Hygiene in der Stadt in Mittelalter und Neuzeit


Seminararbeit, 2011
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Vorüberlegung und Gang der Darstellung
2.1 Ein Periodisierungsproblem und mehr

3. Hygiene in der Stadt – in Mittelalter und Neuzeit
3.1. Hygiene in Mittelalter und Früher Neuzeit - Definition, Begriff, Entstehung und Entwicklung
3.2. Hygiene in der mittelalterlichen und frühmodernen Stadt
3.2.1 Die Stadt als Brutstätte von Krankheiten - Hygieneprobleme hinter Stadtmauern
3.2.2 Regulierung und Bekämpfung durch die städtische Obrigkeit
3.2.3 Medizin
3.2.4 Persönliche Hygiene
3.2.5 Gewerbe
3.2.6 Vorschriften und Entwicklungen in den Reichskreisen

4. Die Pest – Bedrohung für mittelalterliche Siedlungsgemeinschaften
4.1 Allgemeines
4.2 Forschungsstand
4.3 Zeitgenössische Vorstellungen über die Ursachen der Pest
4.4 Zeitgenössische Behandlungsmethoden
4.5 Städtische Maßnahmen
4.6 Zeitgenössische Reaktionen auf die Pest
4.7 Landesgeschichtliche Implikationen

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie
6.1 Literaturverzeichnis
6.2 Quellenverzeichnis
6.3 Abbildungsverzeichnis
6.4 Internetquellen und URLs

7. Wahrheitsgemäße Erklärung

1. Einleitung

Bereits seit mehr als einer Dekade fehlt in der ehemaligen Touristenstadt Neapel ein Beseitigungskonzept für Abfälle und der akute Müllnotstand sorgt für ein entsetztes Medienecho.[1] Denn dort verhindert die Camorra zusammen mit korrupten Politikern eine funktionierende Entsorgung, um den Clans Gewinne durch eine ineffiziente, mit überhöhten Preisen operierende Müllwirtschaft zu sichern. In den Straßen türmen sich oft wochenlang Müllberge, die dazu führen, dass Schulen geschlossen werden, Postangestellten ihre Arbeit einstellen und keine Märkte mehr abgehalten werden – die Müllmassen machen ein normales Alltagsleben unmöglich, Bewohner verbrennen die Mülltürme auf den Straßen in Eigenregie. Das Bild einer dreckigen, vermüllten und stinkenden Stadt mag manch einer in den düsteren Zeiten des Mittelalters vernorden, doch es ist in Kampanien eine erschreckende Realität.

Ebenso wie die Frage der Stadthygiene stellen Infektionswellen, Seuchen, Krankheiten oder Pandemien unsere Gesellschaft auch heute noch vor enorme Herausforderungen. Trotz hochentwickelter Medizin und weitreichenden Kenntnissen im Bereich von Humanbiologie, Anatomie, Biochemie, Physiologie und Epidemiologie prägen Pandemien wie SARS[2] oder Influenza A/H5N1[3] - oder die noch in den Köpfen verankerte vorjährige EHEC[4] Epidemie -ganze Jahre und fordern eine Vielzahl von Opfern.

Glücklicherweise gelingt es der westlichen Gesellschaft, von obigen Ausnahmen abgesehen, diese Probleme meist zu lösen. Bis dahin jedoch war es ein langer und kleinschrittiger Prozess, dessen Etappen sich weit zurückverfolgen lassen. Als Startpunkt bietet sich das 11. Jahrhundert an, denn Städtebildung und Stadtentwicklung setzten hier im entscheidenden Umfang ein. Mit der Entwicklung von der Niederlassung am Flussübergang zu einer mauerbewehrten Festung gingen einschneidende Änderungen in der Schutz- und Rechtsgemeinschaft einer Siedlung einher. Natürlich muss man sich vergegenwärtigen, dass die damaligen Verhältnisse mit der heutigen Vorstellung, im Hinblick auf die Wohn- und Hygienesituation, nicht zu vergleichen sind, aber anhand der Hygienebemühungen in der mittelalterlichen Stadt bis hin zur der Frühmoderne lassen sich wichtige Meilensteine für ein Gesundheitssystem erarbeiten, die auch heute noch von jeder Stadtverwaltung berücksichtigt werden müssen.

2. Vorüberlegung und Gang der Darstellung

Als Untersuchungsgegenstand drängen sich die Ausgangsbedingungen mittelalterlichen und frühmodernen Lebens und die damit verbundenen Hygienebedingungen auf. Es gilt zuvorderst die Umwelt- und Hygienemängel hinter Stadtmauern zu problematisieren. Dabei ergeben sich Schnittmengen von unterschiedlichen Teildisziplinen der Geschichte, wie beispielsweise Stadtgeschichte, Architektur oder Körpergeschichte.

Ansatzpunkte, um den Umgang mit Hygiene und damit verknüpfte Reinlichkeitsvorstellungen zu dokumentieren gibt es derartig viele, dass eine erschöpfende Auswahl kaum gewährleistet werden kann. Sinnvoll erscheinen Untersuchungen im Bereich von Abfallwirtschaft, Abwässer und Fäkalienentsorgung. Von Interesse wäre zudem der Umgang mit Toten sowie Begräbnisse.[5] Hinweise liefert auch die Betrachtung zeitgenössischer medizinischer Versorgung und Arzneimittel, ebenso wie Krankheiten und deren Behandlungen. Weitere Mosaiksteine für ein möglichst akkurates Bild lassen sich über eine Untersuchung der Wasserversorgung und Wasserwirtschaft sammeln. Als nächste Facette können Körperhygiene und der Einfluss verschiedener Gewerbe auf Ausbreitung von Krankheiten in der frühen Stadt dienen.

Eng verknüpft mit der Stadthygiene ist der Umgang mit Krankheiten, da sich Hygienebedingungen und Krankheitsausbruch oftmals gegenseitig bedingen. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit verkörperte keine Krankheit die Omnipräsenz des Todes stärker, als der weithin gefürchtete „schwarze Tod“ – die hochgradig ansteckende Infektionskrankheit Pest, die ganze Städte ausrottete und die europäische Bevölkerung merklich dezimierte. Anhand der Krankheitsbekämpfung, ließen sich Kontinuitäten in der Ständegesellschaft feststellen, Entwicklungen in der Hygienepolitik nachvollziehen und möglicherweise Hilfestellungen für die Periodisierung von Spätmittelalter und Aufklärung oder Frühmoderne finden. Dabei sind zeitgenössische Vorstellungen über die Pest und ihre Ursachen, ebenso zu berücksichtigen wie Behandlungsmethoden, Reaktionen und städtische Maßnahmen.

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über die Hygienegeschichte der mittelalterlichen und frühmodernen Stadt zu gewinnen. Der Fokus liegt auf dem Leben in der städtischen Gesellschaft des 12. bis 16. Jahrhunderts um Lebensbedingungen und Mechanismen die diese Zeit bestimmten, zu erkennen und zu erfassen. Hierzu gehört auch die allgegenwärtige Bedrohung der Menschen durch Seuchen, für die exemplarisch die Pest untersucht wird.

2.1 Ein Periodisierungsproblem und mehr

Eine exakte Differenzierung zwischen den einzelnen Entwicklungsschritten in den jeweiligen Teilbereichen für Mittelalter und Neuzeit kann für die Arbeit kaum erfolgen, wäre allerdings auch durch die Verflechtung der einzelnen Bereiche sehr schwierig und durch die fortlaufende Entwicklung nur diachron vergleichend möglich. Weil diese Entwicklungen auch oft punktuell und lokal unterschiedlich verlaufen ergeben sich naturgemäß regional variierende Bilder. Zweckdienlich erscheint es, ein Globalverstehen von Hygiene für den Untersuchungszeitraum zu erreichen und dieses exemplarisch mit Quellen zu unterfüttern. Da (Stadt)Hygiene und Krankheit zwar zwei divergierende Themengebiete sind, aber doch keine klare Dichotomie aufgestellt werden kann, erhält die Untersuchung einen hybriden Charakter.

3. Hygiene in der Stadt – in Mittelalter und Neuzeit

3.1. Hygiene in Mittelalter und Früher Neuzeit - Definition, Begriff, Entstehung und Entwicklung

Hygiene ist die Gesamtheit aller Bestrebungen und Maßnahmen zur Verhütung von Krankheiten und Gesundheitsschäden, sowie die Kenntnis über die Verhütung von Krankheit besonders im Zusammenleben von Menschen.[6] Sie beruht in erster Linie auf Erfahrung im Umgang mit Krankheiten und Sauberkeit und hat heutzutage auch die Charakteristik erlangt Lebensqualität zu beschreiben. Ein Hygienediskurs lässt sich für das Mittelalter nur sehr begrenzt ermitteln. Meist zeichnen sich Nonnen oder Mönche in diesem Bereich federführend. Erst mit der Aufklärung entwickelt sich eine Vorstellung von Lebensqualität im Zusammenhang mit Sauberkeit, der reinliche Bürger definiert seinen gesellschaftlichen Status über die Körperpflege und Gesundheit. Reinlichkeit entwickelt sich zum Paradigma der kulturellen Modernisierung.[7] Durch eigenverantwortlichen Umgang des Menschen mit seinem Körper gelingt es ihm, die Umstände seiner Existenz selbst bestimmen zu können (sapere aude). Fragen der Lebensqualität und des Körpergefühls bestimmen die individuelle Lebensführung und reinliche Kleidung wird zum sozialen Zeichen.[8]

3.2. Hygiene in der mittelalterlichen und frühmodernen Stadt

3.2.1 Die Stadt als Brutstätte von Krankheiten - Hygieneprobleme hinter Stadtmauern

Städtebildung und Stadtentwicklung setzten im entscheidenden Umfang ab dem 11. und 12. Jahrhundert ein. [9] Die Entwicklung verlief meist von der Siedlung am Flussübergang hin zur mauerbewehrten Festung, der „Stadt am Fluss“, als einer Schutz- und Rechtsgemeinschaft. Architektonisch nicht ausgefeilte Stadtbilder verhinderten teilweise eine sinnvolle und vollständige Versorgung mit Wasser und eine funktionierende Reinigung. Oftmals schöpften die Bewohner ihr Nutzwasser an einer Stelle des Flusslaufes ab, die aufgrund von Verschmutzungen durch Fäkalien, Tierkadaver etc. so verunreinigt war, dass das Wasser eine Vielzahl an Krankheitserregern und Bakterien beinhaltete.[10] Die Trinkwasserversorgung erfolgte aus Sicherheitsgründen meist über ein Brunnensystem innerhalb der Stadt, mit Tiefbrunnen, Röhren- und Schöpfbrunnen. Die Unrat- und Abwasserentsorgung hingegen übernahm das „offene Kanalsystem“ der Bäche und Flüsse. Eine Abfallentsorgung der Haushalte gelang über die Strassen und Ehgräben, denn mit zunehmender Größe der Städte verarbeiten die Menschen Abfälle aus dem häuslichen Bereich nicht mehr im eigenen Garten auf einer Art Kompost oder beim Anbau von Gemüse/Obst und der Boden innerhalb der Stadt konnte die zunehmenden Mengen an Abwasser, Kot etc. nicht absorbieren. Nur Wohlhabende konnten sich Sickergruben leisten, in der Hausdiener die Exkremente der Herren versenkten. Wer unterwegs einen Mitbürger traf, der am Wegesrand urinierte, grüßte noch freundlich.[11]

[...]


[1] Dafür exemplarisch: Piller, Tobias: Neapel unterm Müll, in: F.A.Z., 05.01.2008, Nr. 4; Schümer, Dirk: Stadt, Müll und Mafia, in: F.A.Z., 08.01.2008, Nr. 6; oder relativ aktuell: Saviano, Roberto: Warum versinkt Neapel im Müll?, in: DIE ZEIT, 12.5.2011, Nr. 20

[2] Das Severe Acute Respiratory Syndrome aus dem Jahr 2002/2003

[3] Influenza A/H5N1, umgangssprachlich bekannt als Vogelgrippe, grassiert bereits seit 2003 und fordert fortlaufend Opfer. Die World Health Organisation führt darüber seit 2004 eine ständig aktualisierte Statistik, anhand derer die aktuellen Todesfälle nachvollziehbar sind, vgl. dazu: http://www.who.int/csr/disease/avian_influenza/country/en/

[4] Enterohämorrhagische Escherichia Coli

[5] ILLI, Martin: wohin die Toten gingen, Zus. z. Titel: Begräbnis und Kirchhof in der vorindustriellen Stadt. Zürich, 1992.

[6] Lexikon Institut Bertelsmann und Dr. Hans F. Müller: Das moderne Lexikon (Bd. 8), Lemma Hygiene, Gütersloh, 1972. S.308.

[7] Frey, Manuel: Der reinliche Bürger, Zus. z. Titel: Entstehung und Verbreitung bürgerlicher Tugenden in Deutschland, 1760-1860 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaften Bd. 119). Göttingen, 1997. S.11ff, im Folgenden Frey.

[8] Vgl. dazu: Frey, S.195ff.

[9] Sofern nicht anderes angegeben, Bezugnahme auf: Rohr, Christian: 8. Interdisziplinäre Ringvorlesung „Burg und Stadt im Mittelalter“, Interdisziplinäres Zentrum für Mittelalterstudien an der Universität Salzburg

URL: http://www.uni-salzburg.at/pls/portal/docs/1/562478.PDF

[10] Aus diesem Zusammenhang her rührt auch die mittelalterliche Vorstellung, dass Wein und Bier gesünder seien als Wasser. Juden, denen oftmals der Zugang zu Fluss- oder Brunnenwasser untersagt waren, litten weitaus seltener an Krankheiten, da sie abgekochtes Wasser von außerhalb der Stadtmauern nutzen mussten.

[11] Mortimer, Ian im Interview „Leben im Dauerrausch“, Der Spiegel (27/2012).

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Hygiene in der Stadt in Mittelalter und Neuzeit
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Geschichte)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V277508
ISBN (eBook)
9783656701347
ISBN (Buch)
9783656702535
Dateigröße
2933 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hygiene, stadt, mittelalter, neuzeit
Arbeit zitieren
Bernhard Weidner (Autor), 2011, Hygiene in der Stadt in Mittelalter und Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277508

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