David Lodge: Out of the shelter - Entstehung des Vorurteils und Revision desselben


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: David Lodge

2 Vorurteilstheorie
2.1 Vorurteile als Teil der Persönlichkeitsstruktur
2.2 Widerlegung des Vorurteils

3 Entstehung des Vorurteils
3.1 Kindliche Erfahrungen
3.2 Gesellschaftlicher Einfluss
3.3 Tims geistiger Schutzraum
3.4 Störungen des Eigenbildes

4 Erfahrungen in Deutschland: Revision des Vorurteils
4.1 Die Reise: Verlassen des gewohnten Umfelds
4.2 Zerschlagung des Hitlerbildes
4.3 Aufbrechen des homogenen Deutschlandbildes
4.4 Gut und Böse verschwimmt
4.5 Revision alter Idealbilder

5 Das Vorurteil und der Erkenntnisprozess

6 Fazit

Abbildung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung: David Lodge

“Out of the shelter was a novel specifically sourced from my first actual encounter with American culture, and with Continental Europe, as a youth of 16. I think in retrospect it cleaves too closely from my own experience (not in the story, but in the detail of the setting) so remains a limited, but I think truthful piece of work.”1

Out of the shelter , erstmals erschienen 1970, ist der am stärksten autobiographisch gefärbte Roman von David Lodge, aber auch der am wenigsten erfolgreiche und wurde deshalb von der Literaturkritik weitgehend übergangen. David Lodge, selbst Literaturprofessur, Kritiker und Theoretiker, hat sich vor allem als Autor intelligenter Universitätsromane einen Namen gemacht. Beispielsweise sein Roman 1LFH :RUN (1988), in dem eine junge Literaturwissenschaftlerin das universitäre Umfeld verlässt und Erfahrungen im Wirtschaftsleben sammelt, bietet enormes Potential für intertextuelle Bezüge. Immer wieder wird Literaturtheorie geschickt und geistreich in die Handlung verwoben, sogar metafiktional auf den aktuellen Text angewandt und verweist auf den wissenschaftlichen Hintergrund des Autors. Im Vorwort der zweiten Auflage von 2XW RI WKH VKHOWHU, welche 1985 nach dem anfänglichen Misserfolg überarbeitet erschien, charakterisiert Lodge den Text als „'serious' realistic novel in which comedy is an incidental rather than a strucutral element, and metafictional games and stylistic experiment are not allowed to disturb the illusion of life”2 und setzt den Roman damit von seinen anderen Publikationen ab.

Der Roman schildert den Weg des sechzehnjährigen Timothy Young aus dem Nachkriegsengland ins Deutschland der 50er Jahre. Er besucht in Heidelberg seine Schwester Kath, die dort für die amerikanischen Streitkräfte arbeitet. Timothy, geprägt durch persönliche Erfahrungen während der Bombenangriffe auf London und die britische Kriegspropaganda, durchläuft während seines Ferienaufenthalts einen vielschichtigen Erfahrungsprozess und erweitert respektive verändert seine Sicht von den Deutschen als auch von der Alliierten. Es kommt einerseits zu einem Kulturvergleich zwischen England und Amerika auf deutschem Boden, wobei das zentrale Thema aber die Begegnung des englischen Jugendlichen mit Deutschland und der deutschen Geschichte ist.

Eine zentrale Rolle in diesem Erkenntnisprozess spielen Vorurteile und Stereotype. Ziel dieser Arbeit ist es, die Entstehung und die Revision der Vorurteile im Text herauszuarbeiten und deren Einfluss auf das Fremd- und Eigenbild darzulegen. Am Anfang steht deshalb ein kurzer theoretischer Abriss des Vorurteilsbegriffs, auf deren Grundlage der Roman untersucht wird. Zusammenfassend wird das ästhetische Potential der Vorurteile und Stereotype und ihr Effekt auf den Erkenntnisprozess betrachtet.

2 Vorurteilstheorie

2.1 Vorurteile als Teil der Persönlichkeitsstruktur

In einer einfachen Definition besteht ein Vorurteil aus zwei Komponenten: es handelt sich zum einen um ein falsches negatives Urteil und zum anderen ist dieses Fehlurteil nur schwer zu berichtigen, also gegen Richtigstellung weitgehend resistent. „Vielleicht lautet die kürzeste Definition des Vorurteils: Von anderen ohne ausreichende Begründung schlecht denken.“3 Die Bedeutung des Vorurteilsbegriffs geht allerdings weiter, da es sich beim Vorurteil nicht lediglich um eine bloße Meinung handelt, sondern um eine Einstellung, welche in der Persönlichkeitsstruktur verankert ist und einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung und die Interpretation der Umwelt und somit auf das menschliche Handeln hat.

Vorurteile sind von der Struktur her stark vereinfachte, klischeehafte Bilder in unseren Köpfen, die wir von Menschen oder Menschengruppen haben. Diese Vorstellungen bezeichnet man auch als Stereotype. „Stereotype haben eine Orientierungsfunktion in der sozialen Umwelt. Sie sind die geistigen Schubladen, die das Einordnen von Menschen erleichtern.“4 Die menschliche Tendenz zur Generalisierung mit dem Ziel der Reduktion von Komplexität und ungeheurer Vielfalt unseres Daseins ist existentiell und findet sich in vielen Bereichen. Dabei trägt sie zur notwendigen Strukturierung der Welt bei. Es ist allerdings die Resistenz und mangelnde Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen, welche das Vorurteil von der bloßen Generalisierung abhebt und weiterer Erklärung bedarf.

Die Psychologie schreibt den Vorurteilen vier spezifische Funktionen zu. Zum einen wird die Abwehr von Unsicherheit und Angst genannt, da man darum fürchtet, das klare Interpretationsmuster zu verlieren, das einem subjektive Gewissheit in den immer komplexeren gesellschaftlichen Zusammenhängen gibt. Des weiteren spricht man von der Stabilisierung des sozialen Selbstverständnisses: ¹ Durch die Diskriminierung einer anderen ethischen oder sozialen Gruppe den Wert der eigenen Gruppe und damit den Wert der eigenen Person zu erhöhen. Es ist ein einfaches Mittel, weil keine eigene Leistung dazugehört.ª5 Der dritte Punkt wird als gesellschaftlich gebilligte Aggressionsabfuhr bezeichnet. Geht man von einer Gruppe aus, stärkt ein gemeinsamer Feind oder ein Sündenbock das Gruppengleichgewicht, da er gruppeninterne Spannungen durch Projektion auf ¹ Auûenseitergruppenª mildert. Die letzte Funktion ist die Stabilisierung des schwachen Ich. ¹ In der Tiefe der Persönlichkeit scheint eine zugrunde liegende Unsicherheit zu bestehen. Diese Einzelmenschen können der Welt nicht fest entschlossen und auf offene Weise entgegentreten.ª6 Die Individuen bevorzugen es ihren Lebensstil und ihre Einstellungen den schon existierenden Bedingungen anzupassen. Vorurteile und Stereotype sind somit feste Bestandteile des menschlichen Wesens und fest verwurzelt in unserem Alltagsbewusstsein.

Einen Spezialfall stellen nationale Stereotypen dar, deren Hauptfunktion die Abgrenzung gegenüber anderen Nationen ist. Dabei ist das Eigenbild keineswegs konstant, sondern vom jeweiligen Fremdstereotyp abhängig, auf welches das Eigenbild bezogen wird.7 So war das Eigenbild eines englischen Soldaten nach dem zweiten Weltkrieg im Bezug auf die Amerikaner möglicherweise das eines loyalen Verbündeten der Alliierten, den Deutschen gegenüber allerdings das eines überlegenen Befreiers, der ein grausames und brutales Volk in die Schranken gewiesen hat. Die Besonderheit des nationalen Stereotyps ist, dass es positive und negative Aspekte vereint, beachtet man beispielsweise, dass den Deutschen oft die Attribute Fleiû und Sturheit gleichermaûen zugeschrieben werden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Vorurteile eine fälschliche Reduktion der Realität sind, deren Widerlegung, auch durch konträre Erfahrungen, schwierig ist.

2.2 Widerlegung des Vorurteils

Somit scheiden neue Informationen über oder sogar Kontakt mit vorurteilsbeladenen Objekten zunächst als Strategien zur Vorurteilsbekämpfung aus. Bei bestimmten Persönlichkeitstypen bergen sie sogar die Gefahr eines Bumerangeffekts, der die Abneigung sogar noch steigern könnte. Der Ansatzpunkt muss also nicht nur bei der Revision des Fremdbildes, sondern auch bei einer Wandlung des Selbstbildes zu finden sein. Um Vorurteile abzubauen ist es nötig, ¹ die Konstitutionsbedingungen von Vorurteilen selber in den Reflexionsprozess einzubeziehen. Die Menschen müssen lernen, sich selber besser zu verstehen, damit sie den Fremden nicht mehr als Bedrohung erfahren, sondern als Möglichkeit der besseren Selbsterkenntnis.ª8 Dabei ist nicht nur die Psyche des Individuums von Bedeutung, sondern auch die Gesellschaft, in der die Vorurteile entstehen. Fremderfahrung und Eigenerfahrung bedingen sind folglich gegenseitig. Eigenerfahrung ermöglicht das Zeichnen eines differenzierteren Fremdbildes, welches wiederum das Selbstverständnis zu prägen vermag.

Als Timothy seine Reise antritt, existiert in seinem Kopf bereits ein Deutschlandbild, das er sich auf Grund von Sekundärinformationen errichtet hat und das sowohl individuell, beispielsweise durch den Tod Uncle Jack’s, als auch gesellschaftlich, beispielsweise durch Kriegspropaganda, motiviert ist. In Deutschland wird diese ¹acquired realityª mit einer ¹objective realityª kontrastiert und Tim findet sich inmitten eines bewusstseinserweiternden Erkenntnisprozesses.9

3 Entstehung des Vorurteils

3.1 Kindliche Erfahrungen

Die ersten Erfahrung die Timothy Young mit dem Krieg macht, stehen in Zusammenhang mit dem Luftschutzbunker, der im Garten des benachbarten Hauses liegt, in dem seine Freundin Jill mit ihrer Familie wohnt. Immer wenn die Sirenen vor einem nächtlichen Bombenangriff auf London warnen, zieht sich Tim mit seiner Mutter in den engen Schutzraum zurück, der ihnen das Gefühl von Sicherheit gibt. Seine kindliche Wahrnehmung empfindet die Atmosphäre sogar als warm und gemütlich, ein Gefühl, das durch den Genuss heiûer Schokolade und Keksen, aber vor allem durch die körperliche Nähe zu Jill nochmals verstärkt wird: ¹ He was warm and safe and sleepy. He hoped that there would be another raid the next night.ª (S.12) Aber schon kurze Zeit später zeigt sich die grausame Realität des Kriegsalltags: Tim erwacht durch einen lauten Knall und Jill und ihre Mutter, die den Bunker verlassen hatten, werden getötet, während er und seine Mutter im Bunker verschüttet und erst nach Stunden ausgegraben werden. Dennoch sträubt sich Tim gegen das Verlassen des Bunkers: ¹ In the end, one of the men had to carry him, kicking and screaming, out of the shelter into the open air.ª (S.14) Diese Szene weist schon symbolisch über den unmittelbaren Kontext hinaus: ª Timothy sucht auch in den nächsten Jahren fast instinktiv Schutzräume, in denen er sich (häufig irrtümlicherweise) sicher fühlt und die zu verlassen ihm ähnlich schwer fällt, wie das Verlassen des Bunkers in der Kindheit.ª10

Aber nicht nur der Tod Jills und ihrer Mutter, sondern auch Jills Vater spielt bei der Entwicklung Tims eine wichtige Rolle. Onkel Jack, so nennt er den Nachbarn, ist für den kleinen Jungen ein Idol. Jack ist Pilot bei der Royal Airforce und hat dafür Tims ungeteilten Respekt. ¹ He was big and strong and cheerful and Timothy loved him.ª (S.6) Auch wenn er nicht möchte, dass sein Vater, aufgrund seines Alters Luftschutzwart, ebenfalls in den Krieg ziehen muss, ist Onkel Jack für ihn die Personifikation des Guten, da er das geliebte England, London und auch ihn selbst vor dem Bösen schützt. Um so gröûer ist sein Hass, als er einige Zeit später erfährt, dass Jack bei einem Einsatz über Deutschland ums Leben gekommen ist. ¹ But he was full of hatred for the Germans because they had killed the nicest man he had ever known.ª (S.25) Es sind aber nicht nur diese Erfahrungen im engen persönlichen Umfeld, die Tim beeinflussen, auch der gesellschaftliche Einfluss ist für Tims Feindbild bestimmend.

3.2 Gesellschaftlicher Einfluss

Alle Informationen, die Tim über den deutschen Feind hat, sind natürlich aus zweiter Hand. Seine Sicht manifestiert sich aus Halbwahrheiten, die er einerseits über die Medien mitbekommt oder einfach im Alltagsleben aufschnappt. Er wird täglich von Jean Collins, einem etwas älteren Mädchen, zur Schule gebracht. ¹ Sometimes, when she was cross, she would say that Hitler would catch him one day and do horrible things to him.

[...]


1 Lodge, David; befragt in: Vianu, Lidia; Interview with David Lodge, http://lidiavianu.scriptmania.com/david_lodge.htm [29.12.2003].

2 Lodge, David; Out of the Shelter; New York: 1985, S. xii.

3 Allport, Gordon W.; Die Natur des Vorurteils; Köln: 1971, S. 20.

4 Ostermann, Änne; Nicklas, Hans; Vorurteile und Feindbilder; München: 1976, S. 4.

5 Ebd.; S. 7.

6 Allport; a.a.O., S. 398.

7 Nach: Ostermann; Nicklas; a.a.O., S. 27f.

8 Ebd., S. 39.

9 Nach: Schwend, Joachim; Out of the Shelter. Rites of Passage into Paradise?; in: The Novel in AngloGerman Context, hrsg. v. Stark, Susanne; Amsterdam: 2000, S. 318.

10 Omasreiter-Blaicher, Ria; Annäherung an Deutschland. Die Revision eines Feindbildes in David Lodges 2XW RI WKH 6KHOWHU; in: Literatur in Wissenschaft und Unterricht XXXI; Würzburg: 1998, S. 176.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
David Lodge: Out of the shelter - Entstehung des Vorurteils und Revision desselben
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Anglistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Literaturwissenschaft: Fremd- und Eigenbilder: E. M. Forster und David Lodge
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V27780
ISBN (eBook)
9783638297363
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ziel dieser Arbeit ist es, die Entstehung und die Revision der Vorurteile im Text herauszuarbeiten und deren Einfluss auf das Fremd- und Eigenbild darzulegen. Am Anfang steht deshalb ein kurzer theoretischer Abriss des Vorurteilsbegriffs, auf deren Grundlage der Roman untersucht wird. Zusammenfassend wird das ästhetische Potential der Vorurteile und Stereotype und ihr Effekt auf den Erkenntnisprozess betrachtet.
Schlagworte
David, Lodge, Entstehung, Vorurteils, Revision, Hauptseminar, Literaturwissenschaft, Fremd-, Eigenbilder, Forster
Arbeit zitieren
Markus Fellner (Autor), 2004, David Lodge: Out of the shelter - Entstehung des Vorurteils und Revision desselben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27780

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