Einführung in die Philosophie Afrikas. Die Tradition der mündlichen Überlieferung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

15 Seiten, Note: gut (2,0)


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung – Was ist afrikanische Philosophie?

2 Die Philosophie Afrikas
2.1. Die Macht des gesprochenen Wortes
2.2. Die Stellung des Weisen in der Gemeinschaft
2.3. Das Gottesbild in Afrika

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung – Was ist afrikanische Philosophie?

Die afrikanische Philosophie ist noch weitestgehend unerforscht und rückt erst seit kurzem in den Blickpunkt der Akademiker. Die noch dünne Literatur ist hauptsächlich in englischer und französischer Sprache verfasst, deutschsprachige Werke zu diesem Thema sind schwer zu finden. Auffallend ist jedoch, dass die meisten Schriften zum Thema afrikanische Philosophie mit der Frage danach eingeleitet werden, ob es afrikanische Philosophie überhaupt gibt. Diese Frage ist ein Ausdruck der Arroganz der Westeuropäer und Amerikaner gegenüber Afrika und seinen Menschen, da sie noch immer auf die Unterstellungen der christlichen Missionare zurückgeht, dass die Afrikaner angeblich keine Kultur und somit kein Geistesleben hätten. Das auch afrikanischstämmige Autoren diese Frage häufig an den Anfang ihrer Untersuchungen stellen ist kein Indiz gegen die Richtigkeit dieser These, sondern nur ein Zeichen für die Verunsicherung und Entfernung von den eigenen Wurzeln, die die jahrhundertealte Fremdherrschaft und Diskriminierung mit sich gebracht hat.

Zunächst muss angefügt werden, dass die Frage „Was ist Philosophie“ im Allgemeinen schwer zu beantworten ist. So schwer, dass sich Gilles Deleuze, einer der letzten herausragenden französischen Philosophen, genötigt sah, das letzte Werk vor seinem Tod, das er zusammen mit dem Psychologen Félix Guattari verfasst hat, mit eben jener Frage zu betiteln.[1] Und dies, obwohl Deleuze sich sein Leben lang mit Philosophie beschäftigt hat, seinen Lebensunterhalt mit ihr verdiente und er einer der Großen in der französischen Philosophie war und mit seinem engen Freund Foucault, aber auch mit Bergson und Sartre in einem Atemzug genannt werden muss.

Wenn wir von der Übersetzung des Begriffs „Philosoph“ ausgehen, und im Philosophen den „Freund oder Liebhaber der Weisheit“ sehen, dann hilft uns dies nur bedingt weiter. „Denn ist der Philosoph nicht deshalb Freund oder Liebhaber der Weisheit, weil er Anspruch auf sie erhebt, weil er sich eher potentiell um sie bemüht, als daß er sie tatsächlich besitzt?“[2] Mit dieser Frage stellt Deleuze den Zusammenhang mit der antiken griechischen Philosophie her. Er bezieht sich auf das sokratische „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und bleibt an dem Punkt, dass die letzte Weisheit nicht erfassbar ist hängen, der uns mit diesem Satz vermittelt wird. Dies reicht ihm jedoch nicht, er möchte die Philosophie anders definiert wissen. „Die Philosophie ist die Kunst der Bildung, Erfindung, Herstellung von Begriffen.“[3] Auch diese Ansicht ist nicht neu und wenn wir diese beiden Kriterien als richtig anwenden, können wir nur zu dem Schluss kommen, dass die Frage ob es afrikanische Philosophie gibt nur bejaht werden kann, denn weder kann ernsthaft bestritten werden, dass es auch auf dem afrikanischen Kontinent Menschen gibt, die sich als Freunde der Weisheit sehen und versuchen das Leben und die Welt der Erscheinungen zu hinterfragen und zu begreifen, noch kann bestritten werden, dass auch in Afrika Begriffe im philosophischen Sinne hergestellt wurden und werden.

In Afrika findet man hauptsächlich eine Art der Philosophie, die sich zwar von der traditionellen europäischen Form unterscheidet, die dennoch als Philosophie anzusehen ist: Weisheitslehren der Alten und Ahnen, meist mündlich und häufig in Form von Sprichwörtern und Volkssagen überliefert. Der aus Mali stammende, dem Volk der Fulbe angehörende, Schriftsteller Amadou Hampâté Bâ prägte in diesem Zusammenhang den Ausspruch „Wenn in Afrika ein Greis stirbt, verbrennt eine Bibliothek“. Prägnanter lässt sich die Bedeutung der mündlichen Überlieferung für Afrika kaum erläutern. Dieses kulturelle Erbe als nicht wertvoll ansehen zu wollen zeugt von einer Arroganz und Ignoranz, die in unserem Kulturkreis leider häufig vorkommt, wenn es darum geht Kulturen außerhalb der Grenzen Westeuropas anzuerkennen.

Gerade die fehlende Schriftlichkeit wird oftmals als Beleg dafür angeführt, dass Afrika angeblich keine Philosophie hat. Doch eben die Frage nach dem Wert der Schrift für eine Kultur ruft große Diskussionen hervor. So lässt der Beniner Paulin J. Hountondji ausschließlich geschriebene Texte als philosophisch relevant gelten.[4] Doch er muss sich dann fragen lassen, ob er Sokrates absprechen möchte, ein Philosoph gewesen zu sein, denn der große Grieche hat nie ein Wort selbst niedergeschrieben, alles was wir heute in schriftlicher Form von ihm vorliegen haben, ist von seinen Schülern niedergeschrieben worden. Wenn diese keines seiner Worte niedergeschrieben hätten, wenn wir keinen Beleg von Sokrates hätten, wäre er dann etwa kein Philosoph gewesen? Auch ohne die Niederschriften seiner Schüler war Sokrates ein Mensch, der mit seinen Mitbürgern philosophische Gespräche geführt hat, der öffentlich diskutiert und disputiert hat und somit unbestreitbar ein Philosoph. Die Schrift war ihm nicht wichtig, sondern das gesprochene Wort.

Auch der bereits erwähnte Amadou Hampâté Bâ gesteht dem gesprochenen Wort eine größere Bedeutung zu als der Schrift: „Daß es keine Schrift gab, hat Afrika niemals seiner Vergangenheit, seiner Geschichte beraubt. (…) Die Schrift ist eine Sache und das Wissen eine andere. Die Schrift ist die Fotografie des Wissens, aber nicht das Wissen selbst. Das Wissen ist ein Licht, das sich im Menschen befindet. Es ist das Erbe von allem, was die Vorfahren erkennen konnten und uns im Keim übermittelt haben, (…)“.[5]

Abgesehen davon besteht die Möglichkeit, dass sich die Schriftsprache unter bestimmten Lebensumständen als nicht vorteilhaft erweist. So gibt es zum Beispiel die Theorie, dass einige westafrikanische Völker sehr wohl recht früh eine Schriftform zum Aufzeichnen von Gesagtem besaßen, diese jedoch aufgegeben wurde, weil sie keine Rolle in der alltäglichen Kommunikation der Menschen spielte.[6] Somit scheint auch die Schrift kein allein relevantes Kriterium für die Beurteilung von Philosophie zu sein.

Gängige Definitionen von Philosophie gehen in die Richtung, Philosophie als Streben nach den Anfangsgründen und den letzten Zielen der Menschheit zu bezeichnen. Es geht darum, Erkenntnis zu gewinnen und dies in allen Bereichen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Philosophie bedeutet, dass Menschen nachdenken, über die Stellung des Menschen zu seiner eigenen Spezies, über den Sinn und Unsinn dieses Lebens und über alle relevanten Punkte, die dieses Leben tangieren. In diesem Sinne sind Kinder die großartigsten Philosophen, denn sie sind von jeder Erscheinung zunächst fasziniert, sie nehmen nichts als einfach gegeben hin, sondern hinterfragen alles. Sie streben somit nach gesicherter Erkenntnis und dies ist die Hauptarbeit des Philosophen. Kinder zeigen auf, dass eine gewisse Naivität bei der Untersuchung komplexer Probleme nicht unbedingt ein Hindernis sein muss, sondern im Gegenteil unter bestimmten Umständen auch hilfreich sein kann. Diese Naivität kann sich auch dahingehend äußern, dass eine Personen- oder Kulturgruppe keine Notwendigkeit darin sieht für ihre Gedanken ein geschlossenes System zu entwickeln. All jenen, die meinen, „richtiges“ Philosophieren kann sich nur in den starren Grenzen eines Systems entfalten, kann entgegengehalten werden, dass gerade jene Grenzen das Denken, den freien, ungezwungenen Fluss der Gedanken behindern. Mit welchem Recht kann behauptet werden, dass sich das Denken nur in dem Vorgang These – Antithese – Synthese richtig entwickeln kann? Der freie Gedankenfluss von Kindern und philosophisch ungeschulten Personen bringt oft genug verblüffende Gedanken hervor, die teilweise tiefere Einblicke in die Geheimnisse der Phänomene gewähren, als dies das beste System zu leisten imstande ist. Es gibt also keinen Grund, die orale Tradition der Afrikaner, ihre von Generation zu Generation überlieferten Weisheitslehren als minderwertig gegenüber den Systemen der europäischen Philosophie anzusehen.

[...]


[1] Deleuze, Gilles/ Guattari, Félix: Was ist Philosophie? Frankfurt/ Main 1996. Es handelt sich bei diesem Werk nicht um eine Einführung, wie der zunächst harmlos erscheinende Titel glauben machen möchte, sondern um ein Anspruchsvolles Buch, das sich an den bereits philosophisch Vorgebildeten Leser richtet.

[2] ebnd., S. 7f

[3] ebnd., S. 6

[4] Hountondji, P. J.: African Philosophy. Myth and reality, London 1983, S. 55

[5] Hampâté Bâ, Amadou: Jäger des Wortes. Eine Kindheit in Westafrika, Wuppertal 1993, S. 211. Der Autor stammt aus Mali und gehört dem Volk der Fulbe an. Obwohl es sich bei dem zitierten Werk um einen autobiographischen Roman und nicht um Fachliteratur handelt, sehe ich es in Bezug auf afrikanische Traditionen als zitierfähig an, da der Autor nicht nur ein Schriftsteller und Dichter war, sondern auch Ethnologe, Historiker und Religionswissenschaftler. Ich gehe darum davon aus, dass seine Aussagen über afrikanische Traditionen in dem zitierten Werk keine Fiktion sind, sondern der Wahrheit entsprechen.

[6] Wiredu, K. : Philosophy and an African culture, Cambridge 1980, S. 40, Fußnote

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Einführung in die Philosophie Afrikas. Die Tradition der mündlichen Überlieferung
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Philosophie)
Note
gut (2,0)
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V27768
ISBN (eBook)
9783638297288
ISBN (Buch)
9783638882712
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit untersucht das philosophische Denken in Westafrika, insbesondere bei den Ethnien der Fulbe aus Mali und der Akan aus Ghana. Der Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung der Wichtigkeit der mündlichen Überlieferung.
Schlagworte
Einführung, Philosophie, Afrikas, Tradition
Arbeit zitieren
M. A. Markus Renner (Autor), 2001, Einführung in die Philosophie Afrikas. Die Tradition der mündlichen Überlieferung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27768

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