Der Kontext der Erkenntnis bei Karl Popper "Logik der Forschung"

Wie hängen Erfahrungen und Psychologismus mit „Basisproblemen“ zusammen?


Studienarbeit, 2013
27 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Popper und die Wissenschaft

3. Basis und Psychologismus

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Ob Philosophie nun Wissenschaft sei oder ein ausschließlich wissenschaftliches X, dass auf eine lange Tradition schaue, beschäftigt schon lange die Philosophen: Ist Philosophie eine deutungsfähige Wissenschaft? Vor allem in Einführungen in die Philosophie, wie z.B. bei Jaspers (Einführung in die Philosophie, 1950) und der Wissenschaftsphilosophie ist diese Frage präsent. Auch Begriffe wie „Vernunfterkenntnis“1 oder „Erfahrung“ spielen dabei eine Rolle. Letzteres interessierte vor allem Popper: In seinem Werk Logik der Forschung, was nebenbei bemerkt als Poppers Hauptwerk gilt, sagt er im Vorwort: „Alle Wissenschaft ist Kosmologie.“2 Wenn alles, was Wissenschaft ist, sich darauf ausrichtet (oder ausrichten muss) die Welt, den Kosmos (Welt, Ordnung, Universum usw.), zu verstehen - auch hermeneutisch -, dann ist die Philosophie Wissenschaft, denn wenn es nicht die Philosophie ist, die als wissenschaftliche Instanz versucht den Kosmos zu verstehen, wer oder was ist dann in der Lage dazu?

Für Popper ist es unumstößlich, dass die Philosophie nicht nur wissenschaftlich agieren müsse, sie sei selbst eine Wissenschaft und gleichzeitig sogar eine Grundlage der Wissenschaften und damit Grundlage und Kontrollinstanz anderer Wissenschaften, oder genauer gesagt: Wissenschaftsphilosophie3 (oder oft auch Wissenschaftstheorie genannt).4 Wie muss aber die Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens beschaffen sein? Was ist der Ausgangspunkt?

Damit sind es die Grundlagen überhaupt, die die Wissenschaftsphilosophie zu überprüfen hat. Ebenso wie den Ablauf von Erkenntnisprozessen, welche für Popper wichtig sind, um Theoriebildung (für alles, was Wissen schafft) zu ermöglichen. Die Philosophie soll also kritisch prüfen, was als Ausgangspunkt für Wissenschaft dienen kann. Popper prüft aber nicht nur kritisch, er erläutert auch, was als Ausgangspunkt dienen könnte und wie wissenschaftliche Gesetze überhaupt entdeckt bzw. erschlossen werden können.5 In Logik der Forschung fragt Popper nach der Logik von Forschungs- oder Erkenntnisprozessen sowie nach dessen Zusammenhängen - unter anderen auch in der empirischen Forschung. Ihn interessieren dabei das „Induktionsproblem“, die „Ausschaltung des Psychologismus“ (ähnlich wie bei Husserl), die „deduktive Überprüfung“ sowie natürlich die „Falsifizierbarkeit“. Fragen will ich aber nach den elementaren Bedingungen von Erkenntnisprozessen: Wie wichtig sind die Umgebung der Forschung bzw. des Forschers und die historische Kontingenz von Entdeckungen respektive Erfindungen? (Worin genau besteht die Differenz zwischen diesen Begriffen?). Wie kann man mit dem Psychologismus6 umgehen, wenn man die Erfahrung oder Erlebnisse als gemeinsame Grundlage nimmt? Was ist überhaupt Psychologismus respektive das Psychologismus-Problem? Welche Rollen spielen die Ursachen und die Gründe für Erkenntnisse in diesem Kontext?

Dabei will ich in erster Linie versuchen die zweite Frage, die Psychologismus-Frage zu beantworten und die anderen, die mit dieser zusammenhängen, wenigstens zu umreißen.

2. Popper und die Wissenschaft

„All we can do is try out one theory after another.“7

Das heuristische8 Ausprobieren oder eben der Versuch des „Versuchens und des Irrtums“ verdeutlicht zwar Poppers Grundidee, wird allerdings oft zu vereinfacht und daher oft auch falsch dargestellt - vor allem im anglophonen Raum.9 Dies hat auch damit zu tun, dass man Poppers Philosophie als Auseinandersetzung mit dem Logischen Positivismus betrachten kann und, dass das Hauptwerk lange Zeit unbeachtet blieb. Schließlich war zur Zeit Poppers der Logische Positivismus eine verbreitete philosophische Denkrichtung: Popper hingegen hatte viel an dieser philosophischen Strömung auszusetzen, was wiederum auf viel Widerstand stieß.10

Bevor wir uns dem Begriff des Psychologismus annähern, werde ich kurz Poppers Grundgedanken angemessen schildern sowie einiges zur Wissenschaft insgesamt zusammentragen, da sich mit Poppers Philosophie auch ein (Ideal-)Bild eines Wissenschaftlers abzuzeichnen begann (was mit dem Psychologismus-Problem zusammenzuhängen scheint).11 Wenn man verstehen will, wie Wissenschaft oder die Wissenschaften funktionieren, muss man wissen, was die Wissenschaft auszeichnet. Was die Wissenschaft aber auszeichnet ist das, was ihr Ziel ist, und ihr Ziel ist die Vermehrung von Wissen. Wie aber vollzieht die Wissenschaft ihre Generierung von Wissen und wie unterscheidet sie sich dadurch auch von sogenannten „Pseudowissenschaften“?

Die Methode, [sic] allgemeine Aussagen auf gesammelten Beobachtungen von Einzelfällen aufzubauen, [sic] wird als Induktion bezeichnet, und sie gilt herkömmlicherweise als Kennzeichen der Wissenschaft. Mit anderen Worten: Im Gebrauch der induktiven Methode sieht man das Abgrenzungskriterium zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft.12

Wissenschaft hat etwas mit Beobachtungen und Methoden zu tun. Diese Beobachtungen von Einzelfällen nennt man auch Tatsachen: Sie sind es, die die Grundlagen für Wissenserweiterungen liefern.13 „Wissenschaft“ lässt sich daher folgendermaßen definieren: „Die Wissenschaft ist der Bestand an sicherem und verlässlichem Wissen.“14 Diesen Bestand gilt es zu erhalten, zu prüfen und vor allem zu erweitern.

Denn das Wachstum unseres Wissens geht von Problemen aus und von unseren Versuchen, [sic] sie zu lösen. Bei diesen Lösungsversuchen werden Theorien vorgeschlagen. Diese müssen, wie sie überhaupt mögliche Lösungen liefern sollen, über unser vorhandenes Wissen hinausgehen und daher von der Phantasie beflügelt sein.15

Der Wissenschaftler ist somit auch jemand, der kreativ agiert und der vielleicht spontan einen Einfall hat. Anders gesagt: Woher er seine Theorien hat ist vollkommen egal16 (Genese), wichtig ist, dass sie einer Überprüfung standhalten können. Dies erinnert auch an Feuerabend17 und Kuhn18, die erst überhaupt eine wissenschaftliche Grundlage für systematische Theorien schaffen konnten und einen modernen Klassiker in jeder Einführung (in eine Wissenschaft-Propädeutik) darstellen. Methode ist das Wichtigste in den Wissenschaften - nicht nur bei Popper. „Methode“ bei Popper ist aber nicht mehr der motivierte Versuch eines Wissenschaftlers seine zuvor aufgestellte Hypothese zu verifizieren19, sondern - und dies unabhängig vom Induktionsproblem, auf das wir noch zu sprechen kommen werden - eine aufgestellte Hypothese zu widerlegen oder - mit Popper gesagt - zu testen20. Schaffen wir die Widerlegung nicht, können wir sie als wahr gelten lassen. Allerdings nur solange, bis auch sie widerlegt werden kann. Wenn es aber egal ist, aus welcher Theorie oder Idee Wissen generiert wird, wo fängt dann die Generierung von Wissen an? „Where does sciences begin and end?”21

Fragt auch Godfrey-Smith in seiner Einleitung. Die erste Frage ist dabei leicht zu beantworten: Wissenschaft beginnt mit der Erfahrung, mit den empirischen oder sensualistischen Aufnahme von Daten. Sinnesdaten oder besser gesagt „Rohdaten“ sind das, was - zusammen mit der Welt - der Fall ist. Wir sehen den Apfel fallen und fragen uns erst dann, wie dies möglich sein kann. Diese Sichtung kann man aber verschieden auslegen, was uns zu einem weiterem Charakteristikum der Wissenschaften führt, ein Charakteristikum, das auch für Popper eine große Rolle spielt: die Interpretation. Die empirischen Wissenschaften liefern immer nur - und auch immer mehr - Daten, die für sich alleingenommen nichts aussagen. Schließlich kann jeder Mensch Daten oder Erfahrungen sammeln. Wie man mit diesen Erfahrungen oder Daten umgeht, in welchen Kontext man sie einordnet oder welche Perspektive man auf sie hat, ist entscheidend.

Das bedeutet, 'daß [sic] Beobachtungen und erst recht Sätze über Beobachtungen und über Versuchsergebnisse immer Interpretationen der beobachteten Tatsachen sind und daß [sic] sie Interpretationen im Lichte von Theorien sind'.22

Wissenschaft hat es nicht nur mit Interpretationen zu tun, sondern mit Interpretationen, die immer in einem bestimmten Kontext geschehen - dieser „konventionelle“ Rahmen ist wichtig, wenn man Poppers Gedanken gerecht werden will. Wo aber sind dann die Grenzen der Wissenschaft? Endet die Wissenschaft nicht da, wo sie sich abzugrenzen versucht?23 Karl Popper geht hierbei einen anderen Weg. Interessieren soll uns die „Logik der Forschung“, Poppers frühes Hauptwerk, und nicht die Spätphilosophie (politische Philosophie, Soziologie), die man äußerst kritisch lesen sollte.24 Allgemein lässt sich sagen, dass dieses Werk einen kritischen - auf Logik aufbauenden -(realistischen) Rationalismus beschreibt25.

Unser „Wissen“26 wird dabei, ähnlich wie in Wittgensteins27 Spätwerk, aus erkenntnistheoretischer Sicht als Problem betrachtet. Das, was aus Theorien abgeleitetes Wissen, also „feststehend“ ist, kann jeder Zeit ins Wanken geraten. Theorien „beschreiben und prognostizieren Sachverhalte“28, sind aber immer sprachlich verfasst. Wissen wird also nie direkt, sondern immer durch Medien - wie z.B. Sprache oder Schrift - vermittelt, was uns im nächsten Kapitel interessieren wird. Hinzu kommt, dass nicht alles, was durch wissenschaftliche Methoden herausgefunden wird, auch automatisch als Wissen gilt.29 Auch die Frage der Darstellung30 von Wissen spielt hierbei eine Rolle. Interessant ist, wie Erklärung und Beschreibung zusammenhängen. Wissenschaft hat somit eine klare, fortschrittliche und vor allem systematische31 Richtung. Die „beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie“ seien für Popper allerdings das Induktionsproblem, wobei er sich hierbei auf Hume32 und das Abgrenzungsproblem beruft (zu z.B. metaphysischen Sätzen): Diese interessieren mich aber primär nicht, sondern Poppers Basissätze und der Psychologismus. Schließlich sollen seine Basissätze das Psychologismus-Problem lösen.

In der Logik der Forschung präsentiert uns Popper auch ein „Trilemma“33, das die vorangestellte Frage umkreist und nebenbei bemerkt, von fundamentaler Bedeutung für seine Hauptthese ist. Hierbei handelt es sich um sogenannte „Basisprobleme“. Was es mit der („schwankenden“) Basis gemeint ist, werde ich im nächsten Kapitel erläutern. In diesem Trilemma finden wir neben dem (α) Dogmatismus und dem (β) unendlichen Regress, auch den (γ) Psychologismus.

[...]


1 Ulrich Ruschig, Einführung in die Philosophie, Oldenburg, 1, (liegt nur online vor: http://www.staff.uni- oldenburg.de/ulrich.ruschig/download/EinfuehrungindiePhilosophie.EinigeVorlesungenausde mWS0304.VorlesungsskriptzurEinfuehrungindietheoretischePhilosophie.pdf (Stand: 19.02.2014, (16 Uhr 08)), (auf Ulrich Ruschig werde ich noch einmal am Ende zu sprechen kommen).

2 Popper, Logik der Forschung, 1934, (9. Auflage von 89), (da ich nur dieses Werk von Popper zitieren, werde ich es im Folgenden nur mit „Popper“ abkürzen (auch bei anderen Autoren werde ich so verfahren), 14 bzw. XIV.

3 Streng genommen ist die Wissenschaftsphilosophie eine Disziplin der Philosophie und ihr Gegenstand ist die Wissenschaftstheorie.

4 Eine gängige Auffassung der Philosophie ist folgende: Da die Philosophie im Laufe der Zeit ihre Vorreiterstellung an die Naturwissenschaft und die sich ausdifferenzierenden Einzelwissenschaften abgab, liegt ihre Aufgabe nun in erster Linie in der Überprüfungen der Grundprinzipien von Wissenschaftlichkeit schlechthin; sie ist damit so etwas wie Meta-Wissenschaft.

5 Bryan Magee, Karl Popper, J. C. B. Mohr, Tübingen, 1986 (in Zk. abgk.), 14. Um sich einen

6 Überblick zu diesem Begriff zu verschaffen, empfehle ich den Stanford-Artikel von Martin Kusch: http://plato.stanford.edu/entries/psychologism/, (Stand: 19.02.2014, (15 Uhr 55)). Ich werde aber auch im dritten Kapitel versuchen diesen schwer vom Zeitkontext abhängigen Begriff zu erläutern.

7 Peter Godfrey-Smith, Theory and Reality, (in Zk. abgk.), 2003, 61.

8 Vom gr. Prädikat ??????? (eurisko) für finden. Wichtig zu erwähnen scheint mir hier, dass das englische Äquivalent („discover“) entdecken heißt.

9 Magee, 6.

10 Ebd., 5f.

11 Ebd., 2. Ebd., 14f.

12 Magee, 15.

13 Ebd.

14 Ebd, 22.

15 Vgl., Magee, 28ff.

16 Gemeint ist sein anything goes.

17 Diese Theorien sind erst durch die kritische Auseinandersetzung mit Popper, quasi als Reaktion, entstanden.

18 Magee, 14.

19 Ebd., 21.

20 Godfrey-Smith, 2. 4

21 Magee, 32, (Magee zitiert hier aus der „Logik der Forschung“).

22 Aus Platzgründen kann ich hier nicht weiter auf Grundprobleme- oder Aspekte der Wissenschaften eingehen.

23 E. Jacoby (Hg.), 50 Klassiker - Philosophen, (ebenfalls in Zk. abge.), Gerstenberg, 2007, 277f.

24 Godfrey-Smith, 59.

25 Wissen scheint für Popper, der generell mit der Wissenschaftstradition bricht, logischerweise nicht etwas zu sein, was analytisch objektiv und wahr ist, sondern etwas Fehlbares. Sein Kritischer Rationalismus lebt eben von der Einsicht sich weiter zu entwickeln und sich weiter entwickeln zu wollen, d. h. die eigenen Meinungen, Hypothesen, Ideen, Thesen, Theorien usw. auch aufgeben zu können.

26 Popper und Wittgenstein haben sich gekannt. In „Über Gewißheit“ zweifelt Wittgenstein am „Wissen“ und „sinnvolle“ Aussagen müssen negierbar (also falsifizierbar?) sein. Auch Poppers Negate seiner Basissätze müssen ableitbar sein (Popper, 67).

27 Herbert Keuth, Logik der Forschung, (in Zk. abgk.), Akademie, 2007, 7.

28 Paul Hoyningen-Huene: Was ist Wissenschaft? Vorlesung, 9. Vorlesung, Leibniz Universität Hannover, Sommersemester, 2013, (Link zur ersten Vorlesung im Literaturverzeichnis).

29 Vgl., Hoyningen-Huene: Was ist Wissenschaft? Vorlesung, 9. Vorlesung, Leibniz Universität

30 Hannover, Sommersemester, 2013.

31 Keuth, 7.

32 Oft spricht man auch vom Humschen Problem (Magee, 16). „

33 ?????“, Annahme und „t??” , Drei (als Präfix).

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Kontext der Erkenntnis bei Karl Popper "Logik der Forschung"
Untertitel
Wie hängen Erfahrungen und Psychologismus mit „Basisproblemen“ zusammen?
Hochschule
Universität Erfurt  (Seminar für Philosophie)
Veranstaltung
Selbststudie
Note
3,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
27
Katalognummer
V277769
ISBN (eBook)
9783656705536
ISBN (Buch)
9783656710325
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Popper, Psychologismus, Basissatz, Basisproblem, Falsifikation, unendlicher Degreß, Wissenschaft, Wissenschaftstheorie, Kosmologie, Hermeneutik, Husserl, Phantasie, Genese, Geltung, Wahrheit, Theorie, Sätze, Information, Generierung von Wissen, Erfahrung, unmittelbare Erkenntnis
Arbeit zitieren
BA Paul Parszyk (Autor), 2013, Der Kontext der Erkenntnis bei Karl Popper "Logik der Forschung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277769

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