Der Systemverfall der DDR

Ein Erklärungsversuch aus machttheoretischer Perspektive


Essay, 2006

12 Seiten, Note: 2,3


Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Hannah Arendts Verhältnis von Macht und Gewalt

3. Erklärungsansatz nach Gerhard Göhler

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die DDR galt vielen politikwissenschaftlichen – aber auch großen Denkern anderer Disziplinen – lange Zeit als festes und intaktes Staats- aber vor allem Machtsystem. Gleichlautend mit der Sowjetunion und im Rahmen des Warschauer Paktes wurde sie als dauernde staatliche Institution und standhaftes, sowie “mächtiges“ Regime betrachtet.

Im Kontext dieser Sichtweisen erscheint der Zusammenbruch der als so beständig gesehenen Führung noch überraschender, als er ohnehin für alle Beteiligten – die westlichen Staaten, allen voran die BRD, die Ostblockstaaten, der eigene DDR-Regierungsapparat, aber auch die hunderttausenden Demonstranten in den ostdeutschen Großstädten – schlussendlich war.

Die Frage, wie diese staatliche Implosion und damit einhergehend der vermeintlich schnelle Verfall des DDR Regimes zustande gekommen sind und warum diese Entwicklung in einem traditionell sehr repressiven System nicht durch Gewalt aufgehalten wurde, soll in meinem Essay ebenfalls aufgegriffen werden, wie die wichtige damit zusammenhängende Erläuterung der Differenz zwischen Macht und Gewalt.

Mein Anliegen erstreckt sich vor dem Hintergrund dieser Denkrichtung auf eine fundierte Darstellung der angesprochenen konträren ,,[...] Mittel, deren Menschen sich jeweils bedienen, um über andere zu herrschen; [...]“[1] Dabei werde ich mich vorwiegend auf Überlegungen Hannah Arendts zu dem Verhältnis zwischen Gewalt und Macht stützen, aber auch auf Aspekte von Gerhard Göhlers power over und power to und “seine“ intransitive Macht eingehen und versuchen, eine Erklärung für die Systemtransformation zu geben, wobei diese machttheoretischen Grundlagen als Basis meiner Arbeit dienen sollen.

Eine Darstellung des DDR-Zusammenbruchs, die ihren Schwerpunkt auf einen Aspekt fokussiert – hierbei wie schon aufgeführt die Beziehungen zwischen Macht und Gewalt – kann in jeder Hinsicht nicht vollständig sein und keine evidente Begründung liefern, doch ist Vollständigkeit und Evidenz auch explizit nicht der Anspruch meiner Überlegungen. Vielmehr möchte ich versuchen, gerade durch die Beschränkung und diese einseitige Betrachtung, die Bedeutung und den Einfluss herauszustellen, den Macht und Gewalt in einem System tragen und der ihnen in dieser historischen Wirklichkeit angerechnet werden muss. © Ralph Paschwitz[2]

2. Hannah Arendts Verhältnis von Macht und Gewalt

Für Wolfgang Merkel sind es spezifische und vor allem diffuse Unterstützungsleistungen seitens der Bürger, die ein Regime als Input benötigt, um regierungsfähig zu bleiben. Je höher diese Befürwortungen ausfallen, desto größer ist die Krisenfestigkeit einer Regierung. Wo dieser Beistand allerdings versagt bleibt oder wo er in einem zu geringen Maße existiert, kann ein System über erhöhte Repression das fehlende Maß an Unterstützung erzwingen.[3] Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist, ob das System dann überhaupt noch über Macht verfügt, wenn es Repression als Mittel zum reformlosen Fortbestehen anwenden muss.

Für die Beantwortung dieser Frage ist eine Begriffsbestimmung unumgänglich. „Macht“ muss also definiert und von anderen Mitteln der Herrschaft abgegrenzt werden. Max Weber beschrieb „Macht“ als „[...] jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“[4] Postuliert nicht genau diese Beschreibung eine Gleichheit von Macht und Gewalt? „ [...] gleichviel worauf diese Chance beruht.“ Demnach sind alle Mittel zur Herrschaft über Andere Macht bzw. nur Unter- oder Überformen der Macht, und in diesem Sinne wäre Gewalt die ins extremste gesteigerte Form von Macht. Warum dann begriffliche Unterscheidungen zwischen Gewalt und Macht, aber bspw. auch Autorität, Kraft oder Stärke?

Die Definition von Max Weber entspricht weitestgehend unserem gesellschaftlichen Alltagsverständnis von Macht. Wir differenzieren gewöhnlich nicht zwischen Macht, Gewalt oder anderen Mitteln zur Herrschaft und gebrauchen diese Begrifflichkeiten synonym, obgleich sie bei näherer Betrachtung doch gänzlich verschiedene Beziehungen beschreiben. Alexander Passerin d’Entrèves bringt es treffend zur Verdeutlichung: „Wenn das Wesen der Macht in der Wirksamkeit des Befehls besteht, dann gibt es in der Tat keine größere Macht, als die, welche aus den Gewehrläufen kommt, und die einzige Schwierigkeit würde darin bestehen, daß es nun unmöglich wird zu sagen, wodurch sich denn der Befehl der Polizei von dem Befehl eines bewaffneten Verbrechers unterscheidet.“[5] In Anlehnung an diese Kritik der „Gleichmacherei“ von Gewalt und Macht gibt Hannah Arendt eine neue und meiner Meinung nach tragfähige Unterscheidung zwischen beiden Begrifflichkeiten und kritisiert die lange Tradition, in der Macht entweder als eine Art gemilderte, beschränkte oder institutionalisierte Gewalt angesehen wird, oder Gewalt als die höchste Form der Macht gilt. In dieser langen Denklinie waren Macht und Gewalt nie getrennt und das Eine immer mit dem Anderen verbunden. Gegen ein solches Denken richtet sich Hannah Arendt. Sie beschreibt, wie innerhalb der nationalstaatlichen Gründungen hin zur Republik ein neues Herrschaftsverhältnis in Blick geraten ist. In der historischen Entwicklung sollte die Herrschaft des Gesetzes über den Menschen die Herrschaft des Menschen über den Menschen ablösen. Dabei ist von Seiten des Volkes eine Unterstützung und Zustimmung für diese Gesetze notwendig, die sich prinzipiell von der Unterstützung unterscheidet, welche durch Gewalt erzeugt ist. Den Gesetzen eines Landes wird demnach durch die Unterstützung des Volkes Macht verliehen, Unterstützung, die durch Gewalt erzeugt ist, obgleich sie zuverlässiger sein kann, verleiht aber noch lange keine Macht.

Politische Institutionen sind demnach Manifestationen und Materialisationen von Macht. Die Konsequenz ist, dass diese verfallen und erstarren, sobald die lebendige Macht des Volkes nicht mehr hinter ihnen steht und sie stützt. An dieser Stelle macht Hannah Arendt auf einen wichtigen Gesichtspunkt aufmerksam. Gerade dem Monarchen, weil er ein Alleinherrscher ist, bedarf es an allgemeiner Unterstützung mehr, als irgendeiner anderen Staatsform. Die Mehrheiten, die demnach konstitutiv sind, sind also nicht nur in Demokratien ausschlaggebend.

An dieser Stelle wird auf den entscheidenden Unterschied von Macht und Gewalt verwiesen: Zahlenabhängigkeiten. „Der Extremfall der Macht ist gegeben in der Konstellation: Alle gegen Einen, der Extremfall der Gewalt ist gegeben in der Konstellation: Einer gegen Alle. Und das Letztere ist ohne Werkzeuge, d. h. ohne Gewaltmittel niemals möglich.“[6] Macht besitzt also niemals ein Einzelner, sondern ist immer im Besitz einer Gruppe und gehört damit zu jedem Gemeinwesen. Gewalt jedoch nicht. Macht entsteht nach dieser Denkrichtung also dann, wann immer sich Menschen zusammenschließen und gemeinsam handeln.

Gewalt hingegen tritt vermehrt da auf, wo Macht schwindet. Wer seine Macht versiegen sieht, ist oft geneigt, seine Herrschaftsbasis durch Gewalt zu ersetzen.

Das wichtige Resümee ist dabei: „Gewalt und Macht sind Gegensätze: Wo die eine absolut herrscht, ist die andere nicht vorhanden“[7]

Was bedeutet Hannah Arendts Machtkonzept nun für den Zusammenbruch der DDR? Wie wird dieser anhand ihrer Theorien erklärt?

Wie sie selber schon formuliert, macht die innere Zersetzung der Staatsmacht Revolutionen erst möglich, und sofern sich ein Regime dazu entschließt, Gewalt einzusetzen, um seine Herrschaft zu bewahren, hängt alles von der Macht ab, die hinter dieser Gewalt steht. Ein erwähnenswertes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der 17.Juni 1953. Den Sieg über diesen Volksaufstand verdankte das System im Zuge der beschriebenen Argumente einerseits natürlich den eingesetzten Gewaltmitteln, die letztlich durch ihr gewaltiges Zerstörungspotenzial, auch noch so organisierte und damit mächtige Gruppen zerschlagen können (Panzer gegen Steine), andererseits jedoch ihrer – zu diesem Zeitpunkt – noch vorhandenen Macht. Viele Bürger standen – noch – hinter dem System und waren so nicht bereit, sich dem Aufstand anzuschließen.

Arendts Konzept zu Ende gedacht, bedeutete genau diese Manifestation der Gewalt einen Verlust von Macht und leitete den Machtverfall gerade durch den Einsatz von Gewalt ein. „Man kann Macht durch Gewalt ersetzen, und dies kann zum Siege führen, aber der Preis solcher Siege ist sehr hoch; denn hier zählen nicht nur die Besiegten, der Sieger zahlt mit dem Verlust der eigenen Macht.“[8] Oder aber aus der Perspektive der Aufständischen: „Auch die größte Macht kann durch Gewalt vernichtet werden; aus den Gewehrläufen kommt immer der wirksamste Befehl, der auf unverzüglichen, fraglosen Gehorsam rechen kann. Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht.“[9] Das Regime muss schon zur Zeit des Aufstandes in einer Machtschwäche gesteckt haben[10], aber die Macht, die hinter der ausgeführten Gewalt lag, war noch groß genug, um ein Anschwellen des Konflikts zu verhindern, und ich unterstelle, dass die führenden Persönlichkeiten sich dieser Basis im Bezug auf Gewalt, aber vor allem auf ihre Macht, bewusst waren.

Die Situation, die wir 1989 vorfinden beschreibt allerdings eine gänzlich andere Lage: Wolfgang Merkel beschreibt den Staatszusammenbruch der DDR als einen Sonderfall und verweist dabei auf die oft zitierte „friedliche Revolution“. Doch konstatiert er, dass nicht gerade das revolutionäre (friedliche) Handeln ausschlaggebend war – obgleich er auf dessen tragende Rolle hinweist – sondern, dass an erster Stelle der Ursachenkette im Staatsende der DDR der Legitimitätsverfall steht[11]. Legitimitätsverfall bedeutet mangelnde Unterstützung durch die Bevölkerung, was wiederum einem Mangel an Macht gleichkommt. Der Volksaufstand 1953 offenbarte also schon gewisse Machtschwächen im System, die wiederum durch Gewalt kompensiert werden konnten, doch 1989 lagen die Hintergründe anders. Die Handlungsschwäche gegenüber der Ausreise von DDR Bürgern über Ungarn im September 1989 – Ungarn hatte die „Grenzsicherungsgemeinschaft“ aufgegeben – konfrontierte die Regierung, als auch die restliche Bevölkerung in der DDR mit der offensichtlichen Ohnmacht der Führung im Palast der Republik und manifestierte die Machtlosigkeit der DDR in Form von fehlendem Rückhalt in der Bevölkerung.

Die Menschen standen nicht hinter dem System. Nicht hinter der Ideologie. Nicht hinter der Doktrin der DDR. Und dass schon seit vielen Jahren nicht. Um es mit Hannah Arendts Worten zu sagen: „Die Geschichte kennt zahllose Beispiele von völlig Ohnmächtigen Staaten, die über lange Zeiträume fortbestehen konnten. Entweder gab es niemanden, der die bestehende Macht auch nur auf die Probe stellte, oder das Regime hatte Glück, in keinen Krieg verwickelt zu werden und keine Niederlage zu erleiden. Denn Machtzerfall wird häufig nur manifest in direkter Konfrontation.“[12] Der Regimekollaps entsprach in diesem Sinne geradewegs einer Implosion des Machtgefüges, in dessen Vakuum sich auf die Schnelle keine neuen Machtstrukturen einbinden konnten, da es keine Macht mehr innerhalb des Volkes gab. Alle Organisationen oder Verbände in der DDR gaben auf einmal ihre Machtlosigkeit preis. Sie hatten keinen wirklichen Rückhalt in der Bevölkerung. So führte „das auf die Probe stellen“ ihrer Machtbasis zur Materialisation der eigenen Ohnmacht und ein gewaltsames Festhalten an der Macht kam als Option nur bedingt in Frage, denn unter diesen Entwicklungen wäre eine offene Repression der Massenproteste nur schwer möglich gewesen und hätte in ihrer Konsequenz zu einer völligen Diskreditierung in der Bevölkerung geführt. In einem solchen Fall wäre die Macht hinter der Gewalt nahezu gänzlich verschwunden und es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die Gewalt in die Hände der Revolution gelegt hätte. © Ralph Paschwitz

3. Erklärungsansatz nach Gerhard Göhler

Gerhard Göhler unternimmt eine Machtstrukturierung in der Form, als dass er zwischen power over und power to unterscheidet. Ersteres meint die tatsächliche Ausübung von Macht und letzteres die Fähigkeit zur Ausübung von Macht. Nach Hannah Arendt können wir bei power over nicht von “Macht“ausübung sprechen, denn jede Ausübung von Macht im Sinne von power over wäre in ihrer Definition Gewalt: „H. Arendt nimmt insofern eine Extremposition ein, als sie sich bei der Bestimmung von Macht ausdrücklich auf power to beschränkt und den Aspekt von power over nicht nur nicht einbezieht, sondern als “Gewalt (violence)“ dem Machtbegriff entgegenstellt.“[13] Power over beschreibt die Durchsetzung der eigenen Intentionen gegenüber den Intentionen anderer und die Realisierung der eigenen Handlungsmöglichkeiten auf Kosten der Handlungsmöglichkeiten anderer. Power over bedeutet immer einen Machtverlust gegenüber den Machtunterworfenen, denn sie wirkt handlungseinschränkend und bezieht sich auf Manifestationen von Unterdrückungsverhältnissen.

Power to wirkt im Gegensatz zu power over Autonomiekonstituierend. Sie entspricht im wesentlichen dem Machtkonzept von Hannah Arendt und richtet sich nicht auf andere sondern auf das Individuum oder die Gruppe als Handlungseinheit selbst. Gleichsam mit Arendts Konzept ist power to insgesamt für die Gesellschaft konstitutiv.

Als neue Überlegungen führt Göhler die Begriffe transitive Macht und intransitive Macht in den Machtdiskurs ein. Transitive Macht ist Macht verstanden im Sinne von Max Weber, wenn sie auf andere bezogen ist und intransitive Macht, ist Macht im Sinne von Hannah Arendt, wenn sie auf sich selbst bezogen ist.

Transitive Macht bedeutet im Grundsatz die Unterordnung des Willens unter den eines anderen und was A an Macht hat, hat B nicht und umgekehrt. Macht, innerhalb der transitiven Macht, bleibt nach Göhler immer ein Nullsummenspiel.[14]

Die intransitive Macht soll im Rahmen meines Themas den Schwerpunkt bilden. Intransitive Macht ist nach Göhler entgegen der transitiven Macht kein Nullsummenspiel und für die Gesellschaftskonstituierung ausschlaggebend. Intransitive Macht ist dabei allerdings mehr als nur die Möglichkeit zu handeln, welche power to erbringt. Sie ist selbst realisierte Macht im Selbstbezug und gerade nicht im Fremdbezug. Je mehr die Akteure zusammen Handeln, je mehr intransitive Macht ausgeübt wird, desto mehr wird sie gesteigert. Göhler markiert das als die Aufhebung des Nullsummenspiels. Das Wechselspiel der Macht in dergestalt, dass Macht von A auf Macht von B trifft und sich beide gegenseitig steigern, resultiert dann in der Herstellung eines gemeinsamen Vermögens: „Überzeugend ist an dieser Position, dass eine politische Einheit ohne die Grundlage einer so verstandenen Macht, eben intransitiver Macht, auf Dauer nicht bestehen kann [...]“[15]

Diese Überlegungen bieten uns keine gänzlich andere, aber detailliertere Erklärung für die Vorgänge in der DDR bis zum Mauerfall.

Wenn wir wieder bei dem Volksaufstand im Juni ’53 ansetzen, markierte dieser Zusammenprall unterschiedlicher und gegensätzlicher Mächte (Demonstranten auf der einen und Volkspolizei auf der anderen Seite) einen Mangel an intransitiver – als konstituierend für die Gesamtgesellschaft und deren Selbstreflektion wichtiger – Macht, um sich selbst als Gemeinschaft zu sehen. Eine intransitive Machtbasis – ein gesellschaftlicher Halt für die vorhandene Gesellschaft selbst und die eigene Identitätsbestimmung als Gesellschaft – bot sich demnach schon zu diesem frühen Zeitpunkt nur unzureichend. Gewalt ersetzte hier die Macht gleich welcher Ausprägung.

Betrachtet man die Entwicklungen in der DDR in den Jahren nach 1953 (ich denke an die Massenorganisationen wie FDJ oder FDGB), könnte man im Sinne von intransitiver Macht auf ein vermeintlich entstehendes Machtpotenzial innerhalb der Gesellschaft für die Gesellschaft schlussfolgern, stellen doch genau diese Organisationen, auf den ersten Blick, die politische und gesellschaftliche Selbstdefinition und Projektion heraus, durch die intransitive Macht entsteht und durch welche eine Volksgemeinschaft im Sinne ihrer Eigenerkennung als Volksgemeinschaft aufgeht.

Bei intensiverer Beschäftigung mit den verschiedenen bereits beschriebenen Machtdimensionen wird allerdings ersichtlich, dass es sich um andere Machtkonstellationen handeln muss. Intransitive Macht entsteht aus der Gruppe heraus, in eigener Gruppenreflektion der bestehenden Gruppe bspw. wie schon erwähnt die FDJ oder der FDGB, doch was, wenn die Gruppe durch andere Machtformen erzeugt worden ist?

Der Output kann in diesem Fall nicht intransitive Macht sein. Power over, transitive Macht, oder auch Repression führten die Leute anscheinend zu weitaus höheren Zahlen in diese Organisationen, als es der eigene Wille und eigene Wunsch war. Diese “Gruppen“ haben sich demnach nicht selbst erzeugt, oder sind in eigener Kraft quasi intransitiv entstanden um sich in sich selbst als Gemeinschaft und in ihrer Erfahrung als Gemeinschaft in ihrer Macht zu stärken, sondern sind durch eine andere Machtform oder auch Repression gebildet worden.

Die intransitive Machtausschüttung durch die Gesellschaft in der Gesellschaft und für den Erhalt der Gesellschaft, welche gerade durch solche Massenorganisationen vermeintlich immens gesteigert sein müsste, ist also ein Trugschluss und führt zu einer ganz anderen Hypothese: Die Machtwirkungen von power over oder transitiver Macht, welche in diese Verbände zwangen, wirkten sich genau gegensätzlich aus, als sie sich auswirken sollten. Durch den Einsatz von Macht mit Wirkungsgrad auf die Bürger der diese in die Verbände zwang, ging eher intransitive Macht verloren, als das sie gesteigert wurde. Die DDR Führung mag sich ihrer Machtschwäche und Machtlosigkeit im Bezug auf die fehlende Grundlage intransitiver Macht durchaus nicht bewusst gewesen sein, bis sie mit ihrer Machtlosigkeit 1989 konfrontiert wurde. Der enorme massenhafte Zulauf zu den Montagsdemonstrationen veranschaulicht, wie sehr der Staatsmacht intransitive Macht fehlte und wie schnell diese innerhalb der Gemeinschaft der Montagsdemonstranten gebildet wurde.

Das Regime besaß in letzter Konsequenz noch immer power over und noch immer transitive Macht, die es bei einer Konfrontation, in anbetracht der gewaltigen Verschiebung der intransitiven Macht, allerdings schwerlich hätte einsetzen können. Selbst Gewalt und Repression hätten das System zwar evtl. retten können, aber den erheblichen Mangel an intransitiver Macht nur noch ins äußerste Potenziert. © Ralph Paschwitz

4. Fazit

„[...] ich liebe doch alle, alle Menschen [...]“[16]

Ich glaube, nichts verdeutlicht mehr die Ohnmacht einer Regierung und deren Angehöriger, als dieser Spruch und verdeutlicht die Situation der Machtlosigkeit in der sich das Regime befand.

In beiden Positionen, der von Hannah Arendt, als auch der von Gerhard Göhler, ging es mir um den Schwerpunkt der Machtschwäche. Ob diese nun intransitiv oder absolut war hängt von dem jeweils vertretenen Standpunkt ab. Im Resultat bleibt allerdings das Machtunvermögen einer Regierung, welche meiner Meinung nach – und ich hoffe ich konnte das ausreichend darlegen – schon über einen langen Zeitraum einen Machtverfall zu verzeichnen hatte. Die Gewalt konnte einmal das System erhalten, so im Juni 1953, doch besaß die Führung der SED bis zu diesem Zeitpunkt noch einen relativ großen Rückhalt in der Bevölkerung, welcher mit der Machtbegrifflichkeit beider Konzepte synonym geht. Ein zweites gewaltsames Eingreifen hätte vielleicht erneut zum Systemerhalt geführt, doch die Regierungsbasis völlig auf die der Repression gestellt und auf Dauer nichts geändert.

Der Untergang eines solchen Staatsapparates lässt sich, wie schon in der Einleitung formuliert, nicht nur durch die alleinige Fokussierung auf Machtfragen erklären. Viele andere Einflüsse wie zufällige Ereignisse, etwaige Bündnispartner, Entwicklungen in anderen Ländern, die beteiligten und verantwortlichen Personen etc. bilden ebenfalls beeinflussende Größen.

Doch spielt Macht in allen diesen Faktoren eine der wichtigsten Rollen.

Macht konstituiert ein Gemeinwesen und Macht lässt es schwinden.

Macht ist innerhalb jeder sozialen Beziehung existent.

Und Macht gehört zu einem der bedeutsamsten, unbewusstesten Elemente, nach denen sich unser alltägliches Leben richtet. Sei es auf der Makro-Ebene oder auf der Mikro-Ebene.

© Ralph Paschwitz

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

- Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970
- Göhler, Gerhard: Macht. Ringvorlesung “Grundbegriffe der gegenwärtigen politischen Theorie“, 14.11.02
- Merkel, Wolfgang: Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung, Opladen 1999
- Weber, Max: Soziologische Grundbegriffe, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen, 1984
- http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Erich_Mielke

[...]


[1] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970, S. 45

[2] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970

[3] Merkel, Wolfgang: Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung, Opladen 1999, S. 59 ff.

[4] Weber, Max: Soziologische Grundbegriffe, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen, 1984, S. 89

[5] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970, S. 38

[6] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970, S. 43

[7] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970, S. 57

[8] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970, S. 55

[9] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970, S.54

[10] was an dieser Stelle der mangelnden diffusen oder spezifischen Unterstützung bei Wolfgang Merkel gleichkommt

[11] Merkel, Wolfgang: Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung, Opladen 1999, S. 418 ff.

[12] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970, S. 50

[13] Göhler, Gerhard: Macht. Ringvorlesung “Grundbegriffe der gegenwärtigen politischen Theorie“, 14.11.02, S. 11

[14] Auf entsprechende Kritik muss an dieser Stelle aus Gründen des Umfanges verzichtet werden.

[15] Göhler, Gerhard: Macht. Ringvorlesung “Grundbegriffe der gegenwärtigen politischen Theorie“, 14.11.02, S. 12

[16] Erich Mielke am 13.11.1989 in seiner ersten und einzigen Rede vor der Volkskammer der DDR

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Der Systemverfall der DDR
Untertitel
Ein Erklärungsversuch aus machttheoretischer Perspektive
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Macht: Begriffe, Konzepte, Perspektiven
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
12
Katalognummer
V277413
ISBN (Buch)
9783656702313
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ralph Paschwitz, Macht, Gewalt, Demo, 17. Juni 1953
Arbeit zitieren
Diplom Soziologe Ralph Paschwitz (Autor), 2006, Der Systemverfall der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277413

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Systemverfall der DDR



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden