Menschen, der sich in einem spannungsreichen gesellschaftlichen Umfeld behaupten muss.
4. Bibliographie: Dieses Verzeichnis listet sämtliche verwendete Primär- und Sekundärliteratur auf, die der Untersuchung zugrunde liegt.
Schlüsselwörter
Tragödie, Hamlet, Phèdre, Elisabethanische Renaissance, Französische Klassik, Zerrissenheit, Schuldfähigkeit, Psychologisierung, Autonomie, Heteronomie, Moderne Identität, Ratio, Emotio, Dramentheorie, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Charaktere Hamlet und Phèdre als paradigmatische Figuren, deren innerer Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl als Ausdruck des modernen Menschseins gedeutet wird.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die psychologische Verfasstheit der Figuren, ihre ethische Handlungsfähigkeit und der Einfluss der jeweiligen epochenspezifischen Weltbilder auf ihr Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie beide Figuren an der Verantwortung scheitern, die ihnen als moderne Individuen bei der Suche nach moralischer Orientierung in einer komplexen Welt zukommt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um einen psychologisierenden und vergleichenden Literaturvergleich, der die Figuren in den Diskurs ihrer jeweiligen Entstehungszeit (Renaissance und Klassik) einbettet.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Einordnung der Epochen, eine detaillierte Analyse der inneren Zerrissenheit der Figuren und eine Untersuchung ihrer jeweiligen Schuldfähigkeit hinsichtlich des dramatischen Untergangs.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Tragödie, Zerrissenheit, Schuldfähigkeit, Autonomie, Heteronomie sowie der Gegensatz zwischen Ratio und Emotio.
Inwiefern beeinflusst der historische Kontext das Verhalten von Phèdre?
Phèdres Handeln wird stark durch den französischen Absolutismus und die dort geltenden strengen Regelpoetiken geprägt, was sie in eine passive, heteronome Rolle drängt.
Warum wird Hamlet als "neuzeitliches Ich" bezeichnet?
Hamlet personifiziert ein Subjekt, das durch Reflexion und Innerlichkeit versucht, sich aus traditionellen Bindungen zu lösen und selbstbestimmte Entscheidungen in einer als ambivalent wahrgenommenen Welt zu treffen.
- Arbeit zitieren
- Thomas Laschyk (Autor:in), 2013, Psychologisierender Vergleich der tragischen Figuren Hamlet und Phèdre im Diskurs ihrer Epoche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277383