Im Zuge der Ergebnisse von internationalen Leistungsvergleichstudien wie IGLU (Internationale
Grundschul-Leseuntersuchung) oder PISA (Program for International Student Assessment) (vgl. Deutsches Pisakonsortium, 2003), geriet auch der Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen in den Fokus der Öffentlichkeit. In Deutschland begann eine breite Debatte darüber, dass Kindergärten und andere Tageseinrichtungen ihren Schwerpunkt von der reinen Betreuung und „Aufbewahrung“ der Kinder, hin zur
Bildungsstätte für die frühkindliche Entwicklung verlagern müssen, was durch die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Jugendministerkonferenz (JMK) (2004) im ‚Gemeinsamen
Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen‘ konkretisiert wurde. Besonderes Augenmerk wurde u.a. auf die Sprachentwicklung gelegt und darauf, mögliche Sprachentwicklungsstörungen und damit eventuell drohenden, schulischen Misserfolg frühzeitig zu erkennen und die Sprachentwicklung angemessen zu fördern (KMK u. JMK (2004, S.4)). Das bedeutet für die Bildungspolitik
die große Aufgabe, die frühpädagogische Sprachdiagnostik aufzubauen und Sprachförderangebote auszubauen.
Ein wichtiger Aspekt bei diesem Thema ist die Tatsache, dass der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund, bzw. derer, die Deutsch nicht als Muttersprache sprechen, in den Kindertageseinrichtungen weiter zunimmt, wie die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2012, S.76) feststellte.
Was bedeutet diese Tatsache für die Sprachdiagnostik und Sprachförderung, die in den Bildungseinrichtungen stattfindet?
Die folgende Arbeit soll einen Einblick geben in die derzeitige Situation der sprachlichen Diagnostik, Förderung und Bildung im frühkindlichen Bereich und darin, wie das Thema in den verschiedenen Bundesländern gehandhabt wird. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, in welchem Umfang dabei berücksichtigt wird, dass längst nicht mehr vom einsprachig, Deutsch sprechenden Kindergartenkind ausgegangen werden kann, sondern der Anteil der Kinder, die mehrsprachig aufwachsen oder mit einer anderen Muttersprache als Deutsch, immer mehr steigt. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Sprachdiagnostik
1.1 Definitionen und Begriffe
1.2 Notwendigkeit von Spracherfassungsverfahren
1.3 Funktionen der Spracherfassungsverfahren
1.4 Diagnostische Methoden
1.5 Untersuchungsbereiche
1.6 Qualitätsmerkmale
1.7 Probleme der Sprachstandsmessung
1.8 Zusammenfassung
2 Zweitspracherwerb und Mehrsprachigkeit
2.1 Sprachentwicklung, Sprachlernen, Spracherwerb oder Sprachaneignung
2.2 Grundlegendes zum Spracherwerb
2.3 Mehrsprachigkeit
2.4 Besonderheiten des Zweitspracherwerbs
2.5 Einflussfaktoren auf den Spracherwerb
2.6 Spracherwerbsstörung oder mangelnde Sprachbeherrschung
2.7 Faktoren in der Entwicklung kindlicher Mehrsprachigkeit
3 Berücksichtigung der Mehrsprachigkeit bei Sprachstandsmessungen
3.1 Ansprüche an Diagnoseverfahren für mehrsprachige Kinder
3.2 Verfahren, die Mehrsprachigkeit berücksichtigen
4 Sprachförderung
4.1 verschiedene Arten der Sprachförderung
4.2 Sprachfördertools
4.3 Sprachfördermaßnahmen
4.4 Einzelne Sprachförderprogramme für mehrsprachige Kinder
4.5 Erfolgsfaktoren für die Sprachförderung
4.6 Zusammenfassung
5 Die Orientierungs- und Bildungspläne im Elementarbereich
5.1 Der Bildungsbereich Sprache
5.2 Diagnostik in den Bildungsplänen
5.3 Sprachförderung in den Bildungsplänen
5.4 Mehrsprachigkeit in den Bildungsplänen
6 Eingesetzte Testverfahren und Förderprogramme in den Bundesländern
6.1 Baden-Württemberg
6.2 Bayern
6.3 Berlin
6.4 Nordrhein-Westfalen
6.5 Zusammenfassung
6.6 weitere Maßnahmen
7 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die derzeitige Situation der sprachlichen Diagnostik und Förderung in deutschen Kindertageseinrichtungen unter besonderer Berücksichtigung von Kindern mit Migrationshintergrund. Das primäre Ziel ist es, Einblicke in die Handhabung der Sprachförderung in verschiedenen Bundesländern zu geben und zu analysieren, wie der steigende Anteil mehrsprachig aufwachsender Kinder in den diagnostischen Verfahren und Bildungsplänen berücksichtigt wird.
- Sprachdiagnostik im frühkindlichen Bereich
- Zweitspracherwerb und Mehrsprachigkeit
- Anforderungen an Diagnoseverfahren für mehrsprachige Kinder
- Umsetzung der Sprachförderung in den Bundesländern
- Rolle des pädagogischen Personals
Auszug aus dem Buch
1.2 Notwendigkeit von Spracherfassungsverfahren
Die Sprache an sich ist Werkzeug, um alle anderen Bildungsherausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten des Alltags zu erschließen. Deshalb können vielfach nur Kinder, deren sprachliche Entwicklung ungestört verläuft, ihr Bildungspotential uneingeschränkt entfalten. Allerdings verläuft die sprachliche Entwicklung bei allen Kindern sehr individuell und auch nicht bei jedem Kind problemlos. Ehlich, Bredel und Reich (2008, S.10) schreiben in ihrem ‚Referenzrahmen zur altersspezifischen Sprachaneignung‘ von einer vorsichtigen Schätzung, bei der etwa jedes fünfte oder vierte Kind eines Jahrgangs einen spezifischen Sprachförderbedarf aufweist. Das bedeutet, dass sie sich bestimmte sprachliche Strukturen erst lange nach dem Zeitraum aneignen, in dem Kinder normalerweise die entsprechende Kompetenz erwerben. Wenn diese Probleme bei der Sprachentwicklung nicht erkannt werden, bzw. die Kinder nicht unterstützt werden, können sich Folgewirkungen zeigen, wie beispielsweise Kommunikationsschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten oder Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, die weitere drastische Entwicklungsverzögerungen und/oder Probleme in der Schule zur Folge haben können. Je früher solche Entwicklungsprobleme erkannt werden, desto größer sind die Chancen, sie durch ganzheitliche und spielerische Förderung aufzufangen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Sprachdiagnostik: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen der Sprachdiagnostik, einschließlich Definitionen, Methoden (Schätzverfahren, Beobachtung, Elizitationsverfahren) und allgemeiner Qualitätskriterien für Testverfahren.
2 Zweitspracherwerb und Mehrsprachigkeit: Hier werden Begrifflichkeiten rund um den Spracherwerb geklärt und die Besonderheiten beim Zweitspracherwerb sowie Einflussfaktoren auf diesen Prozess beleuchtet.
3 Berücksichtigung der Mehrsprachigkeit bei Sprachstandsmessungen: Dieses Kapitel diskutiert die Ansprüche an Diagnoseverfahren, die der Mehrsprachigkeit gerecht werden, und stellt beispielhaft Analyseverfahren vor, die dies berücksichtigen.
4 Sprachförderung: Hier werden verschiedene Arten der Sprachförderung (kompensatorisch, präventiv, ganzheitlich) sowie Programme und Konzepte zur Förderung und die Anforderungen an das pädagogische Personal dargestellt.
5 Die Orientierungs- und Bildungspläne im Elementarbereich: Das Kapitel bietet einen Überblick darüber, wie die verschiedenen Bundesländer Sprache, Sprachdiagnostik und Mehrsprachigkeit in ihren jeweiligen Bildungsplänen thematisieren.
6 Eingesetzte Testverfahren und Förderprogramme in den Bundesländern: Hier werden die konkret in den verschiedenen Bundesländern verwendeten Diagnose- und Förderverfahren tabellarisch erfasst und analysiert.
7 Fazit und Ausblick: Das abschließende Kapitel fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und leitet Empfehlungen für die Weiterentwicklung der Sprachdiagnostik und -förderung ab.
Schlüsselwörter
Sprachdiagnostik, Sprachförderung, Mehrsprachigkeit, Zweitspracherwerb, Kindertageseinrichtungen, Bildungspläne, Sprachstandsmessung, Migrationshintergrund, Elementarbereich, Sprachstandserhebung, Sprachaneignung, pädagogisches Personal, Sprachkompetenz, Sprachentwicklungsstörung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Sprachdiagnostik und Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen mit einem besonderen Fokus auf die Herausforderungen und Bedürfnisse von Kindern mit Migrationshintergrund.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die theoretischen Grundlagen der Spracherfassung, die Besonderheiten des Zweitspracherwerbs, die Qualität diagnostischer Verfahren sowie die Umsetzung von Sprachförderung in den verschiedenen deutschen Bundesländern.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, einen Einblick in die aktuelle Situation der sprachlichen Diagnostik und Förderung zu geben und aufzuzeigen, wie diese auf die zunehmende Mehrsprachigkeit im Elementarbereich reagiert.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die auf Basis aktueller Fachpublikationen, Expertisen und offizieller Bildungspläne der Bundesländer eine Analyse und Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes vornimmt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, Anforderungen an Diagnoseverfahren bei Mehrsprachigkeit, Methoden der Sprachförderung sowie einen detaillierten Ländervergleich der eingesetzten Testverfahren und Förderprogramme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Sprachdiagnostik, Sprachförderung, Mehrsprachigkeit, Zweitspracherwerb und der Elementarbereich.
Warum sind einsprachige Normen bei der Sprachstandsmessung oft problematisch?
Viele Tests wurden für einsprachig deutsch aufwachsende Kinder konzipiert. Bei Kindern mit einer anderen Muttersprache führen sie oft zu einer Pathologisierung, da sie die spezifischen Lernverläufe des Zweitspracherwerbs nicht abbilden.
Welche Rolle spielt das pädagogische Personal bei der Sprachförderung?
Dem Personal kommt eine Schlüsselrolle zu: Es muss nicht nur Sprachvorbild sein, sondern auch Auffälligkeiten im Erwerbsprozess erkennen und in der Lage sein, alltagsintegrierte Sprachförderung professionell und individuell zu gestalten.
Wie wichtig ist der Einbezug der Herkunftssprache?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Herkunftssprache einen wesentlichen Teil der gesamten Sprachbiografie ausmacht. Ein wertschätzender Umgang damit sowie die Förderung der Identität sind wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche sprachliche Bildung.
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- Olivia Müller (Author), 2014, Spachdiagnostik und Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund in Kindertageseinrichtungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277807