Die Rezeption Freudscher Theorien in Terry Johnson's "Hysteria. Fragments of an Obsessional Neurosis"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Freuds Witztheorie und der Witz in Hysteria
2.1 Die Lust am Witz
2.2 Harmlose und tendenziöse Witze
2.3 Die Witzstruktur in Hysteria

3. Traumarbeit in Hysteria
3.1 Verdichtung und Verschiebung
3.2 Das Traummaterial und die Traumquellen
3.3 Hysteria - Ein traumhaftes Stück
3.4 Traumsequenzen
3.5 Traum oder Wirklichkeit?

4. Die Verführungstheorie

5. Offene Fragen

6. Bibliographie

1. Einleitung

Das Theaterstück Hysteria or Fragments of an Obsessional Neurosis wurde 1993 am Royal Court Theatre in London uraufgeführt. Die Adaption Terry Johnsons von Freuds Begegnung mit Salvador Dalí, steht auf dem Fundament der wohl recherchierten historischen Wirklichkeit um Sigmund Freuds Lebenswerk und seiner letzten Jahre in London Hampstead. London, genauer gesagt Freuds Arbeitszimmer in 20 Maresfield Gardens ist auch der Ort des Geschehens. Das Stück wechselt in seinem Verlauf immer wieder von ‘geschichtsgetreuer Darstellung zu surrealistischen Szenarien’ (Wald 2007, 76). So ist das Bühnenbild eine exakte Repräsentation seines Arbeitszimmers (Johnson, Hysteria, 0). Auch die abenteuerlich erscheinende Begegnung mit dem surrealistischen Maler Salvador Dalí, welche tatsächlich stattgefunden hat und das Auftreten anderer historischer Personen wie Freuds Tochter Anna Freud und dem Arzt Abraham Yahuda tragen zum realistischen Charakter des Stückes bei. Lediglich die junge Frau, Jessica, welche Freud nicht nur beinahe zur Verzweiflung bringt, ist eine rein fiktive Figur. Es stellt sich jedoch heraus, dass sie die Tochter einer tatsächlichen, ehemaligen Patientin Freuds ist, deren Fallgeschichte er zuvor veröffentlicht hat. Der eigentliche Name der Patientin war Miriam Stein, die aber in Freuds Veröffentlichung Rebecca S. genannt wurde (Wald 2007, 76), um sie vor öffentlicher Bloßstellung zu schützen. Jessica konfrontiert Freud mit den Aufzeichnungen die ihre Mutter, Miriam Stein, während sie von Freud therapiert wurde anfertigte und wirft ihm vor, sie als erfolgreiche Fallgeschichte vermarktet zu haben, obwohl sie sich später in einem ‘Irrenhaus nahe Paris’ (Johnson, Hysteria, 51) das Leben nahm: „Rebecca S. has little in common with Miriam Stein. Your Patient was a successful case history; my mother a suicidal histeric.“ (Johnson, Hysteria, 52). Beachtenswert ist hier, dass die in Hysteria dargestellte Fallgeschichte nicht die tatsächlich publizierte ist. Johnson gelingt es durch geschickte Imitation der freudschen Vorgehensweise eine verblüffend realistisch wirkende Fallgeschichte zu erstellen (Wald 2007, 76-77). Lediglich der Name Rebecca entspricht der Realität.

Hysteria wirkt also durch den Einsatz historischer Fakten und den geschickt verpackten fiktionalen Ideen Johnsons von Beginn an sehr realistisch. Dieser Eindruck wird erst gegen Ende durch surrealistische Elemente getrübt.

Uhren beginnen, wohl nicht zufällig in Anlehnung an Dalí, zu schmelzen. Ein Telefon verwandelt sich in einen Hummer und ein Zug rast durch den Garten auf Freuds Haus zu. Dem Publikum dämmert, es handelt sich hier nicht um eine Nacherzählung historischer Fakten, vielmehr befindet man sich mitten in einer morphiuminduzierten Halluzination, oder einem Traum des sterbenden Sigmund Freuds, der in seinen letzten Tagen von seine Schuldgefühlen heimgesucht wird.

Wenn Hodgson (1988, 130) schreibt, dass die Farce durch ihr schnelles Tempo keine Zeit für „tiefgreifende Analysen und komplexe Charakterisierungen“ lässt, gilt das auch für Hysteria. Allerdings sollte sich der Zuschauer nicht durch die Handlungen der Darsteller vom Subtext des Stückes ablenken lassen. Johnson gelingt es schwere Vorwürfe gegen Freuds Verf ü hrungstheorie, sowie Selbstmord und orale Vergewaltigung vor dem Hintergrund des drohenden zweiten Weltkriegs so zu verarbeiten, dass trotz aller Ernsthaftigkeit gelacht werden kann. Diese bedrückende Thematik gibt eigentlich keinen Anlass zu scherzen. Dennoch gelingt es Johnson diese Inhalte in eine Farce zu verwandeln die kein Merkmal dieses Genres auslässt. Immer wieder entstehen, zum Beispiel durch das plötzliche Auftauchen von Freuds Arzt Yahuda und das gerade rechtzeitige Verschwinden der halb nackten Jessica, Situationen in denen Freud nur beinahe seinen Ruf retten kann. Kleidungsstücke werden ausgezogen, obszöne Peinlichkeiten ausgestanden und körperliche Übergriffe begangen. Auch kindliches bis absurdes Verhalten wird gezeigt. Besonders die Figur des Salvador Dalí sorgt immer wieder für Lacher. Der schwer kranke, auf den Tod wartende Sigmund Freud (Johnson, Hysteria, 3) muss sich als Jongleur der komischen Unannehmlichkeiten, welchen die Charaktere in einer Farce üblicher Weise ausgesetzt sind, beweisen.

2. Freuds Witztheorie und der Witz in Hysteria

Jedoch sind Freuds Theorien nicht nur Objekt der Kritik, sondern gleichzeitig auch das Handwerkszeug Terry Johnsons. Einige der kreativen Techniken die in Hysteria Anwendung finden, hatte Freud schon in seiner Traumdeutung als Teil der Traumarbeit angeführt (Llewllyn-Jones 2001, 174). Besonders die Prozesse der Verdichtung, „welche ganz heterogene Assoziationsreihen in einem Bild komprimiert“ (Höhrhammer 1989, 49) und Verschiebung der „Bedeutung eines Objekts auf ein anderes, das irgendwie mit ihm verbunden ist“ (Eagleton 1997, 145), sind hier von Interesse und sollen im Verlauf dieser Arbeit noch näher beleuchtet werden. Anders als die Traumdeutung wird Freuds Werk Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten1 explizit im Text erwähnt.

Jessica: I didn’t enjoy much Jokes and Their Relation to the Unconscious. If you were going to analyse Jokes you might have chosen a couple that were funny. I suspect you have no sense of humor.

Freud: Nonsense. Only last week I was taken to the theatre an I laughed three or four times.

Jessica: What at?

Freud: I believe it was called Rookrey Nook. English Farce has a seductive logic, and displays all the splendid -ha!- anal obsessions of the English.

(Johnson 1995, 9)

Diese Anspielung macht Johnsons Wissen um Freuds Arbeit mehr als offensichtlich. Der hier erwähnte Besuch des Theaterstücks Rookery Nook entspricht ebenfalls historischen Tatsachen (Döring 2002, 121). Freud ist also Freund der englischen Farce, selbst Ziel des Spotts in einer solchen und hat ein Buch über die Funktionsweise des Witzes geschrieben. Es liegt vor diesem Hintergrund nahe, Hysteria nicht nur im Hinblick auf die Prozesse der Traumarbeit, sondern auch im Hinblick auf die freudsche Witztheorie zu betrachten.

2.1 Die Lust am Witz

Nach Freud geht es beim Witz nicht rein um den Gedanklichen Inhalt des Witzes.

Er trennt den gedanklichen Inhalt eines Witzes von der eigentlichen Witzeslust. „Wir wissen, dass wir der Täuschung unterliegen können, unser Wohlgefallen am Witz mit der eigentlichen Witzeslust zu verwechseln [...]“ (Freud 1958, 95). Witzeslust kann demnach als der innere Antrieb verstanden werden überhaupt Witze zu machen. Die Quelle des Antriebes ist die Ersparnis funktion des Witzes. Die direkte Äußerung eines Gedankens wird oft durch innere oder äußere Hemmungen unterbunden. Innere Hemmung ist zum Beispiel das eigene gute Benehmen, welches eine Beleidigung unterdrückt. Die Beleidigung wird durch einen feindseligen Witz umgangen. Äußere Hemmung kann die Gesellschaft sein, in der wir uns befinden. Hier sind bestimmte Formulierungen vielleicht nicht erwünscht. Unsere Umgebung stellt also ein Hindernis dar, das durch einen Witz umgangen werden muss. Geschieht dies nicht, kommt es zu einer „psychischen Stauung“ (Freud 1958, 96). Der Witz erspart also Hemmungs- oder Unterdrückungsaufwand (Freud 1958, 96,103).

2.2 Harmlose und tendenziöse Witze

Harmlose Witze, wie der klassische Wortwitz, basieren oft auf der Klangähnlichkeit zweier Wörter, nicht auf der Wortbedeutung. Sie sind umso witziger, je weiter die Kontexte, welche durch das Wort verknüpft werden, auseinander liegen. Die Ersparnis liegt hier in der Verkürzung des Gedankenweges von einem Kontext zum anderen (Freud 1958, 97). Zum Beispiel in Szene zwei, nachdem Yhauda einige Zeit das Versteckspiel von Dalí und Jessica, welches sich in eine Verfolgungsjagd entwickelte, beobachtet hat.

Yahuda: Freud, will you tell me why on earth you are consorting with these lunatics?

Freud: Patients, Yahuda.

Yahuda: I have been patient long enough!

(Johnson 1995, 39)

Der Gleichklang von patients und patience führt zu einem Missverständnis. Freud verbessert Yahuda, der Dalí und Jessica als lunactics ‘Verrückte’ bezeichnet, indem er erklärt, dass sie seine patients ‘Patienten’ seien.

[...]


1 Im Englischen Jokes and Their Relation to the Unconscious

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption Freudscher Theorien in Terry Johnson's "Hysteria. Fragments of an Obsessional Neurosis"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Anglistik)
Veranstaltung
HS Traumlektüren
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V277773
ISBN (eBook)
9783656726241
ISBN (Buch)
9783656741589
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
SIgmund Freud, Psychoanalyse und Literatur, Traumdeutung
Arbeit zitieren
Vincent Kemme (Autor), 2014, Die Rezeption Freudscher Theorien in Terry Johnson's "Hysteria. Fragments of an Obsessional Neurosis", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277773

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