„Die Raketenabschussbasis der Kunst, rattenscharf klargemacht, ist ein Plateau der Neutralität, dort dürfen alle und alles spielen. Spiele total, lieber Jonathan, indem Du das Spiel sich selbst spielen lässt, ja, ja, ja, wie 'Die Liebhaberin' oder Scarlett Johansson oder Dr. No oder alle, alle Bluthundbabies!“
Was Jonathan Meese in diesem kurzen Zitat äußert, ist nicht weniger, als das Konzept seiner Kunst, formuliert in seiner „eigenen Sprache“. Der 1970 geborene Künstler gilt als Deutschlands jüngster und radikalster Maler und Aktionskünstler.
Sein Werk umfasst neben Malerei und Performances auch Skulpturen, Installationen, Collagen, Manifeste, Videokunst und Theaterarbeiten. Seine Kunst ist bevölkert von „Macht-Menschen“, Mythen und Geistesgrößen der Historie, Stars und Sternchen der Popkultur oder Helden aus Filmen: Hitler, Caligula, Stalin, Marquise de Sade, Richard Wagner, Balthus, Zardoz oder Dr. No sind nur einige der Figuren, die wiederkehrender Bestandteil der künstlerischen Produktion Meeses sind. Während seiner Performances brüllt er schon mal so lange «Heil Hitler», bis ihm der Schaum vor dem Mund steht.
Doch wie kann man diesen auf den ersten Blick eigenwilligen und provokanten Künstler fassen?
In der vorliegenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden, Meese mit Friedrich Schiller zu erklären. In seiner Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ von 1795 hebt Schiller die Bedeutung der Kunst für den Menschen hervor: der einzige Weg zur individuellen wie zur gesellschaftlichen Freiheit seien Schönheit und Kunst. Für Schiller wurde das Spiel zum Schlüsselbegriff seiner Philosophie der Freiheit, denn „der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ (15. Brief, S. 64) .
Zunächst soll die Rolle des Spiels bei Schiller isoliert werden, um anschließend anhand einer ausgewählten Performance von Meese – „Erzstaat Atlantisis“ – einen Vergleich vorzunehmen. Welcher Stellenwert kommt dem Moment des Spiels bei Meese zu? Welche Relevanz „spielt“ es in Meeses Kunstkonzept, dass im einleitenden Zitat schon angedeutet wurde? In einem Vergleich mit Joseph Beuys, der eine offene Form des Kunstbegriffs propagierte und mit seinen Aktionen in den 1960er Jahren für Aufsehen sorgte, soll die Besonderheit der „Meeseschen“ Kunst herausgearbeitet werden, um abschließend zu einem Urteil über den Einfluss des „Spielbegriffs“ Schillers für die Kunstproduktion Meeses zu gelangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Friedrich Schiller - „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“
2.1 Wichtige Thesen
2.2 Der Spielbegriff
3. Jonathan Meeses „Erzstaat Atlantisis“
3.1 Eröffnungsperformance
3.2 Spiel als Performance
3.2.1 Rollenspiel
3.2.2 Wortspiel
3.2.3 Werkimmanente Bedeutung des Spiels
4. Vergleich mit Joseph Beuys
4.1 „Kukei, akopee-Nein!, Braunkreuz, Fettecken, Modellfettecken“
4.2 „Soziale Plastik“
4.3 „Diktatur der Kunst“ versus „Ich trete aus der Kunst aus“
5. Schillers Spielbegriff und die „Diktatur der Kunst“ – Parallelen
6. Fazit
7. Abbildungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Kunstkonzept von Jonathan Meese, insbesondere dessen „Diktatur der Kunst“, durch eine theoretische Verknüpfung mit Friedrich Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Das primäre Ziel ist es, den Stellenwert des Spielbegriffs bei Meese zu analysieren und zu klären, inwiefern Schillers idealistischer Spielbegriff zum Verständnis der zeitgenössischen Kunstpraxis von Meese beitragen kann, unter Einbeziehung eines Vergleichs mit dem erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys.
- Friedrich Schillers Philosophie der ästhetischen Erziehung und Freiheit
- Analyse der Performance „Erzstaat Atlantisis“ von Jonathan Meese
- Die Rolle des „Spielbegriffs“ in der Kunstproduktion
- Vergleich der künstlerischen Vorgehensweisen von Jonathan Meese und Joseph Beuys
- Die „Diktatur der Kunst“ als Entwurf einer gesellschaftsverändernden Vision
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Wortspiel
Figuren lächerlich zu machen und ihnen so ihre mythische Macht zu nehmen, bildet auch den Hintergrund für Meeses Wortspiele. Wenn von „Propagandadaddy“, „Gefecht bei SALAMI und Lakritze“, „General ´PONY´“ oder „Babyface Napoleonanny de Scarletty“ die Rede ist, dann versucht der Künstler durch Verniedlichung die Übermachtsfantasien zu zerstören: Hitler, als „Übervater der Propaganda“ schrumpft so zum „Propagandadaddy“. Schwer belastete Worte (der NS-Zeit) werden zum Wortknäuel, zu „monströsen Komplexbegriffen“ - „Menschenmachtsfanatistenpolitker“ - oder werden aus dem Zusammenhang gerissen und neu kombiniert - „Sieg Heil Heil Heil Heil, Scarlett Johansson Heil Heil Heil Heil“. Eine weitere Eigenheit Meeses ist das Spiel mit Silben und Verdrehungen, so zum Beispiel mit der Vorsilbe „Erz“, die der Künstler einfach an Worte anhängt: „Erzstaat“, „Erzkunst“, „Erzsaal“, „Erzmensch“, „Erzspielraum“, usw.
„Erzstaat Atlantisis/ (Der Säugling "Meesi" juckt,) / die Nabelschnur zuckt,/ bis zum Sankt Nimmerleinstag,/ mampf, mampf, mampf ..... hmmmm ..... [Achtung]. Die Nähe zum Dadaismus ist bei dieser „poetischen Wortcollage“ Meeses, die gleichzeitig den offiziellen Untertitel der Ausstellung darstellt, unverkennbar. Worte und Satzzeichen wirken wie zufällig nebeneinander gestellt; Neologismen stehen neben onomatopoetischen Ausdrücken. Der Betrachter kann unendliche Assoziationsketten in diese teilweise sinnentleerten Wortinstrumente projizieren, die sich durch semantische Vieldeutigkeit und Offenheit auszeichnen. Die vom Dadaismus proklamierte Befreiung des Bewusstseins durch konzentrierten Unsinn scheint hier nahezuliegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das künstlerische Konzept von Jonathan Meese ein und stellt die Forschungsfrage, wie dieses durch Schillers ästhetische Theorie erklärt werden kann.
2. Friedrich Schiller - „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“: Dieses Kapitel erläutert Schillers Ziel der Freiheit durch Schönheit und definiert den Spielbegriff als essentiell für die menschliche Ganzheit.
3. Jonathan Meeses „Erzstaat Atlantisis“: Hier wird Meeses Performance „Erzstaat Atlantisis“ als Fallbeispiel analysiert, wobei besonders das Rollenspiel und die Wortspiele als Mittel zur Entmystifizierung totalitärer Symbole untersucht werden.
4. Vergleich mit Joseph Beuys: Dieses Kapitel vergleicht Meeses Vorgehensweise mit Joseph Beuys’ „sozialer Plastik“ und arbeitet Gemeinsamkeiten und fundamentale Unterschiede in der Intention heraus.
5. Schillers Spielbegriff und die „Diktatur der Kunst“ – Parallelen: Das Kapitel verknüpft Meeses „Diktatur der Kunst“ mit Schillers „Reich des Spiels“ und zeigt auf, wie beide Konzepte eine Befreiung des Menschen anstreben.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Meeses „Diktatur der Kunst“ als eine zeitgenössische, ironische Weiterentwicklung von Schillers Spieltheorie betrachtet werden kann.
Schlüsselwörter
Jonathan Meese, Friedrich Schiller, Joseph Beuys, Spielbegriff, Diktatur der Kunst, Erzstaat Atlantisis, Ästhetische Erziehung, Soziale Plastik, Performance, Neutralisierung, Dadaismus, Freiheit, Totalitarismus, Kunsttheorie, Avantgarde
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Kunstkonzept des Aktionskünstlers Jonathan Meese und setzt dieses in Beziehung zur ästhetischen Theorie Friedrich Schillers, insbesondere zu dessen Konzept des Spieltriebs.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Felder sind die Verbindung von Kunst und Freiheit, die Analyse von Performances im Kontext politischer Geschichte sowie der Vergleich zwischen Meeses „Diktatur der Kunst“ und Beuys’ „sozialer Plastik“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll analysiert werden, welche Rolle das Spiel bei Meese spielt und ob Schillers Thesen zur ästhetischen Erziehung als erklärendes Modell für Meeses radikale Kunstpraxis dienen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine kunsttheoretische Analyse, die auf der Literaturrecherche zu Schillers Schriften sowie der empirischen Untersuchung von Meeses Performance „Erzstaat Atlantisis“ basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung von Schillers Spielbegriff, die detaillierte Analyse der Meese-Performance inklusive Rollenspiel und Sprache, sowie einen Vergleich mit Joseph Beuys.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Schlüsselwörter wie „Spielbegriff“, „Diktatur der Kunst“, „Ästhetische Erziehung“ und „Erzstaat Atlantisis“ treffend beschreiben.
Wie unterscheidet sich Meeses Verständnis der „Diktatur der Kunst“ von der „sozialen Plastik“ nach Beuys?
Während Beuys mit der „sozialen Plastik“ jeden Menschen zur aktiven Mitgestaltung der Gesellschaft aufruft, delegiert Meese die Macht an die autonome „Sache“ Kunst, wobei er sich selbst als Werkzeug innerhalb dieses Spielraums sieht.
Warum verwendet Meese in seinen Performances historisch belastete Symbole wie den Hitlergruß?
Meese nutzt diese Symbole innerhalb eines experimentellen Kunstraums zur Neutralisierung. Durch die Übersteigerung und den Kontext der Kunst sollen diese Zeichen ihrer ursprünglichen politischen Bedeutung enthoben werden.
- Arbeit zitieren
- Corinna Gronau (Autor:in), 2011, Jonathan Meese als Fortsetzung Schillers? Der Aspekt des Spiels in der Kunst Meeses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277868