Die Comtessen de Mailly-Nesle

Vier adlige Schwestern für den König


Fachbuch, 2014
68 Seiten

Leseprobe

V277620

Ernst Probst

Die Comtessen de Mailly-Nesle

Vier adlige Schwestern für den König

Bei den ersten bekannten Mätressen von Louis XV. handelte es sich um vier mehr oder weniger schöne Schwestern aus der alten französischen Adelsfamilie de Mailly-Nesle. Sie hießen Louise-Julie (1710–1751), Pauline Félicité (1712–1741), Diana Adélaïde (1713–1760) und Marie Antoinette (1717–1744). Nur Hortense-Félicité (1713–1775), die Zwillingsschwester von Diana Adélaïde, hatte keine Affäre mit dem König.

Eltern dieser fünf Mädchen waren Louis III., Marquis de Mailly-Nesle, Prinz von Orange (1689–1767), und dessen Ehefrau Armande Félice de La Porte Mazarin (1691–1729). Letztere war eine Enkelin von Hortensia Mancini (1646–1713 oder 1699), einer Mätresse des englischen Königs Karl II. (1630–1685), die durch ihre Heirat ab 1661 den Titel einer Herzogin von Mazarin trug. Um die Finanzen der Familie de Mailly-Nesle stand es wegen hoher Spielschulden des Vaters schlecht. Beide Elternteile vertraten lockere moralische Ansichten.

Die älteste Tochter Louise-Julie de Mailly-Nesle kam am 16. März 1710 in Paris zur Welt. Im Alter von knapp 16 Jahren heiratete sie 1726 ihren nicht sehr begüterten Cousin zweiten Grades, Louis Alexandre, Graf von Mailly-Nesle (gestorben 1747). Zeitgenossen zufolge galt Louise-Julie (Mademoiselle de Mailly) nicht gerade als Schönheit. Ihr Gesicht war angeblich zu lang, ihre Stirn zu hoch, ihre Nase zu groß, ihre Wangen waren zu flach, ihr Mund zu breit und ihre Stimme zu rau. Auch Busen und Arme wurden an ihr kritisiert. Dagegen sollen ihre Beine ungewöhnlich gut geformt gewesen sein. Außerdem trug sie ihre Kleider mit großer Eleganz.

Louise-Julie de Mailly-Nesle folgte ihrer Schwiegermutter als Hofdame der Königin Maria Leszczynska (1703–1768). Mit 22 Jahren erregte sie 1732 durch ihr ansteckendes Lachen die Aufmerksamkeit des damals ebenfalls 22-jährigen Königs Louis XV. Dieser war nach sieben Ehejahren seiner polnischen Gattin überdrüssig und suchte trotz religiöser Bedenken sexuelle Abenteuer.

Als geschickte Kupplerin zur Anknüpfung der Beziehung des gebundenen Königs zur verheirateten Louise-Julie betätigte sich Louise-Anne de Bourbon-Condé, Mademoiselle de Charolais (1695–1758), die Schwester des 1726 gestürzten Fürst Heinrich von Condé, Herzog von Bourbon (1692–1740). Die frei-zügige Louise-Anne sah zwar gut aus, war aber mit 37 Jahren zu alt, um selbst königliche Mätresse zu werden. Angeblich suchte sie Louise-Julie aus, weil diese nicht allzu ehrgeizig erschien und ihren Einfluss auf den König nicht nur für sich nutzen würde.

Louise-Julie fand Gefallen an der Idee, die Mätresse von Louis XV. zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen, trat sie in gewagter, zeitgenössischer Pariser Mode verführerisch gegenüber dem König auf. Dabei wurde sie von dessen Erstem Kammerdiener François Gabriel Bachelier (1689–1744) über die hierzu erforderliche Etikette instruiert. Bachelier brachte Louise Julie auch in die Privatgemächer von Louis XV., wo dieser sie in der Nacht aufsuchte. Lange Zeit versuchte der Herrscher seine Affäre zu verbergen, doch völlig geheim halten konnte er sie auf Dauer nicht. Der Ehemann seiner Mätresse war mit der außerehelichen Beziehung einverstanden.

Die amüsante, fröhliche, großzügige, lebhafte und unterhaltsame Louise-Julie war das genaue Gegenteil der mehr oder minder langweiligen Ehefrau des Königs. Louis XV., der Urenkel von Louis XIV., hatte sich zufälligerweise in eine Urenkelin der so genannten „Mazarinetten“ verliebt, die einst den jungen „Sonnenkönig“ Louis XIV. nacheinander und gleichzeitig bezaubert hatten. Als „Mazarinetten“ bezeichnet man die sieben Nichten des französischen Ministers Jules Mazarin (1602–1661), die dieser 1647 und 1653 zusammen mit drei seiner Neffen aus Italien nach Frankreich kommen ließ, um sie anschließend vorteilhaft mit einflussreichen Adligen zu verheiraten.

Louise-Julie verstand es, den schüchternen König glücklich zu machen. Sie schenkte ihm Wärme, Bestätigung und Liebe. Durch sie wuchsen das Selbstwertgefühl und die Gelassenheit von Louis XV. merklich. Diese Veränderung bemerkte auch dessen Gattin, bei welcher der König noch regelmäßig seinen ehelichen Pflichten nachkam.

Erst im Herbst 1737 verbannte die betrogene Königin Maria Leszczynska ihren ungetreuen Gatten endgültig aus ihrem Schlafzimmer. Daraufhin gab Louis XV. seine mehrjährige Affäre mit Louise-Julie zu. Im Januar 1738 erklärte der König die damals 28-jährige Louise Julie zur offiziellen Mätresse („Maîtresse en titre“). Louise Julie wohnte fortan in Räumen im zweiten Obergeschoss über den Privatgemächern von Louis XV.

Um den sehr einflussreichen Kardinal André-Hercule de Fleury nicht zu erzürnen, kümmerte sich Louise-Julie nicht um Politik und bemühte sich auch nicht um finanzielle Geschenke. Außerdem beteiligte sie sich nicht an den Ränkespielen am Königshof und behandelte die Königin mit Respekt. Am Hof nannte man sie „die kleine Mailly“.

Louis XV. entzog sich zunehmend von seinen öffentlichen Repräsentationspflichten bei Hofe und genoss immer mehr sein angenehmes Privatleben. Zum Beispiel nahm er nach Jagdausflügen oft das Abendessen mit wenigen vertrauten Freunden in den so genannten „Petits Appartements“ in Versailles ein. Auch mit seiner Mätresse verbrachte er nun mehr Zeit.

Louise-Julie befürchtete, den verwöhnten König auf Dauer bei dessen kleinen Gesellschaftstreffen nicht mehr fesselnd genug unterhalten zu können. Deswegen führte sie zur Unterstützung für heitere Abende ihre jüngere Schwester Pauline Félicité bei Hofe ein.

Die im August 1712 geborene, extrem schlanke und große Pauline Félicité (Mademoiselle de Vintimille) war aus Kostengründen in ein Kloster gesteckt worden. Weil ihr das Leben dort nicht behagte, hatte sie 1738 ihre ältere Schwester Louise-Julie gebeten, sie an den königlichen Hof nach Versailles einzuladen. Pauline Félicité soll genauso wenig attraktiv wie Louise Julie gewesen sein, dafür aber sehr ehrgeizig, macht- und geldgierig.

Im September 1738 kam Pauline Félicité in Versailles an. Sie hatte es sich schon lange in den Kopf gesetzt, die Mätresse des Königs zu werden. Dank ihres vorlauten und unbekümmerten Wesens, ihrer Vitalität, ihrer Intelligenz und ihrer Schlagfertigkeit gefiel sie rasch dem schüchternen Louis XV. Fortan nahm sie ständig an dessen privaten, kleinen Abendgesellschaften und Lustreisen teil.

1740 verliebte sich der König leidenschaftlich in Pauline Félicité, womit diese zu seiner Mätresse aufstieg. Angeblich soll Pauline Félicité ihre Schwester Louise-Julie bei einem Champagner-Wetttrinken regelrecht unter den Tisch getrunken haben, um endlich zum ersten Schäferstündchen mit dem König zu kommen. Louis XV. ließ fortan auch Louise-Julie nicht fallen und führte mit den zwei Schwestern eine Dreierbeziehung, eine so genannte „ménage à trois“. Ungeachtet ihrer Eifersucht blieb Louise-Julie ihrer jüngeren Schwester Pauline Félicité freundschaftlich verbunden.

Durch Fürsprache ihrer Schwestern Louise-Julie und Pauline Félicité gelangte auch deren üppige und angeblich etwas dümmliche Schwester Diana-Adélaïde (Mademoiselle de Montcavrel, Madame de Lauraguais) an den Königshof nach Versailles. Diana-Adélaïde war im März 1714 in Paris geboren worden. Sie diente als Ehrendame der Königin Maria Leszczynska, als Louis XV. auf sie aufmerksam wurde. Der König machte Diana-Adélaïde zusätzlich zu deren beiden älteren Schwestern zur Mätresse. Eine gemeinsam verbrachte Nacht von Louis XV. sowie Diana-Adélaïde und einer ihrer älteren Schwestern sorgte für einen Skandal. Dieser führte zur Entlassung von Diana-Adélaïde als Ehrendame der Königin.

1739 kaufte Louis XV. für Pauline Félicité das Schloss Choisy an der Seine. Zusammen mit Pauline Félicité, deren Schwester Louise-Julie und wenigen vertrauten Freunden führte der König dort ein zurückgezogenes Privatleben.

Um nach außen hin den Anschein zu wahren, beabsichtigte Louis XV., seine Geliebte Pauline Félicité mit einem Mann zu vermählen, der akzeptierte, dass seine Ehefrau weiterhin königliche Mätresse blieb. Für eine Mitgift von 200.000 Livres und die Gunst des König erklärte sich Jean-Baptiste Hubert Félix, Marquis de Vintimille (1720–1777), zu einer solchen Ehe bereit. Beim Bräutigam handelte es sich um einen Neffen des Erzbischofs von Paris, in dessen Palast die Hochzeit erfolgte. Das anschließende Abendessen wurde von Mademoiselle de Charolais, der bereits erwähnten Schwester des gestürzten Herzogs von Bourbon, in ihrem „Palais Madrid“ ausgerichtet. Daran nahm auch der König teil. Fortan trug Pauline Félicité den Titel Marquise de Vintimille und wurde Mademoiselle de Vintimille genannt.

Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Louise-Julie wollte Pauline Félicité die Politik des Königs beeinflussen. Sie versuchte, Louis XV. dazu überreden, sich der Bevormundung des Staatsmanns und Kardinals André-Hercule de Fleury zu entziehen und selbst mehr Regierungsverantwortung zu übernehmen. Die vorsichtige Außenpolitik von Fleury war einer Kriegspartei ein Dorn im Auge. Zu Beginn des „Österreichischen Erbfolgekrieges“ (1740) unterstützte Pauline Félicité die Kriegsbefürworter und trug dazu bei, dass Louis XV. die anfangs abwartende Haltung von Frankreich aufgab und sich militärisch in diesem Konflikt engagierte. Die Mätresse wollte den König sogar dazu überreden, sich durch persönliche Anwesenheit an den Kriegsschauplätzen weitere militärische Lorbeeren zu verdienen.

Anfang 1741 wurde Pauline Félicité schwanger. Sie erkrankte ernsthaft und wurde von ihrer Schwester Louise-Julie gepflegt. Zwecks Schonung und Ruhe brachte man Pauline Félicité ins Schloss Choisny, wo der König an ihrer Seite blieb. Ab August 1741 wurde die Schwangere immer kränker, litt an Melancholie und Fieber und lehnte die Behandlung durch Ärzte ab. Am 24. August 1741 brachte man sie nach Versailles zurück, wo sie der König allabendlich besuchte.

Pauline Félicité brachte am 2. September 1741 einen Jungen zur Welt. Der herbeigeeilte Pariser Erzbischof nahm an dem Neugeborenen mit Weihwasser eine Nottaufe vor. In Begleitung des Erzbischofs befand sich dessen Neffe, der aber nur widerwillig mitgekommen war, weil er mit seiner Gattin Pauline Félicité schon länger ein gespanntes Verhältnis hatte. Während die Eheleute unfreundliche Worte austauschten, freute sich Louis XV. über den gesunden Jungen, der wie er den Vornamen Louis (Louis) erhielt.

Nach der Geburt ging es mit der Gesundheit von Pauline Félicité weiterhin bergab. Ihre Ärzte reagierten ratlos und verordneten ihr nur Aderlässe. Damit die Ruhe der Patientin nicht durch den Lärm von Pferdehufen gestört wurde, ließ der König das Pflaster des Marmorhofes unter ihren Fenstern mit Stroh auslegen. In der Nacht vom 8. zum 9. September 1741 verließ Louis XV. seine kranke Mätresse, da es ihr wieder besser zu gehen schien. Doch bereits wenige Stunden später hauchte sie ihr Leben aus, ohne dass ihr der Beichtvater die Sterbesakramente spenden konnte. Pauline Félicité starb im Alter von nur 29 Jahren in dem Glauben, sie sei vergiftet worden. Der König zog nach ihrem Tod die Vorhänge seines Bettes zu, um ungestört weinen zu können.

Den Leichnam von Pauline Félicité überführte man vom Schloss in Versailles in das „Hôtel de Villeroy“. Dort ließen die Wächter den Leichnam in der Nacht unbeaufsichtigt und sprachen stark dem Alkohol zu. Dies nutzte der Pöbel, der die königliche Mätresse gehasst hatte, aus, drang in das „Hôtel de Villeroy“ ein und schändete den Leichnam. Ihre sterblichen Überreste wurden danach in der Nähe von Versailles bestattet.

Der französische Maler Jean-Marie Nattier (1685–1766) schuf 1741 ein Ölgemälde, das Pauline Félicité, Marquise de Vintimille, als Aurora, die Göttin der Morgenröte, zeigt. Das Original dieses Werkes wird im „Detroit Institute of Arts“ aufbewahrt.

Louis de Vintimille, Herzog von Luc (1741–1814), der Sohn von Pauline Félicité, sah seinem Vater König Louis XV. sehr ähnlich. Aus diesem Grund bezeichnete man ihn am Hof als „halber Louis“ („Demi-Louis“) oder „kleiner Louis“.

Der gemeinsame Kummer um den frühen Tod von Pauline Félicité und die vorherige langjährige Freundschaft von Louise-Julie und Louis XV. führten dazu, dass beide ihre frühere Beziehung wieder aufnahmen. Bald danach verschaffte Louise-Julie ihrer jüngsten und attraktiveren Schwester Marie-Anne auf deren Bitte hin Zugang zum Hof in Versailles.

Die am 5. Oktober 1717 in Paris geborene Marie-Anne de Mailly-Nesle (Mademoiselle de Monchy) heiratete im Alter von 15 Jahren den Adligen Jean Baptiste Louis, Marquis de la Tournelle (1718–1740). Im Haus des Herzogs von Antin in Petit-Bourg begegnete die 23-Jährige erstmals dem damals 30 Jahre alten König Louis XV., der ihre Schönheit bewunderte. Wie attraktiv Marie-Anne 1740 war, ist auf einem Ölgemälde von Jean-Marc Nattier ersichtlich.

Zusammen mit ihrer Schwester Hortense-Félicité wohnte Marie Anne damals bei ihrer Tante mütterlicherseits, Louise-Françoise de Rohan, Herzogin von Mazarin (1695–1755). Nach dem Tod ihrer Tante mussten die beiden Schwestern auf Wunsch ihres Cousins und Erben der Verstorbenen, Jean Frédéric Pelipeaux, Graf von Maurepas (1701–1781), ausziehen. Die zwei Schwestern baten ihre ältere Schwester Louise-Julie, an den Königshof nach Versailles kommen zu dürfen. 1742 trafen sie in Versailles ein, wo Marie-Anne die Stelle der verstorbenen Herzogin von Mazarin übernahm.

Am 19. Januar 1742 heiratete Diana-Adélaïde de Mailly-Nesle in Paris den zur Exzentrik neigenden königlichen Berater Louis des Brancas, Herzog von Lauraguais (1714–1794. Das Ehepaar wohnte im „Palais Brancas-Lauraguais“, einem der am meisten beachteten Privatbauten der Jahrhundertmitte. Diana-Adélaïde hinterließ nach ihrem Tod eine bedeutende Sammlung von Büchern, deren Einbände ihr Wappen ziert.

Weil die königliche Mätresse Louise-Julie dem als Frauenverführer bekannten Armand de Vignerot du Plessis, Herzog von Richelieu (1696–1788), nicht wohlgesinnt war, versuchte dieser, sie loszuwerden und durch ihre schöne und willensstarke Schwester Marie-Anne zu ersetzen. Hinderlich war, dass Marie-Anne damals ein Verhältnis mit einem Neffen von Richelieu, dem Grafen von Agenois, hatte. Deswegen ließ Richelieu seinen Neffen zur Armee versetzen und von einer ränkevollen Frau verführen. Von den Liebesbriefen des Grafen von Agenois an diese Dame erfuhr Marie-Anne und beendete die Beziehung mit dem Grafen, wie es Richelieu erhofft hatte.

Marie-Anne war nun bereit, die Mätresse von Louis XV. zu werden. Doch sie wollte keinesfalls nur eine heimliche Affäre mit dem König haben und lehnte es ab, sich ihm sofort hinzugeben. Sie forderte von Louis XV., sie zur offiziellen Mätresse („Maîtresse en titre“) und zur Herzogin zu ernennen, erwartbare gemeinsame Kinder anzuerkennen, einen eigenen Hofstaat, erhebliche Einkünfte, prunkvolle Gemächer und sechsspännige Kutschen zu erhalten und ihre Schwester Louise Julie aus Versailles zu verbannen. Zudem verlangte sie vom König, dass er ihr den Hof machen solle, was dieser wegen seiner Stellung noch nie bei einer Frau für nötig gehalten hatte.

„Gott, ist die schön!“, soll der König beim ersten Anblick der verführerisch aussehenden 25-Jährigen gesagt haben. Marie-Anne war damals eine imposante und blendende Erscheinung, nobel, elegant und hochgewachsen. Sie besaß dicke, aschblonde Haare, tadellose Zähne sowie wohlgeformte Schultern und Brüste.

Weil er bereits Feuer für Marie-Anne gefangen hatte, beeilte sich Louis XV., die Forderungen von Marie-Anne zu erfüllen. Eines Tages erklärte er Louise-Julie, er liebe nun Madame Tournelle. Zwar habe er noch nicht mit ihr geschlafen, werde es aber tun. Als Louise-Julie weinte und flehte, erlaubte er ihr, ihre Möbel aus dem Schloss Versailles mitzunehmen.

Am 3. November 1742 abends um sieben Uhr verließ Louise-Julie nach zehn Jahren an der Seite des Königs für immer Versailles. Krank vor Kummer lebte sie danach zunächst in Ramboillet und später in Paris, wo sie ihr sündiges Leben bereute.

Noch im November 1742 wurde Marie-Anne zur Ehrendame der Königin ernannt. Zur Empörung von Richelieu zögerte sie nach dem Weggang ihrer Schwester ihre Hingabebereitschaft an den König einen weiteren Monat hinaus, um dessen sexuelles Verlangen noch zu steigern. Erst auf der dritten gemeinsamen Reise zum Schloss Choisny an der Seine gab Marie-Anne dem Verlangen des Königs nach. Louis XV. war im Dezember 1742 am Ziel seiner Wünsche.

1743 verhielt sich die raffinierte Marie-Anne gegenüber dem König mal abweisend, mal hingebungsvoll und versuchte seine Eifersucht zu schüren, indem sie so tat, als ob sie noch in den Grafen von Agenois verliebt sei. Geschickt verstand sie es, alte Freunde des Königs durch ihr ergebene Personen zu ersetzen und so den Herrscher noch stärker von ihr abhängig zu machen. Bei der Unterhaltung des Königs wurde sie durch ihre Schwestern Diane-Adélaïde und Hortense-Félicité unterstützt.

Im Oktober 1743 verlieh Louis XV. seiner Mätresse Marie-Anne den Titel einer Herzogin von Châteauroux, der ihr Ansehen und ihren Reichtum mehrte. Für den Fall, dass sie ohne männliche Erben sterben würde, sollte das Herzogtum an die Krone zurückfallen. Marie-Anne war nun die offizielle Mätresse („Maîtresse en titre“) und genoss weitere Ehrenrechte.

Am 22. Oktober 1743 präsentierte man Marie-Anne in ihrer neuen Rolle am Hof. Dabei wurde sie von der indignierten Königin Maria Leszczynska zum Erhalt der königlichen Gunstbeweise beglückwünscht. Im Überschwang ihrer neuen Macht führte sich Marie-Anne gegenüber vielen Menschen, darunter auch die Königin, sehr hochmütig auf.

Wie ihre Schwester Pauline Félicité bemühte sich auch Marie-Anne um Einfluss in der Politik. Beispielweise spielte sie bei den Bemühungen der Schriftstellerin Claudine Guérin de Tencin (1682–1749), welche die Karriere ihres geliebten Bruders, des Kardinals Pierre Guérin de Tencin (1680–1758), durch Intrigen fördern wollte, eine Rolle. Letzterer hatte nach dem Tod des Regierenden Ministers, Kardinal André-Hercule de Fleury am 29. Januar 1743 bei Louis XV. an Einfluss verloren. Deswegen wandte sich seine Schwester an ihren ehemaligen Geliebten, den Herzog von Richelieu, damit dieser Marie-Anne überreden sollte, sich beim König für Kardinal Tencin einzusetzen. Bei Erfolg wollte der Kardinal für die Aufnahme von Richelieu in den Kronrat sorgen.

Nach schweren Niederlagen von Frankreich im „Österreichischen Erbfolgekrieg“ wie am 27. Juni 1743 bei Dettingen in Bayern überredeten die Marquise de Tencin und der Herzog von Richelieu die Mätresse Pauline Félicité dazu, ihren Einfluss auf Louis XV. dazu zu verwenden, dass der König mehr Regierungsverantwortung übernahm und das Heer persönlich in die Schlacht führte.

Als größter politischer Erfolg von Pauline Félicité gilt ein Bündnis, das Louis XV. auf ihr Betreiben 1744 mit Friedrich II. von Preußen (1712–1786) abschloss. Der Preußenkönig würdigte ihren Beitrag beim Zustandekommen dieses Pariser Allianzvertrages sogar durch ein an sie perönlich gerichtetes Dankschrei-
ben.

Im Mai 1744 eröffnete Louis XV. einen Einmarsch in den österreichischen Teil von Flandern und übernahm dabei selbst den Oberbefehl. Bei seinem Eintreffen in Lille wurde der König von seinen Soldaten und von der Bevölkerung enthusiastisch empfangen. Dieser Feldzug verlief anfangs erfolgreich.

Marie-Anne befürchtete, ihren Einfluss auf den König zu verlieren und wollte auch an eventuellen Siegen teilhaben. Aus diesem Grund überredete sie Louis XV., dass sie ihn während der Militäroffensive begleiten durfte. Gemeinsam mit ihrer Schwester Diane-Adelaïde traf sie am 8. Juli 1744 in Lille ein. Doch die Verbindung von Louis XV. mit verschiedenen Töchtern von Louis III. de Mailly war vielen Franzen schon lange ein Dorn im Auge. Deswegen hat man die Mätresse des Königs und ihre Schwester Diane-Adelaïde sehr unfreundlich begrüßt und sogar geschmäht. Auch die Soldaten zeigten sich über das Eintreffen der beiden Herzoginnen nicht glücklich. Deswegen inspizierte Louis XV. allein einige bedeutende Städte in Flandern.

Als durch österreichische Truppen an der Ostgrenze von Frankreich Gefahr drohte, zog der König mit seiner Mätresse und seinem Hauptheer nach Metz. Unterwegs erregte Marie-Anne immer wieder den Unmut der Bevölkerung. Auf früheren Stationen seines Feldzuges hatte Louis XV. zwecks Vermeidung von zu viel Aufsehen getrennt von seiner Geliebten logiert und ihre Unterkünfte durch eigens erbaute Gänge miteinander verbinden lassen. In Metz dagegen, wo er am 4. August 1744 eingetroffen war, lebte der König sein Verhältnis mit seiner Mätresse offen aus. Dort ließ er sogar eine Holzbrücke von seiner Residenz zum benachbarten Aufenthaltsort seiner Mätresse erbauen, damit sie ihn besuchen konnte, ohne dabei beobachtet zu werden. Für viele Franzosen war dieses Verhalten ihres Herrschers ein Skandal.

[...]

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Die Comtessen de Mailly-Nesle
Untertitel
Vier adlige Schwestern für den König
Autor
Jahr
2014
Seiten
68
Katalognummer
V277620
ISBN (eBook)
9783656704430
ISBN (Buch)
9783656707509
Dateigröße
3608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mailly-Nesle, Louis XV., Ludwig XV. Frankreich, Mätressen
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2014, Die Comtessen de Mailly-Nesle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277620

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