Heilpädagogisches Reiten für geistig behinderte Menschen


Akademische Arbeit, 2006
42 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Heilpädagogisches Reiten für geistig behinderte Menschen
1.1 Die Anfänge des heilpädagogischen Reitens
1.2 Warum heilpädagogisches Reiten für geistig Behinderte?
1.3 Zielsetzungen und Möglichkeiten beim heilpädagogischen Reiten mit geistig Behinderten
1.3.1 Die ganzheitliche Förderung des Einzelnen und der betroffenen Gruppe
1.3.2 Lernprozesse
1.4 Voraussetzungen zur Durchführung des heilpädagogischen Reitens mit geistig behinderten Menschen
1.4.1 Das geeignete Reittier
1.4.2 Die Ausrüstung des Pferdes
1.4.3 Der Ort der Durchführung- Reithalle/ Reitplatz
1.4.4 Der Reiter und seine Ausrüstung
1.4.5 Der Reittherapeut - - seine Ausbildung, seine Aufgaben und sein Verhalten
1.5 Methodische Vorgehensweise beim heilpädagogischen Reiten
1.5.1 Die emotionale Kontaktaufnahme zum Pferd (nach Marianne Gäng)
1.5.1.1 Die Phasen der emotionalen Kontaktaufnahme
1.5.2 Von den ersten Übungen auf dem Pferd zum selbstständigen Reiten
1.5.3 Das Versorgen des Pferdes nach dem Reiten
1.5.4 Methodische Grundsätze
1.6 Grenzen des Heilpädagogischen Reitens

2. Zur Finanzierung des Therapeutischen Reitens - Leistungserbringer und Kostenträger

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Quellenangaben

Abbildungsnachweise

Abkürzungsverzeichnis

1. Heilpädagogisches Reiten für geistig behinderte Menschen

Auf das heilpädagogische Reiten als Förderungs- bzw. Therapiemöglichkeit für geistig behinderte Menschen wird in den folgenden Seiten als Schwerpunkt dieser Arbeit, eingegangen.

Das Heilpädagogische Reiten/Voltigieren ist ein pädagogisches, psychologisches und sozio- integratives Förderangebot für Menschen mit verschiedensten Behinderungen.

Die individuelle und soziale Entwicklung von geistig behinderten Menschen wird durch den Umgang mit speziell ausgebildeten Pferden günstig beeinflusst. Die besonderen Eigenschaften des Pferdes machen es dabei zum idealen Partner in der Therapie von Menschen mit Behinderungen, auch mit schwersten Behinderungen.

1.1 Die Anfänge des heilpädagogischen Reitens

Die ersten Ansätze des heilpädagogischen Reitens waren laut Wilhelm Kaune um 1975/76 in mehreren Gebieten der Bundesrepublik.

In Norddeutschland wurde es besonders durch die Lebenshilfeeinrichtungen in Walsrode, Lüneburg und Gifhorn sowie durch die Sonderschule für geistig Behinderte in Bad Schwartau bekannt. Der Einsatz vom Pferd spezifisch mit geistig Behinderten wurde in Ludwigshafen- Oggersheim und in Köln durch das Reittherapie Zentrum „Weisser Bogen“ bekannt gemacht. Während hier hauptsächlich das heilpädagogische Reiten im Vordergrund stand, wurde im Norden eher das heilpädagogische Voltigieren praktiziert.

Um 1980 wurde das Thema theoretischer erörtert indem Praktiker begannen, ihre Erfahrung mit geistig Behinderten durch Vorträge und Filme bekannt zu machen. 1982 erschien das erste Buch von Wilhelm Kaune „Das heilpädagogische Voltigieren mit geistig Behinderten Schülern“, in dem die Arbeit mit dem Pferd theoretisch begründet wurde und methodisch- didaktische Anregungen zum heilpädagogischen Reiten (und Voltigieren) mit geistig Behinderten gegeben wurden.

1982 wurde außerdem beim internationalen Kongress für Therapeutisches Reiten in Hamburg ein Referat von W. Kaune über die Überlegungen zur Förderung geistig Behinderter durch das Heilpädagogische Reiten einem internationalen Publikum vorgestellt. Auf diesem Kongress wurde dieses Thema durch W. Kaune und Astrid Lampe auch an praktischen Beispielen dargestellt, indem mit einer integrativen Gruppe gearbeitet wurde, die darstellen sollte, dass die Arbeit mit dem Pferd auch die Möglichkeit gemeinsamen Handelns von behinderten und nicht behinderten Menschen eröffnet.

(vgl. Kaune 1993, S. 15 f)

Mittlerweile ist das heilpädagogische Reiten (und Voltigieren) weit verbreitet und man weiß seine Möglichkeiten und Erfolge für die betroffenen Gruppen (wie geistig Behinderte) zu schätzen.

1.2 Warum heilpädagogisches Reiten für geistig Behinderte?

Geistig behinderte Menschen fallen in der Gesellschaft aufgrund ihres Erscheinungsbildes und aufgrund ihrer Verhaltensweisen auf. Sie leiden unter Störungen in der Aufnahme, Verarbeitung und Wiedergabe, haben Beeinträchtigungen in Fein- und Grobmotorik, Schwierigkeiten in der sprachlichen und nicht- sprachlichen Kommunikation und Interaktionen, verstärktes Auftreten von Angst und weitere „Auffälligkeiten“ die ich im bisherigen Text schon näher erläutert habe. Durch diese „Auffälligkeiten“ werden sie von der Gesellschaft teilweise ausgeschlossen und von dem Einzelnen „anders“ behandelt als ein Nicht- Behinderter. Das kann sich durch abstoßende Reak­tionen oder auch durch Mitleid äußern, welches beides nicht angenehm für den Betroffenen ist.

Das Pferd geht ohne Vorurteile und jegliche negative Äußerungen auf den geistig Behinderten zu, schließt ihn nicht aus und „behandelt“ ihn genauso wie jeden anderen auch. Er wird so angenommen wie kaum irgendwo. Somit hat der Betroffene meistens eine ganz andere Moti­vation zur Therapie als in anderen Therapiebereichen. In erster Linie wird sein Bedürfnis nach positiver Zuwendung befriedigt und seine sozialen Fertigkeiten werden trainiert, indem es dem Betroffenen den Kontakt und der soziale Betätigung verschafft.

Zudem verschafft sich das Pferd nur durch seine Gestalt dem Be­troffenen gegenüber Respekt, Angst, Bewunderung und Liebe, alles wichtige Aspekte, mit denen der geistig Behinderte lernen muss um­zugehen und wichtige Aspekte um pädagogisch zu arbeiten.

(vgl. Kaune 1993, S. 41 f;Gäng 2004, S. 28 f)

1.3 Zielsetzungen und Möglichkeiten beim heilpädagogischen Reiten mit geistig Behinderten

(Lern-)Ziele beschreiben die erwünschten Fähigkeiten, über die der Lernende am Ende des Lernprozesses verfügen sollte. (Kaune 1993, S. 85)

In erster Linie ist es notwendig sich über die Ziele und Möglichkeiten des heilpädagogischen Reitens Gedanken zu machen, um die Therapiestunden sinnvoll zu planen und sie auf die einzelne Person oder/und auch auf die ganze Gruppe auszurichten.

Dazu muss man sagen, dass es beim heilpädagogischen Reiten anders ist als beim heilpädagogischen Voltigieren. Meistens geht es um den Einzelnen, denn heilpädagogisches Reiten findet oft und vor allem in den ersten Stunden mit einer Person statt, nicht wie beim heilpädagogischen Voltigieren in einer Gruppe. Später kann es dann zu Zweier- oder Dreiergruppen kommen. Trotzdem sind auch anfangs häufig mehrere Personen am Ort. Da gibt es Zuschauer, Reiter - die schon auf ihre Stunde warten, da gibt es welche die schon geritten sind, aber bei der nächsten Reitstunde helfen, indem sie z.B. das Pferd führen. Dann sind da der Therapeut und seine Helfer, manchmal auch (je nach Fähigkeit der Reiter) mehrere Reiter in der Halle und es wird hinterher und vorher oft gemeinsam das Pferd gepflegt.

Deshalb werden im Folgenden nicht nur Ziele, die sich auf den Einzelnen, sondern auch Ziele die sich auf die Gruppe beziehen, erläutert.

Außerdem muss man sich (laut Kaune 1993, S. 44) darüber im Klaren sein dass das heilpädagogische Reiten nur dann seinen Zweck erfüllt, wenn es als Bestandteil einer Gesamtförderung des Betroffenen und nicht als einzige Therapie durchgeführt wird.

1.3.1 Die ganzheitliche Förderung des Einzelnen und der betroffenen Gruppe

Mit Ganzheitlichkeit ist die Förderung des ganzen Menschen gemeint, welche die Emotionalität, die Sozialität, die kognitiven Fähigkeiten und die Motorik meint. Es wird also die Persönlichkeit des Menschen angesprochen, sie beinhaltet aber auch die Bereiche der Senso- und Psychomotorik.

Förderung des emotionalen Bereiches:

Der emotionale Bereich ist immer ein Schwerpunkt der Förderung beeinträchtigter Kinder. Denn hier geht es um die (geschädigten) Gefühle und Emotionen der geistig behinderten Menschen und deren Umgang mit sich selbst. Durch den emotionalen Bereich werden auch alle anderen Bereiche gesteuert. Ein Mensch, der sich nichts zutraut, wird auch nicht auf andere Menschen zugehen. Er wird durch sein vermindertes Selbstbewusstsein schlechter lernen, weil er der Meinung ist, er könne das sowieso nicht, und ein besonders ängstlicher Mensch bewegt sich sehr verhalten und „zu“ vorsichtig.

(vgl. Kaune 1993, S. 25 ff)

Ziele dieses Bereiches sind es, den Umgang mit Ängsten zu erlernen und zu verbessern, die Selbstwirksamkeit und das Selbstwertgefühl zu erfahren und zu stärken, eine angemessene Selbsteinschätzung zu erlernen und Vertrauen in die eigene und andere Personen zu fördern. (vgl. Hibbeler 2001, S.8 ff; Kaune 1993, S. 25 ff und S. 85)

Ein Pferd ist ein großes Tier. Es zu führen oder es gar zu reiten ist Angst einflössend. Es braucht Zeit und Geduld bis sich ein geistig behinderter Mensch auf ein Pferd einlassen kann und das Pferd hilft ihm dabei. Es hat eine gutmütige Erscheinung und gibt ihm Vertrauen. Mit Hilfe des Reitpädagogen, der das Pferd vorstellt und dem Betreffenden versichert, dass nichts passiert, soll Vertrauen aufgebaut und Angst abgebaut werden. Hilfreich dabei ist es, das Pferd immer beim Namen zu nennen, um ihm eine „Persönlichkeit“ zu geben. Eine langsame Beziehungsaufnahme zum Pferd, das heißt, sich erst dem Pferd langsam zu nähern, es zu streicheln, es zu füttern, dann zu putzen und irgendwann zu reiten, ist Vorraussetzung zum Angstabbau. Das Reiten steht dabei Anfangs nicht im Vorder­grund.

Weitere Ängste, die durch das heilpädagogische Reiten abgebaut werden sollen, sind die Berührungsängste im Umgang mit anderen Personen. Die Ängste können sich verschieden äußern, das heißt sowohl im aggressiven als auch im defensiven Verhalten. Mit dem gezielten Abbau dieser Ängste kann erst begonnen werden, wenn die Ängste vor dem Pferd und vor dem Reiten überwunden sind. Durch Partnerübungen an dem Pferd und durch gegenseitige Hilfestellungen (Bsp.: Der eine führt das Pferd, das der andere reitet oder der eine gibt dem anderen Hilfestellung beim Aufsteigen) sollen die Betroffenen lernen, dass man sich auf andere verlassen kann und dass gegenseitige Berührungen nichts Schlimmes sind. Das Ganze vertieft sich, indem man einer Gruppe die Freiheit lässt, sich ihre Aufgaben am Pferd selbst einzuteilen. So sollen sich Ängste vor dem anderen, sowie Berührungsängste und auch Ängste vor der Interaktion und Kommunikation mit anderen abgebaut werden.

(Hibbeler 2001, S.8 ff; Kaune 1993, S. 25 ff)

Das Selbstwertgefühl soll dadurch aufgebaut und gestärkt werden, dass der einzelne Klient merkt, dass er durch konstantes Üben mit dem Pferd und auf dem Pferd etwas erreicht und somit weiß, dass er etwas kann. Er hat Erfolg durch sich selbst und das steigert nicht nur die Motivation zum Weitermachen, sondern auch die Selbstschätzung. Reiten ist etwas, was man nicht von Anfang an kann, auch ein nicht behinderter Mensch muss es erst lernen. Nicht jeder hat den Mut, auf so ein großes Tier zu steigen und es zu lenken. Die Übungen steigern das Selbstbewusstsein des Betroffenen; denn er hat es geschafft, und schafft es im Laufe der Therapie immer besser, mit dem großen Tier umzugehen. Das anfangs so Respekt- und Angst einflössende Tier wird nach einiger Zeit zum Partner, der dem behinderten Menschen immer mehr Vertrauen und auch Selbstvertrauen gibt, auch wenn etwas nicht so gut klappt. Es würde ihm nie Vorwürfe machen. Das Pferd rächt sich niemals, auch wenn der Mensch mal nicht so nett zu ihm war oder ihm gar wehgetan hat. (Trotzdem muss natürlich darauf hingewiesen werden, dass man Tiere nicht verletzen darf).

Dieses positive Erlebnis, keine Vorwürfe zu bekommen, ist mit Mut und Motivation zu Neuem gekoppelt und mit der Erfahrung, dass es nicht schlimm ist, wenn mal etwas nicht sofort klappt. Dadurch soll auch die Frustrationstoleranz gestützt und verbessert werden.

Die anderen aus der Gruppe wirken dabei unterstützend. Sie geben einem durch Lob Selbstvertrauen, und durch Kritik lernen die Betroffenen mit Frustration umzugehen. Häufige Fragen, z. B.: „Wer war heute der Beste?“, die am Anfang einer Therapie noch oft zur Selbst­bestätigung gestellt werden, sollen von den Pädagogen mit Ant­worten beant­wortet werden wie: “Ich weiß ja nicht wer am wenigstens Angst hatte.“ oder „Fandest Du Dich denn gut?“. Hierdurch soll das Aufkommen von Konkurrenz verhindert und die Selbstwertgefühle jedes Einzelnen erhalten werden. ( vgl. Kaune 1993, S. 27 f; http://www.bregtalschule.de/begriffe/reiten.html; Hibbeler 2001, S. 10 f)

Selbsteinschätzung lernt der geistig behinderte Mensch dadurch, dass er durch das Reiten seine Fähigkeiten kennen lernt und lernt, sie nicht zu über bzw. unterschätzen. Denn das Pferd ist ein sensibles Tier, reitet man es, so dass man ihm weh tut, wird es sich bemerkbar machen. Natürlich muss der Reitpädagoge dabei unterstützen und auch darauf aufmerksam machen, wenn sich der Betroffenen überschätzt hat oder er sich mehr zutrauen kann.

Anfangs kann es öfter zu Über- bzw. Unterschätzung kommen, doch im Laufe der Zeit soll er lernen, damit umzugehen. Rutscht der Betroffene im Galopp öfter zur Seite, erkennt er, dass er noch nicht soweit ist. Der geistig behinderte Mensch merkt so nach und nach wie weit er gehen kann und wozu er noch nicht bereit ist. Dies kann sich im günstigsten Fall auch auf andere Bereiche übertragen.

(vgl. Hibbeler 2001, S. 10 f)

Förderung der Sozialkompetenz

Der soziale Bereich ist der zweite zentrale Bereich der Förderung geistig Behinderter in der pädagogischen Arbeit. Hier geht es sowohl um das soziale verhalten im Umgang mit den Tieren, als auch im Umgang mit den anderen geistig behinderten Menschen der Gruppe, den nicht geistig behinderten Reitern und dem Pädagogen.

Ziele dieses Bereiches sind es, Kontakte anzubahnen, kooperatives Arbeiten in der Gruppe zu erlernen, den Abbau von Antipathien zu fördern, Aggressionskontrolle zu erlernen, Hilfsbereitschaft, Verantwortungsgefühl und Toleranz zu fördern und die Wahrnehmung der Bedürfnisse eines anderen Lebewesens zu verbessern. (vgl. Kaune 1993, S.85; Hibbeler 2001, S. 9)

Eine Gruppe, die zusammen „arbeitet“ muss auch miteinander kommunizieren um sich gegenseitig zu unterstützen, zu helfen und gemeinsam Spaß zu haben. Dies gelingt nur durch gute Kooperation und natürlich nicht gleich in den ersten Stunden. Die Gruppe muss erst lernen, aufeinander zuzugehen. Das Pferd ist dabei ein guter Vermittler. Es bietet ein Gesprächsthema und lässt durch den gemeinsamen Umgang mit ihm und durch die Erfolgserlebnisse, die mit dem Tier erlebt werden, die Gruppe zusammenwachsen. Die Gruppe muss sich gegenseitig unterstützen, indem man sich gegen­seitig aufs Pferd hilft, es zusammen putzt oder der eine das Pferd führt auf dem der andere reitet. Dies geschieht nur mit Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft. Sogar Freundschaften können durch gemeinsame Erfolge und Interessen zum Pferd entstehen.

(vgl. Kaune 1993, S. 29 f; Hibbeler 2001, S. 12 f)

Natürlich kann man nicht alle mögen, es gibt Antipathien, gar Aggressionen anderen gegenüber. Hier ist es Ziel der Therapie, mit diesen Antipathien umgehen zu lernen und Aggressionen abzubauen. Auch hier helfen Partnerübungen und gegenseitige Hilfestellungen. Auf und mit dem Pferd kann sich kein großes Widerstreben oder gar Gewalt breit machen; denn nur durch gegenseitige Unterstützung wird die Absturzgefahr vermieden und der gemeinsame Erfolg gefördert.

Sollte einer der Gruppenmitglieder wiederholt Aggressionen zeigen und das Verhalten des Pferdes nicht zur positiven Selbststeuerung ausreichen, sind Konsequenzen vom Reitpädagogen gefragt, die jedoch sachgerecht und abgesprochen sein sollten. (vgl. Kaune 1993, S. 29 f; Hibbeler 2001, S. 10 f)

Beim heilpädagogischen Reiten ist es wichtig dass der Einzelne und auch die Gruppe nicht nur Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft den anderen gegenüber zeigt, sondern dass er lernt, verantwortungs­bewusst und rücksichtsvoll mit dem Tier umzugehen. Denn er geht hier nicht mit einem toten Gerät, sondern mit einem lebendigen Tier um. Je rücksichtsvoller er mit dem Tier umgeht, umso mehr gibt das einfühlsame Pferd es dem Klienten zurück, was weitere positive Fortschritte nach sich zieht.

Förderung des kognitiven Bereiches:

Der geistig behinderte Mensch, der viele Beeinträchtigungen im kog­nitiven Bereich (wie Lernbehinderung, Wahrnehmungsverzögerungen oder -störungen, Konzentrationsschwächen und einige mehr) hat, sollte intensiv in diesem Bereich gefördert werden. Hierbei hilft das Pferd als „Mittel zum Zweck“. Die Betroffenen verbinden Spaß mit dem Reiten und das damit einhergehende Interesse wird zur Lernsituation, die als solche nicht empfunden wird. (vgl. Kaune 1993, S. 34)

Ziele dieses Bereiches sind es, Konzentrations-, Reaktions- und Merkfähigkeit zu fördern, koordinative Fähigkeiten zu schulen und zu fördern (wie z.B. die Raumorientierung), Sprachstörungen, Kommunikation und Wahrnehmung zu verbessern. (vgl. Hibbeler 2001, S. 9)

Im kognitiven Bereich wird vor allem die Konzentrations-, Reaktions- und Merkfähigkeit sowie die koordinative Fähigkeit trainiert. Beim Reiten auf dem Pferd muss der geistig behinderte Mensch das Gleichgewicht halten, während er sich der Bewegung des Pferdes anpasst. Gleichzeitig muss er versuchen, die Anweisungen des Therapeuten umzusetzen. Allein um eine Korrektur des Therapeuten umzusetzen, muss der Betroffene sich bereits seiner Körperhaltung, seiner Muskelspannung und seiner Raumlage bewusst sein. Ist die Koor­dination von Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen, mit denen der Schüler auf das Pferd einwirken kann, ausreichend geübt, so wird er vom Pferd mit dessen gehorsamer Ausführung der beabsichtigten Übung belohnt. Die darauf folgende Verknüpfung von mehreren Übungen stärkt die Konzentrationsfähigkeit zusätzlich. (vgl. Hibbeler 2001, S. 11)

Des Weiteren haben viele behinderte Menschen, gar Kinder, Probleme mit der Raumorientierung. Sie können Begriffe wie vorne, hinten, rechts oder links nicht unterscheiden. Dieser Schwerpunkt wird mit Hilfe des Therapeuten trainiert, indem Anweisungen gegeben oder Fragen gestellt werden wie „Wo hat denn die Alma ihren Kopf?“ oder „Reite mit Alma bitte in die Mitte der Halle!“. (vgl. Kaune 1993, S. 32 f)

Die Sprache wird beim heilpädagogischen Reiten, mit Unterstützung des Reitpädagogen, allgemein gefördert. Wichtig ist, dass der Pädagoge dem behinderten Menschen von Anfang an deutlich macht, dass es sinnvoll ist, mit dem Pferd zu sprechen, darüber zu sprechen, was er von dem Pferd will, wovor er Angst hat, was er mag und sich mit den anderen der Gruppe und dem Pädagogen selber auszutauschen. Sollte dies ausbleiben, hat der Pädagoge die Aufgabe, positiv und mit Hilfe des Pferdes darauf einzugehen, Bsp.: „Erzähl mal, wie fühlst Du Dich heute auf dem Pferd?“ oder “Was hast Du heute schon alles mit der Alma gemacht, bevor Du geritten bist?“. Durch die Sprache wird natürlich auch die Kommunikation gefördert. Selbst wenn der Betroffene vorerst nur mit dem Pferd redet, ist dies eine Art von Kommunikation und wird sich in den meisten Fällen früher oder später auch auf andere Menschen übertragen. (vgl. Hibbeler 2001, S. 11)

Die Wahrnehmung wird beim heilpädagogischen Reiten durchweg gefördert. Alles ist neu und interessant und jedes Mal aufs Neue gibt es etwas anderes an dem Pferd und beim Reiten zu entdecken. Dies wird mit Freude wahrgenommen und auch reflektiert. Das erkennt man an Fragen wie: „Warum ist Alma heute so müde?“ oder „Die Alma war heute ganz schön schmutzig.“. Der Therapeut hat dabei die Aufgabe, dort anzusetzen und auf solche Fragen oder Anmerkungen einzugehen.

Förderung der (Senso-)Motorik

Der Bereich Motorik ist zwar nicht der Schwerpunkt des heilpädagogischen Reitens, aber da wie bereits geschrieben grundsätzlich der Mensch als Ganzes behandelt werden soll, darf auch die körperorientierte Arbeit nicht fehlen.

Ziele sind in diesem Bereich die Beherrschung des Gleichgewichts, das Einfühlen in die Bewegung des Pferdes, die Schulung des Körperbewusstseins und die Förderung der Grob- und Feinmotorik.

(vgl. Kaune 1993, S. 30; Hibbeler 2001, S. 9)

Die Arbeit auf dem Pferderücken erfordert immer wieder das Gleichgewicht zu finden um nicht herunterzurutschen. Die meisten geistig behinderten Menschen lernen das sehr schnell. Dabei kann der Therapeut das Pferd in verschiedene Richtungen führen und immer wieder zum freihändigen Reiten motivieren. Der Patient passt sich dem rhythmischen Verhalten des Pferderückens an, er fühlt sich in die verschiedenen Bewegungen des Pferdes ein um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren. Eine besondere Wirkung muss hier, aber auch ganz allgemein, dem reiterlichen Sitz zuerkannt werden, der gleichzeitig Anspannung und Entspannung erfordert. Er bewirkt eine Verbesserung der Bewegungskoordination und des Körperbewusstseins, der Klient denkt darüber nach, wie er sich am besten bewegt, um dem Tier nicht weh zu tun und um es angenehm für ihn selber werden zu lassen. Dies geschieht auch wieder durch die Einfühlung in den Bewegungsrhythmus des Pferdes.

Grob und Feinmotorik werden somit direkt mitgefördert. Doch auch während der Vorbereitungsphase des Pferdes werden diese beiden Bereiche der Motorik gefördert. Das Pferd muss geputzt werden und zwar muss der Striegel in eine bestimmte Richtung geführt werden um das Pferd artgerecht zu säubern. Das Hufeauskratzen ist eine genaue Sache, da kleine Steinchen aus dem Huf entfernt werden müssen und der Hufstrahl gesäubert werden muss. So gibt es viele Beispiele die zeigen, inwiefern die Grob- und Feinmotorik gefördert werden. (vgl. Kaune 1993, S.31 f; http://www.bregtalschule.de/begriffe/reiten.html, Stand 05/2006)

Auch zu erwähnen sind die Sinne des Einzelnen, die beim heilpädagogischen Reiten angesprochen werden.

Die vestibuläre Wahrnehmung wird durch das aktive Sitzen auf dem Pferderücken geschult, da ein ständiger Ausgleich nötig ist, um Balance zu erhalten.

Die taktile Wahrnehmung wird vor allem im Umgang mit dem Pferd gefördert. Die Erfahrungen mit dem weichen Fell und dem harten Langhaar beim Putzen seien hier exemplarisch genannt. Durch die Wärme des Pferdes empfinden Kinder die taktilen Reize am Pferd als angenehm.

Die propriozeptive Wahrnehmung wird dadurch gefördert, dass die Betroffenen durch den Pferdekörper eine als angenehm empfundene Körperumgebung wahrnehmen.

Das Hören, Sehen und Riechen (visuelle und akustische Wahrnehmung) werden beim heilpädagogischen Reiten die ganze Zeit aktiviert. Man hört auf die Stimme des Therapeuten, auf das Schnauben oder das Wiehern des Pferdes, auf die Geräusche beim Reiten und vieles mehr.

Es werden immer neue Dinge am Pferdekörper oder beim Reiten entdeckt, gesehen und gerochen werden auf einem Reiterhof viele verschiedene und neue Dinge, sei es der Geruch des Pferdes, der Geruch seines Kots oder seines Futters oder auch der ländliche Duft. Bei blinden oder tauben Reitern, die auf bestimmte Sinne verzichten müssen, werden andere Sinne umso intensiver angesprochen. (vgl. http://www.student-online.net/Publikationen/268/, Stand 05/2006)

Das letzte hier zu erwähnende Ziel des heilpädagogischen Reitens ist die Aufwertung der Lebensqualität. Geistig behinderte Menschen verbinden mit Reiten oft Glück und Zufriedenheit, genau die zwei zentralen Aspekte des subjektiven Wohlbefindens. Dieses ist kein bewusst erstrebtes Ziel, sondern ein Begleitendes. Die Reiter haben Spaß am Reiten, sehen es als Freizeitbeschäftigung und freuen sich teilweise schon Tage vorher auf das Pferd oder auf das Reiten an sich. Die Betroffenen sehen das heilpädagogische Reiten nicht als Therapie oder Förderung, sondern als Hobby.

Allgemein ist zu sagen, dass die einzelnen Förderbereiche ineinander eingehen und sie sich somit überschneiden.

Wichtig ist auch, dass die Ziele und Inhalte der verschiedenen Förderbereiche unbedingt reflektiert werden und entsprechend am Einzelnen und auch an der Gruppe immer wieder neu anzusetzen sind. Abwechslungsreichtum, Flexibilität und das Einbeziehen des Einzelnen sind wichtige Aspekte um das heilpädagogische Reiten so effektiv wie möglich zu gestalten und die Motivation der Patienten aufrecht zu erhalten.

1.3.2 Lernprozesse

Dass Lernen stattfindet, kann man nicht direkt beobachten, sondern nur aus geändertem Verhalten und Erleben erschließen.

(Nolting/ Paulus 1999, S. 69)

Durch die Lernprozesse beim heilpädagogischen Reiten werden Fähigkeiten beim geistig behinderten Menschen angebahnt und entwickelt, die ihm ermöglichen, sich als handelnder und erlebender Mensch zu erfahren und zu verwirklichen. (vgl. Kaune 1993, S. 86)

Der geistig behinderte Mensch erlebt durch den Umgang und durch die Pflege Reaktionen des Pferdes und wird nach und nach sensibel für Verhaltensweisen und Eigenarten seines „Partners“. Während er dem Pferd anfänglich noch mit Angst und zurückhaltend begegnet, entwickelt sich die Beziehung im Laufe der Therapie ständig. Vorerst wird meistens nur gestreichelt und geputzt, um das Pferd kennen zu lernen, später lernt der Klient warum es so wichtig ist, das Pferd vor und nach dem Reiten zu putzen und zu pflegen. Er übernimmt Verantwortung für sein Wohlergehen und bekommt dies vom Pferd mit Kontaktbereitschaft, Zuwendung und Bereitschaft, ihn zu tragen zurück. Beim selbstständigen Reiten ist der Reiter nicht an der Longe, wie etwa beim Voltigieren. Natürlich wird das vom Reiter abhängig gemacht und anfänglich werden häufig noch ein paar Longenstunden zur Sicherheit durchgeführt oder der Reiter wird von anderen (Betroffenen) geführt. Irgendwann ist er soweit, dass er alleine reiten kann, er muss sich also auf die Grundlage einer Zweierbeziehung mit seinem „Partner“ Pferd einlassen, sich mit ihm arrangieren und sich in das Lebewesen „einfühlen“. Der geistig behinderte Mensch wird bei fortschreitender Bewegungsharmonie immer unabhängiger vom Reitpädagogen. Seine Handlungsfähigkeit nimmt zu. (Kaune 1993, S. 86)

Der Reitpädagoge hat hier die Aufgabe, dem geistig behinderten Menschen Hilfestellung zu geben, damit er eine Verständigungsmöglichkeit mit dem Pferd findet. So entsteht ein Bewegungsdialog zwischen Reiter und Pferd. Dieses Erlebnis von Rhythmus, Schwung, Bewegungs­gleichklang und Unabhängigkeit verschafft dem Betroffenen im Laufe der Therapieentwicklung innere Befriedigung und Ausgeglichenheit. Vom Betroffenen werden während der Therapie immer mehr und ständige Aufmerksamkeit und Konzentration im Umgang mit dem Pferd, in der Vorbereitung für das Reiten und beim Reiten selber, gefordert. Es sind immer wieder selbstständige und überlegte Handlungen nötig gefordert. Hier übernimmt der Reit­pädagoge nur die Rolle des Vermittlers und des Helfers. Er gibt als „Hilfe zu Selbsthilfe“. (vgl. Kaune 1993, S. 85 ff) Der Behinderte lernt, sinnvoll mit sich selbst und dem Pferd umzugehen und entwickelt dadurch eine innere Selbstsicherheit. Er bringt sich ins Gleichgewicht und hält sich im Gleichgewicht. Seine psychische Stabilität nimmt zu und seine Handlungsfähigkeit erweitert sich. (Kaune 1993, S. 86)

[...]

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Heilpädagogisches Reiten für geistig behinderte Menschen
Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
42
Katalognummer
V277687
ISBN (eBook)
9783656703167
ISBN (Buch)
9783668136748
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heilpädagogisches, reiten, menschen
Arbeit zitieren
Diana Kirstein (Autor), 2006, Heilpädagogisches Reiten für geistig behinderte Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277687

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