Jugendarbeitslosigkeit. Individuelle Konsequenz oder strukturelles Defizit


Essay, 2007
12 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Faktenlage

3. Erklärungen der Jugendarbeitslosigkeit

4. Bezug zur Forschungsfrage

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Aussichtsloser Kampf

Man kann einen Mangel nicht bekämpfen, sondern nur durch Fülle ersetzen.

Arbeitslosigkeit oder Armut bekämpfen zu wollen, das ist so aussichtslos wie der Versuch, ein Loch abzuschneiden.“[1]

Dieses Zitat, einer relativ unbekannten Persönlichkeit, veranschaulicht ziemlich genau die Problematik unserer heutigen (Welt-) Gesellschaft. Arbeitslosigkeit und im speziellen gesehen die Jugendarbeitslosigkeit sind schon lange kein nationales Problem mehr, sondern dieses betrifft – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – alle Länder und hierbei insbesondere auch alle Industriestaaten. In Anlehnung an eine volkswirtschaftliche Sicht auf diese Herausforderung, welche nicht nur in dem Gedankengang Peter Hohls ausgedrückt sondern unter anderem auch in dem Werk von Christoph Gütinger vorgetragen wird, auf welches sich meine Ausführungen vorrangig stützen werden, distanziert man sich zusehends von der Möglichkeit, (Jugend-) Arbeitslosigkeit durch ordnungspolitische Interventionen in den Arbeitsmarkt bekämpfen zu können – um dem Ausdruck unseres Eingangs gewählten Zitates zu entsprechen – bzw. diesem durch solche Eingriffe Abhilfe zu schaffen, doch dazu an späterer Stelle Genaueres.

Das Problem, mit welchem ich mich seit dem Beginn dieser Ausarbeitung konfrontiert sah, ist ein genuin Subjektives und soll hier kurz Erwähnung finden, da ich der Meinung bin, dass es als durchaus konstruktiv für diese Zeilen anzusehen ist und in gewissem Sinne auch einen Teil dieser Arbeit darstellt. Meine eigenen Ansichten und Vor-Urteile im Zusammenhang mit der gestellten Forschungsfrage dürften mich nämlich zu jeder Zeit meiner Recherche begleitet haben und sollen darum einer kurzen Erläuterung unterliegen, auch wenn ich durch das schon in seinen Anfängen mir klar gewordene Problem einer individuellen Betrachtung der eingangs formulierten Frage versucht habe, eine hohe Objektivität in meinen Nachforschungen zu gewährleisten[2].

Der recht provokante Titel meiner Arbeit, der gleichsam die zu bearbeitende Forschungsfrage ausdrückt, soll nicht über klare Gegebenheiten hinwegtäuschen oder solche neu zu definieren suchen. In diesem Sinne möchte ich mich schon sehr früh in meiner Abhandlung explizit der Argumentation GÜTINGERs anschließen, denn: „Insgesamt dominieren spätestens seit den 70er Jahren erhebliche Zweifel an den Grundannahmen [...], dass jegliche Arbeitslosigkeit selbst gewählt und damit freiwillig ist, dass genügend offene Stellen vorhanden sind und es aus Sicht der (jugendlichen) Beschäftigungslosen nur darum geht, den am meisten ihren Vorstellungen entsprechenden Arbeitsplatz zu finden.“[3] (C. GÜTINGER S. 68)

Doch was rechtfertigt bei dieser Argumentation und der anscheinend klaren Beantwortung unserer formulierten Forschungsfrage nach individueller Konsequenz oder durch ein strukturelles Defizit erzeugte Jugendarbeitslosigkeit noch eine weiterführende Bearbeitung dieser, wo doch durch den Verweis auf den Arbeitsplatzmangel eine scheinbar eindeutige Dependenz gezogen wurde? Um dieses vermeintliche Paradoxon zu klären, müssen wir uns unsere eigenen Erfahrungen vergegenwärtigen, welche – so meine ich – jeder von uns schon direkt oder über Erzählungen Dritter gemacht hat. Bekannte, oder solche, über die anhand weiterer Zwischenpersonen kommuniziert wird, haben eine Lehre von selbst abgebrochen, sind entlassen worden, weil sie grundsätzlich zu spät und früh nicht aus dem Bett kamen, haben auf Arbeit gestohlen oder sich andere schwerwiegende Beurlaubungsgründe zu schulden kommen lassen. Wieder andere haben sich in Schule und/oder Ausbildung so wenig angestrengt und waren an allem so desinteressiert, dass ihre Noten und ihr Abschluss oftmals keine sonderlichen Perspektiven in Aussicht stellen. [ © Ralph Paschwitz ]

Auch wenn wir an dieser Stelle den Unterschied zwischen vermeintlicher Chancengleichheit und Realität differenzieren und ihn in unsere Überlegungen einbeziehen, bleiben Handlungen wie Lehrstellenabbruch wegen ständigem Nichterscheinen, mangelnder Antrieb, sich eine Anstellung in entfernten Regionen zu suchen, oder einfach Faulheit, auch nur die geringsten und für jeden erreichbaren Qualifikationen abzulegen, individuelle Entscheidungen. Allein dieser Umstand rechtfertigt eine genauere Betrachtung des Phänomens Jugendarbeitslosigkeit. Um das Faktum der Jugendarbeitslosigkeit allerdings unter der gestellten These einer individuellen Mitschuld erörtern zu können, musste oftmals zwischen den Zeilen gelesen werden, da dieses Thema im Speziellen keine Explikation seitens der Literatur erfährt.

2. Faktenlage

Jugendarbeitslosigkeit ähnelt in seinen Erscheinungen und Reaktionen auf konjunkturellen oder strukturellen Wandel sehr stark der Arbeitslosigkeit älterer Erwerbspersonen. Zu den Jugendarbeitslosen werden gemeinhin Erwerbslose unter 25 Jahren gezählt. Allerdings schließt eine solche Definition alle Personen als Jugendarbeitslose aus, die nach einer Fach- bzw. Hochschulausbildung sogar noch auf der Suche nach ihrer ersten Anstellung sind und sich in einem Altersgebiet zwischen 25 und 29 befinden. Es ist darum wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Arbeitsmarkt Jugendlicher besser als der Bereich betrachtet werden sollte, in dem die ersten fünf Jahre der Berufserfahrung gesammelt werden[4]. Wie oben beschrieben, wird Jugendarbeitslosigkeit generell durch keine großartig gesonderten Merkmale gegenüber der Arbeitslosigkeit von älteren Erwerbspersonen charakterisiert, und auch die Geschlechterspezifik lässt keine Verallgemeinerung zu, dass innerhalb der Jugendlichen erwerbslose Frauen eine gesonderte Problemstellung einnehmen: „Von daher ist es also noch nicht zulässig, dem Merkmal Geschlecht in Verbindung mit Jugendarbeitslosigkeit eine herausragende Bedeutung zuzusprechen.“ (C. GÜTINGER S. 18) Es ist aus dieser Argumentation heraus nur logisch, dass die Schwierigkeiten, denen sich Frauen im jugendlichen Erwerbsleben ausgesetzt sehen, nur ein folgerichtiger Spiegel der Ursachen sind, mit denen sich Frauen im Allgemeinen konfrontiert sehen. Auf regionale und saisonale Komponenten der Jugendarbeitslosigkeit muss im Hinblick auf einen weitläufigen Blick des Essays verzichtet werden, um dem Anliegen der Arbeit und der quantitativ gesetzten Grenze gerecht zu werden.

Im Jahr 2002 lag die Arbeitslosenquote der 15-24 jährigen bei 9,7% und damit 3,4 Punkte unter dem OECD-Durchschnitt. Doch obwohl Deutschland damit im internationalen Vergleich kein Land darstellt, in dem die Jugendarbeitslosigkeit eins der akutesten Probleme ist und schon gar nicht das Schlusslicht einer langen und steigenden Jugendarbeitslosenskala, verblasst es im Gegensatz zu Ländern wie der Schweiz oder den Niederlanden, die mit 5,7 bzw. 5,9% an jungen Arbeitslosen die positiven Ausnahmen bilden.

Es wurde genannt, dass Jugendarbeitslosigkeit ähnliche Reaktionen auf strukturelle und konjunkturelle Veränderungen durchmacht. Was allerdings bei dem Vergleich der Jugendarbeitslosigkeit mit der Arbeitslosigkeit der über 25 Jährigen auffällt, ist, dass sie eine hohe Dynamik auszeichnet, was wohl als ihr vorstechendstes Merkmal gedeutet werden muss. Im Unterschied zu der Arbeitslosigkeit von Personen über 25 Jahren, die durch starke Verkrustungen und Persistenzen gekennzeichnet ist, kommt es innerhalb der Jugendarbeitslosigkeit nur selten zu Fällen der Langzeitarbeitslosigkeit.[5] Das bedeutet, dass relativ viele Jugendliche von dieser Form der Arbeitslosigkeit betroffen sind, diese aber auch relativ schnell wieder verlassen können. Bei der Arbeitslosigkeit von älteren Bürgern verhält es sich allerdings eher gegensätzlich. Hier sind Prozentual zwar weniger Menschen betroffen, aber dafür verbringen diejenigen, welche dieses Schicksal erleiden, auch eine erheblich längere Zeit in der Erwerbslosigkeit. Das Gros der Jugendarbeitslosen stellen dabei diejenigen jungen Arbeitssuchenden dar, die zum ersten Mal eine Anstellung suchen.

Erklärungen für diese unterschiedlichen Umschlagszahlen der jungen und älteren Arbeitslosen werden im folgenden Kapitel vorgestellt und sollen dort kurze Erläuterung finden. An diesem Punkt ist allerdings noch ein weiterer Aspekt der Jugendarbeitslosigkeit hervorzuheben, der ohne weitere Ausführungen evtl. nicht gesehen werden kann und der uns bei der Beantwortung der These später noch Aufschluss geben wird.

Die Jugendarbeitslosigkeit ist – wie beschrieben – durch eine hohe Dynamik charakterisiert. Allerdings sind von diesem Prozess einige Personen anscheinend ausgeschlossen, denn auch im Bereich der Jugendarbeitslosigkeit sind Langzeitarbeitslose (Jugendliche) zu finden. Ungefähr die Hälfte der jungen Erwerbslosen findet in einem Zeitraum unterhalb der sechs Monatsgrenze eine Anstellung, allerdings verbleiben ungefähr zehn Prozent der jungen Arbeitssuchenden sogar noch nach über 24 Monaten in der Arbeitslosigkeit und finden keine Anstellung. Dieses spezielle Problem wird uns ebenfalls zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal beschäftigen, wenn es genauer um die Klärung der geäußerten These geht.

[...]


[1] Peter Hohl, (*1941), deutscher Journalist und Verleger, Redakteur, Moderator und Aphoristiker

[2] Zu Beginn der Beschäftigung mit Jugendarbeitslosigkeit stand von vornherein meine eigene Meinung klar fest, aus der sich letztlich auch der Titel und die damit einhergehende Forschungsfrage herleiten. Diese ist durch eigene Erfahrungen geprägt, die hier allerdings nur insofern Erläuterung finden sollen, als dass diese für mich den Eindruck prägten, dass Jugendarbeitslosigkeit – zumindest in Teilen – durch eigenes Selbstverschulden zustande kommt, wobei Selbstverschulden in etwaigen Fällen einen negativen Affekt impliziert, der für die jeweiligen Personen nicht als solcher wahrgenommen wurde. Ich denke, dass ich nicht der einzige bin, der Jugendliche kennen gelernt hat, die einfach schlichtweg zu faul zum Arbeiten waren und – in den möglichen Arbeitsstellen – einfach nicht arbeiten wollten.

[3] Dieser kurze Auszug ist dem Kontext einer Erklärungstheorie der Jugendarbeitslosigkeit entnommen, welche die im Gegensatz zu älteren Erwerbspersonen höhere Mobilität Jugendlicher nicht – wie gemeinhin üblich – als Vorteil dieses Personenkreises ansieht, da diese Mobilität von den Arbeitgebern antizipiert wird und damit ein größeres Risiko bestünde, dass die jugendlichen Erwerbspersonen (evtl. auch nach einer erfolgreichen Ausbildung) den Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu wechseln suchen. Diese Theorie wird weiter unten noch nähere Erläuterung finden. An dieser Stelle ist nur der Umstand interessant, dass generell ein Konsens – auch bei Volkswirten – darüber besteht, dass es einen notorischen Arbeitsplatzmangel in unserer Gesellschaft gibt und dieser – entgegen einiger auch heute noch laut werdenden Stimmen – schon in den 70er Jahren davon ausging, dass Arbeitslosigkeit im Allgemeinen nicht einfach nur ein Verteilungsproblem von Arbeitsstellen nach dem Motto ist, Arbeit wäre ja genug da, die Menschen müssten nur “besser“ animiert werden, diese auch auszuüben.

[4] In der vorliegenden Arbeit wird allerdings dieser Definitionsmangel keine Rolle spielen, und wir werden uns wie die genutzte Literatur dem Kriterium anschließen, welches Jugendarbeitslose als Personen in einem Alter unter 25 Jahren ansiedelt.

[5] Langzeitarbeitslosigkeit wird als eine Situation der Erwerbslosigkeit definiert, die ab einer Dauer von 12 Monaten und mehr einsetzt.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Jugendarbeitslosigkeit. Individuelle Konsequenz oder strukturelles Defizit
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Lebenswelten von Arbeitslosen
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
12
Katalognummer
V277427
ISBN (eBook)
9783656700852
ISBN (Buch)
9783656702900
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ralph Paschwitz, Arbeitsmarkt, Jugendarbeitslosigkeit, Arbeitslose, Arbeitslosigkeit
Arbeit zitieren
Diplom Soziologe Ralph Paschwitz (Autor), 2007, Jugendarbeitslosigkeit. Individuelle Konsequenz oder strukturelles Defizit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277427

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