Wissenschaft ohne Regeln? Zur Philosophie Paul Feyerabends


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996
28 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Austreibung der Methoden aus der Wissenschaft – Die Philosophie Paul Feyerabends
1. Anything Goes
2. Kontrainduktion und Theorienpluralismus
3. Die Theorieabhängigkeit der Fakten
4. Wissenschaft und Wissenschaftsphilosophie
5. Der erkenntnistheoretische Anarchismus
6. Wissenschaft und Gesellschaft

III. Regellose Wissenschaft und/ oder freie Gesellschaft?

IV. Schlußbetrachtung

Bibliographie

I. Einleitung

Der folgende Aufsatz stellt meinerseits eine erste Auseinandersetzung mit der Philosophie Paul K. Feyerabends dar. Er folgt einer Lektüre der üblicherweise als Hauptwerke des Autors bezeichneten Bücher »Wider den Methodenzwang« und »Erkenntnis für freie Menschen« in den in der Bibliographie genannten Fassungen dieser Bände. Dabei werde ich mich jedoch zur Darstellung der Feyerabendschen Philosophie im Hauptteil dieses Aufsatzes ausschließlich auf den erstgenannten Text beziehen, da meines Erachtens hierin die wirklich interessanten und erkenntnis­fördernden Ansichten des Autors wiedergegeben sind, während ich seine in »Erkenntnis für freie Menschen« bezogenen philosophischen Positionen (insbesondere seine gesellschaftstheoretischen Schlußfolgerungen) für überzogen und wenig nachvollziehbar halte. Im Mittelpunkt des Aufsatzes steht also eine Übersicht über das Denken Paul Feyerabends, wie es sich aus »Wider den Methodenzwang« ergibt. Der ab­schließende Teil stellt den Versuch einer Wertung dieser Philosophie dar, wobei ich neben eigenen Gedanken die beiden von Hans Peter Duerr herausgegebenen Bände »Versuchungen. Aufsätze zur Philosophie Paul Feyerabends« heranziehen werde.

II. Austreibung der Methoden aus der Wissenschaft – Die Philosophie Paul Feyerabends

1. Anything Goes

Feyerabend möchte in seiner "Wissenschaftstheorie" kein komplettes, an abstrakten Gesetzen der Logik orientiertes Instrumentarium entwickeln, wie Wissenschaft abzulaufen habe. Vielmehr ist es sein Ziel zu ergrün­den, wie Wissenschaft tatsächlich ablaufe und mittels eines Streifzuges durch die Geschichte herauszufinden, auf welche Weise es in den ver­gangenen Epochen zu wissenschaftlichem Fortschritt gekommen sei. Er wirft anderen Wissenschaftstheoretikern vor, auf dieses historische Vorgehen zu verzichten und durch das Aufstellen von Regeln ohne Rücksicht auf die wirklichen Strukturen des Wissenschaftsbetriebes selbigem Gewalt anzutun. "Die Geschichte der Wissenschaft besteht ja nicht bloß aus Tatsachen und Schlüssen aus Tatsachen. Sie enthält auch Ideen, Deutungen von Tatsachen, Probleme, die aus widerstreitenden Deutungen entstehen, Fehler und anderes mehr. Bei genauerer Unter­suchung stellt sich sogar heraus, daß die Wissenschaft überhaupt keine »nackten Tatsachen« kennt, sondern daß alle »Tatsachen«, die in unsere Erkenntnis eingehen, bereits auf bestimmte Weise gesehen und daher wesentlich ideell sind."[1] Und daher: "Sollen wir wirklich glauben, daß die naiven und biederen Regeln, von denen sich viele Philosophen und auch viele Wissenschaftler leiten lassen, ein solches »Labyrinth von Wechselwirkungen« auflösen können?"[2] Feyerabend argumentiert darum für ein opportunistisches Vorgehen der Wissenschaftler, daß sich nicht von wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Prämissen gängeln läßt, sondern zum Ergreifen jeder noch so verwegenen Methode bereit ist, die geeignet erscheint, die eigene, jeweils vertretene wissenschaft­liche Überzeugung zu stützen. Feyerabend unterstellt der Art und Weise, wie die wissenschaftliche Ausbildung heute erfolge, daß durch sie die Wissenschaft und ihre Akteure simplifiziert würden. Es werde ein Bild einer Wissenschaft erzeugt, die nach strengem Regelwerke funktio­niere und ein erhebliches Maß an Disziplin der Forschenden erfordere. Feyerabend will dagegen beweisen, daß eine derartig reglementierte Forschung den Fortschritt in der Vergangenheit gehemmt hätte und somit auch in der Zukunft hemmen würde. Außerdem erachtet er ein solches Wissenschaftsverständnis für menschenfeindlich, weil es der menschlichen Individualität und Kreativität nicht entspräche.

Feyerabend führt zwei Argumente an, warum eine gemäß festgelegten Regeln wissenschaftlichen Forschens geführte Wissenschaft nicht funktioniert und auch nicht funktionieren kann. Zum einen zeige dies ein Blick in die Geschichte. "Dann zeigt sich nämlich, daß es keine ein­zige Regel gibt, so einleuchtend und erkenntnistheoretisch wohlver­ankert sie auch sein mag, die nicht zu irgendeiner Zeit verletzt worden wäre. Es wird deutlich, daß solche Verletzungen nicht Zufall sind; sie entstehen nicht aus mangelndem Wissen oder vermeidbarer Nachlässig­keit. Im Gegenteil, man erkennt, daß sie für den Fortschritt notwendig sind."[3] Die Verletzung von Regeln erweise sich also, so Feyerabend, als unerläßlich für den Erkenntnisfortschritt. So sei es beispielsweise häufig notwendig, Thesen zu stützen, die anerkannten »Tatsachen« widersprächen, oder gar widerspruchsvolle Hypothesen. Weiterhin empfehle es sich häufig, weniger Wert auf eine gute Argumentation zu legen, sondern vielmehr auf Mittel wie Propaganda, Zwang und andere psychologische Einwirkungsmöglichkeiten zurückzugreifen, denn nicht selten würden neue Erkenntnisse nicht durch argumentative Überzeu­gung, sondern durch solche Einwirkungen von den anderen Wissen­schaftlern akzeptiert. Ein zweites Argument gegen ein festes Regelwerk wissenschaftlichen Arbeitens sieht Feyerabend im Verhältnis von Den­ken und Handeln. "Es wird oft für selbstverständlich gehalten, daß ein klares und deutliches Verständnis neuer Ideen ihrer Formulierung und Institutionalisierung vorangeht und vorangehen sollte. <...> Zuerst hat man einen Gedanken oder ein Problem, dann handelt man, d.h. redet, baut oder zerstört. Doch so entwickeln sich gewiß nicht kleine Kinder. Sie gebrauchen Wörter, verbinden sie, spielen mit ihnen, bis sie eine Bedeutung erfassen, die ihnen bisher unzugänglich war. Und die an­fängliche spielerische Tätigkeit ist eine wesentliche Voraussetzung für das schließliche Verstehen."[4] Feyerabend vertritt die Auffassung, daß sich an dieser Art und Weise der Wissensaneignung beim Erwachsenen im Grunde nichts geändert habe. So zeige auch ein Blick in die Wissen­schaftsgeschichte, daß von neuen Weltsichten zunächst nur Bruch­stücke im Umlauf waren, die von einzelnen Wissenschaftlern aufgegrif­fen wurden. Es erfolgte ein durchaus spielerischer Umgang, indem noch weitgehend unverstandene Elemente aufgegriffen, in neue Versuchs­anordnungen und Methoden umgesetzt, schließlich zu komplexeren Theorien zusammengesetzt und immer mehr verstanden worden seien. "Theorien werden klar und »vernünftig«, erst nachdem inkohärente Bruchstücke von ihnen lange Zeit verwendet worden sind. Ein solches unvernünftiges, unsinniges, unmethodisches Vorspiel erweist sich als unerläßliche Vorbedingung der Klarheit und des empirischen Erfolgs."[5] Wissenschaftliche Theorien entwickeln sich darum für Feyerabend dialektisch[6]: Denken ist dem Handeln nicht vorgelagert, beide wechseln einander ab, gehen ineinander über, bedingen sich gegenseitig und entwickeln so die Theorie. Er wendet sich darum gegen jede Einengung der wissenschaftlichen Freiheit durch festgelegte Methoden oder er­kenntnistheoretische Prämissen, da jene der Wissenschaft nur Hemm­nisse in den Weg legten und behauptet, "daß es nur einen Grundsatz gibt, der sich unter allen Umständen und in allen Stadien der mensch­lichen Entwicklung vertreten läßt. Es ist der Grundsatz: Anything goes."[7]

2. Kontrainduktion und Theorienpluralismus

Dennoch entwickelt Feyerabend im folgenden ein alternatives wissen­schaftstheoretisches Konzept, welches er als Kontrainduktion bezeich­net. Er verweist jedoch darauf, daß er mit dem Modell der Kontrainduk­tion keineswegs ein neues Wissenschaftskonzept einführen wolle. Er versuche hiermit lediglich beispielhaft die Grenzen der bestehenden (induktiven) Methodologien aufzuzeigen, indem er ihnen ein den her­kömmlichen Regeln vollständig widersprechendes Regelwerk entgegen­halte und verdeutliche, wie leicht sich jenes mit guten Argumenten stützen lasse. "Man habe stets vor Augen, daß meine Demonstrationen und meine Rhetorik keinerlei »tiefe Überzeugung« ausdrücken. Sie zeigen lediglich, wie leicht es ist, die Menschen im Namen der Vernunft an der Nase herumzuführen. Ein theoretischer Anarchist ist wie ein Geheimagent, der das Spiel der Vernunft mitspielt, um die Autorität der Vernunft (der Wahrheit, der Ehrlichkeit, der Gerechtigkeit usw.) zu untergraben."[8] Das Prinzip der Kontrainduktion empfiehlt die Ein­führung von Hypothesen, die gut bestätigten Theorien und allgemein anerkannten Tatsachen widersprechen. Feyerabend versucht nun zunächst Gründe für die Einführung von bestehenden Theorien wider­sprechenden Hypothesen anzuführen. Hierbei verweist er darauf, daß sich wesentliche formale Eigenschaften einer Theorie in der Regel ncht theorieimmanent mittels genauer Analyse, sondern erst durch den Vergleich mit alternativen Theorien oder Ansichten in Erfahrung brin­gen ließen. Auch möglicherweise widerlegende Daten ergäben sich häu­fig erst unter Heranziehung anderer theoretischer Modelle. "Ein Wis­senschaftler, der den empirischen Gehalt seiner Ideen möglichst groß machen und sie möglichst klar verstehen möchte, muß daher andere Ideen einführen; das heißt, er muß eine pluralistische Methodologie verwenden."[9] Feyerabend bevorzugt also anstelle von (theorieimmanen­ter) Analyse und empirischer Untersuchung eine Methodologie des Kontrastes, in der verschiedene Ansätze/ Ideen miteinander verglichen werden. Hierzu sei der Forscher gehalten, kontrainduktiv vorzugehen, indem er nicht nur seiner eigenen oder der vorherrschenden Theorie widersprechende Ideen hinzuziehe, sondern sogar im Wettwerb offenbar unterlegene Auffassungen zu stützen und zu verbessern suche. Keine Theorie solle, so Feyerabend, mehr aufgegeben, jede zur Gehaltsver­mehrung aller anderen im Rahmen einer pluralistischen Methodologie als Hilfe hinzugezogen werden. "Erkenntnis in diesem Sinne ist keine Ab­folge in sich widerspruchsfreier Theorien, die gegen eine Idealtheorie konvergieren; sie ist keine allmähliche Annäherung an eine »Wahrheit«. Sie ist ein stets anwachsendes Meer miteinander unverträglicher (und vielleicht sogar inkommensurabler) Alternativen; jede einzelne Theorie, jedes Märchen, jeder Mythos, der dazugehört, zwingt die anderen zu deutlicherer Entfaltung, und alle tragen durch ihre Konkurrenz zur Entwicklung unseres Bewußtseins bei. Nichts wird jemals endgültig entschieden, keine Auffassung kann je aus einer umfassenden Dar­stellung weggelassen werden."[10]

Als zweites geht Feyerabend auf das kontrainduktive Prinzip ein, Hypo­thesen einzuführen, die anerkannten Tatsachen, Beobachtungen oder empirischen Ergebnissen widersprechen. Zunächst stellt er dabei fest, daß es ohnehin keine einzige Theorie gebe, die nicht irgendwelchen in ihrem Gebiet anerkannten Tatsachen widerspreche. Aber auch hier erweise es sich als sinnvoll, die Widersprüche nicht aus dem Wege räu­men zu wollen, sondern im Gegenteil zu fördern. Man müsse, so Feyer­abends Ansicht, alternative Welten schaffen, die allen bekannten Be­obachtungen und Tatsachen widersprächen, um diese Alternativwelten mit unserer scheinbar realen Welt zu kontrastieren. "Wir müssen ein neues Begriffssystem erfinden, das den besten Beobachtungsergeb­nissen widerspricht, die einleuchtendsten theoretischen Grundsätze außer Kraft setzt und Wahrnehmungen einführt, die nicht in die beste­hende Wahrnehmungswelt passen."[11] Dies wird von Feyerabend er­kenntnistheoretisch begründet. Das nämlich, was wir für "objektive" Beobachtungen, Erfahrungen, Ergebnisse, also Tatsachen hielten, sei selbst immer schon unmerklich theoriegeleitet und hierdurch vorge­färbt. So gingen wir im Alltagsverständnis beispielsweise davon aus, daß unsere Sinneseindrücke uns unter bestimmten, optimalen Umständen ein "richtiges" Bild unserer Umwelt vermitteln würden, daß uns Luft, Licht, etc. als Zuträger unserer Sinneseindrücke nicht trögen usw. Auch die Wissenschaft sei voll solcher unmerklicher Vorannahmen, die der vorherrschenden Weltsicht entnommen sind. "Aber - wie kann man etwas überprüfen, das man die ganze Zeit anwendet? Wie kann man die Begriffe analysieren, mit denen wir gewöhnlich unsere einfachsten und eindeutigsten Beobachtungen ausdrücken, und die in ihnen steckenden Voraussetzungen aufdecken?"[12] Auch hier will Feyerabend wieder auf­zeigen, dies sei nicht von innen heraus möglich, sondern bedürfe eines äußeren Bezugsrahmens. Und eben dazu sei der Aufbau einer den »Tat­sachen« widersprechenden Gegenwelt und damit die Methode der Kon­trainduktion vonnöten. "Daher ist die Kontrainduktion jederzeit vernünftig und hat immer Erfolgsaussichten."[13]

Feyerabend versucht nun, die Argumente für die Aufstellung von Hypo­thesen, die anerkannten Theorien widersprechen, weiter zu vertiefen. Er unterstellt dabei zunächst, die vorherrschende Wissenschaftsauf­fassung stütze sich auf zwei Grundannahmen, wovon eine - die Konsi­stenzbedingung - offen vertreten, die andere hingegen - das Autono­mieprinzip - uneingestanden vorausgesetzt werde. Die Konsistenzbe­dingung besage, daß neue Hypothesen oder Theorien mit anerkannten Theorien übereinstimmen müßten. Es komme dabei nicht darauf an, wie jene sich mit den anerkannten Tatsachen vertrügen. Obwohl also neue Theorien oder Hypothesen ebensogut mit den allgemein anerkannten Tatsachen übereinstimmen mögen wie die bestehenden, würden sie dennoch zugunsten der alten verworfen werden, wenn sie deren theore­tischen Aussagen widersprächen. "In dieser Hinsicht ähnelt die Wir­kung der Konsistenzbedingung jener der herkömmlicheren Methoden der transzendentalen Deduktion, der Wesensanalyse, der phänomenolo­gischen Analyse, der Sprachanalyse. Sie trägt zur Erhaltung des Alten und Gewohnten bei, nicht weil es einen Vorzug besäße - etwa weil es besser durch Beobachtungen gestützt wäre als das neu Aufgekommene oder weil es eleganter wäre -, sondern weil es alt und vertraut ist."[14] Nun werde laut Feyerabend ein Wissenschaftler, der die Konsistenzbe­dingung zu stützen wünsche, argumentieren, es sei nicht sinnvoll, die alte Theorie durch eine neue zu ersetzen, die keine größere empirische Unterstützung erfahre, denn dies wäre ein sehr aufwendiger Vorgang, der viel Lernens, des Druckens neuer Schulbücher, der Umstellung der Apparaturen usw. bedürfte, ohne einen entsprechenden Nutzen zu bringen. Das einzig sinnvolle wissenschaftliche Vorgehen sei das Er­mitteln immer neuer Tatsachen, die entweder die bestehende Theorie stützen oder ihre Abänderung verlangen. "Die richtige Methode besteht also in der Konfrontation des orthodoxen Standpunktes mit möglichst vielen relevanten Tatsachen."[15] Eine solche Vorgehensweise ist jedoch nach Feyerabend nur dann richtig, wenn man stillschweigend eine Annahme voraussetzt, welche er das Autonomieprinzip nennt. Jenes besage, daß die für eine Theorie und ihren möglichst großen empiri­schen Gehalt notwendigen Fakten überhaupt unabhängig von der Ein­führung alternativer Sichtweisen ermittelbar wären, daß sie also eine gewisse Autonomie gegenüber den theoretischen Voreinstellungen besäßen. "Das Autonomieprinzip besagt nicht, daß die Entdeckung und Beschreibung von Tatsachen völlig theorieunabhängig ist, wohl aber, daß die zum empirischen Gehalt einer Theorie gehörenden Tatsachen verfügbar sind, gleichgültig, ob man Alternativen zu dieser Theorie in Betracht zieht."[16] Genau dies bezweifelt Feyerabend; vielmehr vertritt er die Auffassung, daß die sogenannten Tatsachen in hohem Maße theo­rieabhängig seien und sich widerlegende oder erweiternde Tatsachen zumeist erst durch den Vergleich mit anderen theoretischen Modellen ergäben, die ihre eigenen »Tatsachen« schüfen, welche dann für die Untersuchung der jeweils anderen Theorie fruchtbar gemacht werden könnten. Schon die Beschreibung einer einfachen Beobachtung sei theoriegefärbt, und auch dies sei nur durch den Vergleich mit anderen Theorien und den aus ihnen resultierenden Beschreibungen des glei­chen Phänomens erkennbar. "Dies deutet darauf hin, daß die methodolo­gische Einheit, auf die man sich bei der Diskussion von Fragen der Prüfung und des empirischen Gehalts beziehen muß, aus einer Menge sich teilweise überschneidender, mit den Tatsachen vereinbarer, aber miteinander unverträglicher Theorien besteht."[17] Feyerabend behauptet darum, es sei zur Untersuchung von Theorien nicht nur erlaubt, son­dern sogar notwendig, Alternativen zur zu untersuchenden Theorie zu formulieren, um erweiternde oder widerlegende Tatsachen überhaupt ermitteln zu können. Anstatt dem Fortschritt zu dienen, hätten die Grundsätze des Empirismus einen geradezu gegensätzlichen Aspekt. Da die wissenschaftliche Gemeinde durch sie angehalten sei, Alternativen auszuschließen und sich auf die dominierende Theorie zu beschränken, würde sie der Erkenntnis möglicher widerlegender Fakten benommen. So entstehe der Eindruck, die Theorie wäre fehlerlos und bestens be­legt. "Es liegt aber <...> auf der Hand, daß der Schein des Erfolgs nicht im geringsten als Zeichen der Wahrheit und der Übereinstimmung mit der Natur gelten kann. Ganz im Gegenteil, es erhebt sich der Verdacht, daß das Fehlen wesentlicher Schwierigkeiten auf die Verringerung des empirischen Gehalts durch Ausscheidung von Alternativen und mit ihrer Hilfe zugänglicher Tatsachen zurückzuführen ist, also darauf, daß die Theorie bei der Entwicklung über ihren Ausgangspunkt hinaus in eine starre Ideologie verwandelt worden ist."[18] Letztlich entwickele sich so jede Theorie, der ein Alleinvertretungsanspruch zugebilligt werde, zu solch einer Ideologie, ja zu einem »zweitklassigen Mythos«[19], der den Fortschritt hemme und die Menschen in seiner Vorstellungswelt ge­fangenhalte. Feyerabend wirft damit der herrschenden Wissenschafts­auffassung dreierlei vor: im Namen der Wahrheit predige sie einen blinden Konformismus, im Namen der Einsicht untergrabe sie die intel­lektuellen Fähigkeiten, im Namen der Bildung zerstöre sie die Phantasie der Jugend.

[...]


[1] Feyerabend, Paul: Wider den Methodenzwang, Frankfurt/ Main, 5. Auflage, 1995, S. 15f

[2] ibidem, S. 13f

[3] ibidem, S. 21

[4] ibidem, S. 24f, kursive Stellen im Zitat sind Heraushebungen des Autors.

[5] ibidem, S. 28f

[6] ibidem, S. 31: "So entsteht das dialektische Denken als eine Denkform, die »die Bestimmungen des Verstandes in Nichts auflöst«, eingeschlossen die formale Logik." Das Zitat im Zitat entnahm Feyerabend: Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. 1, Hamburg 1965, S. 6

[7] ibidem, S. 32, kursive Stellen sind Heraushebungen des Autors.

[8] ibidem, S. 38

[9] ibidem, S. 34, kursive Stellen sind Heraushebungen des Autors.

[10] ibidem, s. 34, kursive Stellen sind Heraushebungen des Autors.

[11] ibidem, S. 37

[12] ibidem, S. 36

[13] ibidem, S. 37

[14] ibidem, S. 40: Feyerabend neigt häufig dazu zu überspitzen, um seine Kontrahenten zu ärgern. Im Vorwort kündigt er auch selber an, mit dem Stilmittel der Ironie zu arbeiten.

[15] ibidem, 41

[16] ibidem, S. 43

[17] ibidem, S. 44, kursive Stellen sind Hervorhebungen des Autors.

[18] ibidem, S. 50, kursive Stellen sind Heraushebungen des Autors.

[19] Feyerabend zieht hierzu als Beispiel den Hexenglauben heran und versucht darzulegen, wie dieser als allumfassende Ideologie für lange Zeit etabliert werden konnte, weil er "durch Furcht, Vorurteil, Unwissenheit wie auch durch einen neidischen und grausamen Klerus" (Feyerabend, S. 52) gestützt und Alternativen ausgeschlossen wurden.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Wissenschaft ohne Regeln? Zur Philosophie Paul Feyerabends
Hochschule
Universität Bremen
Note
1
Autor
Jahr
1996
Seiten
28
Katalognummer
V277865
ISBN (eBook)
9783656707998
ISBN (Buch)
9783656709947
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Alte Rechtschreibung
Schlagworte
wissenschaft, regeln, philosophie, paul, feyerabends
Arbeit zitieren
Dieter Stubbemann (Autor), 1996, Wissenschaft ohne Regeln? Zur Philosophie Paul Feyerabends, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277865

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