Aus einem einzigen Steinblock schufen <den Laokoon>, seine Söhne und die wunderbaren Windungen der Schlangen nach übereinstimmendem Plan die hervorragenden Künstler Hagesandros, Polydoros und Athenodoros, alle <drei> aus Rhodos.
Dieses Zitat von Plinius dem Älteren stammt aus dessen Enzyklopädie „Naturalia historia“ um 79 n.Chr. und stellt die früheste Erwähnung des Kunstwerkes dar.
Der aus der griechischen und römischen Mythologie stammende trojanische Poseidonpriester Laokoon wurde in Vergils „Aeneis“ mitsamt seiner zwei Söhne von zwei Schlangen getötet, nachdem er die Trojaner vor der List der Griechen, dem Trojanischen Pferd, gewarnt hat. Die Trojaner sahen darin die Strafe der Götter für die Entweihung des Geschenkes, was letztlich zum Untergang Trojas führte. Die oben erwähnte Plastik zeigt Laokoon und seine beiden Söhne im Todeskampf mit den Schlangen (siehe Abb. 1).
Bis 1506 blieb die antike Skulptur aus der Zeit des Hellenismus verschollen. Nach der Wiederentdeckung begann eine Phase der intensiven künstlerischen Auseinandersetzung: Künstler zeichneten die Gruppe und fertigten Stiche, sowie Skulpturen in Bronze und Marmor.
Im 18. Jahrhundert setzte dann mit Winckelmanns „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“ die intensive literarische Beschäftigung mit der Laokoon-Gruppe durch Dichter wie Goethe, Lessing und Schiller ein, wodurch die Plastik besondere Bedeutung für die Ästhetik der deutschen Aufklärung und der Weimarer Klassik gewann .
Ende des 19. Jahrhunderts bzw. Anfang des 20. Jh. findet die Skulptur wieder Beachtung, und zwar in den Arbeiten des Hamburger Kunsthistorikers Aby Warburg. Warburg beschäftigte sich intensiv mit dem „Nachleben der Antike“ in der florentinischen Kunst der Frührenaissance, unter anderem auch am Beispiel der
Laokoon-Gruppe.
In der vorliegenden Arbeit sollen anhand ausgesuchter Tafeln des Mnemosyne-Atlas, dem letzten Großprojekt Warburgs, die Ideen und das methodische Vorgehen Warburgs beleuchtet werden. Dabei wird der Fokus auf den künstlerischen Darstellungen des Laokoon liegen und deren Bedeutung für die Bildgeschichte herausgearbeitet. Einleitend soll die Wirkung von Lessings Schrift „Laokoon“ für Warburgs Denken und seine Theoriebildung untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lessings „Laokoon“ als Denkanstoß
3. Der Mnemosyne-Atlas
3.1. Kurze Einführung
3.2. Tafel 4-8
3.2.1. „Urworte menschlicher Gebärdensprache“
3.2.2. Tafel 6: tragisches Pathos: vom Menschenopfer bis zum Totentanz
3.3. Tafel 41 und 41a
3.3.1. Die Rolle vorgeprägter antiker Ausdrucksgebärden in der Kunst der Renaissance
3.3.2. Tafel 41a: Laokoon – Leidenspathos
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das methodische Vorgehen und die theoretischen Konzepte von Aby Warburg, insbesondere sein Verständnis des „Nachlebens der Antike“ anhand seines Bilderatlas „Mnemosyne“. Im Zentrum steht dabei die Analyse der Laokoon-Gruppe als prägendes Beispiel für die „Pathosformel“, um zu erörtern, wie antike Ausdruckswerte in der Kunst der Renaissance rezipiert, transformiert und als Ausdruck seelischer Erregung genutzt wurden.
- Die Wirkung von Lessings „Laokoon“ auf Warburgs Theoriebildung
- Die Funktion und methodische Struktur des Mnemosyne-Atlas
- Das Konzept der „Pathosformel“ als Ausdrucksrepertoire für Affekte
- Die Bedeutung der Laokoon-Rezeption als kulturelles Gedächtnis
- Die Transformation antiker Motive in der Kunst der Renaissance
Auszug aus dem Buch
3.2.2. Tafel 6: tragisches Pathos: vom Menschenopfer bis zum Totentanz
Die Laokoon-Gruppe ist genau in der Mitte der Tafel platziert, wodurch der Blick zuallererst auf die Skulptur gelenkt wird (siehe Abb. 2). Laokoon, als ohnmächtiger Mensch, der dem Zorn der Götter ausgesetzt ist, verkörpert das höchste Menschenleiden. Das Leidens-Pathos kommt hier in stärkstem Maße zum Ausdruck ohne die Spur einer Hoffnung zu hinterlassen:
Die Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoon, und nicht in dem Gesichte allein [siehe Abb. 4], bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers entdecket [siehe Abb. 6], und den man ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem schmerzlich eingezogenen Unterleibe [siehe Abb. 5] beinahe selbst zu empfinden glaubet (…).
Die Bewegung der Skulpturengruppe wird vor allem durch die sich durchdringenden dynamischen Linien erzeugt, die sich in der Figur des Laokoon vereinen. Sein Körper bildet dabei eine Diagonale, in der sich die Erregtheit und die Anspannung spiegeln. Anhand dieser Beobachtungen wird ersichtlich, dass die Affekte die Macht haben einen Körper zu formen, sodass der Leib selbst zum „memorialen Träger der Affekte“ wird. Dies meint Warburg mit dem Begriff der „Einverseelung“. In der Skulptur der Laokoon-Gruppe wird die Tragik, das „tragische Pathos“ verkörpert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet die Laokoon-Gruppe historisch und führt in die zentrale Bedeutung der Skulptur für die Ästhetik und die kunsthistorische Forschung von Aby Warburg ein.
2. Lessings „Laokoon“ als Denkanstoß: Dieses Kapitel erläutert, wie Lessings gattungsspezifischer Vergleich von Literatur und Kunst als Ausgangspunkt für Warburgs Auseinandersetzung mit der Darstellung von Bewegung und Leid diente.
3. Der Mnemosyne-Atlas: Dieses Kapitel untersucht das methodische Konzept des Bilderatlas, die Funktion der Tafeln als „Bildlabor“ und die Analyse der „Pathosformeln“ als Repertoire für den Ausdruck menschlicher Erregung.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung der Laokoon-Gruppe als „Denkmodell“ der Bildgeschichte zusammen und würdigt die Rolle der Pathosformel für das Verständnis kultureller Prozesse.
Schlüsselwörter
Aby Warburg, Mnemosyne-Atlas, Laokoon, Pathosformel, Renaissance, Nachleben der Antike, Kunstgeschichte, Ausdrucksgebärden, Affekt, Bildwissenschaft, Kulturgedächtnis, Bildgeschichte, Leidenspathos, Mänade, Bewegtes Beiwerk
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die kunsthistorischen Konzepte Aby Warburgs anhand der Laokoon-Gruppe, um aufzuzeigen, wie antike Motive in der Renaissance „nachlebten“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Theorie der „Pathosformel“, der Einfluss der Antike auf die Kunst der Renaissance und die methodische Arbeitsweise Warburgs in seinem Bilderatlas „Mnemosyne“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Untersuchung ausgewählter Tafeln des Mnemosyne-Atlas Warburgs methodisches Vorgehen zu beleuchten und die Bedeutung der Laokoon-Darstellung für die Bildgeschichte zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine kunsthistorische Analyse, die auf Warburgs assoziativer Methode basiert, um Beziehungen zwischen antiken Vorbildern und deren Transformation in der Renaissance-Kunst aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Wirkung von Lessings „Laokoon“, einer Einführung in den Mnemosyne-Atlas sowie einer detaillierten Analyse spezifischer Tafeln (Tafel 6, 41 und 41a) zur Rezeption des Leidenspathos.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Pathosformel“, „Mnemosyne-Atlas“, „Nachleben der Antike“ und „Laokoon“ geprägt.
Welche Rolle spielt der „bewegte Beiwerk“-Begriff bei Warburg?
Warburg nutzt diesen Begriff, um Elemente wie wehende Gewänder oder Haare zu beschreiben, die zur Intensivierung des Ausdrucks von Bewegung und innerer Erregung in der Kunst beitragen.
Wie unterscheidet sich die Rezeption des Laokoon-Motivs bei El Greco von der antiken Skulptur?
Während die antike Skulptur das Leiden im Moment der Bedrohung darstellt, „auseinandergebaut“ El Greco die Gruppe und verdeutlicht den Leidensprozess über verschiedene zeitliche Stadien hinweg.
Warum wird die „Nympha“ als eine zentrale Figur in Warburgs Atlas genannt?
Sie dient Warburg als antikes Vorbild für eine Fülle weiblicher Rollen in der Renaissance, die durch „bewegtes Beiwerk“ als „Gestalt gewordene Leidenschaft“ fungieren.
Was bedeutet Warburgs Konzept des „Denkmodells“ im Fazit?
Es drückt aus, dass die Pathosformeln keine statischen Gebilde sind, sondern vom Künstler im „Denkraum“ ständig an die kulturellen Bedürfnisse der jeweiligen Zeit angepasst werden.
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- Corinna Gronau (Author), 2010, Aby Warburg. "Laokoon" als Denkmodell der Bildgeschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277871