Otto Brunner und das „ganze Haus“. Zum Umgang mit einem Deutungsmodell mittelalterlicher Gesellschaftsordnung


Seminararbeit, 2009

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Otto Brunner und das „ganze Haus“ - Zum Umgang mit einem Deutungsmodell mittelalterlicher Gesellschaftsordnung
2.1 Das „Ganze Haus“ und die alteuropäische Ökonomik
2.2 Der Fall Otto Brunner – ein ideologisches Problem?
2.3 Kritische Betrachtungsweisen
2.3.1 Claudia Opitz
2.3.2 Hans Derks
2.4 Perspektiven

3. Zusammenfassung

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die alteuropäische Ökonomik erscheint unter modernen Gesichtspunkten als ein Komplex von Lehren, die der Ethik, der Soziologie, der Pädagogik, der Medizin, den verschiedene Techniken der Haus und Landwirtschaft angehören. Sie ist weder Volkswirtschafts- noch Betriebwirtschaftslehre, noch auch bloße Lehre von der Haushaltung oder Konsumtion.“[1]

„Die Ökonomik als Lehre vom Oikos umfasst eben die Gesamtheit der menschlichen Beziehungen und Tätigkeiten im Hause.“[2]

So formulierte der Historiker Otto Brunner in Anlehnung an alte griechische Ökonomiken von Gesellschaftsphilosophen wie Aristoteles oder Xenophon, eine Konzeption der Sozial- und Wirtschaftsstrukturen im Mittelalter. Mehrere seiner Begriffe und Modelle haben eine enorme Tragweite in der Geschichtswissenschaft erlangt und finden auch heute noch ihre Verwendung in wissenschaftlichen Abhandlungen oder als Diskussionsgegenstand.

Dies gilt auch für die Vorstellung vom ganzen Haus, in dem Brunner den Schlüsselbegriff zur Beschreibung der grundlegenden Einheiten vormoderner Gesellschaften sehen wollte. Ob dieses Konzept tatsächlich der historischen Praxis entspricht und die zentrale Gültigkeit hatte, welche Otto Brunner dafür beanspruchte und ob dieses Konzept auch heute noch bedenkenlos verwendbar ist, wird in dieser Arbeit zu untersuchen sein. Nicht zuletzt unter dem Aspekt, inwieweit Brunners Konzepte von Ideologien beeinflusst worden sind, wird seine Ausführung „Das ganze Haus und die alteuropäische Ökonomik“ betrachtet werden. Der Fokus wird hier bei auf das ganze Haus als soziales und wirtschaftliches Ordnungsmuster gelegt werden. Deshalb müssen Aspekte, wie Brunners Ausführungen zur Metaphysik oder auch Verfassungsgeschichte, die sicher betrachtenswert sind, aber zu viele weitere Seiten füllen würden, auf der Strecke bleiben.

2. Otto Brunner und das „ganze Haus“ - Zum Umgang mit einem Deutungsmodell mittelalterlicher Gesellschaftsordnung

2.1. Das „ganze Haus“ und die alteuropäische Ökonomik

In seinen Ausführungen„Neue Wege der Sozialgeschichte“ stellt Otto Brunner in Abschnitt VI das Konzept des „ganzen Hauses“ vor, welches seiner Ansicht nach den Nukleus des sozialen, rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens beginnend in der Antike, im Besonderen jedoch vom frühen Mittelalter an bis ins 18./19. Jahrhunderts darstellt. Er entwickelt damit ein Konzept weiter, das erstmals Willhelm Heinrich Riehl vorstellt.[3] [4]

In Anlehnung an alte griechische Ökonomiken zeichnet Otto Brunner die Entwicklung der Wirtschaft im modernen Sinne zur Nationalökonomie sowie die Lehre vom Haus(halt) und Familie in der Gesellschaft des Mittelalters nach.[5]

Über die begriffsgeschichtliche Entwicklungsskizze der Wirtschaft und ihrer Termini erläutert Otto Brunner ausgehend von der sog. Hausväterliteratur – theoretische Schriften über Landwirtschaft, Handwerk, Haus und Staatswirtschaft – den Aufbau des ganzen Hauses.

Zunächst sind mit Otto Brunners zwei Begrifflichkeiten zu differenzieren. Auf der einen Seite, der ältere, vom Haus ausgehende Begriff Wirtschaft, der den Bauer als Pfleger und Besteller seines Oikos bezeichnet und auf der anderen Seite der moderne vom Markt ausgehende Begriff. Zu ersterem gehört der Wirt im ursprünglichen Sinne, als Erzeuger und Verwender der Güter, als sorgender Inhaber des Hauses – als Hausvater. Ab dem 18. Jahrhundert erlangt das Wort Wirt dann auch eine materielle Konnotation, denn man verbindet seine Position mit dem rationellen Wirtschaften im moderneren Sinne. Ähnliche Entwicklungen stellt Otto Brunner auch mit dem Wort Wirtschaft, oder der Wirtschaftlichkeit fest.

Er beobachtet also von der Moderne und ihren Vorstellungen abweichende Wahrnehmungen und Wertsetzungen der vormodernen Gesellschaft. Die ältere, vormoderne Denk-, Wirtschafts- und Lebensweise, die vor allem am Auskommen, Verwalten, Pflegen und Bewahren der Güter interessiert ist, unterscheidet sich gravierend von der marktbezogenen, gewinnorientierten rationalen Wirtschaft im modernen Sinne.

Diese alteuropäische Ökonomik ist also die Lehre von der Wirtschaft im bäuerlichen, im ursprünglichen Sinne also – dem ganzen Haus. Es bezeichnet den mittelalterlichen Haushalt als Sozial- und Wirtschafts- und Rechtseinheit. Dieser ist gekennzeichnet durch Familie und Betrieb, also Reproduktion und Produktion, unter ein und demselben Dach und eine subsistenzwirtschaftliche Ausrichtung, also eine geringe Teilhabe am Marktgeschehen.

Diese Haushalte auf den Höfen der Herren waren nicht auf die biologische Kernfamilie reduziert, sondern bestanden aus einer familia[6] – der Zahl von Personen, die der Gewalt (potestas) des Hausherren (patronus) – oder gegebenenfalls seiner Witwe - unterstanden. Dem ganzen Haus gehören alle Personen an, die das Land des patronus bewohnen, bewirtschaften, oder in einem ähnlichen Verhältnis zum patronus stehen.[7]

,,Das Haus (Oikos) ist also ein Ganzes, das auf der Ungleichartigkeit seiner Glieder beruht, die durch den leitenden Geist des Herrn zu einer Einheit werden.“[8]

Das System der „einfachen zentralgeleiteten Wirtschaft“ von dem Walter Eucken spricht,[9] ergibt sich daraus, dass der Wirtschaftsleiter – also der Hausherr – über die Menschen, die Produktionsmittel, Verbrauchsgüter verfügen kann und Produktion, Arbeitseinsatz und Konsumtion ebenso regelt. Dadurch, dass alle Mitglieder des Hauses notfalls auch ohne Lohn arbeiten um ihr Fortkommen zu sichern, ergibt sich eine autarke Gemeinschaft. Der Hausvater nimmt außerdem die Strafgewalt innerhalb des Hauses und die Repräsentation der familia nach außen hin wahr, er steht an der Spitze des Rechtsverhältnisses im Haus[10] und nur er besitzt auch politische Rechte. Nur über den Hausvater ist es dem Haus möglich an übergeordneten Sozialverbänden wie der Stadt teilzunehmen. Otto Brunner hatte also aus heutiger Sicht eine problematische Herrschaftsvorstellung der Superordination des Hausherren über die familia, die dem Hofrecht, dem lex familiae unterlag.[11] [12]

Laut Otto Brunner beherrschte seine Vorstellung des ganzen Hauses, vor allem was adelige Strukturen angeht, auch weiterhin das Sozialgefüge im Hochmittelalter, denn selbst ein Großteil der im Handel und Gewerbe tätigen Bevölkerung lebte im ganzen Haus ohne Trennung von Haushalt und Betrieb, da sie sich des Verlagssystems bedienten.

Für die moderne Zeit konstatiert Otto Brunner, dass nun in der Landwirtschaft andere Sozialformen vorherrschen, sowie dass die Städtebildung sowie zunehmende Mechanisierung in Betrieben dazu beigetragen hat, dass die Kategorie des „ganzen Hauses“ verschwindet.

Die Änderung der subsistenzwirtschaftlichen Arbeits- und Lebensweise ist seiner Ansicht nach vor allem dem weiten Ausgreifen des Marktes in der Industrialisierung unter staatlicher Aufsicht geschuldet.

2.2 Der Fall Brunner – ein ideologisches Problem?

Nicht nur Otto Brunners Wertschätzung autoritärer klarer Herrschaftsverhältnisse[13] unter maskuliner Vormachtstellung lässt seine Ausführungen in einem anderen Licht erscheinen[14] - betrachtet man seine Biographie, wird schnell deutlich, dass eine ideologische Einfärbung ganz eindeutig vorhanden war. Als Professor arbeitete Otto Brunner ab 1931 in Wien und wurde 1940 zweiter Vorsitzender der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft in Wien zur „Legitimierung des imperialen deutschen Machtstrebens gegenüber den ostmittel- und südosteuropäischen Staaten“ und trat 1943 auch in NSDAP ein.[15] So lobte ihn der Gaudozentenführer als eines der „politisch aktivsten Mitglieder der philosophischen Fakultät“[16] – was die Zeit bis 1945 betrifft ein wohl ein eher zweifelhaftes Kompliment. 1945 wurde Otto Brunner dann suspendiert, 9 Jahre später allerdings rehabilitiert und hatte seinen

[...]


[1] Brunner, Otto. Das „ganze Haus“ und die alteuropäische „Ökonomik“, in: Ders., Neue Wege der Sozialgeschichte, Göttingen² 1968, S.104.

[2] Brunner 1968, S.106

[3] Riehl gilt als Begründer dieses Konzeptes mit seinem Werk: Naturgeschichte des deutschen Volkes als Grundlage einer deutschen Socialpolitik , 3. Die Familie

[4] Röckelein, Hedwig: Einführung: Die Gruppenkultur Europas, in: Oldenbourg Geschichte Lehrbuch, Mittelalter, hg. v. Matthias Meinhardt, Andreas Raft u. Stephan Selzer. München 2007, S.183.

[5] Zum griechischen Oikos auch kurz: Zu Verwandschafts- und Haushaltsfamilien auch Gestrich, Andreas (Hg.) et al, Geschichte der Familie, Stuttgart, 2003, S. 44-46

[6] Zu Verwandschafts- und Haushaltsfamilien auch Gestrich 2003, v.a. S. 264-354

[7] Röckelein 2007, S.182

[8] Brunner 1968, S.112

[9] Brunner 1968, S.108

[10] Brunner, Otto et al.: Art. „Herrschaft“, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. v. Otto Brunner, Werner Conze u. Reinhart Koselleck, Bd. III, Stuttgart 1982, S.42

[11] vgl. Röckelein 2007, S.182 und S.195 (Enno Bünz)

[12] Zur Herrschaftsgewalt siehe auch Algazi, Gadi: Herrengewalt und Gewalt der Herren im späten Mittelalter, Herrschaft, Gegenseitigkeit und Sprachgebrauch, Frankfurt a. M. 1996, S. 104.

[13] Opitz, Claudia: Neue Wege der Sozialgeschichte? Ein kritischer Blick auf Otto Brunners Konzept des „ganzen Hauses“, in GG 20, 1994, S.95.

[14] vgl. Brunner 1968, S.110ff

[15] Klee, Ernst, Art. „Otto Brunner“, in: Personenlexikon zum Dritten Reich, Wer war was vor und nach 1945?, Frankfurt a. M. 2003, S.79. - nach Fahlbusch

[16] Klee, 2003, S.79 - nach Lerchenmueller

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Otto Brunner und das „ganze Haus“. Zum Umgang mit einem Deutungsmodell mittelalterlicher Gesellschaftsordnung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Geschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V277495
ISBN (eBook)
9783656704423
ISBN (Buch)
9783656706700
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
otto, brunner, haus, umgang, deutungsmodell, gesellschaftsordnung
Arbeit zitieren
Bernhard Weidner (Autor), 2009, Otto Brunner und das „ganze Haus“. Zum Umgang mit einem Deutungsmodell mittelalterlicher Gesellschaftsordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277495

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Otto Brunner und das „ganze Haus“. Zum Umgang mit einem Deutungsmodell mittelalterlicher Gesellschaftsordnung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden