Das Schuldverständnis Franz Kafkas in Bezug gesetzt zu seinem Romanfragment "Der Prozess"


Hausarbeit, 2013
13 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Franz Kafka: „Der Prozess“
1.1 Die Schuld des Josef K.
1.2 Schuld und Gericht als Sinnstiftung?

2. Kafkas transzendentales Schuldverständnis
2.1 Der Sündenfallmythos

3. Kafkas weltliches Schuldverständnis
3.1 Die Beziehung zu seinem Vater
3.2 Kafkas persönliches Schuldverständnis

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

In meiner Arbeit will ich die Genese von Kafkas Schuldverständnis untersuchen und es in Bezug zu seinem Romanfragment „Der Prozess“ setzen.

Zu Beginn werde ich die Erzählung im Hinblick auf die Schuldfrage analysieren. Als Erstes stelle ich dar, wie sich Josef K. schuldig macht und welche Funktion die Schuld erfüllt, bzw. erfüllen soll. Ich bin mir im Klaren darüber, dass die Schuldfrage im „Prozess“ schon intensiv erörtert wurde, doch ich finde es wichtig in dieser Arbeit anfangs erst Mal Schuld klar festzustellen. Auf Schuld soll die Arbeit ja auch fußen.

Im Rahmen des zweiten und dritten Punktes will ich ergründen, wie sich Kafkas Schuldverständnis entwickelt hat. Diese Entwicklung unterteile ich in zwei Abschnitte: Das weltliche und transzendentale Schuldverständnis. Ich nehme diese Unterteilung vor, weil es sowohl religiöse, als auch weltliche Faktoren gibt, die entscheidend zu Kafkas Genese des Schuldverständnisses beigetragen haben.

1. Die Schuld in Kafkas „Der Prozess“

1.1 Die Schuld des Josef K.

Die Schuldfrage ist eines der zentralen Themen, das von der Literaturwissenschaft verhandelt wird. Die sozialkritischen Interpreten haben die Schuld von K. angezweifelt[1]. Doch finden sich schon zu Anfang eindeutige Hinweise darauf, dass K. schuldig ist. Zu Beginn des Romans sagt einer der Wächter:

Unsere Behörde […] sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im Gesetz heißt, von der Schuld angezogen[2]

Außerdem sagt der Wächter, dass es über die Gründe der Verhaftung keinen Irrtum gebe. Sogar Kafka selbst hält K. für schuldig, das schreibt er in einem Tagebucheintrag, am 30. September 1915: „Roßmann und K., der Schuldlose und der Schuldige, schließlich beide unterschiedslos strafweise umgebracht, […]“[3]

Es gibt zahlreiche Interpretationsansätze, inwiefern sich K. schuldig macht. Meiner Ansicht macht sich K. in logisch-rechtlicher und ethischer Weise schuldig. Zuerst komme ich auf seine logisch-rechtliche Schuld zu sprechen.

Schuld und Gesetz stehen in engen Zusammenhang zueinander[4]. Eine der wichtigsten Erscheinungsformen von Schuld ist in „Der Prozess“ die Unkenntnis des Gesetzes. Nachdem K. verhaftet wurde gibt er zu, das Gesetz nicht zu kennen und trotzdem weist er jede Schuld von sich. Einer der Wächter sagt:

Sieh, Willem, er gibt zu, er kenne das Gesetz nicht und behauptet gleichzeitig, schuldlos zu sein. (S.509)

Die Haltung von Josef K. birgt einen Widerspruch in sich. Wie soll K. wissen, dass er unschuldig ist, wenn er das Gesetz gar nicht kennt? Sokel bringt es auf den Punkt: „Wo das Gesetz nicht bekannt ist, besteht Schuld als immerwährende Möglichkeit, die sich jederzeit verwirklichen kann. Denn Unkenntnis des Gesetzes enthebt ja keineswegs der Schuld.“[5]K. macht sich also allein schon deswegen schuldig, weil er das Gesetz nicht kennt.

In der Parabel „Vor dem Gesetz“ spiegelt sich K.s. Schuld: Der Mann vom Lande will in das Gesetz eintreten, wird jedoch von dem Türhüter, der das Gesetz bewacht, eingeschüchtert und traut sich nicht Eintritt zu verlangen. Somit unterwirft sich der Mann nicht dem Gesetz, sondern der Macht, die es verkörpert, also dem Türhüter.[6]Das Gleiche ist bei K. der Fall: Er erkennt das Gesetz nicht an, was logisch gesehen natürlich auch unmöglich ist, weil er es nicht kennt, sondern er unterwirft sich der Autorität des Gerichts.[7]

Soweit zu seiner logisch-rechtlichen Schuld. Während der Erzählung lädt K. aber auch Schuld im ethischen Sinne auf sich. Anhand von ein paar Beispielen will ich das näher erläutern.

Insbesondere in seinen Zwischenmenschlichen Beziehungen macht sich K. schuldig. Während des Romans wird deutlich, dass sich K. von Fräulein Bürstner erotisch angezogen fühlt. Fräulein Bürstner ist sehr interessiert an gerichtlichen Dingen, deswegen will er sie mit der Schilderung seines Prozesses beeindrucken. K. gibt sich in seinen Ausführungen sehr wichtigtuerisch und steigert seine Annäherungen und Liebkosungen, die unerwidert bleiben[8]. Schließlich wird K. doch von seiner Lust übermannt:

[…] lief vor, fasste sie, küsste sie auf den Mund und dann über das ganze Gesicht wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich gefundene Quellwasser hinjagt. (S.528)

Fräulein Bürstner hat keinerlei Interesse an K. geäußert, der dies aber komplett ignoriert und sie dann sogar noch körperlich stark bedrängt. Neben dieser offensichtlichen Schuld, macht sich K. auch schuldig, weil er unfähig ist echte zwischenmenschliche Bindungen einzugehen.[9]Er kennt noch nicht mal den Taufnamen von Fräulein Bürstner:

[…] er wollte Fräulein Bürstner beim Taufnamen nennen, wusste ihn aber nicht. (S.528)

Als zweites und letztes Beispiel für seine ethische Schuld will ich die Prügelszene anführen. K. hat sich bei seiner Verhandlung über das Benehmen der beiden Wächter beschwert, die infolgedessen von einem Prügler grausam bestraft werden. K. fühlt sich zwar abgestoßen von der Situation und greift halbherzig ein, doch wieder unterwirft er sich der geltenden Autorität: dem Prügler. Als zwei Diener des Gerichts angelaufen kommen stößt K. einen der Wächter sogar, woraufhin dieser auf den Boden fällt und K. wirft die Tür zu um die Szene vor den Dienern geheim zu halten. Danach versucht er sein Handeln vor sich selbst zu rechtfertigen:

Jedenfalls hatte K. nichts anderes tun können, als die Tür zuzuschlagen,[…] (S.574)

Dass er zuletzt Franz noch einen Stoß gegeben habe, war bedauerlich und nur durch seine Aufregung zu entschuldigen. (S.574)

[...]


[1]Wolfgang Kraus: „Schuld- und Sinnfrage in Kafkas Prozess“. In: Franz Kafka Symposium 1983. S. 212

[2]Im Folgenden wird zitiert aus: Franz Kafka gesammelte Werke. Anaconda 2012. S. 509

[3]Kraus, Anm. 1, S.213

[4]Walter H. Sokel: „Schuldig oder Subversiv? Zur Schuldproblem bei Kafka“. In: Das Schuldproblem bei Franz Kafka. Franz Kafka Symposium 1993. S. 1

[5]Ebd.

[6]Ebd., S. 3

[7]Ebd., S.4

[8]Christian Eschweiler: „Franz Kafka und sein Roman-Fragment Der Prozess“. 2005. S. 60

[9]Rainer J. Kaus: „Kafka und Freud. Schuld in den Augen des Dichters und des Analytikers. 2000. S. 20

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Schuldverständnis Franz Kafkas in Bezug gesetzt zu seinem Romanfragment "Der Prozess"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Proseminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V277605
ISBN (eBook)
9783656705093
ISBN (Buch)
9783656706779
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz Kafka, Schuld, Schuldfrage, Der Prozess, Türhüterlegende, Interpretation, Josef K., Schuldverständnis
Arbeit zitieren
Alexander Stiehle (Autor), 2013, Das Schuldverständnis Franz Kafkas in Bezug gesetzt zu seinem Romanfragment "Der Prozess", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277605

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