Thesen und Grundaussagen des Monetarismus. Implikationen für Wirtschafts- und Geldpolitik im historischen und aktuellen Kontext


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Die monetaristische Revolution

2 Grundlegende monetaristische Thesen
2.1 Quantitätstheorie
2.2 Der Transmissionsprozess
2.3 Die Stabilität des Privatsektors
2.4 Trennung von aggregativen und allokativen Kräften

3 Implikationen für monetaristisch ausgerichtete Wirtschaftspolitik
3.1 Zielgrößen und Zielkontrolle der Geldpolitik
3.2 Monetaristische Wirtschaftspolitik

4 Monetarismus im wirtschaftspolitischen Kontext
4.1 Aufstieg und Fall des Monetarismus
4.2 Die geldpolitische Strategie der Europäischen Zentralbank

5 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einleitung: Die monetaristische Revolution

Mitte der sechziger Jahre hatte eine neue Bewegung ihren Anfang, welche die bis dahin weit akzeptierten Ansichten untergrub. Die Thesen und Aussagen der Wissenschaftler, allen voran Milton Friedman, die heute gemeinhin zu den „Monetaristen“ gezählt werden, bewegten in der Folgezeit Ökonomen, Politiker und die Öffentlichkeit gleichermaßen.

Heute scheint es, als fänden monetäre Aspekte nur noch geringe Beachtung. Versuche, die monetaristische Weltanschauung zu implementieren, waren unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher von zweifelhaftem Erfolg und ließen das öffentliche und politische Interesse verebben.

Hat der Monetarismus versagt? Ist ein solches Pauschalurteil möglich ohne einen Blick auf das monetaristische Gesamtsystem zu werfen? Das erste Teilziel dieser Arbeit ist es, den Begriff „Monetarismus“ aufzubrechen und den Blick auf die Thesen und Grundaussagen zu richten, die monetaristisches Denken definieren. Dabei ist auch die ökonomische Schule, die von John Maynard Keynes geprägt wurde, von enormer Bedeutung. Monetaristische Argumente kann man erst im Kontrast zu den keynesianischen Anschauungen voll erfassen, da sie darauf abzielen eben diese zu unterhöhlen und zu wiederlegen. Anhand dieser Erkenntnisse werden des weiteren Implikationen für die Wirtschafts- und Geldpolitik abgeleitet, wie sie die Monetaristen propagieren. Diese Propositionen werden schließlich in einen historischen und aktuellen Kontext gebracht und evaluiert.

2 Grundlegende monetaristische Thesen

2.1 Quantitätstheorie

Das grundsätzlichste Prinzip monetaristischer Denkweise ist die Annahme, dass Änderungen des Geldmengenwachstums eine zentrale Rolle bei der Erklärung ökonomischer Aktivität spielen. Dieser Einfluss der Geldmenge auf das Einkommen und die Preise steht in direkter Verbindung zur Quantitätstheorie des Geldes. Dieser Ansatz, der maßgeblich auf den amerikanischen Ökonomen Irving Fisher zurückgeht und in der Formel MV = PY[1] konkretisiert wurde, ist eine der ältesten Thesen der Wirtschaftswissenschaft. Betrachtet man V als konstant, lässt sich eine Stabilisierung des Preisniveaus folglich leicht dadurch realisieren, dass man die Geldmenge so steuert, dass ihre Wachstumsrate der des Realeinkommens entspricht.

Diese aus der Quantitätstheorie abgeleitete Regel stieß vor allem ihrer Einfachheit wegen schon Ende der sechziger Jahre auf öffentliches Interesse, hat aber in der Wissenschaft eine Vielzahl kritischer Diskussionen ausgelöst.[2] „A very important aspect of the quantity theory-Keynesian dispute involves the speed of adaption of the economy.“[3] Des weiteren ist die Konstanz der Umlaufgeschwindigkeit durchaus umstritten und zeigt in empirischen Untersuchung starke Schwankungen. Keynes begründete auf dieser Variabilität seine Kritik der Quantitätstheorie: „[D]ie Umlaufgeschwindigkeit [ist] ein Irrlicht. Sie könne sich, in Reaktion auf Änderungen entweder der Geldmenge oder des Einkommens, in die eine oder die andere Richtung bewegen. Die Geldmenge [ist] daher von geringer Bedeutung.“[4]

Eine Analyse der monetaristischen Sichtweise des Transmissionsmechanismus, also der Effekte monetärer Impulse auf den realen Sektor, zeigt die Zusammenhänge der Quantitätstheorie mit der monetaristischen Lehre.

2.2 Der Transmissionsprozess

Die Quantitätstheorie unterstellt einen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisniveau, ohne den Prozess der Beeinflussung darzulegen. Diese Lücke schließt die Transmissionshypothese. Friedman unterscheidet zwischen nominaler und realer Geldmenge. „Während Friedman [...] die nominale Geldmenge als eine exogene Größe betrachtet, die durch die Notenbankpolitik bestimmt ist, versteht er die reale Geldmenge als eine endogene Größe, die aus dem Wirtschaftsprozess heraus zu erklären ist.“[5] Wird die nominale Geldmenge von der Notenbank erhöht, befinden sich die Wirtschaftssubjekte nicht mehr im monetären Gleichgewicht, denn die tatsächliche Kassenhaltung ist gestiegen und liegt über der gewünschten und als optimal erachteten Vermögensstruktur. „If the public finds itself with excess balances it will reduce them by increasing expenditures, presumably on both goods and bonds.“[6] Vorausgesetzt die Geldnachfrage ist stabil, steigt die Nachfrage nach Gütern oder Vermögenswerten und somit das Produktionsniveau sowie das reale Volkseinkommen. Das Ansteigen der Geldmenge führt kurzfristig zu einer Erhöhung des Outputs. „However, there is an upper limit to this production surge, a limit placed by existing plants, equipment, production technologies, and the current labor force.“[7] Profitmaximierende Unternehmen werden daher schnell die Preise erhöhen und so ist mittelfristig eine Erhöhung der Inflationsrate eine wahrscheinlichere Folge der Geldmengenexpansion als eine Erhöhung des Outputniveaus. Im Bezug auf die reale und nominale Geldmenge folgt, dass es in jedem Fall wieder zu einem Gleichgewicht bei der Kassenhaltung der Wirtschaftssubjekte kommt: „Steigt die Produktion und damit das reale Volkseinkommen, so erhöht sich die gewünschte reale Kassenhaltung; resultieren aus der Zunahme der Nachfrage Preissteigerungen, vermindert sich der Realwert der (gegebenen) nominalen Geldmenge.“[8]

Selbst wenn nur knapp skizziert, weicht der monetaristische Transmissionsprozess stark von der keynesianischen Hypothese ab. Diese fokussiert zunächst nicht den Einfluss expansiver Geldpolitik auf die Nachfrage im Allgemeinen, sondern auf Investitionen. Die Erhöhung der Geldmenge verringert, bedingt durch Portfolioanpassungen, den Zinssatz. Betrachtet man den Zinssatz kreditkosteninterpretiert als „Preis des Geldes“, führt diese Kostenreduktion zu einer stärkeren Nachfrage von Gütern, die mit geliehenem Geld finanziert werden. „[I]t stimulates business investment, residential construction, and perhaps investment in consumer durables.“[9] Die Keynesianer schließen daraus nicht zwingend auf Preisniveauerhöhung, da sie dazu tendieren Inflationsursachen eher kosten- und nicht nachfrageseitig betrachten.[10]

Des weiteren stellt sich, egal ob man die Geldmenge oder den Zinssatz als maßgebliche Variable des Transmissionsprozesses präferiert, die Frage der Messbarkeit beider Größen. „Der“ Zinssatz und „die“ Geldmenge sind nur theoretische Konzepte und bedürfen einer genauen Definition, um empirischen Ansprüchen zu genügen. Problematisch bei der Erfassung des Zinssatzes ist nicht nur Auswahl von lang- und kurzfristigen Zinssätzen, die bei der Rechnung integriert werden müssen. Oft sind die erforderlichen Daten, wie beispielsweise hausinterne Zinssätze, auf dem Markt nur schwer zu erfassen. Außerdem ist für wirtschaftliche Entscheidungen nicht der aktuelle Nominalzinssatz, sondern der zukünftige Realzinssatz interessant, der schon alleine wegen möglicher Inflationsschwankungen schwer vorhergesagt werden kann. Im Gegensatz dazu bevorzugen die Monetaristen die Geldmenge als Messgröße. Aber auch hier gibt es definitorische Unklarheiten: Entspricht die Geldmenge eher M1 oder M2? Welche Rolle spielt beim Transaktionsprozess die erwartete Inflationsrate und wie beeinflusst sie das Verhalten der Wirtschaftssubjekte?[11] Die exakte Messung beider Größen ist problematisch, aber die Bedeutung dieser Abweichung ist bei der hohen Abstraktion und Vereinfachung makroökonomischer Modelle eher gering.

2.3 Die Stabilität des Privatsektors

Für Monetaristen ist der private Sektor von Natur aus stabil, vorausgesetzt er wird sich selbst überlassen und keinen sprunghaften Geldmengenschwankungen ausgesetzt. Keynesianer sehen in einer Vielzahl von Faktoren, vor allem in der Effizienz von Investitionen, Auslöser für Nachfrageänderungen. „By contrast, the monetarist treats aggregate demand as the resultant of a stable demand for money and an unstable supply of money.“[12] Diese monetaristische Annahme geht einher mit der Skepsis gegenüber staatlichen Interventionen und dem Glauben an die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft.[13] Die Annahme einer uneinschätzbaren internen Dynamik des privaten Sektors bietet vor allem geldpolitischen Institutionen Argumentationsspielraum, da ineffiziente Geldpolitik durch nicht vorhersehbare Schwankungen rechtfertig werden kann. „[Aber] die monetaristische Position argumentiert [sogar] weiter, dass die Hauptinstabilitäten [...] des ökonomischen Prozesses auf das Verhalten des staatlichen Sektors zurückgehen. [...] Die Instabilität ist vor allem der Geld-, Kredit- und Fiskalpolitik zuzuschreiben.“[14] Die Ablehnung staatlicher Interventionen steht in engem Zusammenhang mit dem von Monetaristen oft an den Tag gelegten Desinteresse an allokativen Einzelheiten.

[...]


[1] Hier: Einkommensform, mit M=nominale Geldmenge, V=Umlaufgeschwindigkeit, P=Preisniveau, Y=Realeinkommen

[2] Nach: Schneider, Erich; Automatismen oder Ermessenserscheinungen in der Geldpolitik, in: Der neue Monetarismus, hrsg. v. Kalmbach, Peter; München: 1973, S. 179-195, hier S. 180f.

[3] Mayer, Thomas; The Structure of Monetarism; in: Kredit und Kapital, Jg. 8, Berlin: 1975, S. 191-215 und S. 292-313, hier S. 195.

[4] Friedman, Milton; Die Gegenrevolution in der Geldtheorie; in: Der neue Monetarismus, hrsg. v. Kalmbach, Peter; München: 1973, S. 47-67, hier S. 53.

[5] Issing, Otmar; Einführung in die Geldtheorie; München: 1998, S.147.

[6] Mayer; a.a.O., S. 197.

[7] Hafer, R.W.; What Remains of Monetarism?, in: Federal Reserve Bank of Atlanta Economic Review, Fourth Quarter 2001, http://www.frbatlanta.org/filelegacydocs/hafer.pdf [29. September 2003], S. 13-32, hier S. 14.

[8] Issing; a.a.O., S. 147.

[9] Mayer; a.a.O., S. 201f.

[10] Ebd., S. 212.

[11] Ebd., S. 199f.

[12] Mayer, a.a.O., S. 204.

[13] Vgl. Kapitel 3.2 Monetaristische Wirtschaftspolitik.

[14] Brunner, Karl; Die «Monetaristische Revolution» der Geldtheorie, in: Der neue Monetarismus, hrsg. v.
Kalmbach, Peter; München: 1973, S. 70-103, hier S. 76.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Thesen und Grundaussagen des Monetarismus. Implikationen für Wirtschafts- und Geldpolitik im historischen und aktuellen Kontext
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Wirtschaftswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V27778
ISBN (eBook)
9783638297349
Dateigröße
1148 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hat der Monetarismus versagt? Ist ein solches Pauschalurteil möglich ohne einen Blick auf das monetaristische Gesamtsystem zu werfen? Das erste Teilziel dieser Arbeit ist es, den Begriff "Monetarismus" aufzubrechen und den Blick auf die Thesen und Grundaussagen zu richten, die monetaristisches Denken definieren. Anhand dieser Erkenntnisse werden des weiteren Implikationen für die Wirtschafts- und Geldpolitik abgeleitet, wie sie die Monetaristen propagieren.
Schlagworte
Monetarismus
Arbeit zitieren
Markus Fellner (Autor), 2003, Thesen und Grundaussagen des Monetarismus. Implikationen für Wirtschafts- und Geldpolitik im historischen und aktuellen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27778

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