Nichts, was bleibt. Die ostasiatische Ästhetik des wabi-sabi in der westlichen Digitalfotografie


Vordiplomarbeit, 2014

104 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Erkenntnisleitendes Interesse dieser Arbeit

Wissenschaftliches Vorgehen

Kapitel 1 - Exposition
1.1 - Auf den ersten Blick
1.2 - Mehr als Form
1.3 - wabi-sabi in der japanischen Fotografie

Kapitel 2 - Analyse
2.1 Auf den zweiten Blick
2.1.1 - Strukturierung nach Leonard Koren
2.1.2 - Strukturierung nach Helmut Schneider
2.1.3 - Strukturierung nach Andrew Juniper
2.2 - Zum Kern des wabi-sabi
2.2.1 Kategorisierung der philosophischen Attribute
2.2.2 - Kategorisierung der materiellen Attribute
2.2.3 - Beispielhafte Untersuchungen
2.2.4 - Folgerung
2.3 - Semiotik des wabi-sabi
2.3.1 - Eine Frage der Verhältnismäßigkeiten
2.3.2 - Semantisches Verhältnis
2.3.3 - Syntaktisches Verhältnis
2.3.4 - wabi-sabi-Symbole
2.3.5 - Aussichten auf die fotografische Bildsprache
2.4 - Fotografische Bedeutungen
2.4.1 - Paradoxe Botschaften
2.4.2 - Fotografische Denotation und Konnotation
2.4.3 - Undeutliche Mehrdeutigkeiten
2.4.4 - Steuerung der Bedeutung: Konnotation
2.4.5 - Steuerung der Rezeption: Text
2.4.6 - Notwendigkeit des wissenden Rezipienten
2.4.7 - Bildästhetik muss nicht verstanden werden

Kapitel 3 - Applikation
3.1 - Status Quo
3.2 - Entwicklung der Bildsprache
3.3 - Fotografischer Code des wabi-sabi
3.3.1 - Konnotationssignifikat Vergänglichkeit
3.3.2 - Konnotationssignifikat Imperfektion
3.3.3 - Konnotationssignifikat Unvollständigkeit
3.3.4 - Konnotationssignifikat Natürlichkeit
3.3.5 - Konnotationssignifikat Simplizität
3.3.6 - Konnotationssignifikat Unergründlichkeit
3.4 - Praktische Umsetzung
3.4.1 - Bildanalyse: Bemooste Holzbank
3.4.2 - Bildanalyse: Spinnweben vor Kellerfenster
3.4.3 - Bildanalyse: Tattoo auf Haut
3.4.4 - Bildanalyse: Gealtertes Gesicht
3.5 - Gestaltung des Bildbandes

Fazit

Appendix

Quellenverzeichnis

Literatur

Online-Quellen

Abbildungsverzeichnis

Sonstiges

Über diese Ausgabe

Aufgrund von lizenzrechtlichen Bestimmungen mussten

manche Abbildungen geschwärzt werden. Obwohl diese Abbildungen im Zusammenhang mit dem Inhalt stehen, sind diese zum Verständnis nicht essenziell nötig.

Vorwort

Jeden Tag werden über 350 Millionen Fotos auf Facebook

veröffentlicht. Das ist einer Investorenmitteilung von Facebook zu entnehmen, die im Januar 2013 veröffentlicht wurde. Mittlerweile dürften es also täglich noch einige tausende Fotos mehr sein. Allein auf Facebook, ohne alle anderen Plattformen im Internet und ohne die nicht-digitale Welt.

Was bedeutet das für die Fotografie? Es wird nicht versucht diesen komplexen Sachverhalt zu beurteilen. Die Frage kann aber möglicherweise hinsichtlich der persönlichen Herange- hensweise interessant sein. Manche Fotografen verlieren ange- sichts dieser Bilderflut möglicherweise den Spaß am Fotogra- fieren. Fotografen, die den Eindruck haben, als hätten sie alle Fotos, die sie machen und machen werden, bereits schon ein- mal irgendwo gesehen, weil irgendwer dieses oder ein sehr ähnliches Foto bereits veröffentlicht hat. Diese Fotografen ha- ben möglicherweise eher Interesse daran, ihre Fotos zu machen. Fotos mit persönlichem Fingerabdruck. und ohne Druck, die ei- genen Fotos mit anderen messen zu müssen. Mit dem Zuge- winn an Technik steigt doch allgemein auch die Erwartungs- haltung an Fotografen, diese Technik möglichst oft und effektiv zu benutzen. Fotos ohne Bildbearbeitung sind kaum noch denk- bar und mittlerweile heißt es auch hier »höher, besser, weiter«, will der Fotograf noch wahr- und ernstgenommen sein. Kann das wirklich alles sein? Gibt es in der Welt der Fotografie nicht mehr?

Vielleicht sollte zuerst ein Rückzug vollzogen werden, um Abstand zu gewinnen. Es ist immer wieder zu hören, dass Menschen, möchten sie Ruhe vor der immer schnelleren und lauteren Plastikwelt finden, sich zeitweise in Kloster zurückziehen, anfangen zu meditieren oder auswandern. Bedeutet die Suche nach fotografischem Neuland also den Besuch in einem Kloster oder das Aufsuchen eines anderen Landes?

Vielleicht muss so weit nicht gegangen werden, doch ist der Gedanke an andere Länder nicht so weit hergeholt. Ost-Asien, speziell Japan, wird oft genannt, wenn es um den kulturellen Kontrast von Ost und West geht. Vielleicht ist es dort die Lösung für neue fotografische Ansätze zu finden?

Wer bereits einmal mit japanischer Gestaltung in Kontakt kam, ist eventuell auf den Begriff wabi-sabi gestoßen, eine Form der Ästhetik die etwas mit Minimalismus und Natürlichkeit zu tun hat.

Während der Suche nach neuen fotografischen Wegen mag dies bereits ausreichen, um sich eingehender damit befassen zu wollen. Wenn davon die Rede ist, dass es eine Form asiatischer Ästhetik sei, dann sollte sie auch irgendwie visuell wahrnehm- bar sein. Was dann, zumindest in der Theorie, bedeuten wür- de, dass diese von Fotografen beansprucht werden kann. Viel- leicht ist diese ost-asiatische Art zu fotografieren schließlich die Antwort auf die zunehmende Abstumpfung gegenüber der »ty- pisch westlichen Facebook-Fotografie«1.

Erkenntnisleitendes Interesse dieser Arbeit

- Was ist wabi-sabi ? Was sind seine wesentlichen identitätsstiftenden Eigenschaften als eigenständige Ästhetik?
- Wie ist das Verhältnis von Inhalt und Artikulation? Wie werden Dinge mit wabi-sabi assoziiert?
- Kann sich die zeitgenössische Digitalfotografie die Ästhetik des wabi-sabi beanspruchen?
- Wenn dies möglich ist, inwiefern ließe sich eine fotografische wabi-sabi Bildsprache entwickeln und wie müsste diese gestaltet sein?

Wissenschaftliches Vorgehen

Um das Thema zu untersuchen, wird die wissenschaftliche Methode der Textanalyse angewandt. Im ersten Schritt wird dabei mit Hilfe unterschiedlichster Fachliteratur versucht, das weit umfassende Feld des wabi-sabi inhaltlich zu überblicken und auf, für die Arbeit wichtige Inhalte, einzugrenzen. Dies müsste Aufschluss darüber geben, was die wesentlichen identi- tätsstiftenden Attribute des wabi-sabi sind und wie diese in der Welt wahrnehmbar werden.

Darauffolgend werden diese Informationen genutzt, um eventuell vorhandene semiotische Eigenschaften des wabi-sabi und seiner Artikulationsformen zu analysieren, woraus sich möglicherweise ableiten lässt, wie genau die unterschiedlichen Artikulationen mit wabi-sabi in Verbindung stehen. Dies kann Aufschluss darüber geben, ob und wie die Fotografie eine dieser Ausdrucksformen werden kann.

Daran anknüpfend wird die Fotografie hinsichtlich ihrer Möglichkeiten untersucht, sie mit einer komplexen Bedeutung zu versehen. Für diese Fragestellung scheint insbesondere die Literatur Roland Barthes zur »Bildrhetorik« und »Botschaft des Bildes« geeignet zu sein. In diesen Essays widmet er sich der Untersuchung von Werbebildern. Also solcher Fotografien, die schon von vorneherein dazu geschaffen wurden, bestimmte Be- deutungen zu kommunizieren.

Die Hypothese lautet, dass es im Anschluss möglich ist, ei- nen fotografischen Stil, eine Bildsprache, des wabi-sabi zu entwickeln und anzuwenden.

Anmerkung

Wann immer in der vorliegenden Arbeit von »Ost« oder »West« die Rede ist, sei damit lediglich auf die rein symboli- sche Natur dieser beiden Begriffe verwiesen. Vergleichbar mit der Nennung berühmter Namen oder Ereignisse, welche auf et- was anderes verweisen sollen. In diesem Fall meint es die Pola- risierung in Kultur, Philosophie und Werten, die zumindest zwi- schen dem historischen Japan und dem historischen Westen existierte, heute jedoch immer undeutlicher wird.

Kapitel 1 - Exposition

1.1 - Auf den ersten Blick

Beim ersten Kontakt mit der sinnlich erfahrbaren Ästhetik des wabi-sabi, würde diese wohl kaum auffallen. Fehlt dem Be- trachter das Wissen um diese besondere japanische Ästhetik, würde er die meisten Erscheinungsformen vielleicht mit den Adjektiven »schlicht, einfach, grob und ungestaltet« beschrei- ben. So falsch läge dieser Betrachter jedoch mit seiner Beob- achtung nicht, denn in der Tat stehen diese Eigenschaften mit wabi-sabi in Verbindung.

Andrew Juniper beschreibt wabi-sabi als Ausdruck der Schönheit, die im kurzen Übergang des Entstehens und Verge- hens des Lebens stattfände, der Freude und auch Melancholie, die uns zu Menschen machten. Wabi-sabi sei, ebenso wie seine philosophische Grundlage Zen-Buddhismus, sehr subtil.1

Ähnlich ist die erste Umschreibung von Leonard Koren.

Wabi-sabi sei die Bezeichnung der Schönheit unvollkommener, vergänglicher und unvollständiger Dinge, welche anspruchslos, schlicht und unkonventionell erscheinen.2

1.2 - Mehr als Form

Wabi-sabi selbst ist eine der Ausprägungen japanischer Äs- thetik und gleichzeitig eines ihrer klassischen Ideale. Es ent- stand im Laufe von circa 1000 Jahren unter großem Einfluss des Zen-Buddhismus, was sich unter anderem darin äußert, dass wabi-sabi nicht nur als sinnlich erfahrbare Ästhetik, sondern als untrennbare Gemeinschaft von Kunst und Philosophie verstan- den wird.3 Laut Koren bilde Wabi-sabi ein, auf sich selbst bezo- genes, umfassendes ästhetisches System mit metaphysischen, spirituellen, moralischen, geistigen und körperlich-stofflichen Inhalten.4 Es wird sehr deutlich, dass wabi-sabi nicht bloß als formaler Ausdruck einer ostasiatischen Vorstellung von Schön- heit zu verstehen ist, wie die westliche Kultur möglicherweise bei der Nutzung des Begriffs Ä sthetik geneigt wäre. Da im wabi-sabi besonders viele der geistig-philosophischen Lehrsätze des Zen durch unterschiedlichste, gegenständliche Ausdrucksformen veranschaulicht wurden, wird es auch als »Zen der Dinge«5 bezeichnet. Sein größter kultureller Einfluss in Japan entwickelte sich im 16. Jahrhundert durch den Tee-Meis- ter Sen no Rikyû. Dies wirkte sich unter anderem deutlich auf die Ausgestaltung des japanischen Tee-Wegs aus.6

Koren begründet den hohen Stellenwert im Gesamtfeld der japanischen Ästhetik damit, dass es die auffallendste und cha- rakteristischste Ausprägung dessen sei, was sich heute unter traditioneller japanischer Schönheit vorgestellt werde. Wabi- sabi könne in seiner umfassendsten Ausprägung die Lebens- führung beeinflussen oder in seiner geringsten Ausprägung eine bestimmte Art von Schönheitsempfinden sein.7

1.3 - wabi-sabi in der japanischen Fotografie

Die Annahme, dass der Einfluss einer so wichtigen kultur- philosophischen Strömung, wie die des wabi-sabi, sich in allen Bereichen einer Gesellschaft widerspiegeln müsse, erscheint nicht abwegig. Dieser Annahme folgend, müsste es also mög- lich sein, die Ausprägungen des wabi-sabi auch in der japani- schen Fotografie-Geschichte zu untersuchen, um ohne Umwe- ge eine Antwort auf die zentrale Fragestellungen dieser Arbeit zu erhalten: Wie sieht die fotografische Bildästhetik des wabi- sabi aus?

Es ist bereits durch die Existenz der vorliegenden Arbeit deutlich gemacht, dass das Vorgehen so einfach nicht sein kann. Folgende Gründe wären zu nennen: Wabi-sabi ist ein sehr al- tes Konzept. Obwohl der genaue Entstehungszeitpunkt nicht genau datierbar ist, kann davon ausgegangen werden, dass vor circa 1000 Jahren erste Bewegungen in die Richtung einer ei- genständigen Ästhetik stattfanden.8 Selbst wenn sich auf den

Höhepunkt der Ausgestaltung und Einflussnahme bezogen würde, liegt dieser über 400 Jahre zurück. In den folgenden Jahrhunderten schrumpfte der kulturelle Einfluss immer wei- ter.9 Heute ist der Einfluss fast nur noch in institutionalisierten Einrichtungen, die als eine Art lebendiges Museum fungieren, zu spüren.10 Das liegt zum einen an der Art und Weise, wie das Wissen um wabi-sabi von Generation zu Generation überliefert wurde und zum anderen reglementieren später familiäre Struk- turen diese Lehre und Weitergabe.11 Viel schwerer wiegen aber die Neustrukturierung der japanischen Gesellschaft während der Meji-Restauration im 18. Jahrhundert, sowie der Einfluss von westlichen Werten und Idealen durch die Öffnung Japans im 19. Jahrhundert. Insbesondere durch den zweiten Weltkrieg und die folgende Besatzungszeit wurden die westlichen Ein- flüsse auf die japanische Gesellschaft verstärkt.12 Ebenso kann auf historisch-zeitgenössische Aufzeichnungen zu wabi-sabi nicht zurückgegriffen werden. Es liegt beziehungsweie lag in der Natur des wabi-sabi, dass die Anwender dieser Ästhetikvor- stellung, wie Mönche, Künstler und Priester, eher praktischer Natur waren und sich mit Theorie nicht befassten.13 Heute findet sich der unmittelbare Einfluss des wabi-sabi vermutlich nur noch in streng traditionellen Künsten, wie dem Ikebana, dem Bonsai, dem japanischen Teeweg, der Gestaltung japanischer Gärten, historischer japanischer Architektur oder

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 01 Matsudaira Tadanori, Herrscher des Ueda Gebiets mit drei Gefolgsleuten. Ueno Hikoma Ambroypie 1860-er

anderen bewahrten Formalismen14. Ästhetischen Ausdrucksfor- men also, die schon zu Hauptwirkzeiten des wabi-sabi existier- ten und deutlich von diesem beeinflusst werden konnten.

Die Fotografie, als westliche Technologie, hielt erst nach der Öffnung Japans in der Gesellschaft Einzug und verbreitete sich parallel mit ihrer Verwestlichung.15 Es ist nun anzunehmen, dass diese, wenn überhaupt, nur sehr gering beeinflusst werden konnte. Anhand einer Vielzahl der, in entsprechenden Fotobän- den auftauchenden, japanisch-historischen Fotografien scheint es vielmehr so, dass Japaner mit der neuen Technik nicht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 02 Japanische Frau mit Lang ä rmel-Kimono. Kusakabe Kimbei Handcolorierte Albuminfotografie ca. 1880

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 03 Imperiale Truppen vor der Osaka Pr ä gest ä tte. Uchida Kuichi Albuminfotografie 1872

traditionell japanisch zu fotografieren lernten, sondern die neu- en Möglichkeiten hauptsächlich unter Vorbildnahme der west- lichen Fotografen nutzten.16 Beispielsweise für typisch westli- che Portraitfotografie, Kriegsdokumentation oder zur Schaffung von fremdenverkehrsfördernder Souvenirs, wie die, von Kusaka- be Kimbei professionalisierte japanische Souvenierfotografie (siehe Fotobeispiele).17 Tanizaki Jun‘ichiro gibt zu überlegen, wie sich Japan wohl entwickelt hätte, wenn es eine, vom Westen ge- trennte, eigenständige wissenschaftlich-technische Zivilisation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 04 Zerstörtes russi- sches Kriegsschiff. Otsuka Tokusaburo Negativabzug 04.02.1905

hervorgebracht hätte.18 Wenn es eine, von der westlichen Art und Weise vollkommen unabhängig entwickelte, japanische Fo totechnik gegeben hätte, wäre eine typisch japanische Art der Fotografie heute vermutlich deutlicher zu spüren.

Vielleicht liegt die Schwierigkeit der Untersuchung histori- scher japanischer Fotografie, aber auch einfach darin begründet, dass ihr in der westlich-interkulturellen Aufzeichnung einfach nicht genug Beachtung entgegen kam und somit viele Entwick- lungen, insbesondere zur Anfangszeit, heute nicht mehr nach- vollziehbar sind.19

Einer fotografischen Bildsprache im Stil des wabi-sabi ist so- mit durch einer einfache Untersuchung der japanischen Fo- tografie, sei sie auch noch so historisch, nicht auf die Spur zu kommen. Es scheint vielmehr so zu sein, dass eine mögliche fo- tografische Umsetzung des wabi-sabi bisher noch nicht umfas- send beschrieben wurde.

Randbemerkung

An dieser Stelle die kurze Ergänzung, dass nicht jede tradi- tionell-japanische Erscheinung automatisch ein Anzeichen für wabi-sabi darstellt, das es zu untersuchen gilt. Genauso wie die westlich geprägte Welt in ihrer Geschichte unzählige Kunstrich- tungen und Ausdrucksweisen hervorgebracht hat, gibt es auch im asiatischen, neben dem wabi-sabi, eine Vielfalt von mehr oder weniger sichtbar ausgestalteten, ästhetischen Ausdrucks- formen.

Kapitel 2 - Analyse

2.1 Auf den zweiten Blick

Es kann für die Fragen dieser Arbeit nicht genügen, nur die Oberfläche des wabi-sabi zu betrachten. Es muss tiefer in die Materie eingestiegen werden. Denn es soll nicht nur darum ge- hen, zu wissen in welcher Form sich wabi-sabi in der Welt ma- terialisiert, sondern auch warum die jeweiligen Formen so sind, wie sie sind. Bereits mehrere Autoren versuchten die umfassen- den Inhalte des wabi-sabi zu beschreiben und zu strukturieren. Die aufgestellten Strukturen, sowie ihr inhaltlicher Umfang, sind dabei so unterschiedlich, wie die Menge der Autoren um- fangreich ist. Im folgenden werden drei exemplarische Struktu- rierungen gezeigt.20

2.1.1 - Strukturierung nach Leonard Koren

Metaphysische Basis
- Dinge gehen entweder ins Nichts über oder entwickeln sich aus dem Nichts

Geistige Werte
- Wahrheit kommt aus der Beobachtung der Natur
- Größe findet sich in den unscheinbaren und leicht übersehbaren Details

Geisteshaltung
- Akzeptieren des Unvermeidlichen
- Anerkennung der kosmischen Ordnung

Moralische Vorschriften
- Befreie dich von allem Unnötigen
- Konzentriere dich auf das Eigentliche und ignoriere die materielle Hierarchie

Stoffliche Qualitäten

- Hinweis auf den natürlichen Prozess
- Unregelmäßig
- Vertraut
- Bescheiden
- Erdverbunden
- Dunstig-trübe
- Einfach21

2.1.2 - Strukturierung nach Helmut Schneider

Unterscheidung nach Geltungsbereichen

- Bereich des ästhetischen Erlebens und ästhetischen Erfahrung durch Objekte oder Handlungen
- Ästhetisches Ding oder Objekt, natürlich oder künstlich, das wabi-sabi repräsentiert
- wabi-sabi in den traditionellen japanischen Wegkünsten, Tee-Weg, Dichtung, Ikebana

Grundbegriffe nach Shin‘ichi Hisamatsu22

- Unebenmäßigkeit, Asymmetrie
- Schlichtheit
- Herbe, Würde oder Strenge
- Natürlichkeit
- Unergründlichkeit
- Entweltlichung
- Stille

Weitere grundlegende Aspekte, Strukturen, Merkmale

- Das Alte und Bewährte
- Das Kleine, Niedrige, Unbedeutende
- Das Beschädigte
- Vergänglichkeit - der vorübergehende Augenblick
- Knappheit der Artikulierung23

2.1.3 - Strukturierung nach Andrew Juniper

Vier Lehren des wabi-sabi

- Alles im Universum ist im ständigen Fluss, aus dem Nichts kommend oder ins Nichts zurückgehend.
- Wabi-sabi -Kunst ist in der Lage, die wesentliche Weisheit der Vergänglichkeit zu verkörpern oder auf sie hinzuweisen.
- Wabi-sabi Ausdrucksformen zu erleben, kann eine ruhige Besinnung auf die Vergänglichkeit allen Seins erzeugen.
- Durch die Wertschätzung dieser Vergänglichkeit kann unser Leben aus neuer, ganzheitlicher Perspektive betrachtet werden.

Zusatz: Weltliche Manifestationen des wabi-sabi

Die Mehrheit der Autoren ist sich darüber einig, dass die Ein- flüsse des Zen-Buddhismus und des wabi-sabi sich insbeson- dere in der ästhetischen Ausgestaltung der folgenden Formen zeigt:24

- Japanische Keramik
- Japanischer Tee-Weg25 und seine Utensilien
- Japanische Gartengestaltung, Zen-G ä rten
- Bonsai26
- Ikebana27
- Haiku-Dichtung28
- No Theater

2.2 - Zum Kern des wabi-sabi

Wie erkennbar ist, gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Be- trachtungsweisen, Kategorisierungen und Interpretationen. In ihren Kerninhalten liegen alle sehr dicht beieinander. Lediglich in den einzelnen Interpretationen gibt es teilweise unterschied- liche Ausformulierungen. Um nun die wesentlichen, identitäts- stiftenden Eigenschaften des wabi-sabi thematisch strukturiert aufzuführen und zu analysieren, ist eine Kategorisierung si- cherlich sinnvoll. Es bleibt die Frage, ob eine der bereits aufgeführten Kategorisierungen genutzt wird, oder das Erstellen einer eigenen in Betracht kommt.

Im Umfang dieser Arbeit wird eine eigene Kategorisie- rung gewagt, die besonderen Wert darauf legt, Kategorien zu definieren, deren visuelle Umsetzung möglich ist. Dazu wer- den alle Inhalte der, hier bereits aufgeführten Kategorisierun- gen, gesammelt und neu sortiert. Diese Neustatuierung ori- entiert sich grob an Leonard Korens Modell. Zudem wird eine Trennung zwischen immateriellen, philosophischen Merkma- len und physischen Merkmalen des wabi-sabi vorgenommen. Dies erscheint sinnvoll, da die physischen Erscheinungen auf den philosophischen Inhalten basieren und deshalb eher als beispielhafte Formen und weniger als Regularien des wabi-sabi aufgefasst werden. Nach der Neustrukturierung bleiben sechs unterschiedliche, an ihren Rändern ineinandergreifende Merkmalfelder, die im Rahmen dieser Arbeit als Hauptattribute des wabi-sabi bezeichnet werden.

2.2.1 Kategorisierung der philosophischen Attribute

I - Vergänglichkeit

Alles ist vergänglich und wird irgendwann aufhören zu exis- tieren. Dies umfasst stoffliche Dinge, wie Pflanzen, Steine, Men- schen, Planeten und Sterne und behinhaltet ebenso imaterielle Dinge, wie Ruhm, Reichtum, Wissen, Kunst, Gestaltung und der- gleichen. Dies wird irgendwann verschwinden, vergessen wer- den und im Nichts enden.29

II - Imperfektion

Nichts, das existiert, ist ohne Mängel. Je deutlicher, genau- er, länger die Dinge betrachtet werden, desto deutlicher treten Unzulänglichkeiten hervor. Es gibt keine Perfektion. Das Altern, das in die Brüche gehen, das Annähern an den Ursprung der Dinge, steigern diesen Zustand der Unvollkommenheit noch weiter.30

III - Unvollständigkeit

Alle Dinge, auch das Universum selbst, befinden sich in einem ständigen Prozess des Werdens und Vergehens. Der Mensch neigt dazu, Momente in diesem Prozess als »beendet«

[...]


1 Diese Worte sind selbstverständlich bewusst polemisch gewählt.

1 vgl. Juniper, wabi sabi, S. 1. f.

2 vgl. Koren, wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer, S. 7.

3 vgl. Juniper, wabi sabi, S. 1 f.

4 vgl. Koren, wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer, S. 40.

5 Koren, ebd., S. 16.

6 vgl. ebd., S. 31 f; vgl. Schneider, In: Ästhetik des Zen-Buddhismus, S. 80 f.

7 vgl. Koren, wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer, S. 21.

8 vgl. ebd., S. 30; vgl. Juniper, wabi sabi, S. 1.

9 vgl. Koren, wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer, S. 75 f.

10 vgl. ebd., S. 35.

11 vgl. ebd., S. 16 f.

12 vgl. ebd. S. 75 f.

13 vgl. Schneider, In: Ästhetik des Zen-Buddhismus, S. 77.

14 vgl. Juniper, wabi sabi, S. 2.

15 vgl. Wilkes Tucker, The History of Japanese Photography, S. 3.

16 vgl. Wilkes Tucker, The History of Japanese Photography, S. 5 ff.

17 vgl. Mio Wakita: Staging Desires. Japanese Femininity in Kusakabe Kimbei‘s Nineteenth Century Souvenir Photography.

18 T. Jun‘ichiro, Lob des Schattens, S. 18 ff.

19 vgl. Wilkes Tucker, The History of Japanese Photography, S. 2 f.

20 Koren, Wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer, S. 40.

21 vgl. Schneider, In: Ästhetik des Zen-Buddhismus, S. 78 f.

22 vgl. ebd., zit. n. Hisamatsu, Shin‘ichi: Kunst und Kunstwerke im Zen- Buddhismus. In: Ohashi, Ryôsuke (Hrsg.): Die Philosophie der Kyôto-Schule. Texte und Einführung, Freiburg/München: Alber 1990, S. 236-249.

23 vgl. Juniper, wabi sabi, S. 27.

24 vgl. Juniper, wabi sabi, S. 2.

25 In westlichen Sprachen ist der Begriff Tee-Zeremonie geläufig. Da es sich aber nicht um ein religiöses oder mythologisches Ritual und ebenso wenig um ein gesellschaftliches oder politisches Zeremoniell handelt, ist diese Übersetzung nicht ganz korrekt.

26 Eine Form der Miniaturgartenkunst, Bonsai-Baum

27 Japanische Kunst des Blumenarrangements

28 Spezielle Form der japanischen Dichtung

29 vgl. Koren, wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer, S. 45 f.

30 vgl. ebd., S. 47.

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Nichts, was bleibt. Die ostasiatische Ästhetik des wabi-sabi in der westlichen Digitalfotografie
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln  (KISD Köln International School of Design)
Veranstaltung
Intermediate Project
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
104
Katalognummer
V277685
ISBN (eBook)
9783656721093
Dateigröße
1427 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aus urheberrechtlichen Gründen sind manche Fotos in der Arbeit geschwärzt. Diese Fotos können anhand der Bildbeschreibungen selbst recherchiert werden.
Schlagworte
Andrew Juniper, Roland Barthes, wabi-sabi, Asien, Ästhetik, Bildrhetorik, Japan, Vergänglichkeit, Bildästhetik, Fotografie, Digitalfotografie, Leonard Koren, Objektrhetorik, Fotografische Botschaft, Rhetorik des Bildes, Semiotik, Bildsemiotik, wabi, sabi, Bildbearbeitung, Bildstil, Fotostil, Bildsprache, Fotograf, Design, Produktsprache
Arbeit zitieren
Manuel Kniepe (Autor), 2014, Nichts, was bleibt. Die ostasiatische Ästhetik des wabi-sabi in der westlichen Digitalfotografie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277685

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