„Der Überfremdung der deutschen Hochschulen durch jüdische Lehrkräfte und Studierende ist ein Riegel vorzuschieben. Weitere Lehrer jüdischer Abstammung sind nicht mehr zu berufen.“
Mit diesem Aufruf wird deutlich, dass bereits zu Zeiten der Weimarer Republik im akademischen Leben eine tendenziell judenfeindliche Haltung zu bemerken war. Zu dieser Beobachtung kommt man auch, wenn man verschiedene Umstände, die das Leben in Deutschland zu dieser Zeit prägten, und unterschiedliche Forschungsstände miteinander vergleicht. So soll in der Hausarbeit zunächst dargestellt werden, um was es sich bei dem Begriff „ Antisemitismus“ handelt und wie er sich in der Weimarer Republik entwickelte. Dem schließt sich die Darstellung an, wie sich Antisemitismus im universitären Alltag und im Verhalten der Professoren widerspiegelte. Diese Beobachtungen sollen am Beispiel des „Fall Gumbels“ verdeutlicht werden. Abschließend wird die judenfeindliche Gesinnung unter den Studenten und Burschenschaften analysiert.
Sucht man für die Geschichte des Antisemitismus im bildungsbürgerlichen Leben Weimars nach Quellen, so empfiehlt es sich, den Blick auf Zeitzeugenaussagen zu richten. Hierfür lohnt sich im Besonderen die Auseinandersetzung mit Tagebüchern und themenspezifischen Fallbeispielen. Mit Fokus auf den Forschungsstand ist es auffällig, dass über dem Antisemitismus in der betreffenden Epoche eine Vielzahl von Fachliteratur ab dem 1980er Jahren veröffentlicht wurde, zum Beispiel von Gabrielle Michalski und Notker Hammerstein. Aber auch aus dem 21. Jahrhundert ist Literatur zu dem Thema auffindbar, wie bei Dietmar Sturzbecher und Ronald Freytag.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition Antisemitismus
3. Antisemitismus am Anfang der Weimarer Republik
4. Antisemitismus an den Universitäten
5. Professoren an den Universitäten
6. Fall Gumbel
7. Studentischer Antisemitismus
8. Studentischer Antisemitismus am Beispiel der Burschenschaft
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Ausprägung und Entwicklung des Antisemitismus an deutschen Universitäten während der Weimarer Republik. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie judenfeindliche Tendenzen im universitären Alltag, im Verhalten der Professorenschaft sowie in studentischen Gruppierungen wie Burschenschaften präsent waren und als Vorläufer für den späteren nationalsozialistischen Judenhass fungierten.
- Historische Entwicklung des Antisemitismus-Begriffs
- Rolle der Professoren und akademische Diskurskultur
- Der "Fall Gumbel" als Fallbeispiel für politische Verfolgung
- Einfluss studentischer Verbindungen und Burschenschaften
- Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Krisen und judenfeindlicher Ideologie
Auszug aus dem Buch
6. Fall Gumbel
Emil Julius Gumbel wurde am 18. Juli 1891 in München geboren. Am 24. Juli 1914 promovierte Gumbel an LMU. Wenige Tage später begann der Erste Weltkrieg und der jüdische Dozent Gumbel, obgleich Pazifist, meldete sich als Freiwilliger. Er unterstellte der Weimarer Republik 1921 eine „ Einäugigkeit der Politik“, indem er in seinen Publikationen auf die vielen politischen Morde des rechten Spektrums, die unbestraft blieben, verwies.
Auf einer Veranstaltung des „ Nie wieder Krieg“- Ausschusses am 26. Juli 1924 rief er zu einer Schweigeminute auf. “So bitte ich die Anwesenden, zu Ehren all derer, die – ich will nicht sagen – auf dem Felde der Unehre gefallen sind, sich zu erheben und zwei Minuten Stillschweigen zu bewahren.” Die Aufregung war groß, da es ein fürchterlicher Affront in konservativen Kreisen war. Die Studentenschaft, die schon sehr nationalsozialistisch geprägt war und antisemitische Ziele verfolgte, richtete den Protest aus. Darunter gehörte auch die Heidelberger Burschenschaft.
”Die Heidelberger Studentenschaft ist der Ansicht, daß Herr Dr. Gumbel durch seine Äußerung erklärt hat, daß er keinen Wert darauf legt, länger Dozent an der hiesigen Hochschule zu sein.“ Kurz später wurde von der Universität ein Disziplinarverfahren, das später aber fallen gelassen wurde, eingeleitet. Dies dauerte fast ein Jahr. In den Jahren 1924 und 1925 führte Gumbel ein Doppelleben, bedingt durch die Erfahrungen mit der immer stärker werdenden nationalsozialistischen Studentenschaft und der fehlenden Solidarität der Kollegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die judenfeindliche Haltung im akademischen Leben der Weimarer Republik ein und erläutert die methodische Herangehensweise anhand von Zeitzeugenaussagen und Fallbeispielen.
2. Definition Antisemitismus: Das Kapitel differenziert zwischen traditionellem Antijudaismus und modernem, rassistisch motiviertem Antisemitismus, der sich gegen die rechtliche Gleichstellung der Juden richtete.
3. Antisemitismus am Anfang der Weimarer Republik: Hier wird analysiert, wie politische und wirtschaftliche Krisen nach dem Ersten Weltkrieg antisemitische Ressentiments verstärkten und zur Etablierung des Juden als Sündenbock beitrugen.
4. Antisemitismus an den Universitäten: Dieses Kapitel beleuchtet die antidemokratische Grundstimmung an den Hochschulen, an denen oft das Kaiserreich idealisiert und Juden mit dem ungeliebten republikanischen Staat gleichgesetzt wurden.
5. Professoren an den Universitäten: Es wird dargestellt, dass jüdische Gelehrte zwar prinzipiell gefördert wurden, jedoch im akademischen Alltag häufig mit Vorurteilen, mangelnder Anerkennung und Widerständen bei Berufungsverfahren konfrontiert waren.
6. Fall Gumbel: Anhand der Person Emil Gumbel wird exemplarisch aufgezeigt, wie politische Andersdenkende und jüdische Wissenschaftler durch studentische Agitation und disziplinarische Verfahren systematisch ausgegrenzt wurden.
7. Studentischer Antisemitismus: Das Kapitel beschreibt, wie soziale Ängste und der völkische Geist innerhalb der Studentenschaft den Antisemitismus zur sozialen Norm erhoben.
8. Studentischer Antisemitismus am Beispiel der Burschenschaft: Die Burschenschaften werden als radikalisierende Akteure identifiziert, die durch Arierparagraphen und die Verbreitung rassistischer Ideologie eine Führungsrolle im studentischen Antisemitismus einnahmen.
9. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die universitäre Diskurskultur der Weimarer Zeit als konkreter Vorläufer für den Judenhass im Nationalsozialismus fungierte und eine Auseinandersetzung damit geschichtswissenschaftlich essenziell ist.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, Antisemitismus, Universität, Judenhass, Emil Julius Gumbel, Studentenschaft, Burschenschaft, Arierparagraph, Rassengedanke, Hochschule, politischer Mord, Nationalsozialismus, Akademiker, Diskriminierung, Dolchstoßlegende
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Erscheinungsformen und die Verbreitung von Antisemitismus an deutschen Universitäten während der Zeit der Weimarer Republik.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rolle der Professorenschaft, der studentische Antisemitismus in Verbindungen und Burschenschaften sowie der Einfluss von politischen Krisen auf die universitäre Stimmung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie antisemitische Tendenzen im akademischen Milieu als Vorboten für die späteren Entwicklungen unter dem Nationalsozialismus dienten.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse von Fachliteratur, zeitgenössischen Dokumenten, Fallbeispielen sowie Zeitzeugenaussagen, um ein differenziertes Bild der Epoche zu zeichnen.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die strukturellen Rahmenbedingungen an den Hochschulen, das Verhalten von Dozenten als auch die Radikalisierung der Studentenschaft intensiv beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die inhaltliche Ausrichtung?
Wichtige Begriffe sind Weimarer Republik, Antisemitismus, Universität, Burschenschaft, Arierparagraph und der "Fall Gumbel".
Welche Rolle spielten die Burschenschaften bei der Ausbreitung antisemitischer Ideen?
Burschenschaften agierten als vorantreibende Elemente, die durch die Einführung von Arierparagraphen und die Verbreitung völkischer Ideologien maßgeblich zur Ausgrenzung jüdischer Studenten beitrugen.
Wie lässt sich der "Fall Gumbel" innerhalb der Arbeit einordnen?
Der Fall Gumbel dient als prominentes Beispiel für die politische Verfolgung eines jüdischen Wissenschaftlers, dessen Pazifismus und Kritik an politischen Morden zu systematischer Ausgrenzung durch die Studentenschaft und die Universitätsleitung führte.
- Arbeit zitieren
- Stefanie Fritz (Autor:in), 2014, Antisemitismus an Universitäten der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277395